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 Betreff des Beitrags: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? - Prismas Filmtagebuch
BeitragVerfasst: 20.07.2013 00:31 
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Auch ich kann beim Thema Filmtagebuch wirklich nicht widerstehen, und möchte gerne meinen Beitrag in diesem illustren Kreis der Schreiberlinge beisteuern! Da ich hier ja erst eine Woche mein Unwesen treibe, lässt sich das Alles noch sehr schön bündeln. Man mag es kaum glauben, aber vor gut zehn Jahren habe ich derartige, filmische Eindrücke tatsächlich noch handschriftlich verfasst, wenn auch nur sporadisch und nicht so schamlos in die Länge gezogen, aber es hat mir immer schon einen großen Spaß gemacht. Also, das Spektrum wird hier sicherlich bunt gemischt sein, es werden Perlen, Kompromisse und Verrisse dabei sein, und Spektrum ist daher auch mein Stichwort zum Loslegen...




PARAPSYCHO - SPEKTRUM DER ANGST (1975)

Episode Reinkarnation: mit Marisa Mell, Peter Neusser, Leon Askin, Gertrud Roll, Wolfgang Gasser
eine Produktion der TIT im Verleih Cinerama
ein Film von Peter Patzak




Harry (Peter Neusser) findet auf seinem Weg nach Hause ein altes Jagdschloss, zu dem er sich rätselhafterweise hingezogen fühlt. Dort begegnet er einem alten Mann (Leon Askin), der ihn schon erwartet hat, da Harry angeblich das Schloss mieten wolle. Er kann nicht verstehen was eigentlich passiert so dass er ist der Verzweiflung nahe ist. Wenig später taucht plötzlich eine Frau auf, die ganz im Stil der 30er Jahre gekleidet ist, und begrüßt ihn leidenschaftlich. Greta (Marisa Mell) hat ihren toten Liebhaber, einen Bankier, in ihrem Wagen. Harry, dem die Zusammenhänge fehlen wird auch durch das Gespräch mit der geheimnisvollen Greta nicht schlauer, am Ende verbringen die beiden schließlich eine Nacht miteinander. Als Harry später intuitiv die Leiche wegschaffen will, hört er einen Schuss und Greta ist verschwunden, genau wie ihr Wagen in dem die Leiche war. Hals über Kopf macht er sich auf den Nachhauseweg, wo er von seiner Frau und der gemeinsamen kleinen Tochter ungeduldig erwartet wird, da er an diesem Tag seinen 35. Geburtstag hat. Eine Nacht des Nachdenkens beginnt bis er sich seiner Frau anvertraut. Da er mit Greta Tee getrunken hat und er ihre Tasse vor seiner Flucht aus dem Schloss noch mitgenommen hat, beschließt er am nächsten Tag zur Polizei zu gehen. Man nimmt die Fingerabdrücke und dort kennt man die schöne Greta und ihr fleißiges Strafregister... Alles könnte also stimmen, doch Harrys Schilderung besitzt einen gravierenden, für ihn unfassbaren Fehler, der ebenfalls 35 Jahre alt ist...

Bei Peter Patzaks "Parapsycho - Spektrum der Angst" handelt es sich schon immer um einen meiner Lieblingsfilme (hinter vorgehaltener Hand vermutlich um DEN Lieblingsfilm), weil er wegen seines Konzeptes, und von der Umsetzung her, für deutsche Verhältnisse nahezu beispiellos wirkt. Auch die Tatsache, diesen Film damals endlich nach langer, beschwerlicher Suche auf Toppic-VHS gefunden zu haben, lässt ihn nach wie vor im Status des Besonderen schimmern. Die diesjährige Veröffentlichung auf DVD fand leider wenig Anklang, und es ist sogar irgendwie nachzuvollziehen, dass die Produktion nur schwerlich Anhänger findet. Egal, mir jedenfalls liegen diese unwirschen Beiträge, und als Drei-Episodenfilm bekommt man schließlich auch einiges geboten. Die Erste Episode ist mit "Telepathie" vermutlich diejenige, die vergleichsweise am deutlichsten abfällt, da ihr beinahe vollkommen reißerische Fragmente abgehen, und sie das Gruseln im Endeffekt auch nicht wirklich lehren kann. Aber seinerzeit bediente man sich gerne ähnlichen Themen und die hier verwendeten Aufhänger wurden in etlichen Produktionen benutzt, missbraucht, recycelt, aber in den seltensten Fällen neu erfunden. Die Cinerama-Presseabteilung versuchte seinerzeit jedenfalls in die Vollen zu greifen, und berichtete von angeblichen mysteriösen Geschehnissen, und dubiosen Unfällen am Set. Wie man diesen Film letztlich auch auffassen möchte, die Besetzung ist jedenfalls atemberaubend.

Star und Zugpferd der Produktion sollte natürlich Marisa Mell sein, die sich nach eigenen Angaben selbst gerne und eindringlich mit derartigen Inhalten beschäftigte. Christine Kaufmann berichtete in diesem Zusammenhang jüngst von ihrer Kollegin, die daran glaubte, dass beispielsweise ihr Hund "Rocco" reinkarniert sei, und telepathische Fähigkeiten besessen habe, außerdem erzählte sie beiläufig vom Endstadium der Krebserkrankung von Marisa Mell, wo sie es abgelehnt haben soll, sich konventionell behandeln zu lassen, da sie auf einen "indischen Guru" vertraute. Die Presseabteilung der Cinerama Filmgesellschaft mbH stellte wie erwähnt sehr eindeutige Informationen zur Verfügung: »Hauptdarstellerin Marisa Mell, "Ich bin medial veranlagt und wundere mich über nichts!" beobachtete bei einem Blick in den Spiegel ihrer Garderobe, wie plötzlich und völlig selbstständig einer ihrer langen Ohranhänger zu schwingen begann und zu Boden fiel.« Über die lange Laufzeit des Films hat Marisa Mell im Endeffekt nur eine Gast-Hauptrolle zu interpretieren gehabt, die leider nur lumpige 7-8 Minuten umfasst. Dennoch sieht man sie hier noch einmal in voller Schönheit und guter Spiellaune, denn diese Zeiten waren ja nachweislich bereits wenige Jahre später passé. Ihre Greta wirkt mysteriös, beunruhigend und anziehend zugleich, und sie gibt ganz im Sinne der Produktion einige Rätsel auf. Ihren Stil legt die attraktive Kriminelle wenig später auch mit ihrer feinen Robe ab, so dass sich Marisa Mell gleichzeitig gewohnten Aufgaben im Sumpf der Soft-Erotik widmen konnte. Übrigens ist ihre Strip-Szene, stattfindend hinter einem Paravent, aus dem Film 'Stuntman' von 1968 mit etwas Fantasie übernommen worden, doch hier leider nur drittklassig. Auch als angedeutete "Bedienstete der unteren Etage" machte sie mit Jean Sorel einen wesentlich besseren Job in "Nackt über Leichen". Die wirkliche Hauptrolle der ersten Episode spielt eigentlich Peter Neusser, und das sehr gut, obwohl man mit dem Warten auf Greta einigermaßen Suspense aufbauen konnte. Neusser verleiht seiner Figur die nötige Zerrissenheit und man nimmt ihm ohne Weiteres ab, dass er kurz vorm Verzweifeln steht.

Episode "Reinkarnation" bietet innerhalb des "Parapsycho"-Konzeptes vielleicht die Zuschauer freundlichste Unterhaltung. Ein wenig Grusel hier, ein bisschen Verwirrung dort, leichte Spuren von Thrill und ein paar weitere Zutaten, wie das dunkle Schloss, Nebelschwaden oder klappernde Türen und Fenster begünstigen eine relativ dichte Atmosphäre, wobei das Hinarbeiten zum Ziel etwas kürzer, und die eigentliche Thematik etwas ausführlicher hätte ausfallen müssen. Bemerkenswert ist der klare Aufbau dieser ersten Episode, auch die musikalische Gestaltung wirkt anfangs sehr sicher im Einsatz, doch ermüdet im weiteren Verlauf, da sie zu monoton wirkt. Harte Schocks und reißerische Inhalte kommen hier nicht zum Tragen, da man sich diese für die beiden folgenden Episoden aufbewahrte, die allerdings auch im Wesentlichen stärker sind. Zum Abschluss von "Reinkarnation" noch eine weitere sensationelle Anekdote aus dem Presseheft: »Wir wundern uns über gar nichts mehr, nach all dem, was bei den Dreharbeiten an Unheimlichem und Unerklärlichem passiert ist, erklärten übereinstimmend Darsteller und Techniker des Films PARAPSYCHO - Spektrum der Angst, der sich mit den Phänomenen der ASW, der außersinnlichen Wahrnehmungen befasst. Die Serie der geheimnisvollen Geschehnisse reichte von Autounfällen, zerspringenden Gegenständen bis hin zum beklagenswerten Tod eines Kleindarstellers, wobei alle Vorfälle in einen Zusammenhang mit dem Inhalt des Films gebracht werden konnten.« Das schürt doch die Spannung hinsichtlich der nächsten Episode! Wie gesagt, ich finde "Parapsycho - Spektrum der Angst" ungemein unterhaltsam und schätze diesen Film sehr, schon alleine wegen der parapsychologischen Umstände, die ihn mir damals zugänglich gemacht haben. Nach wie vor gibt es bei jeder Sichtung Neues zu entdecken. Weitere Enthüllungen gibts im zweiten Akt...



PARAPSYCHO - SPEKTRUM DER ANGST (1975)

Episode Metempsychose: mit William Berger, Mascha Gonska, Debbie Berger, Signe Seidel, Karl Heinz Martell
eine Produktion der TIT im Verleih Cinerama
ein Film von Peter Patzak



Der Professor der Pathologie (William Berger) hat eine Affäre mit einer jungen Medizinstudentin (Mascha Gonska). Seine Frau (Signe Seidel) hat dieses Verhältnis längst durchschaut und fasst einen endgültigen Entschluss. Sie will sich, ihren Mann und die gemeinsame Tochter Debbie (Debbie Berger) umbringen, und verursacht einen schweren Autounfall, bei dem sie stirbt. Debbie kommt nicht über den Tod ihrer Mutter hinweg und glaubt sie fortan öfters zu sehen, bis sie zusammenbricht und in eine Klinik kommt. Ihr Vater trifft sich noch einmal mit seiner Studentin Mascha um die Liaison zu beenden. Kurz darauf nimmt sich Mascha das Leben und bemächtigt sich Debbies Seele. Vater und Schulmedizin stehen der schlechten Konstitution und dem absonderlichen Verhalten der 17-jährigen Tochter rat- und machtlos gegenüber. Wird man ihr noch helfen können...?

»Nun, das möge das Publikum entscheiden, wenn es in Kürze die unheimlichen Fälle von Reinkarnation, Telepathie und Seelenterror in diesem Film zu sehen bekommt und vielleicht feststellen muss: Es gibt Dinge auf dieser Welt, die gibts gar nicht.« Diese verheißungsvolle Anmerkung kann man erneut der ambitionierten Pressemitteilung der Cinerama entnehmen. Die zweite Episode "Metempsychose" setzt sich mit der Thematik der Seelenwanderung, beziehungsweise der seelischen Besitznahme durch eine Tote auseinander, und fährt im Verlauf ganz andere, ungewöhnliche Register hinsichtlich Atmosphäre, Stimmung und Exposition auf. Gerade hier werden Dinge veranschaulicht, die etwa der Großteil der Zuschauer möglicherweise erst gar nicht sehen möchte, und der reißerische Tenor lockte nachweislich auch nicht die gewünschten Zuschauerscharen in die Kinos. Regisseur Peter Patzak wagt eine Grenzüberschreitung indem er Suizid und Obduktion ohne Hemmungen zeigt, und man muss es schon sagen wie es ist, dass diese Bilder äußerst eindringlich und authentisch den kalten und sterilen Charakter der zweiten Episode formen. Selbst aus heutiger Sicht darf man sich durchaus fragen, wie Derartiges in einen Film gelangen konnte, und wieder einmal entfaltet sich eine geradezu beispiellose Note. Auch die Besetzung der "Parapsycho"-Fortsetzung kann sich natürlich sehen lassen, und zeigt sich wie in allen anderen Teilen auch sehr orientiert an den Interessen potentieller Zuschauer der damaligen Zeit.

Hauptdarsteller William Berger, welcher den geläuterten Professor spielt, und der im Film selbst die Liebe wissenschaftlich erklären wird, verlautbarte: »"Ob ich an diesen ganzen Quatsch glaube?" William Berger zündet sich eine Zigarette an, "Klar, es gibt einfach Dinge, die wir nicht verstehen aber nehmen müssen wie sie sind".« Wissenschaftlich wie immer, eben ganz im Sinne des Films. Aber Berger macht seine Sache wirklich gut. Er wirkt pragmatisch, in den ungünstigsten Situationen schrecklich sachlich und gibt nicht den typischen Protagonisten aus dem Bilderbuch. Über seine Partnerin im Film wurde Folgendes berichtet: »Mascha Gonska, zuletzt Partnerin von Romy Schneider in TRIO INFERNAL, büßte bei einer Fahrt zum Filmmotiv ihren Wagen, ein Auto-Bianchi ein. "Ich bin stinknormal, aber alle diese Autounfälle - es passierten ja noch drei weitere während der Dreharbeiten - sehe ich in einem unerklärlichen Zusammenhang mit dem Film, in dem ein grässliches, von einer Frau absichtlich herbeigeführtes Autounglück eine wichtige Rolle spielt".« Sie ist es vor allem, die der Episode Intensität verleiht. Ob als einfache Schönheit, raffinierte Expertin der barbusigen Einlagen und Erotik-Szenen, oder Leiche in der Pathologie, Mascha Gonska überzeugt auf ganzer Linie, ebenso wie die hübsche Debbie Berger, die zahlreiche, indirekte Schock-Momente fabrizieren konnte. Für meinen Geschmack darf selbstverständlich auch die hochverehrte Signe Seidel nicht unerwähnt bleiben, die wort- aber nicht tatenlos wenige Einstellungen mit ihrer gewohnten Treffsicherheit präsentierte.

