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 Betreff des Beitrags: SINNLICHE LIPPEN - Doris Wishman
BeitragVerfasst: 26.10.2018 12:33 
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Deutscher Titel: Sinnliche Lippen
Originaltitel: The Amazing Transplant
USA 1970
Regie: Doris Wishman (als Louis Silverman)

Spätestens wer Alois Brummers Meisterwerk Obszönitäten gesehen hat, weiß, was passieren kann, wenn man(n) sich seinen Penis verpflanzen lässt.
Nun, Doris Wishman hat sich dieser Story bereits ein Jahr vor Brummer angenommen und nach ihren hübschen bunten Nudies und den schwarzweißen Roughies einen absoluten Sexploitation-Kracher abgeliefert.

Die Story dreht sich um einen impotenten Mann (Arthur), der mit einem Typen befreundet war, der das genaue Gegenteil war, nämlich ein wahrer Sexprotz.
Als der Sexprotz tödlich verunglückt, sieht Arthur seine Chance in einer Penisverpflanzung. Aber was danach mit ihm geschieht, hätte er sich auch nicht träumen lassen.

Der Film ist nicht etwa eine Komödie, sondern ein sehr schmieriger Sexthriller, der nur noch von Doris' Nachfolgefilmen mit Chesty Morgan getoppt werden konnte.

Wen die ganze Story interessiert, kann sie hier nachlesen (Originaltext 1974):

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Während die US-Fassung dieses Streifens mühelos zu beschaffen ist, dürfte dies bei der deutschen Kinofassung ungleich schwieriger sein, zumal der Film bei einem Kleinstverleih herausgebracht wurde (National-Film GmbH), was mir Graf von Karnstein an anderer Stelle noch einmal bestätigt hat.
Ich war mir zunächst unsicher, da dieser Verleih wohl ansonsten nur aus der Stummfilmzeit noch ein Begriff ist.


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 Betreff des Beitrags: Re: SINNLICHE LIPPEN - Doris Wishman
BeitragVerfasst: 28.10.2018 17:45 
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Ragory hat geschrieben:
Nun, Doris Wishman hat sich dieser Story bereits ein Jahr vor Brummer angenommen und nach ihren hübschen bunten Nudies und den schwarzweißen Roughies einen absoluten Sexploitation-Kracher abgeliefert.


Dies möchte ich so unterschreiben; mir lag die DVD von "Something Weird Video" vor, die ca. 72 Min. läuft und tolle Farben hat - doch wenn ich mir vorstelle, wie dieses Werk auf einer technisch gelungenen Blu Ray wirken könnte...

aber gut, mein Eindruck:

SINNLICHE LIPPEN

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Im Stummfilmklassiker ORLACS HÄNDE (Österreich 1924, Regie: Robert Wiene) geht es um einen Pianisten, der die Hände eines verurteilten Mörders transplaniert bekommt, da ihm bei einem Zugunglück diese verletzt wurden und er somit nicht mehr seinen Beruf – oder besser: Berufung – ausführen konnte. Nach der Transplantation konnte Orlac zwar am Klavier wieder musizieren, gleichzeitig aber verspürte er einen Morddrang, nämlich den des hingerichteten Mörders, der sich über die transplantierten Hände auf den Pianisten übertrug. Wienes Film erfuhr in den USA mit MAD LOVE ein Quasi-Remake (1935, Regie: Karl Freund) – wobei es in Europa 1960 ebenso eine Neuverfilmung geben sollte (THE HANDS OF ORLAC, GB / F, Regie: Edmond T. Greville). Der Stoff von der Monster-(er)schaffenden Transplantation war also bereits im Horrorfilm etabliert, als 1970 Doris Wishman ihre Version davon inszeniert hatte. Allerdings gibt es dann doch einen zentralen Unterschied: Während etwa in ORLACS HÄNDE mit dem „fragmentierten“ Mann vor allem wohl die Kriegsheimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg im Subtext angesprochen werden, liegt das männliche Trauma in SINNLICHE LIPPEN woanders. Denn Wishmans Film fällt genau in die Zeit der sexuellen Revolution, weshalb hier das medizinische Substitut dann auch der „Penis“ wäre, der als Prothese die psychologische Barriere des ständigen Potentseins des Mannes überwinden soll…

