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 Betreff des Beitrags: DILLINGER IST TOT - Marco Ferreri
BeitragVerfasst: 28.07.2018 18:41 
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Produktionsland/Jahr: Italien 1969
Darsteller: Michel Piccoli, Anita Pallenberg, Annie Girardot, Gino Lavagetto, Mario Jannilli, Carole André, Adriano Aprà
Drehbuch: Marco Ferreri & Sergio Bazzini
Produziert von: Alfred Levy & Ever Haggiag
Musik: Teo Usuelli

Ein scheinbar ganz normaler Tag im Leben des Industriedesigners Glauco: Er kommt heim, seine Frau liegt mit Grippe im Bett, er kocht sich ein Abendessen. Da entdeckt er - eingewickelt in eine Zeitung - einen Revolver. Glauco isst, schläft mit dem Zimmermädchen und erschießt seine schlafende Frau. Am nächsten Morgen bricht er zum Ozean auf, um nach Tahiti zu segeln und Koch zu werden.
(Moviepilot)

DILLINGER IST TOT dürfte wohl einer der Filme Ferreris sein, mit denen er dem Experimentalfilm am nächsten kommt.
Dabei hat er doch nur versucht, möglichst reines, pures Kino zu machen.
Denn das Kino ist ja eine visuelle Art des Geschichtenerzählens und mehr noch als viele andere vermittelt er seine Aussage wirklich in Bildern und weniger in Worten.
Es gibt gar nicht viele Dialoge in dem Film, er ist sehr wortkarg, viel wichtiger ist, was geschieht und mag es noch so banal anmuten.
Denn der Schlüssel liegt hier "zwischen den Zeilen" (auf den Film übertragen: in vermeintlich nebensächlichen Details).
Man muss oft auf die Kleinigkeiten schauen bzw. hören.
Wenn wir z.B. die Sequenz hernehmen, wo Glauco sich sein Abendessen kocht, da hat er nebenher den Radio laufen, er hört Musik.
Normalerweise würde man meinen, es wäre als nette Untermalung gedacht.
Könnte man im ersten Moment auch hier meinen, denn der Film ist ja auf den ersten Blick auch eher "normal" in den gezeigten Geschehnissen.
Aber nein, die Musik (oder viel mehr konkret dieses eine Lied, das er hört) hat hier eine ganz klare Aufgabe.
Wir wissen nicht viel über Glauco, wir wissen gerade einmal (vom Prolog), wo er arbeitet, viel mehr wissen wir eigentlich nicht, über ihn.
Und da kommt jetzt dieses Lied ins Spiel: Wer genauer auf den Text hört, wird merken, dass es Einblick gibt, in das Innenleben, in das Gefühlsleben von Glauco.
Er ist ein einsamer Solitär, der sich verzweifelt an vergangene Zeiten klammert, wie wir später auch noch sehen werden.
Nämlich sehen wir das in einer Sequenz, wo er sich Urlaubsfilme von früher anschaut.
Er legt den Film ein, schaltet den Beamer an und lehnt sich gemütlich in seinen Sessel.
Aber er schaut nicht immer zu, er bastelt nebenbei eine Weile lieber weiter an dem gefundenen Revolver herum.
Dann plötzlich steht er auf, geht nach vorne an die Wand, lehnt sich dagegen als wollte er praktisch in die Bilder "eindringen" und streckt auch noch die Arme, als wollte er sie umarmen.
Außerdem zeigt es sich auch, wenn er später noch seinen Revolver rot einsprüht und ihn mit weißen Punkten verziert, wie ein Kind sein Spielzeug.
Diese zwei Aktionen zeigen ganz eindeutig, dass er sich im tiefsten Inneren nach den früheren Zeiten sehnt, dass er wieder Kind sein will.
Solche Sachen u.a. zeichnen den Film aus, das macht ihn zu "reinem" Kino, denn die Geschichte wird wirklich in (bewegten) Bildern erzählt und nicht (oder kaum) in Worten.
Nur zum Schluss ändert sich das kurz, denn da gibt's eine Szene, wo ausnahmsweise in den Worten viel liegt.
Der ganze Film spielt sich an einem Abend bzw. in einer Nacht ab.
Am nächsten Morgen (der Epilog also) macht er sich auf ans Meer, springt hinein und schwimmt auf ein Boot zu.
Als er näher kommt, sieht er, dass dort gerade eine Seebestattung zu Ende geht.
Er fragt, wer gestorben sei, worauf er die Antwort bekommt: "Der Koch".
Er klettert an Bord, spricht mit dem Kapitän und sie einigen sich darauf, dass er den Koch ersetzt.
Das ist schon einmal der erste :o -Moment, wo wir schon ahnen können, dass es nicht gut ausgeht für Glauco und kurz darauf (es sind bereits die letzten Sekunde des Films) färbt sich das Bild auch noch blutrot.
So werden wir entlassen - mit einem ziemlich unangenehmen Gefühl.

Ich muss schon sagen, da haben sich Ferreri und Bazzini einiges einfallen lassen und haben einen Film sozusagen "für Kopf und Bauch" geschaffen.
Ein Film, der anfangs geradezu banal scheint, aber nach und nach mehr und mehr zu denken gibt, sich für die Augen zu einem visuellen Overkill entwickelt und ein herrlicher Score mit verschiedensten Stilen das Gehör erfreut.
Man sieht und spürt, dass hier wirklich alle Beteiligten mehr als 100% gegeben haben und eines steht für mich jedenfalls fest: DILLINGER IST TOT ist einer der besten Ferreris!
Genial einfach - einfach genial!
9,5/10

Trailer:
www.youtube.com Video From : www.youtube.com


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