Im direkten Vergleich zu Teil 1, offeriert "Metempsychose" dem Zuschauer eine verblüffende Kehrtwendung. Was vorher noch wie ein gepflegte Märchen hätte aufgefasst werden können, bekommt nun einen allzu nüchternen Realitätstransfer, wofür weniger die Thematik, als die beunruhigenden Bilder sorgen. In keiner der drei Episoden schwebt der Tod wie ein schwarzer Schatten so kontinuierlich über dem Szenario. Als Zuschauer ahnt man Schlimmes und wird schließlich auch bestätigt. Bei der handwerklichen Umsetzung kommt es bei "PSI" im Prinzip des Minimalismus zu ganz erstaunlichen Ergebnissen. Ohne große Klimmzüge entstanden sehr anschauliche Bilder, was man vor allem von den Abfolgen des Autounfalls sagen kann. Auch die prosaische Suizid-Szene und die einkopierte Obduktion einer Frauenleiche sorgen für Zustände des Unbehagens, sodass man es hier insgesamt mit dem strapazierendsten, beziehungsweise mit dem visuell schockierendsten Teil des Films zu tun bekommt. Sehr positiv fällt des Weiteren die gute Arbeit in den Bereichen der Montage und vor allem der Musik auf. Die schwerfälligen Chorgesänge und winselnde, klagende Stimmen schaffen eine besonders beklemmende und dichte Atmosphäre. Im Rahmen der "Parapsycho"-Triangel handelt es sich hierbei um die Folge des Mittelfeldes, das heißt, sie ist hinsichtlich der Intention der Produktion vermutlich am eindringlichsten geworden, hat deutlichere Stärken als "Reinkarnation", fällt aber im Gegensatz zu "Telepathie" wieder deutlich ab, auch darstellerisch gesehen. Warten wirs ab, denn schon bald geht es noch heißer her, weil Peter Patzak einen spektakulären Griff in die Sex-Trickkiste bereit hielt.




PARAPSYCHO - SPEKTRUM DER ANGST (1975)

Episode Telepathie/Hypnose: mit Matthieu Carrière, Alexandra Drewes-Marischka, Helmut Förnbacher, Jane Tilden, Edwige Pierre
eine Produktion der TIT im Verleih Cinerama
ein Film von Peter Patzak




Barbara (Alexandra Drewes-Marischka) und Michael (Helmut Förnbacher) sind jung vermählt und begeben sich in die verdienten Flitterwochen. Die harmonische Zweisamkeit findet jedoch ein abruptes Ende, denn Barbara ist plötzlich spurlos verschwunden. Michael begibt sich verzweifelt auf die Suche nach seiner Frau. Ist sie entführt worden? Barbara hat selbst das Weite gesucht, denn sie fühlt sich zu Maler Mario (Matthieu Carrière) hingezogen, der eine abartige Neigung hat. Mit Hilfe von telepathischen Befehlen lockt er junge, hübsche Frauen in sein Atelier, um sie sich in jeder Beziehung gefügig zu machen. Sein hypnotischer Einfluss kennt keine Grenzen und kein Erbarmen. Für die junge Braut beginnen Tage der Angst und der Qual. Als Mario seine Wohnung verlässt, taucht seine Mutter (Jane Tilden) auf, um Barbara aus dieser Lusthölle zu befreien. Wie wird Mario reagieren...?

»Gruseliges, Grauseliges, Unheimliches und Unerklärliches passierte bei den Dreharbeiten zu dem Film "PARAPSYCHO - Spektrum der Angst", der sich mit eben diesen Phänomenen des Übersinnlichen befasst und auseinandersetzt. Das Team, Hauptdarsteller wie Filmemacher, erlebten eine wahre Serie von geheimnisvollen Vorfällen, die bis zum beklagenswerten Tode eines Darstellers einer Nebenrolle reichte. Ein fünfzigjähriger Mann namens Wiesinger war zwei Tage nachher plötzlich tot.« Ob sich mit diesen Anmerkungen und angeblichen Geschehnissen tatsächlich eine Kausalität ableiten lässt, ist natürlich äußerst fragwürdig, aber ich persönlich mag solche Anekdoten oder Märchen rund um einen Film, außerdem ist das Cinerama-Presseheft zum Film wirklich ein wahrer Knaller, in dem sogar wissenschaftliche Expertisen erwähnt werden. Unabhängig davon, wie Episode 3 letztlich umgesetzt wurde, ergibt sie innerhalb der "Parapsycho"-Triangel die vielleicht am meisten greifbare, und für mich persönlich die eingängigste Geschichte. Begrüßenswert bei dieser Produktion ist im Endeffekt also, dass sich alle drei Teile sowohl hinsichtlich der Inszenierung, als auch von der Thematik her deutlich voneinander unterscheiden, und sie wesentlich mehr Stärken offerieren, als offensichtliche Schwächen. Die DVD-Veröffentlichung in diesem Jahr war mehr als erfreulich, und obwohl "PSI" zu den Filmen gehört, die ich mir in meinem Film-Leben wahrscheinlich mit am häufigsten angesehen habe, gibt es immer wieder etwas Neues zu entdecken. Im Bereich der Charakterzeichnungen wirkt die finale Episode am sichersten und auch wesentlich interessanter als die Vorgänger, denn darstellerisch bietet "Telepathie/Hypnose" nun vergleichsweise einiges mehr an Intensität und Wirkung.

Dafür zeigt sich insbesondere Matthieu Carrière verantwortlich. Seine Darbietung ist in besonderem Maße erstaunlich wie beunruhigend, da hier Abscheu und Faszination eine verwirrende Allianz eingehen. Im Verlauf gibt er seiner Figur des Mario immer wieder aufs Neue beängstigende Gesichter, sein Opfer wird indirekt zum Sprachrohr seiner Perversion und Brutalität, er lässt einem buchstäblich das Blut in den Adern gefrieren. Verwunderlich hier, wie aber auch in den vorigen Episoden ist, dass stets einige Darsteller Szenen haben, in denen sie direkt in die Kamera schauen, was normalerweise einen unmöglichen Kardinalfehler darstellt. Das man hier allerdings unmittelbar angesprochen wird, ob fragend, verzweifelt, lethargisch oder drohend, eine bestimmte Wirkung bleibt nicht aus. Gerade in der letzten Einstellung, in der Matthieu Carrière plötzlich einen Blickkontakt mit dem Zuseher herstellt, lässt einen quasi zusammenzucken. Er suggeriert, dass er jeder, und überall sein könnte, und dass es sich um eine Person handelt, die es tatsächlich geben könnte. Im Verlauf zieht er jedenfalls mit Partnerin Alexandra (hier Drewes-) Marischka alle Register, und sie hat strapaziöses unter ihm zu leisten. Alexandra Marischka halte ich für eines der aufregendsten, schönsten und ansprechendsten Geschöpfe der Siebziger Jahre, und es ist schade, dass sich ihre Filmografie an zwei Händen abzählen lässt! Marischka agiert hier genau so, wie man es von ihr gewöhnt ist. Beinahe wortlos, verlässt sie sich auf ihre dominante Aura und sie ist es im Endeffekt die die großen "PSI"-Momente kreiert, nicht zuletzt, weil ihr das große Finale gehört. Sie und Carrière sind schon ein atemberaubendes Gespann gewesen! Des Weiteren zeigt sich noch Helmut Förnbacher, ausnahmsweise einmal von seiner diskreteren Seite, auch Jane Tilden sieht man endlich einmal in einer, wenn auch kleinen Rolle, die sich fernab ihrer obligatorischen Schublade abspielte, und die aparte Edwige Pierre erfreut in dieser illustren Runde ebenfalls noch das Auge.

Eigentlich lässt "Parapsycho - Spektrum der Angst" alle Fragen, die er selbst aufgeworfen hat offen, und zeigt sich letztlich kaum interessiert an diversen Aufklärungen angesichts übernatürlicher Phänomene. Nicht weiter tragisch, wenn man dieses beispiellose Experiment als das annimmt, was es tatsächlich ist, nämlich ein Unterhaltungsreißer der so viele Zielgruppen ansprechen wollte wie nur irgendwie möglich. Da ich diese Produktion über die Jahre schon auf unterschiedlichste Art und Weise reflektiert habe (sei es ein Verriss gewesen, eine sachliche Betrachtung oder eben eine mit "Parapsycho"-Brille), das Fazit sieht unterm Strich eigentlich immer gleich aus. Ich verehre diesen Film, der nicht nur anders sein wollte als andere, sondern eben auch anders geworden ist. Gerade in Episode 3 entfalten sich noch einmal zusätzliche Stärken. Da die Bild-Kompositionen hart, steril und kalt wirken, kommt eine ganz besonders dichte Atmosphäre auf, die Kamera-Einstellungen begünstigen den experimentellen Charakter der Folge, und der Produktion insgesamt sehr gut, als außergewöhnlich gut gelungen möchte ich die Musik von Richard Schönherz und Manuel Rigoni bezeichnen, denn sie untermalen nicht nur Stimmungen, sondern sie sorgen vor allem auch dafür. Dass der Vorspann der jeweiligen Episoden per Telex geschrieben wird, ist eine verblüffend stimmige Idee gewesen, auch die einkopierten Bilder zu Beginn wirken kohärent. Bei der Erst-Ansicht auf DVD war sogar bereits folgendes Extra ein ultimatives, spektakuläres Highlight. Der Film beginnt, aber eben nicht wie gewohnt mit der Toppic-Marke, sondern es erstrahlt die wunderschöne Cinerama-Verleihmarke, die ich zuvor noch nie gesehen hatte (zu sehen im ersten Clip). Und für diejenigen, die es interessiert: Der zweite Clip beinhaltet eine kurze Selbstvorstellung von Alexandra Paszkowska (aka Alexandra Drewes-Marischka) aus diesem Jahr, die in "Telepathie/Hypnose" die weibliche Hauptrolle spielte.


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 Betreff des Beitrags: Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? - Prismas Filmtagebuch
BeitragVerfasst: 20.07.2013 00:36 
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ICH HABE SIE GUT GEKANNT / IO LA CONOSCEVO BENE (1965)

mit Stefania Sandrelli als Adriana
sowie Jean-Claude Brialy, Enrico Maria Salerno, Mario Adorf, Joachim Fuchsberger, Nino Manfredi und Ugo Tognazzi
ferner Karin Dor, Claudio Camaso, Franco Nero, Robert Hoffmann, Franco Farizi, Turi Ferro, Véronique Vendell, u.a.
eine Co-Produktion der | Ultra | Les Films Du Siècle | Roxy | im Nora Filmverleih
ein Film von Antonio Pietrangeli




»Danke dass Sie mir die Zeit vertrieben haben!«


Adriana (Stefania Sandrelli) zieht es aus der Provinz nach Rom, wo sie versucht, sich mit unterschiedlichen Jobs über Wasser zu halten. Ob als Friseurin in einem kleinen Laden, Kosmetikerin, Platzanweiserin im Kino oder Mannequin, sie hat ein großes Ziel vor Augen, nämlich Filmschauspielerin zu werden. Doch reichen ihre Schönheit und der bloße Wille dafür letztlich aus? Adriana lernt in kurzer Zeit viele unterschiedliche Männer kennen, sei es bei Diskotheken-Besuchen oder am Strand, bei Veranstaltungen oder wenn es der Zufall gewollt hat, und jeder ist fasziniert von ihren Reizen, die sie jedoch eher defensiv einsetzt, und schließlich erscheint die Verwirklichung ihrer Träume in genau so weiter Ferne zu sein, wie die Suche nach der Liebe, denn so unterschiedlich die sich schnell abwechselnden Männer auch sind, Adriana findet immer nur dasselbe Ergebnis...