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Der potente Komposit-Penis der 1968er-Epoche soll dem schüchternen Arthur helfen, besser in der Frauenwelt anzukommen, die gegen ein schnelles Sexabenteuer mit dem „Jungmann“ eigentlich auch nichts hätte. Wenn es aber dann soweit ist, versagt Arthurs Penis immerzu, weshalb in ihm der Wunsch sich erhärtet, den ständig bereiten seines todkranken Freundes nach dessen Tod transplantiert zu bekommen. Aus dieser Perspektive könnte man nun denken, dass Wishman einen pornographischen Film hier abgeliefert hätte, der die „Liebesarbeit“ des gesundeten Arthur beschreibt – ein Film ganz ohne Konflikte, sprich: die absolute Porno-Utopie. Doch geht Doris Wishman ihren filmischen Weg des „roughie“ weiter, der einerseits „Sexfilm“ ist und zum anderen Teil sich der gewalttätigen Elemente des Thrillers bedient. Neu allerdings ist jetzt die Wandlung, dass SINNLICHE LIPPEN buntfarbig gedreht wurde und somit nicht mehr schwarzweiß wäre, wie ihre „roughies“ davor – sie nimmt damit wieder ihren farbenfrohen Glamourstil auf, den sie mit ihren frühen Nudistenfilmen begonnen hatte. So wird in SINNLICHE LIPPEN die harmonische Eintracht von Arthur zu seinem „Penis“ dann dadurch gestört, indem sich seine triebhafte Begierde in eine mörderische verwandelt, nämlich immer dann, wenn die Sex-bereiten Frauen goldene Ohrringe tragen. Die zahlreichen Sexszenen in SINNLICHE LIPPEN lösen sich folglich in Giallo-artige Mordsequenzen auf. In diesem Sinne sind die Gewaltszenen im sexuellen Darstellungsrahmen das „befriedigende“ Surrogat für den Orgasmus – und damit die Prothese des „roughie“-Genres selbst, in dem denn stets nur stimuliert wird (Darstellung von nackten Körpern etc.), doch gipfelt der sexuelle Höhepunkt dann immer in einem Gewaltausbruch…

Ich möchte sagen: Doris Wishman befindet sich mit SINNLICHE LIPPEN auf dem Höhepunkt ihres erzählerischen Stils. Heißt: Will man gleich ins kalte Wasser springen und einen typischen „Wishman“ sich ansehen, dann wäre man(n) hier genau richtig. Erzählerisch ist bei diesem Werk das Rückschaumodell aus Welles‘ CITIZEN KANE (USA 1941) gewählt: Arthurs Onkel, ein Polizeibeamter, besucht die vielen Frauen, die in der Vergangenheit etwas mit Arthur zu tun gehabt haben, um so sein plötzliches Verschwinden zu rekonstruieren. Dabei erfährt er dann auch von Arthurs sexueller Auffälligkeit und von der Penistransplantation (die Wishman etwas später in LET ME DIE A WOMAN als „Dokumentarfilm“ noch einmal bearbeiten wird). Und besonders ausgeprägt sind in SINNLICHE LIPPEN die „berühmten“ Wishman-cutaways zu erfahren: Immer wenn der Zuschauer eigentlich erwarten würde, während eines Dialogs im „Film-Bild“ dann auch die sprechende Instanz zu sehen, wird von der „Sprachquelle“ weggeschnitten. Dafür sieht der Zuschauer Gegenstände, die merkwürdig deplatziert in der Montage wirken. Dies begründet sich damit, dass die Szenen meistenteils noch vor der vollständigen Dialogausarbeitung gedreht worden sind – und auch bei Wishmans Gegenschnitten, wenn die Reaktionen der Gesprächspartner eingefangen werden, entstehen so höchst surreale Momente. Gerade dieses Inszenierungsinstrument, welches produktionsbedingt entstanden ist, unterscheidet die Filme Doris Wishmans von den meisten anderen Sexploitation-Filmen dieser Zeit, die dagegen quasi stillos erscheinen. Doris Wishmans Werke haben somit eine klar erkennbare Handschrift, die denn auch SINNLICHE LIPPEN zu einem sehr besonderen Film macht – ob zu einem guten oder schlechten: dies muss jeder selber entscheiden…


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