Diese Arbeit von Antonio Pietrangeli kann sicherlich als eines der Prunkstücke des italienischen Neorealismus betrachtet werden, auch wenn "Ich habe sie gut gekannt" seinerzeit eher nur wohlwollend zur Kenntnis genommen wurde, beziehungsweise keinen riesigen Durchbruch feiern konnte. Die Beschreibung »Meisterwerk« eilt dieser Produktion immer wieder voraus, und spätestens wenn der Film dann nach der Erst-Ansicht für wenig Aufsehen sorgen konnte, fühlt man sich in seiner Skepsis bestätigt. Obwohl der Verlauf mit vielen beachtlichen Feinheiten angereichert wurde, und man den glasklaren Aufbau bemerkenswert findet, und den Eindruck einer sehr subtil und geradlinig angelegten Geschichte bekommt, machte sich bei der italienischen Langfassung immer wieder eine schraubzwingenartige Langatmigkeit, im Schutzgriff einer überaus hochwertigen Inszenierung breit. Hätte bei der Veröffentlichung durch Filmjuwelen nicht zusätzlich die deutsche Kinofassung zur Verfügung gestanden, hätte ich mir den Film so schnell auch kein zweites Mal angesehen, und ich hätte ihn dann vermutlich ungerechtfertigt verrissen. Qualitäten und Sinnhaftigkeit erschließen sich tatsächlich bei der zweiten Chance, und es ist interessant darüber zu spekulieren, wie "Ich habe sie gut gekannt" wirken wird, wenn man sich das Werk ein halbes Dutzend Mal angesehen hat. Eigentlich ist das gesamte Konzept des Films sehr simpel und definiert sich hauptsächlich über Darstellung und unzählige Details, so dass man es im Endeffekt mit einer nicht uninteressanten Variante zu tun hat, wenn dramatische oder theatralische Anteile und schwer formulierte Kritik in Form deutlicher Angriffe, ausnahmsweise einmal nicht auf dem Silbertablett serviert werden, und daher eine eher minimalistische Strategie verfolgt wird, die den Zuschauer aber genauso ansprechen, treffen und bewegen kann, weil sie sehr nah wirkt. Genau betrachtet hat man es hier eigentlich mit einem Film zu tun, der wesentlich leichter hätte misslingen können, wenn nicht alle Zahnräder so optimal funktioniert hätten.

Die 1946 geborene Italienerin Stefania Sandrelli verleitet dazu, einen halben Roman zu schreiben. Zunächst möchte ich die Faszination um die damals erst Anfang 20-jährige beschreiben, eine Faszination nach der ich im Film stets suche, und die, wenn sie sich plötzlich entfaltet, für die ganz großen Momente im Filmleben sorgt. Neben ihr habe ich eine solch begeisternde Leistung in diesem Jahr bislang vielleicht nur von Belinda Lee gesehen, wenn auch nur vom einfachen Prinzip der Faszination her. Stefania Sandrelli nur als schön oder attraktiv zu bezeichnen, wäre eine schamlose Untertreibung, denn sie vermittelt wesentlich mehr, als man pauschal in irgend einem Film erwarten dürfte. Es fängt mit ihrer Leichtfüßigkeit an, die so natürlich und spontan wirkt, mündet in Sinnlichkeit, die man in jeder simplen Bewegung, in jedem Augenaufschlag und in jedem einzelnen Blick verfolgen kann, nimmt in den Bereichen Lebensfreude, Interaktion, Ernüchterung und Resignation deutliche, oder verständliche Formen an, die mitunter tatsächlich das tägliche Leben schreibt. Adriana wirkt verträumt und in Verbindung mit einer tief melancholischen Note sehr greifbar. Dabei wirft sie aber auch etliche rhetorische Fragen auf. Da dieser Film aber glücklicherweise die Schicksalsfrage ignoriert, fragt man sich bei fortlaufender Zeit tatsächlich, warum alle sie so gut gekannt haben. Warum stellt diese junge Frau (unbewusst oder nicht) fließbandartige Freibriefe aus, warum verfolgt sie ihre Ziele so unzureichend, warum zeigen sich keine wichtigen Lerneffekte? Adriana ist im übertragenen Sinne wie das Gras, das keine Ahnung davon hat, wie grün es eigentlich ist, wie die Blüte, die keinen Schimmer davon hat, wie süß sie wirklich duftet; diesen Dreh haben nur die Beobachter, die Interessenten, ihre Männer heraus, die sie aus Eigennützigkeit und Gleichgültigkeit allerdings auch nicht darüber aufklären werden. Stefania Sandrelli zeichnete jedenfalls eine der sichersten Interpretationen, die ich seit langem miterleben konnte, und deren Aura durchdringend, und für alle Beteiligten indirekt auffordernd ist. Hochklassig und mitreißend!

Die Darsteller der deutschen Seite wurden so auffällig konträr besetzt, dass es trotz Kleinstauftritten sehr beachtlich, oder wahlweise sehr erfrischend wirkt. Man muss tatsächlich von entgegengesetzt im Sinne der üblichen Einsatzgebiete von Karin Dor und Joachim Fuchsberger sprechen, weil sie angesichts des bestehenden Images vollkommen verändert, und dem Empfinden nach sogar stichhaltiger wirken. Karin Dor halte ich zum Beispiel für eine Pionierin, was den deutschen Film angeht, doch ihre Auftritte im Rahmen der europäischen, beziehungsweise internationalen Bühne sind damit nicht annähernd, bezüglich Präzision und Aura, zu vergleichen. Vergleichsweise halte ich ihre Leistungen global gesehen, oder fernab des Üblichen daher für wesentlich interessanter, was ich allerdings von Joachim Fuchsberger gar nicht einmal sagen möchte. In diesem Film wirkt seine ebenfalls kurze Darbietung etwas zu derb konstruiert, aber nicht minder interessant. Selbst Robert Hoffmann gibt seiner Figur einen Hauch Ambivalenz, ja und Véronique Vendell spielt tatsächlich das, was sie eigentlich immer zu spielen hatte, auch wenn sie im Rahmen ihrer eigenen Filmografie hier jedoch deutlich heraus sticht. Was bei "Ich habe sie gut gekannt" so erstaunlich bleibt, ist im Endeffekt nicht, dass das Szenario von Anfang bis Ende mit großen Namen angereichert wurde, die lediglich nur Gäste bleiben; nein, die Perfektion besteht darin, dass keiner von ihnen verheizt wurde, da selbst Darbietungen die nur wenige Minuten umfassen, einen deutlichen, wenn nicht sogar tiefen Schliff offerieren. Auf den ersten Blick scheint die Konstruktion nämlich ausschließlich wegen ihrer Hauptdarstellerin zu funktionieren, doch ein Mosaik braucht definitiv mehrere Steinchen. Es ist also egal, wie man den Film schließlich auffasst, Fakt ist aber, dass man es mit einem grandiosen Schauspieler-Film zu tun bekommt, der in dieser Hinsicht vielleicht nicht beispiellos ist, aber im Sinne eines runden Ergebnisses nachweislich immer nur schwer zu bewerkstelligen war. Ob Jean-Claude Brialy, Mario Adorf, Claudio Camaso oder Ugo Tognazzi; das Stargast-Karussell dreht sich in Schwindel erregender Art und Weise, und von diesen bemerkenswerten Leistungen sollte man sich ruhig selbst, und ohne Fremdeinschätzung überzeugen lassen.

Auf die handwerkliche Inszenierung einzugehen sprengt ebenfalls den Rahmen, also sei nur kurz erwähnt, welch herrliche, teils sinnliche Bildkompositionen hier zum Tragen kommen, wie die Musik beinahe Tag und Nacht im Kopf herumschwirrt und dass man einfach sehr viel in diesem, auf den ersten Blick, unscheinbaren Film geboten bekommt. Zunächst erschien mir das alles selbst für ein herkömmliches Drama zu wenig, vor allem weil Elemente wie feiner Humor, lapidar-offene Dialoge und schnelle Ortswechsel und Gedankensprünge etwas verwirrend erscheinen. Die Stärken gibt der Verlauf früher oder später preis, wenig verschachtelt, ohne sprachliche Klippen und ohne unnötige Steigerungen in der Komplexität der Geschichte. Das Fazit des Zuschauers ist wohl also ein sehr einfaches: Jeder glaubt, sie wohl schon einmal, zweimal oder gar mehrmals gut gekannt zu haben, aber im Endeffekt ist das eigentlich überhaupt nicht der Fall, da der Titel des Films ausschließlich eine Umkehrreaktion anbahnt: Ich habe (stets) mich gut gekannt, könnte man möglicherweise sagen. Daher muss SIE nicht unbedingt Adriana, oder Stefania Sandrelli heißen. Der Film wirkt unterm Strich ereignisreich und gut komprimiert (wohlgemerkt bei deutscher Kinofassung), obwohl er eigentlich nur ein Thema abhandelt, welches allerdings durch seine Darsteller zahlreiche Facetten bekam. Ansonsten ist "Ich habe sie gut gekannt" - ich möchte beinahe sagen - überqualifiziert, dennoch sollte man den Film alleine schon wegen dieser so umwerfenden Stefania Sandrelli gesehen haben, deren Blick den selben Effekt hat, wie der einer gewissen Medusa. Eine einfachere, aber nicht minder packende Schlüsselszene in einem Film habe ich übrigens selten einmal erlebt. Adriana tut sich Glycerin ins Auge, ihr dunkles Make-Up hinterlässt eine sanfte Spur auf ihrer Wange, plötzlich fixiert sie unmittelbar den Zuschauer, und stellt dabei die ganz bestimmte, indirekte Frage, oder sie macht einen deutlichen Vorwurf, was sich aber vor allem der Titel des Films vorbehält, in dem man Frage und Antwort gleichermaßen herausfiltern kann. Augenscheinlich erteilt Regisseur Antonio Pietrangeli der Komplexität eine deutliche Absage, indem er aus der tragenden oder empfundenen Einfachheit eine erstaunliche Umkehrrektion kreierte. Auf die Begrifflichkeit »Meisterwerk« mag ich mich allerdings schlussendlich noch nicht einlassen, da dieser Status ausschließlich beim dutzendfachen Anschauen entstehen kann, aber ein stiller Hochkaräter ist ohne jeden Zweifel entstanden. Klingt jedenfalls auch nicht mehr so prosaisch, wie ich nach der ersten Ansicht befürchtet habe.


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 Betreff des Beitrags: Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? - Prismas Filmtagebuch
BeitragVerfasst: 20.07.2013 00:38 
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MORD NACH MAß / ENDLESS NIGHT (1972)

mit Hayley Mills, Hywel Bennett, George Sanders, Per Oscarsson, Lois Maxwell, Patience Collier, Walter Gotell und Britt Ekland
nach einer Erzählung von Agatha Christie
ein Film von Sidney Gilliat




Der Verleihwagen-Fahrer Michael Rogers (Hywel Bennett) beschäftigt sich am liebsten mit Tagträumen, in denen er sich ein nobles Leben vorstellt. So sieht er sich in seiner Fantasie bereits als stolzer Besitzer des herrlichen Stückes Land namens Gypsy's Acre, wo er in der Villa seiner Träume lebt. Durch Zufall lernt Michael genau dort die hübsche Ellie (Hayley Mills) kennen, die ihm allerdings verschweigt, dass es sich bei ihr um eine der reichsten jungen Frauen der Welt handelt. Wenig später heiraten die beiden und Ellie erwirbt das Land, um Michael seinen Traum zu erfüllen, doch auf diesem sagenumwobenen Ort soll der Prophezeiung nach ein alter Fluch lasten. In Ellies Familie wird der bürgerliche Michael unterdessen nicht gerade herzlich aufgenommen, man tritt ihm mit Verachtung gegenüber und bietet ihm sogar eine hohe Abfindung an, wenn er seine junge Braut verlässt. Eines Tages erscheint Ellies Freundin Greta (Britt Ekland) in der neuen Traumvilla, und aus einem, der Ankündigung nach, kurzen Besuch werden Wochen. Seit ihrem Auftauchen geschehen nun seltsame Dinge und die schöne Greta scheint Michaels Frau irgendwie zu beeinflussen, bis schließlich ein rätselhafter Mord geschieht...

Bei dieser Verfilmung nach Agatha Christies 58. Kriminalroman, bekommt man hinsichtlich der Umsetzung, aber vor allem wegen der Vorlage, nicht unbedingt das geboten, was man in erster Linie mit der britischen Schriftstellerin assoziieren würde. Regisseur Sidney Gaillait inszenierte dieses Märchen, oder diesen Traum, bestehend aus diversen undurchsichtigen Fragmenten hochinteressant, und dabei entstand ein wirklich beachtliches Ergebnis, das aus mehreren Gründen in Erinnerung bleiben dürfte. Agatha Christie, Verlässlichkeit, oder ein hoher Wiedererkennungswert gehören für mich definitiv zusammen, oftmals entsteht dadurch eine gewisse Vorhersehbarkeit, wobei es dann, wie in diesem Fall auch, auf eine geglückte Inszenierung ankommt. Beim Anschauen von "Mord Nach Maß" fragt man sich weit über eine Stunde lang, ob man wirklich einen Film basierend auf einer Vorlage von Agatha Christie zu sehen bekommt, oder ob man sich auch tatsächlich in einem Krimi befindet, beziehungsweise, wenn es der deutsche Titel nicht verraten würde, überhaupt einen Mordfall miterleben dürfte. Die Szenerie wirkt durchgehend rätselhaft und die Charaktere erscheinen überaus mysteriös zu sein, was eine kaum greifbare, aber durchgehend subtile Spannung verursacht, obwohl bei diesem deutlich verlangsamten Erzähl-Tempo lange Zeit nur wenig Signifikantes passiert. Erstaunlich dabei ist jedoch, dass einem die Zeit nicht zu lang wird, und man aufmerksam der langen Einführung der Charaktere folgt. Permanent hat man das dumpfe Gefühl, dass sich inmitten dieser traumhaften Landschaft, der opulenten, modernen Kulissen und der schmeichelnden Bild-Gestaltung etwas Gefährliches verbirgt, das plötzlich zuschlagen könnte.

In dieser Geschichte sind reichlich tiefe, teils auch krude Charakterzeichnungen zu finden, die durch die optimalen darstellerischen Leistungen viel Farbe bekommen. Hywel Bennett sorgt mit allen Mitteln dafür, dass sein Michael Rogers, entsprechend des Konzeptes der Geschichte, hervorragend funktioniert. Man hört oftmals seine Stimme, die die Funktion eines Erzählers übernimmt, und nimmt somit Anteil an seinen Tagträumen und Gedanken, auf die man sich manchmal gerne einlässt, die hin und wieder aber auch Unverständnis hervorrufen. Obwohl er seine sympathischen Seiten zur Schau stellt, traut man ihm hinsichtlich eines gefestigten Charakters nicht wirklich. Angesichts seiner Abwesenheitszustände sieht man Rückblenden, in denen Kinder vorkommen und Bilder gezeigt werden, die man nicht deuten kann. Hayley Mills als eine der reichsten jungen Frauen der Welt, die ihrem Bräutigam diese Bürde zunächst verschwieg, macht einen erfrischenden Eindruck als Ellie. Die Mischung aus Zielstrebigkeit, aber auch einer guten Portion Naivität wird von ihr sicher über die Ziellinie gebracht, außerdem wird sie bei fortlaufender Zeit noch einige sehr intensive, sogar gruselige Szenen darbieten. Britt Ekland als ihre mutmaßliche Freundin Greta spielt dem Empfinden nach Ähnliches wie in "Diabolisch", der im gleichen Jahr abgedreht wurde. Da Britt Ekland in der Regel eher durch ihre klassische Schönheit, als durch ausgefeilte Interpretationen glänzt, ist es hier umso erstaunlicher sie in seltener Höchstform zu sehen. Greta taucht erst nach rund vierzig Minuten im Geschehen auf, doch der Zuschauer ahnt seit Beginn, dass sie existiert, und diese Tatsache stellt sich nach Beendigung des Films als eine der großen Raffinessen der Vorlage und der Inszenierung heraus. Der Rest der Besetzung sorgt des Weiteren für Freude pur, als unerwähnten Gast bekommt man zum Ende hin sogar noch Leo Genn, sozusagen als Besetzungsüberraschung zu sehen. Außerdem hört man zum Beispiel für George Sanders üblicherweise die Synchronstimme von Siegfried Schürenberg, und Alice Treff sprach die Dame in Schwarz, Patience Collier.

Beim Zuschauen liefen bei mir regelrecht Parallelfilme ab. In der Erinnerung fand ich mich manchmal beispielsweise in "Tod auf dem Nil" und "Vertigo" wieder, oder ansatzweise auch in "Bis das Blut gefriert", was nicht bedeuten soll, dass sich diese Produktionen in irgend einer Art und Weise ähneln, sondern einfach nur der Charaktere wegen, oder mancher Veranschaulichungen. "Mord nach Maß" (den ich als Titel für ungünstig halte, dessen Rhetorik aber spätestens nach dem Finale schon bitter aufstößt) ist immer wieder gespickt mit wahrhaftigen Gänsehaut-Momenten, subtile Effekte lassen sogar einen angenehmen Grusel aufkommen, wobei dieser Film eigentlich nicht in diese Richtung gehen möchte. Immer wieder taucht eine eigentümlich gekleidete alte Dame aus dem Nichts auf, die zwei Siamkatzen an der Leine mit sich führt, und die Prophezeiungen zum Besten gibt. Es scheint, dass die trügerische Idylle des Films (der übrigens ein exzellentes Finale mit mehreren Wendungen bereit hält) in einen Scherbenhaufen zerfällt. Bei der schwierigen Darstellung der Psyche, unter Berücksichtigung von sachlichen und nachvollziehbaren Komponenten, stellt sich hier allerdings heraus, dass die komplexe, und für meine Begriffe anspruchsvolle Geschichte, von vorne herein ein Scherbenhaufen war. Die Regie schafft es wirklich sehr überzeugend ein undurchsichtiges Mosaik weitgehend verständlich zusammenzufügen, und den Zuschauer trotz langsamen Tempos bei Laune und Aufmerksamkeit zu halten. Die extravagante Verfilmung, die sich dem Vernehmen nach eng an der Vorlage von Agatha Christie orientieren soll, hebt die Progressivität einer wenig charakteristischen Arbeit der Autorin deutlich hervor, und sorgt deswegen, aber aus vielen anderen Gründen auch, für Überraschungsmomente en masse. Wer daher etwas ganz Klassisches Erwartet, dürfte hier weniger auf seine Kosten kommen, wer sich jedoch gerne auf etwas Neues einlassen kann, wird hier möglicherweise richtig liegen. Mich hat im Endeffekt vermutlich eine Art Desorientierung in Verbindung mit richtigen Kombinationen fasziniert, verblüfft hat mich außerdem, dass der Film trotz eines gewissen Leerlauf-Potentials im Mittelteil keine einzige lange Minute aufkommen ließ. Ein gelungener Start im Rahmen der "Filmjuwelen"-Reihe. Empfehlenswert!


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 Betreff des Beitrags: Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? - Prismas Filmtagebuch
BeitragVerfasst: 20.07.2013 00:40 
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LE TRAIN - NUR EIN HAUCH VON GLÜCK (1973)

mit Jean-Louis Trintignant und Romy Schneider
sowie Maurice Biraud, Nike Arrighi, Paul Amiot, Serge Marquand und Régine
ein Film von Pierre Granier-Deferre




Die deutschen Truppen marschieren 1940 in Frankreich ein. In einem kleinen Dorf nahe der belgischen Grenze lebt der Radiomechaniker Julien Maroyeur (Jean-Louis Trintignant), bis die Bewohner evakuiert werden müssen. Er flieht mit seiner schwangeren Frau Monique (Nike Arrighi) und seiner kleinen Tochter. Ein Zug soll die Flüchtlinge in ein nicht besetztes Gebiet bringen, doch Julien wird von ihnen getrennt, da er nicht im gleichen Abteil wie seine Familie mitreisen kann, und in einen Güterwaggon ausweichen muss, bis der Zug schließlich abgekoppelt wird. Auf der Fahrt lernt er die deutsche Jüdin Anna (Romy Schneider) kennen, die aus einem Lager entkommen konnte. Schnell fühlt Julien sich zu der schweigsamen und bildschönen Anna hingezogen, die wiederum dem schüchternen und sensiblen Mann näher kommt. Trotz aller Gefahr und allem Leid entwickelt sich eine Liebesromanze, die aber aufgrund der bestehenden Rahmenbedingungen keine Zukunft zu haben scheint. Als der Zug an seinem Bestimmungsort ankommt und Julien, der mittlerweile zum zweiten Mal Vater geworden ist, seine Familie wieder findet, verlieren sich Anna und er aus den Augen, bis ihn Jahre Später, im Winter 1943, die Gestapo zu einer Vernehmung vorlädt...

Die französisch-italienische Co-Produktion "Le Train - Nur ein Hauch von Glück" entstand unter der Regie von Pierre Garnier-Deferre nach dem Roman von Georges Simenon. Die französische Staatseisenbahn SNCF stellte der Produktion eine historische Lokomotive und die passenden Waggons zur Verfügung, was dem Titel ein sehr aussagekräftiges Gesicht verleihen sollte. Die Fahrt, beziehungsweise die Flucht wurde in Etappen inszeniert und überzeugt durch einen sehr klaren Aufbau, Original-Dokumentarszenen zeigen das hinterhältige Gesicht und die Unberechenbarkeit des Krieges in beklemmenden Bildern, die immer wieder als Kontrast zur scheinbar idyllischen Landschaft eingefügt wurden. Beim Publikum und bei der Kritik gab es für die Umsetzung hauptsächlich wohlwollende Reaktionen. Die Hauptdarsteller Jean-Louis Trintignant und Romy Schneider standen nach "Le combat dans l'île" (1962) wieder einmal gemeinsam vor der Kamera und geben auch hier ein überzeugendes Paar ab. Die Inszenierung wurde minimalistisch und dialogarm gehalten, es sind die Bilder, die das Wort erheben und das schwierige Thema mit Authentizität ausstatten. Die Aufnahmen wurden von Anfang Juni bis Ende August 1973 in Nordfrankreich und den Ardennen gedreht, und entlang der Loire bis La Rochelle.

In "Le Train" ist alles auf die beiden Hauptdarsteller zugeschnitten, die ihre Rollen restlos ausfüllen und bemerkenswert formen. Jean-Louis Trintignant als Julien muss, wie es scheint, gegen sein Naturell immense Verantwortungen übernehmen, vor denen er sich aber aufgrund der außerordentlichen Umstände auch nicht scheut. Er erscheint wie ein Beschützer zu sein, dem aber wie jedem anderen auch, die Hände gebunden sind. Die Sorge um sein dreijähriges Kind und seine hochschwangere Frau, aber auch die Fürsorge für die zufällig kennen gelernte Anna lassen ihn hin und her pendeln zwischen Pflicht und Verlockung. Der Zuschauer versteht schnell, dass, wenn er Anna unter anderen Umständen kennen gelernt hätte, es zum gleichen Ergebnis gekommen wäre. Der Krieg, die Angst und die Suche nach Stützen konstruieren diese Romanze nicht alleine, es besteht eine unsichtbare Bindung und eine natürliche Anziehungskraft zwischen beiden. Julien ist kein Draufgänger, der die Situation ausnutzen würde, beinahe schüchtern begegnet er der jungen Frau, traut sich nur in unbeobachteten Momenten einen Blick auf sie zu werfen, es dauert lange, bis die erste Konversation entsteht, in der kein Wort zu viel verloren wird. Romy Schneider als Anna fasziniert schon alleine durch ihre optische Erscheinung. In schwarz gekleidet, mit streng zusammengestecktem Haar und vorsichtigen Blicken entsteht eine Ausstrahlung, die den gesamten Verlauf prägen wird. Anna wirkt hilflos und desillusioniert, aber nicht hart. Ihrem Schicksal konnte sie zwar noch einmal davon laufen, doch sie transportiert eine permanente Angst, und ein Blick in ihr trauriges Gesicht verdeutlicht die latente Gefahr, die dem Zug nachzueilen scheint. Romy Schneider wirkt trotz allem sanft, sehr sensibel und sie zeichnet eine Person, die man als Zuschauer zu verstehen glaubt, man erahnt, was sie bereits durchgemacht haben muss. Wieder einmal solidarisiert sich Romy Schneider mit ihrem zu interpretierenden Charakter in erstaunlicher Manier.

Im Krieg herrschen andere Regeln, wie es heißt. Und diese Umstände werden in den Beziehungen der anderen Flüchtlinge, die sich im Waggon befinden, intensiv verdeutlicht. Eine Lebedame, die einige der Herren mit ihren Diensten erfreut, ein alter Mann, der trotz allem seine moralischen Vorstellungen nicht ablegen kann, ein anderer der nur egoistisches Verhalten an den Tag legt, ein Pessimist der Ängste schürt, oder ein notorischer Unruhestifter, der den Zusammenhalt gefährdet. Immer wieder kommt es zu Spannungen, doch schließlich sitzt man im selben "Boot" und kommt sich insgesamt näher. Als man bei einem Zwischenstopp des Zuges in einem verlassenen Haus Lebensmittel und Wein findet, wird sogar auch einmal gefeiert, und die Ausgelassenheit überlagert die Angst. Man tanzt, singt und lacht zusammen. Hier schließt sich eine der intensivsten und erschreckendsten Szenen des gesamten Films an. Für einen kurzen Moment scheint alles vergessen, man sieht Menschen, die am Leben hängen, die heiter sind und gemeinsam lachen. Plötzlich kommt eine schwarz-weiß Einblendung mit Originalaufnahmen von Hitler und seiner Gefolgschaft, die ebenfalls lachen, aus dem Off hört man immer noch die Stimmen der Flüchtlinge, die die Bilder untermalen und es folgt der erste Luftangriff...

Die Regie beschränkte sich fast vollkommen darauf, Bilder, Gesten und Mimik sprechen zu lassen, die Archiveinblendungen vermitteln einen harten, grausamen Realismus und wirken unerträglich. Der Film hat ein langsames Erzähltempo und beschränkt sich auf eine sparsame Handlung, auf die er sich aber auch verlässt, seine Hauptdarsteller lassen große Momente entstehen und sprechen den Zuschauer unmittelbar und unmissverständlich an. Mit Philippe Sardes melancholischer und bewegender Musik treibt es einem unangenehme Schauer über den Rücken, die insbesondere im Finale des Films eines der intensivsten Zusammenwirken zwischen Bild und Musik entstehen lassen. Vor dem Hintergrund, mit dem sich dieses Werk beschäftigt, kommt man eigentlich mit herkömmlichen Einschätzungen und Analysen nicht wirklich weiter, es geht nur um die Frage, ob sich der Zuschauer bewegt fühlt oder nicht. "Nur ein Hauch von Glück" entlarvt sich nie als ein Film der falschen Untertöne und erspart sich unangebrachte melodramatische Anflüge oder gar den Zeigefinger zu erheben. Man verspürt eine sehr hohe Zuschauergewalt, die ich bei derartigen Aufarbeitungen immer für die beste Lösung halte. So bleibt ein ernster und erschreckender, wenn auch feinfühliger Film, der Emotionen herausfordert und zur Reflexion zwingt. Die Frage jedenfalls, ob Liebe stärker sein kann als alles andere, wird wieder einmal von Romy Schneider beantwortet werden können. Abschließen möchte ich mit der schönen Einschätzung aus Le Nouvel Observateur von 1973: »Die Österreicherin Romy Schneider in der Rolle der deutschen Jüdin ist zur Zeit eindeutig die beste Schauspielerin der französischen Leinwand. »Le Train« ist darum ein mehr als gelungener Film, weil es ein guter Film mit Romy Schneider ist.«


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BeitragVerfasst: 20.07.2013 00:42 
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MAGDALENA - VOM TEUFEL BESESSEN (1974)

Dagmar Hedrich als Magdalena
mit Werner Bruhns, Michael Hinz, Elisabeth Volkmann, Eva Kinsky, Karl Walter Diess, Peter Martin Urtel und Rudolf Schündler
eine Produktion der TV 13 im Verleih der Constantin Film
ein Film von Walter Boos




Die junge Magdalena (Dagmar Hedrich) lebt in einem Mädchenheim, da sie ihre Eltern bereits im Kindesalter verlor. Sie gilt als gewissenhaft, hilfsbereit und freundlich, bis zu dem Tag, an dem ihr Großvater durch rätselhafte Umstände ums Leben kam. Eines Morgens wird er von einer Prostituierten am Tor ihres Hauses gefunden, ermordet und gekreuzigt. Magdalena ist von nun an wie ausgewechselt, und sie fällt durch hysterische Anfälle, obszönes Verhalten und vulgäre Sprache auf. Die Heimleitung Frau Stolz (Elisabeth Volkmann) weiß sich keinen Rat mehr und ordnet eine ärztliche Behandlung an. Als Magdalena erneut ausrastet, zu allem Überfluss in der Kirche bei ihrem Bekannten, Pfarrer Conrad (Rudolf Schündler), zieht man den Psychoanalytiker Professor Falk (Werner Bruhns) zu Rate, der Magdalena in seinem Haus aufnimmt, um sie mit seinem Assistenten Doktor Scholz (Michael Hinz) zu beobachten. Doch beide ahnen noch nicht, dass sie sich von nun an in großer Gefahr befinden. Ist Magdalena tatsächlich von einem Dämon besessen..?

Unter seinem Pseudonym Michael Walter, schickte Regisseur Walter Boos dieses eigenwillige Feuerwerk, ganz im Fahrwasser des Exorzisten-Hype ins Rennen, und man kann vernehmen, dass der Film wirtschaftlich sogar sehr erfolgreich gewesen sein soll. Eine derartige Interpretation aus deutschen Landen wirkt für meine Begriffe nahezu beispiellos, nicht einmal der Thematik, sondern vor allem der Exposition wegen. Das Publikum wird mit einem Fließband an verbalen Obszönitäten und eindeutigen Posen konfrontiert, und der geneigte Zuschauer hat dabei tatsächlich einen dämonischen Spaß! Beim erstmaligen Ansehen fragte ich mich häufiger einmal, ob ich eigentlich richtig gehört habe, wenn Magdalena mit ihrem scharfzüngigen Gossenton aufwarten durfte. Ja, man hört und sieht stets richtig, und ohne falsche Bescheidenheit kann ich zugeben, wie amüsant das Alles wirkt, selbst bei jeder erneuten Sichtung. Das Ufa-Tape muss deswegen immer sehr schwer leiden, wenn bestimmte Szenen im halben oder vollen Dutzend zurückgespult werden. Ist das unfreiwillige Komik? Wenn ja, hat sie durchaus etwas für sich und findet meine volle Begeisterung. Handwerklich gesehen, bewegt sich die Inszenierung hauptsächlich auf TV-Niveau, was ihr schließlich ganz gut steht, da sich der komplette Film erst gar nicht als Exorzisten-Drama anbiedern möchte, sondern sich auf seine Weise, als Unterhaltungsreißer oder kleiner Horrorfilm mit beigemischter Sex-Würze präsentieren möchte. Abklatsch von großen Vorbildern ist nämlich so lange nicht schlimm, wenn diese Versuche auch einigermaßen gelungen sind.

Laiendarstellerin Dagmar Hedrich soll angeblich 1967 ihren ersten, also vorletzten Film gedreht haben, was ich aufgrund der Aussage im Vorspann (erstmalig auf der Leinwand) bezweifle. Eher ist davon auszugehen, dass sie sich nach dieser Strapaze zur Ruhe gesetzt hat. Ihre Vorzüge liegen nicht etwa in ihrem Schauspiel, welches man offen gesagt eher als einfältig betrachten darf, sondern in ihren choreografischen Fähigkeiten und ihren konstitutionellen Vorzügen, mit denen sie durchaus (Aufsehen) erregen kann. Wenn sie dann plötzlich loslegt (und in diesem Film braucht man nur etwa zehn Minuten darauf zu warten), wirkt sie jedoch auf eine seltsame Art und Weise überzeugend. Ihre Zustände der Besessenheit wirken beachtlich und ihre verbalen Entgleisungen spektakulär. Als sie sich erst- aber nicht letztmalig die Kleider vom Leib reißt, brüllt sie beispielsweise die Heimleiterinnen mit »Ihr Nutten!« an, wobei es sich dabei allerdings noch um gewählteres Vokabular handelt, nachdem sie zuvor ihre Kopulationsgelüste formuliert hatte. Bei Pfarrer Conrad bringt sie einen Satz, der mir vor Lachen immer wieder Tränen in die Augen treibt: »Ich möchte kommunizieren. Aber nichts in den Mund, sondern unten rein in die...!«, (ähm, natürlich in Anspielung auf ihre primären Geschlechtsorgane, und das nicht zum letzten Mal), und wie schon zuvor bei Eva Kinsky, glaubt man nach diesem Satz bei Rudolf Schündler genau die gleiche Empörung zu sehen, die gar nicht einmal gespielt wirkt. Sagenhaft dieses Titelmädchen, welches insgesamt wegen der mangelnden Präsenz der anderen Darsteller doch gar nicht so schlecht wegkommt, wie auf die ersten Blicke befürchtet. Die Riege der mitunter bekannten Schauspieler wirkt nicht nur Dagmar Hedrich, sondern auch dem Gesamtgeschehen komplett untergeordnet, so dass man keine bahnbrechenden Interpretationen herausfiltern kann.

Mit "Magdalena - Vom Teufel besessen" sieht man einen Film, der sich nicht nur als Bediensteter im Rahmen der Exorzisten-Welle sieht, sondern er tut vor allem auch seinen Frondienst hinsichtlich der florierenden Sex-Welle. Mit der Zeit kamen dabei viele Konglomerate heraus, die belanglos oder uninteressant waren und blieben, jedoch ist dieser Film von Walter Boos bestimmt nicht dazuzuzählen, weil es sich für meine Begriffe einfach um eine zu extravagante, mit neuen Impulsen angereicherte Interpretation handelt. Zwar wirkt der Plot viel zu inkonsequent in seiner Ausarbeitung, beinahe jeder Handlungsstrang im parallelen Verlauf wird zur Nebensächlichkeit, und die reißerischen Elemente setzen gerne einmal zum Überholmanöver an, aber - ich kann es nicht anders behaupten - es macht Spaß sich diesen Film (vor allem auch mehrmals) anzuschauen, denn Langeweile und Leerlauf bleiben hier Fremdwörter, naja, genau wie eben die Logik auch. Die Idee, ein dämonisches Wesen mit Rachegelüsten zu integrieren, welches sich zum Verwirklichen seiner Ziele eine weltliche Sex-Sklavin auserkoren hat, ist jedenfalls alles andere als herkömmlich. Der Verlauf jedenfalls forciert von Anfang bis (beinahe) Ende die Aufmerksamkeit des Zuschauers, angefangen mit dem Ermordeten, der gekreuzigt wurde, über die schamlose Achterbahnfahrt der Titelheldin, bis hin zum kleinen Finale, das an Aufklärung zwar interessiert erscheint, aber vollkommen wirr und diffus bleibt, von den fragwürdigen, medizinischen (sogenannten) Expertisen mal ganz abgesehen. Auch das Tauziehen zwischen Schulmedizin und Kirche wirkt ziemlich selbstgefällig. Vor allem empfiehlt sich dieser Film im akustischen Bereich, und diese Sequenzen wirken schon beunruhigend, visuell gesehen gibt es auch einige Nettigkeiten (Möbel rücken von selbst hin und her, Gegenstände schweben), und ein paar annehmbare Tricks lassen sich auch noch aufspüren. Also mich hat dieses eigentümliche Filmchen noch jedes Mal sehr schön unterhalten und amüsieren können!


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BeitragVerfasst: 20.07.2013 00:44 
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DEEP END (1970)

mit Jane Asher, John Moulder-Brown, Karl Michael Vogler, Christopher Sandford, Louise Martini, Erica Beer, Dieter Eppler, Anita Lochner und Diana Dors
ein Film von Jerzy Skolimowski




Mike (John Moulder-Brown) ist gerade frühzeitig von der Schule abgegangen, und beginnt, in einem Schwimmbad zu arbeiten. Dort wird er von der attraktiven Susan (Jane Asher) mit den Arbeitsabläufen vertraut gemacht, und beide verbindet zunächst nur Freundschaft. Mike entdeckt schnell die Liebe zu ihr, doch sie ist mit einem jungen Mann aus besseren Kreisen verlobt, pflegt außerdem ein Verhältnis mit dem ehemaligen Sportlehrer (Karl Michael Vogler) von ihm. Eifersucht, Besessenheit und ein gewisser Kontrollzwang nehmen für den jungen Mann unerträgliche Züge an, so dass er sich allerlei Tricks ausdenkt, um die Liebschaften von Susan zu stören. Mit seiner jugendlichen Fantasie schafft er es schließlich, Susan, die sich einerseits abweisend verhält, aber sich andererseits auch imponiert zeigt, für eine erste erotische Liaison zu gewinnen. Doch die umständlich entstandene Zweisamkeit nimmt ein unberechenbares Ende...

Die deutsch-britische Co-Produktion 'Deep End' wurde von Regisseur Jerzy Skolimowski inszeniert. Damals leider ohne erhofften wirtschaftlichen Erfolg, gilt er heute als Kultfilm. Die Einschätzung des Anthology Film Archives ("Einer der besten Filme der Siebzigerjahre") hat bestimmt etwas für sich, denn diese Produktion vermittelt so viel Exotik, Leichtfüßigkeit, Leidenschaft und einen ungeheuren Charme. Die Geschichte um das pubertäre Gefühlschaos eines Fünfzehnjährigen wurde sehr geistreich und überzeugend, aber vor allem relativ authentisch dargestellt, und es bereitet wirklich Freude, diesem Hin und Her zu folgen. Der Film ist voll Fantasie und Gespür, aber auch Verrücktheit, die teils verzerrten Charaktere bringen viel Witz in die Angelegenheit, außerdem bahnt sie unter Umständen eine direkte Vergleichsmöglichkeit, sozusagen einen Transfer, an die eigene Erfahrung. Auffällig ist die, handwerklich gesehen, hochwertige Umsetzung, die in den Bereichen Kamera, Bildgestaltung, Schauplätzen und progressiven Einfällen der Regie, große Akzente setzen kann. Hinzu kommen die atemberaubenden Musikstücke von Cat Stevens und der Kölner Band The Can, die das hervorragende Gesamtbild unterstreichen. Die Besetzung ist ein Gütesiegel, und besonders auf deutscher Seite interpretierten einige Schauspieler Charaktere, die rein gar nichts mit ihrem herkömmlichen Bild zu tun hatten.

In der großen weiten Welt des Films gab und gibt es unzählige schöne Frauen. Immer und immer wieder. Doch spätestens wenn man hier zum ersten Mal mit Hauptdarstellerin Jane Asher, ja, konfrontiert wird, kann man nicht anders und ist grenzenlos fasziniert und ebenso vereinnahmt von ihr, wie es bei dem jungen Protagonisten der Fall ist. Susan besitzt eine Aura, wie man sie selten ein zweites Mal empfindet, und dabei muss sie gar nicht erst viel tun, geschweige denn, einen Kraftakt hinlegen. Sie gibt der Wendung "Liebe auf den ersten Blick" einen phänomenalen, greifbaren, aber vor allem glaubhaften Sinn, ihr Erscheinungsbild hat etwas aufforderndes, und es steht außer Frage, dass es wohl kaum einen (jungen) Mann geben dürfte, der möglicherweise wegen ihr nicht den Kopf verlieren, und sich Hals über Kopf in sie verknallen dürfte. Wenn ich einmal Walter Giller aus "Der Würger von Schloss Blackmoor" zitieren darf: »Liebe auf den ersten Blick verkürzt die Zeit!«, was sehr charakteristisch für sie und diese Geschichte steht, denn alles spielt sich dem Empfinden nach, lediglich innerhalb einer Woche ab. Und was Jane Asher angeht, so hat sie in mir einen neuen, großen Bewunderer gefunden! John Moulder-Brown gehört zu den wenigen Schauspielern, die mich persönlich uneingeschränkt beeindrucken. Bei dieser Darbietung geht der damals Achtzehnjährige über die Grenzen von konventionellen Interpretationen hinaus, und man bekommt eine Mischung aus Talent, Intuition und bemerkenswerter Spontaneität geboten. Es ist herrlich Mike dabei zu verfolgen, wie er Pläne schmiedet und Tricks ausheckt, um die amourösen Tätigkeiten seiner Herzdame zu unterbinden. Heute würde man sagen, dass er stalkt, allerdings nicht im klassischen Sinne. Er zeigt Facetten einer schier unendlichen Fantasie, wie sie nur junge Leute haben können, er präsentiert etliche Flausen, die ihm im Kopf herumschwirren, die obendrein auch noch eine Umsetzung erfahren, die Mischung aus Unbeholfenheit, Gefühl und Impulsivität wirkt erfrischend wie nur selten.

Von deutscher Seite gibt es wie gesagt eigenartige, aber vollkommen überraschende Leistungen. Karl Michael Vogler, ehemaliger Lehrer von Mike, und nun Liebhaber von Sue, begegnet man zuerst in der Badeanstalt. Er zieht seine blutjungen Schülerinnen mit seinen lüsternen Blicken aus, er fühlt sich dabei wie ein Gott, er gafft sie an und betatscht sie bei jeder Gelegenheit, Außerdem wird er noch einige tolle Szenen mit Jane Asher haben, die nachhaltig im Gedächtnis bleiben. Die Brisanz der Darstellungen wird durch die hochwertigen, teils saftigen Dialoge forciert. Wer hat bislang Dieter Eppler beispielsweise schon einmal Derartiges sagen hören?: »Irgendwann ist es soweit. Dann kriegt die von mir einen rein geschoben!«. Oder Louise Martini, als laszive Prostituierte, die nur mit halber Kraft anschaffen kann, ihre Dienste also dementsprechend auch zu Schleuderpreisen anbietet, da sie ein Gipsbein hat. Erica Beer, als Jünglinge verschlingende, alternde, und mit konstitutionellen Problemen kämpfende, frustrierte Frau, mit der die Zeit offensichtlich nicht gerade freundlich umgegangen ist, und die immer wieder dezente, zickige Kämpfe mit der schönen Hauptdarstellerin veranstaltet... Sagenhafte, wenn auch sehr kurze Leistungen dieser Interpreten aus der Schublade! Für einen spektakulären Gast-Auftritt sorgt Diana Dors als Kundin des Schwimmbades. Sie gibt mit John Moulder-Brown eine Vorstellung, die ich wirklich fast beispiellos nennen möchte. Absolute Spitzenklasse!

Es ist immer schön, wenn man tatsächlich ohne jegliche Abstriche sagen kann, dass ein Film dermaßen packen und überzeugen konnte, wobei in meinem Fall verzaubern sicherlich die trefflichere Vokabel darstellt. Das einzig verwirrende an diesem traumwandlerischen Spektakel ist, dass man dem Zuschauer eine seltsame Tragik und einen harten Schock nicht ersparte. Ansonsten inszenierte Jerzy Skolimowski vollkommen unkonventionell und wirklich mutig, ohne allerdings an Niveau einzubüßen. Der nachhaltige Gesamteindruck ist und bleibt einfach nur großartig. Alle Komponenten dieses Films wirken symbiotisch, und völlig frei von irgendwelchen Zwängen, die man vielerorts und leider viel zu häufig irrtümlich in Filme hinein zwängte. 'Deep End' transportiert nicht nur Temperament und knisternde Erotik als Kunstform, sondern besticht in vielerlei Hinsicht als Kind seiner Zeit. Selten durfte man beispielsweise eine so anspruchsvolle, aufregende Erotik-Szene miterleben wie im Finale, das zeitgenössische London-Flair wirkt berauschend, und die schauspielerischen Leistungen sind turmhoch über dem Durchschnitt anzusiedeln, so dass es einfach nur riesigen Spaß macht, in diesem Film mitzulachen, mitzuträumen, mitzurätseln, den Kopf zu schütteln und Déjà-vu-Gefühle zu ordnen. Nicht zu Unrecht gilt dieser Beitrag also als "Meilenstein des erotischen Arthouse-Films", und ohne jeden Zweifel auch ab sofort als Meilenstein in der eigenen DVD-Sammlung. In der Tat ausgezeichnet; das sollte man unbedingt gesehen haben!


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BeitragVerfasst: 20.07.2013 00:47 
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LA ENCADENADA / PERVERSIONE / DIARY OF AN EROTIC MURDERESS (1975)

Marisa Mell als Gina/Elizabeth
mit Richard Conte, Anthony Steffen, Lili Muráti, Richard Baron, Carla Calò und Juan Ribó
eine italienisch-spanische Gemeinschaftsproduktion der Metheus Film | Emaus Films S.A.
ein Film von Manuel Mur Oti




»Does one have to be old and ugly to work for you?«


Der Geschäftsmann und Millionär Alexander (Richard Conte) ist besorgt um seinen Sohn Marc (Juan Ribó), der seit dem Tod seiner Mutter an einer psycho-affektiven Störung leidet, und seit diesem Zeitpunkt kein Wort mehr spricht. Außerdem fällt er durch introvertiertes, sonderbar manisches und aggressives Verhalten auf, er terrorisiert die Menschen aus seinem Umfeld. Bislang hatte noch jede "Gouvernante" das Weite gesucht. Als professionelle Hilfe engagiert er schließlich die attraktive Psychologin Gina (Marisa Mell), die Mark betreuen, und ihn in die Normalität zurückführen soll. Schnell gewinnt sie das Vertrauen ihres Patienten und auch die Zuneigung ihres Arbeitgebers. Doch mit der schönen Frau scheint irgend etwas nicht zu stimmen. Bald findet Alexander heraus, dass er sich mit Gina, die eigentlich Elizabeth heißt, eine gewöhnliche Kriminelle in sein Anwesen geholt hat, die es nur auf die Kunstschätze im benachbarten Kloster abgesehen hat, und die obendrein noch auf der Flucht vor ihrem gewaltbereiten Ehemann Richard (Antony Steffen) ist. Elizabeth findet im Haus das Tagebuch der verstorbenen Ehefrau, welches sie gründlich studiert. Darin niedergeschrieben ist ein lückenlos ausgearbeiteter Mordplan um sich des verhassten, rücksichtslosen Millionärs zu entledigen. Wird Elizabeth diese ungeheuerliche Idee aufgreifen, wer ist außerdem der mysteriöse Fremde, der plötzlich auftaucht, und welche Rolle wird Marc bei dieser Angelegenheit noch spielen...?

Bei Manuel Mur Otis "La Encadenada" handelt es sich um einen vollkommen unbekannten, und in leider Vergessenheit geratenen Film, der seinerzeit ignoriert wurde und nachweislich floppte. Die Zuordnung in ein bestimmtes Genre fällt eher schwer, da sich hier viele Elemente überschneiden und vermischen. So ordnet man ihn aufgrund typischer Charakteristika vordergründig gerne den Gialli zu, und genauso gut darf man die Produktion als Psycho-Drama oder-Thriller klassifizieren; man findet von allem etwas, allerdings nichts in letzter Konsequenz. Schwer zu kämpfen hat der Film mit seinem behäbigen Erzähl-Tempo, er setzt auf vollkommen andere Pferde wie Spannung oder Action, so dass empfundene Längen aufkommen können. Dies gilt allerdings nicht für Marisa Mell-Fans, da die Österreicherin in nahezu jeder Szene zu sehen ist und diese Geschichte nicht nur dominiert, sondern in außergewöhnlicher Manier prägt und veredelt. Es scheint schließlich so zu sein, dass hier dramaturgisch gesehen einiges an Potential liegen gelassen wurde, aber der gezielte Blick offenbart, dass man keiner passiven Berieselungsstrategie nachgehen wollte. So könnte man "La Encadenada" vielleicht ein modernes Märchen nennen, in dem traumhafte Bilder gezeigt werden, die durchgehend mit der wunderschönen Musik von Carlo Savina verschmelzen. Mir kam diese Geschichte immer etwas diffus vor, was man aber eigentlich so gar nicht sagen kann, da der Aufbau bemerkenswert klar ist. Verwirrend ist wahrscheinlich in erster Linie wirklich die unklare Genre-Entscheidung des Films.

Ich kenne kaum einen anderen Film mit Marisa Mell, den sie so derartig dominiert und in dem ihre Erscheinung so bestechend ist. Es wirkt sogar manchmal so, als habe man den kompletten Film ausschließlich um sie herum konstruiert, weil ihr alles vollkommen untergeordnet wirkt. So widmet sich die Kamera vornehmlich den wichtigen Aufgaben, nämlich ihr so viele Liebeserklärungen in Form von exzessiven Großaufnahmen zu machen, wie nur möglich. Selten hat man Marisa Mell so schön, verzaubernd und geheimnisvoll gesehen wie hier. Innerhalb der Geschichte, die visuell und akustisch gesehen oftmals wie ein nicht zu ordnender Traum erscheint, wirkt ihr Schauspiel beinahe vertiginös, sie zeigt erfreuliche Kostproben ihres Temperaments und letztlich wird durch diese Leistung eine Brillantschliff charakterisiert. Die Rolle der Elizabeth ist nicht nur ihre schönste der Siebziger Jahre, sondern eine der bemerkenswertesten Interpretationen innerhalb ihrer Karriere. Elizabeth transportiert einiges an Tiefe, ohne dabei einen Kraftakt hinlegen zu müssen. Dennoch sieht es so aus, als liefe ihr die Zeit davon, als fühle sie sich von einem Unbekannten bedroht, obwohl sie augenscheinlich die Bedrohung im Gesamtgeschehen darstellt. Die Herren der Schöpfung liefern sehr rund wirkende Leistungen ab, ob Richard Conte, der den lieblosen Vater und rücksichtslosen Millionär sehr präzise darstellt, Anthony Steffen, der Elisabeth erpresst, demütigt oder auch schlägt, oder auch Juan Ribó, der den verstummten und triebigen Beobachter, der überall zu sein scheint, recht intensiv, allerdings auch vollgerammelt mit Klischees darstellt.

'Diary Of An Erotic Murderess' kommt beinahe vollkommen ohne Effekte aus, man bekommt kaum nackte Haut geboten, keinen einzigen Tropfen Blut, und das Ganze spielt sich dann doch eher in (mutmaßlichen) psychologischen Sphären ab. Lange brauchts wie erwähnt, bis der Film in Fahrt kommt, wobei das nicht gleichzeitig heißt, dass Langeweile aufkommt, denn dafür ist die Inszenierung zu elegant, hochwertig und besitzt die Fähigkeit, dennoch zu fesseln. Ein paar nette Twists sorgen immer mal wieder für Aufsehen und wehren sich so gegen eine empfundene Vorhersehbarkeit, offerieren hin und wieder sogar einen diskreten, doppelten Boden. Bei alle Vorzügen und Nachteilen kommt es irgendwie zwangsläufig zu einem irritierenden und verwirrenden Gesamteindruck, da sich die mangelnde Entscheidungsfindung des Films 1:1 auf den Zuschauer überträgt, und so abgedroschen das auch klingen mag, aber aus diesem Material hätte unter Umständen ein absoluter Volltreffer entstehen können. In Deutschland hat "La Encadenada" nie eine Auswertung erfahren, und wenn man sich hier Hauptdarstellerin Marisa Mell genau betrachtet, ist es offensichtlich, dass der Film lange vor 1975 gedreht worden sein muss. Koryphäe Carlo Savina steuerte seine Musikthemen bei, die den höchsten künstlerischen Anspruch vermitteln. Wunderbare, träumerische Klavierklänge untermalen das Szenario und bleiben lange im Gedächtnis, so dass man besonders das Titel-Thema mehrere Tage nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Das Ambiente ist gut durchdacht und sehr stilvoll hergerichtet, stellenweise kommt eine sehr dichte Atmosphäre auf, und viele denkwürdige Szenen wecken das Interesse des geneigten Zusehers. So entfaltet sich langsam aber sicher ein Netz aus Begierde, Berechnung, Erpressung, Mord und einigen Katastrophen, die doch reizvoll erscheinen werden, bis das Szenario in einem Alptraum gipfelt. Ich behaupte nicht zu viel wenn ich sage, dass man mit 'Diary Of An Erotic Murderess' weinig Herkömmliches geboten bekommt. Auf seine eigene Art und Weise ist dieser Beitrag überaus faszinierend!


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 Betreff des Beitrags: Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? - Prismas Filmtagebuch
BeitragVerfasst: 20.07.2013 00:52 
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NEL BUIO DEL TERRORE / HISTORIA DE UNA TRAICIÓN / THE GREAT SWINDLE (1970)

mit Marisa Mell und Sylva Koscina
und Stephen Boyd, Fernando Rey, Massimo Serato, Simón Andreu, María Martín, Alfredo Santacruz, u.a.
eine italienisch-spanische Gemeinschaftsproduktion der International Apollo Films | Atlántida Films
ein Film von José Antonio Nieves Conde




»You have tricked me again!«


Carla (Marisa Mell), eine nicht unbekannte Prostituierte in besseren Kreisen, und der reiche Industrielle Luis Montalban (Fernando Rey) beginnen nach einigen gemeinsamen Treffen eine Liebesbeziehung miteinander. Allerdings steht Carla zwischenzeitlich wieder in einer Beziehung mit der attraktiven Kellnerin Lola, (Sylva Koscina), die sie aus den Augen verloren hatte. Durch ihre Freundin lernt Lola nun auch den reichen Geschäftsmann kennen, der fortan nur noch Augen für sie hat, bis die beiden schließlich heiraten. Die zwei Frauen verlieren sich erneut aus den Augen bis Carla eines Tages die Nachricht vom Tode Montalbans aus der Zeitung erfährt, der mit seinem Jet abgestürzt ist. Nun ist ihr Beistand gefragt, doch es scheint, als führte sie Anderes im Schilde. Ist es Rache, ist es Liebe? Zusammen mit dem Künstler Arthur (Stephen Boyd), der sie einst vor dem Sprung von einer Klippe bewahrte, und der seit längerem ihr Liebhaber ist, schmiedet sie ein Komplott. Doch in diesem Fall kann keiner dem anderen trauen, denn jeder versucht seine Interessen rücksichtslos zu wahren, bis die Situation schließlich außer Kontrolle gerät...

Bei José Antonio Nieves Condes Beitrag handelt es sich um einen weiteren, leider seltenen und wenig bekannten Film, der weitgehend gerne auch einmal dem Gaillo-Genre zugeordnet wird, wobei man ihn durchaus auch als eine Art Psycho-Thriller klassifizieren könnte. Der spanische Regisseur drehte mit dem Gespann Stephen Boyd und Marisa Mell auch noch den eigentlich wesentlich bemerkenswerteren Film "Marta", und er setzte seine Hauptpersonen hier wie dort blendend in Szene. Die Geschichte ist hochinteressant und bedient sich angesichts der Inszenierung einer eigenartigen Komplexität, die Aufmerksamkeit und auch Spannung begünstigen. In "Nel buio del terrore" sieht man verwirrende Plot-in-Plot-Fragmente, außerdem scharenweise kompliziertere Rückblenden, die sich teils wieder in Rückblenden präsentieren, was der Produktion im Ganzen jedoch einen sehr faszinierenden Schliff gibt. Leider ist das mir zur Verfügung stehende Ausgangsmaterial ziemlich miserabel, viele Bild- und Tonsprünge verwässern diesen (unter normalen Umständen) filmischen Hochgenuss leider erheblich. Nieves Conde setzt auf opulente Settings, träumerisch-trügerische Bilder und vor allem auf unzählige Zooms bei seinen Hauptdarstellerinnen. Marisa Mell und Sylva Koscina in einem Szenario stellt für mich persönlich eine atemberaubende Konstellation dar, die wirklich kaum zu toppen ist! In Verbindung mit Carlo Savinas Musik-Kompositionen wird das Wahrgenommene in diesem Film zum absoluten Traum, beziehungsweise aufgrund der kompetenten Umsetzung der Regie zur Demonstration.

Die große Bühne in dieser Geschichte gehört Marisa Mell, die sich Anfang der Siebziger Jahre auf dem Höhepunkt ihrer Karriere befand. Ihre Carla wirkt wie das Epizentrum der Sinnlichkeit, aber auch der Verwirrung, und Marisa Mell konnte ihre Figur mit unterschiedlichsten Facetten ausstatten, was für ein Funktionieren der Thematik auch letztlich eine Grundvoraussetzung darstellt. Nicht nur optisch gesehen, sondern vor allem darstellerisch sieht man sie in einer ihrer schönsten und aussagekräftigsten Rollen, die noch nicht, wie bereits einige Jahre später, oftmals von der Belanglosigkeit umzingelt waren. Carla transportiert eine undurchsichtige Note, und ihre inneren Abgründe werden nur sichtbar, wenn dies die Resonanzkörper in Form der anderen Personen zulassen. In kaum einem anderen Film hat man Marisa Mell so ausgelassen, und sie so häufig herzhaft lachen gesehen, auf der anderen Seite sieht man aber auch eine berechnende, gefühlskalte Frau, deren harte, teilnahmslose Blicke diverse Rückblenden einleiten. Die weiteren wichtigen Charaktere in dieser Geschichte stellen Sylva Koscina und Stephen Boyd dar, und alle arbeiten verlässlich daran, dass die diffusen Zusammenhänge lange Zeit unklar bleiben. Der Zuschauer ahnt zwar, dass in dieser Dreieckskonstellation ein Trojanisches Pferd lauern könnte, die Hauptpersonen glauben es sogar zu wissen, da sich jeder einzelne selbst dafür hält, doch es wird schließlich nicht nur für den Zuschauer Überraschungen geben.

Die schöne Wahl-Italienerin Sylva Koscina steht ihrer Kollegin aus Österreich in Nichts nach und stellt einen ebenso großen Grund zur Freude dar. Koscina und Mell haben in dieser Produktion neben all ihrer natürlich ausgestrahlten Erotik noch einige lesbische Einlagen zum Besten zu geben, die allerdings harmlos wirken. Hier und dort mal ein unschuldiger Kuss, ein gemeinsames Bad oder ein, dem Empfinden nach unmotiviert klingendes »I love you so much!«, mag man den attraktiven Gespielinnen nicht so recht abnehmen. Auch interpretiert Marisa Mell eine ihrer unzähligen Film-Strips, bei dem ihr allerdings von ihrer Kollegin buchstäblich, und reichlich angeheitert die Show gestohlen wird. Sylva Koscina spielt in dieser Produktion unglaublich leichtfüßig und mitreißend, so dass es einfach nur ungeheuren Spaß macht, ihre strahlende Aura bestaunen zu können, außerdem offeriert sie ein wesentlich höheres Identifikationspotential für den Zuschauer. Die Chemie zwischen Stephen Boyd und Marisa Mell ist hier perfekt, da die beiden seinerzeit, beziehungsweise spätestens ab dem nächsten gemeinsamen Film auch privat liiert waren, was man in ihren Memoiren 'Coverlove' nachlesen kann. Es kommt jedenfalls wirklich Feuer und Leidenschaft auf, die Interaktionsleistungen wirken nicht nur spontan, sondern auch glaubhaft. Stephen Boyd lässt sich von den starken Frauen, und von deren ausfüllenden Interpretationen, in keinster Weise einschüchtern, vor allem aber nicht beeindrucken, und er wirkt routiniert und sehr prägnant. Seine tragende Rolle wirkt lange Zeit unscheinbar, streckenweise auch undurchsichtig, die geschilderten Konstellationen erschließen sich langsam aber schließlich furios.

Die Hintergründe des Films entzerren sich mit fortlaufender Zeit nur schwer und stiften immer wieder Verwirrung. Auch dieses Puzzle kommt beinahe komplett ohne herkömmliche Effekte aus, und versucht seinen teils umständlichen Weg eher auf psychologischer Ebene abzuhandeln, was nicht immer perfekt gelingt. Auch wenn sich von Zeit zu Zeit etwas Leerlauf-Potential einschleicht (man muss sehr lange auf das erste Verbrechen und den ersten Tropfen Blut warten), arbeitet die Regie auf ein solides Finale hin, welches einige Twists bereit hält, was die Gesamtkonstruktion rückblickend durchaus raffiniert erscheinen lässt. Was man ohne Abstriche sagen kann ist, dass die Produktion eine bemerkenswerte Schönheit und Eleganz transportiert, es kommt eine Faszination zum Vorschein, die gewisse Unzulänglichkeiten geradezu weg dividiert. Sicher hätte man diesen Film unkomplizierter herstellen können und er hätte wahrscheinlich genau so gut funktioniert, aber das Verwirrung stiftende Element, das man lange Zeit gar nicht genau einschätzen kann, macht einen großen Reiz aus. Konventionelle Themen in unkonventionellen Silhouetten, gedankliche Kehrtwendungen und die diskrete Angriffslust der Regie, das verschwörerische Element um ein geheimer Drahtzieher; das alles hält schon prächtig bei Laune und wirkt auch bei mehrmaligem Anschauen immer wieder frisch und wie ein Überraschungspaket. Versehen ist das ganze mit der schönsten Musik, die ich überhaupt aus irgend einem Film kenne, und irgendwann sollten die Gebete erhört werden, dass dieser eher eigenwillige Film endlich eine vernünftige Veröffentlichung bekommt, damit man nicht nur seine Ausstattung, sondern auch seine Hauptdarstellerinnen in voller Makellosigkeit und Schönheit bewundern kann. Insgesamt handelt es sich bei Nieves Condes Beitrag wirklich um einen überraschend unkonventionellen und erfrischenden Beitrag, der zwar alles andere als perfekt dasteht, aber als Ganzes eine begeisternde Wirkung erzielt.


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 Betreff des Beitrags: Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? - Prismas Filmtagebuch
BeitragVerfasst: 20.07.2013 01:38 
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REIGEN / DER REIGEN (1973)

mit Gertraud Jesserer, Hans Brenner, Sydne Rome, Helmut Berger, Senta Berger, Peter Weck, Maria Schneider, Michael Heltau, Erika Pluhar, Helmuth Lohner
nach dem gleichnamigen Bühnenstück von Arthur Schnitzler
eine Produktion der Lisa | Divina
ein Film von Otto Schenk


Bild



»Sog wenigstens host mi gern?«


Ganz Wien träumt von der Liebe. In welch facettenreicher Art und Weise sich dieser Traum gestalten kann sieht man bei Emma, Alfred, Marie, Karl, Leokardia, Franz und ihren Partnern, die sehnsuchtsvoll nach Liebe dürsten. Wie es der Zufall will, kreuzen sich ihre Wege. Es ist ein Wechselspiel der flüchtigen Begegnungen zwischen Menschen mit unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Bedürfnissen. Die Männer einfallslos und egoistisch, die Frauen raffiniert und dennoch schwach. Die schönste Nebensache der Welt, ist zweifellos das Zentrum, um das sich alles dreht. Wer erobert wen am schnellsten, das ist hier die Frage. Es ist ein Reigen des Spreizens und Zierens, des Lügens und Liebens, der Verlockung, der Hingabe und nicht selten der Enttäuschung. [Zitat "Der Reigen", erschienen bei MCP]

Das Bühnenstück "Reigen" von Arthur Schnitzler löste bei seiner Uraufführung 1921 einen der größten Theaterskandale des 20. Jahrhunderts aus. Wenn man bedenkt, dass es bis 1982 ein Aufführungsverbot gegeben hat, kann man erahnen welche Empörung das Stück damals ausgelöst haben muss. Otto Schenk hielt sich dem Vernehmen nach sehr nahe an der Vorlage, interpretierte den Stoff jedoch wesentlich freizügiger. Die sozialkritische Komponente und der Tiefsinn mögen bei dieser Adaption von 1973 möglicherweise fehlen, aber man bekommt ein ultimatives Amüsement mit Starbesetzung geboten. Der Ausstattungsfilm überzeugt des Weiteren mit authentischen Kulissen der Wiener Belle Époque und einer ausgezeichneten Dialogarbeit. Geschildert wird die Tatsache, dass sich Klassenunterschiede unter gewissen Voraussetzungen aufheben, denn im Bett sind sowohl Aristokratie als auch Proletariat gleich, was in diesem Szenario eindrucksvoll hervorgehoben wird. Dieses Beischlaf-Karussell wirkt überaus grotesk, die Strategien der Beteiligten gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Männer reden mit Engelszungen um an ihr Ziel zu kommen, Frauen bedienen sich einer aufgesetzten Zierde und reden permanent vom "Nein", meinen aber im Endeffekt das genaue Gegenteil. In Verbindung mit den Beteiligten Schauspielern wird dieses Lustspiel in buchstäblich mehreren Akten zum Vergnügen.

Der Mut vieler Darsteller an Exposition oder Illustration ist wohl auf die seriöse Vorlage zurückzuführen. Gertraud Jesserer als gewöhnliche Hure, die sich gerne auch einmal unentgeltlich hingibt, Hans Brenner als Soldat, der nach unschuldigen und naiven Damen Ausschau hält, Sydne Rome als Zimmermädchen, die stattlichen Mannsbildern nicht widerstehen kann, Helmut Berger, der aristokratische junge Herr, der keine Klassenunterschiede kennt, Senta Berger, die sich mit Vorliebe nötigen lässt, weil ihr Mann Peter Weck eine Liebes-Strichliste zu führen scheint, Maria Schneider das süße Mädel, welches ältere Semester verrückt werden lässt, Michael Heltau, der die lyrische Verführungskunst sein Eigen nennt, Erika Pluhar, die abenteuerlustige Schauspielerin mit wollüstigem Temperament, und Helmuth Lohner der an die Etikette gefesselte Graf. Egal wer bei wem landet, die Mechanik und die Strategie bleibt die gleiche, und vor allem das Ergebnis ist jederzeit das selbe. Ein amüsanter Kreislauf und interessante Begegnungen lassen bei der langen Spieldauer keine Auszeiten aufkommen. Hervorragend ist außerdem die Musik von Francis Lai, die einen auf die Zeit blendend angepassten Ohrwurm darstellt. Insgesamt wirkt "Der Reigen" auf mich rundum gelungen, und zwar als Unterhaltungsfilm. Dass im Endeffekt nicht die allerschwerste Kost dabei herausgekommen ist, halte ich für begrüßenswert. Ein herrlicher Spaß, ich musste sehr oft lachen! Man fragt sich, was sich innerhalb von beinahe 100 Jahren eigentlich geändert hat. Vielleicht nur die Kleidung?


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 Betreff des Beitrags: Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? - Prismas Filmtagebuch
BeitragVerfasst: 21.07.2013 02:14 
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DER WÜRGER KOMMT AUF LEISEN SOCKEN / LO STRANGOLATORE DI VIENNA (1971)

mit Victor Buono, Brad Harris, Franca Polesello, Carl Stearns, Sybil Martin, Hansi Linder und Karin Field
eine deutsch-italienische Co-Produktion der HIFI Stereo 70 KG | Neptunia Film | Regina Films
ein Film von Guido Zurli


Bild


»I'm no longer mad!«


Im Wien der Dreißiger Jahre wird der Metzgermeister Otto Lehman (Victor Buono) aus der Nervenheilanstalt entlassen, in die er seinerzeit von seiner eigenen Frau Hannah (Karin Field) gebracht wurde. Angeblich geheilt von Impulsivitätszuständen und Wahnvorstellungen, zieht der voyeuristisch veranlagte Metzger, zum Unmut seiner Frau von zu Hause aus, da er ihre Nörgeleien nicht länger ertragen kann. Bei einem erneuten Streit dreht Otto eines Tages durch, und erwürgt sie im Affekt. Die Leiche entsorgt er in der eigenen Metzgerei, indem er sie zu Wiener Würstchen verarbeitet. Schnell spricht sich das neue Aroma bei der ohnehin schon zufriedenen Kundschaft herum, so dass der Laden nun richtig anfängt zu brummen. In der Zwischenzeit wird er sogar zum Exklusiv-Lieferanten der ansässigen Polizei, denn er gilt als bester Fleischer in Wien. Das Problem an der Sache ist, dass Lehman neuen Nachschub braucht. Als seine attraktive Nachbarin, die er immer durch das Fenster beim zu Bett gehen beobachtete, schließlich bei ihm um Unterschlupf bittet, tun sich neue Möglichkeiten auf...

Diese deutsch-italienische Co-Produktion von Regisseur Guido Zurli stellt unterm Strich eine hochinteressante Variante der Groteske, beziehungsweise der Komödie mit Horror-Elementen dar, und es ist erstaunlich, wie gut dieser Film zu unterhalten weiß. Der verheißungsvolle deutsche Titel leitet allerdings vollkommen, wenn vermutlich auch genüsslich in die Irre, denn anstatt eines Nerven aufreibenden Schreckensstückchens bekommt man eine waschechte Groteske mit dem Hackebeilchen serviert, die wie erwähnt, und man kann es nicht oft genug sagen, auch obendrein noch großen Spaß macht. Es stimmt tatsächlich; zum Fürchten ist hier kaum etwas, aber die Geschichte mit ihren aufgedrehten Personen kann so manchen echten Lacher provozieren. Geboten bekommt der Zuschauer eine mal etwas andere Fleischbeschau, die letztlich mit ganz einfachen Mitteln funktioniert, aber von Anfang bis Ende sehr eingängig konstruiert wurde. Im Wien der Dreißiger Jahre spielend, sieht man daher allerhand Sehenswürdigkeiten, viele Szenen wurden außerdem mit Wiener Walzer und charakteristischen Klängen untermalt, in den Sequenzen, in denen Der Würger zuschlägt, schlägt die Musik forcierendere Töne an und erinnert sogar etwas an Riz Ortolanis Score aus "Das Rätsel des silbernen Halbmonds". Die deutsche Synchronisation soll dem Vernehmen nach, mit ihrem Wiener Dialekt zusätzlich eine besondere Atmosphäre schaffen und für bemerkenswerte Pointen sorgen, leider kenne ich nur die englische Sprachfassung, die allerdings auch ganz in Ordnung ist.

Das mutmaßliche Grauen der Geschichte poltert in Form von Victor Buono durch die wackligen Kulissen, und das alles andere als auf leisen Socken. Er ist der verrückte Metzger, der von seiner Frau in die Anstalt eingewiesen wurde. Buonos Erscheinung sorgt für eine sehr hohe Glaubwürdigkeit. Zunächst nimmt man ihm aufgrund seiner Konstitution schon einmal den Fleischer ab, und eigentlich wirkt er mit seinem gemütlichen Wesen recht unscheinbar, bis zu den Situationen, in denen ihm die Sicherungen durchbrennen. Er wird impulsiv, handgreiflich, aggressiv, setzt seinen ausgeflipptesten Blick auf und wetzt die Messer, so dass ganz beachtliche Momente entstehen. Diesen ersten Ausbruch muss leider seine Frau Hannah, in Form der so hochverehrten Karin Field miterleben. Sie gängelt ihn wo sie nur kann, macht Vorwürfe am laufenden Band und wirkt nicht nur auf Otto schrecklich Nerv tötend, sondern genau so auf den Zuschauer, bis der Gatte schließlich ausrastet. Karin Field beweist ihr komödiantisches Talent und wieder einmal eine weitgehend flexible Interpretationsgabe. Ihre Ermordungsszene ist ein besonders starker Moment, mit aufgerissenen Augen und weit heraus gestreckter Zunge. Erwähnenswert ist außerdem, dass die Schauspielerin in einer ihrer wenigen Filme zu sehen ist, in dem sie sich nicht ausziehen durfte, beziehungsweise Alternatives vor der Kamera zu leisten hatte. Aber wir mögen sie natürlich auch so! Insgesamt gesehen, leistet die erweiterte, eher unscheinbar wirkende Besetzung sehr erbauliche Leistungen, die die Geschichte sehr gut unterstützen. Auch Brad Harris findet hier eine sehr angemessene und wohltuende Mischung aus ein bisschen Ernsthaftigkeit und Witz, was wesentlich dosierter als anderswo wirkt.

Es ist gar nicht so direkt möglich, "Der Würger kommt auf leisen Socken" in ein bestimmtes Genre einzuordnen, da man sich hier einem kleinen Rundumschlag hingegeben hatte, was durchaus erfrischend wirkt. Die bizarren Inhalte und die überspitzt agierenden Beteiligten wirken, was immer sie auch tun, sehr stilsicher und können mit feinem Humor überraschen. Die Schockmomente des Films werden beinahe ausschließlich durch die Blume serviert, und somit in der Fantasie der Zuseher weiter gespielt. Dass die Opfer zu Wiener Würstchen verarbeitet werden und reißenden Absatz finden ist originell, auch den verrückten Metzger bei dieser Arbeit zu beobachten, ruft eher Schmunzeln als Ekel hervor, und die Kriminal-Geschichte wirkt schließlich ebenso heiter wie denkwürdig, bis alles in einem kleinen, aber überaus gelungenen Showdown gipfelt. Dass die Story vorhersehbar ist, stört nicht im Geringsten, dass man dem Film sein wohl eher überschaubares Produktionsbudget recht häufig ansieht, vermittelt sogar einen gewissen Charme, die Darsteller sind gut aufgelegt, die Bilder sind stimmungsvoll, und man kann es nicht anders sagen: Dieses Filmchen ist sehr gelungen und unterhält von Anfang bis Ende. Richtig klasse!


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 Betreff des Beitrags: Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? - Prismas Filmtagebuch
BeitragVerfasst: 23.07.2013 00:20 
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IM SCHLOSS DER BLUTIGEN BEGIERDE / DAS SCHLOSS DER GEHENKTEN (1968)

mit Janine Reynaud, Claudia Butenuth, Michel Lemoine, Elvira Berndorff, Jan Hendriks, Vladimir Medar und Howard Vernon
eine Produktion der Aquila Film im Verleih der Constantin
ein Film von Percy G. Parker




Bild Bild Bild Bild


»Vom Gürtel nieder sind es Kreaturen!«


Während einer Orgie verabredet sich Baron Brack (Michel Lemoine) mit der jungen Elena (Elvira Berndorff) in seinem nahe gelegenen Jagdhaus, um sie sich dort gefügig zu machen. Elenas Schwester Vera (Janine Reynaud) und andere Gäste dieser Party suchen die beiden Vermissten, bis sie schließlich auch fündig werden. Doch die eben missbrauchte Elena flieht, und landet im unheimlichen Schloss des Grafen Saxon (Howard Vernon). Auch die Anderen treffen wenig später dort ein und werden als Gäste aufgenommen. Sie erfahren, dass der Graf vor wenigen Tagen seine Tochter Katharina (Claudia Butenuth) verloren hat, und zu dessen erstaunen sieht ihr Marion (ebenfalls Claudia Butehuth), die Verlobte von Baron Brack, zum Verwechseln ähnlich. Dies bringt den Grafen auf eine teuflische Idee, er will seine tote Tochter wieder zum Leben erwecken. Eine wollüstige Nacht der verbotenen Leidenschaften beginnt, ein Monster trachtet Brack nach dem Leben, jeder ist in Gefahr und das Schicksal nimmt schließlich seinen schrecklichen Lauf...

Bei "Im Schloss der blutigen Begierde" handelt es sich um eine Produktion aus Adrian Hovens berüchtigter Aquila-Schmiede. Eins muss man dem Österreicher und seiner Experimentierfreudigkeit allerdings lassen. Egal wie die Endprodukte letztlich aussehen mögen, unkonventionelle oder mutigere Beiträge, die stets gut auf den jeweiligen Zeitgeist abgestimmt wirkten, und ihrer Zeit sogar manchmal eine Nasenlänge voraus waren, kamen schon häufiger dabei heraus. Über das, was hier allerdings zusammengeschnipselt wurde, lässt sich durchaus streiten. Die Verleih-Werbung griff damals in die Vollen und stellte den potentiellen Zuschauern beispielsweise die Frage nach guten Nerven, und dass man mit dieser Voraussetzung dann in jenem Film auch genau richtig sei. Gute Nerven braucht man phasenweise tatsächlich, allerdings aus diversen anderen Gründen. Bis heute halten sich Gerüchte, dass ein gewisser Herr namens Jess Franco seine Hände hier im Spiel gehabt haben soll, was dieser auf Anfragen jedoch stets leugnete, obwohl sich hier unzählige Parallelen zu seinem unverkennbaren Bearbeitungsstil finden lassen. Regie führte aber Percy G. Parker alias Adrian Hoven, und man sieht seinem Film schon an, dass er genaue Vorstellungen von zeitgenössischer Unterhaltung hatte, und davon, noch eine ordentliche Schippe draufzulegen. Wie dem auch sei, entstanden ist ein mutmaßlicher Horrorfilm mit eindeutigem Sex-Einschlag, der diese Fragmente hin und wieder mit Shakespeare-Zitaten aufzuwerten versucht.

Die Besetzung ist ebenso eigenartig wie bezeichnend. Janine Reynaud, die Vulgärste unter den Damen in diesem Szenario (und meiner persönlichen Ansicht nach unter allen Schauspielerinnen überhaupt), liefert ihre übliche laszive Show ab, bei der einem manchmal Hören und Sehen vergehen könnte, und der Appetit obendrein. Die Darbietung der feuerroten Französin könnte man eigentlich als belanglos klassifizieren, wenn sie teilweise nicht so abstoßend wirken würde. Vera verabredet sich als erste mit dem lüsternen Unhold Baron Brack, doch ihre kleine Schwester kommt ihr zuvor. Man wird letztlich den Eindruck nicht los, dass Vera dieses unliebsame Séparée bestimmt besser gefallen hätte als Elena, Brack vermutlich nicht, da sie sicherlich keinen Widerstand geleistet hätte. Janine Reynaud wirkt hier jedenfalls noch mehr aufgeheizt als sonst, was vermutlich daran liegen mag, dass Androgene in der Luft gelegen haben. Bei der endlos erscheinenden Traumsequenz, in der eine Vergewaltigung hemmungslos ausgeschlachtet, und aus allen Winkeln gezeigt wird, kommt sie erst richtig auf Touren; oder im Schloss: Am Tisch liebäugelt sie mit Brack, schafft dabei das Kunststück, in jeder der Einstellungen den gleichen Gesichtsausdruck beizubehalten, sie lutscht dabei unästhetisch an einem Knochen herum und der Wein läuft ihr am Kinn herunter. Wer es so mag? Ich jedenfalls mag Madame Reynaud ungerne etwas abgewinnen.

Michel Lemoine liefert da Ähnliches, was durch sein plastisch wirkendes Gesicht, und seine weit aufgerissenen Augen mit wirrem Blick zusätzlich negativ verstärkt wird. Genau wie Kollegin Reynaud hat man es meines Erachtens bei ihm ebenfalls mit einem Darsteller der untersten Kategorien zu tun. Naja, denkt man an die Geschichte, so muss man sich entsetzt eingestehen, dass man quasi zwei Idealbesetzungen serviert bekommt. Elvira Berndorff spielt hier in ihrem ersten und einzigen Film mit. Sie durfte zeigen, was sie außer ihrer Schauspielkunst noch alles unter dem Ensemble zu bieten hatte, wirkt aber wirklich gar nicht einmal so miserabel, wie man vielleicht denken würde. Aber so sahen eben Karrieren unter Adrian Hoven aus. Dem Produzenten des Films Pier A. Caminnecci wurde ebenfalls eine Rolle zugeschustert, und er wirkt erstaunlich passabel bei dem, was er zu leisten hatte. Jan Hendriks ist ebenfalls mit von der Partie, und er spielt wie gewohnt solide, im Gesamtgeschehen gesehen jedoch überaus unscheinbar. Über ihn sicherte sich Adrian Hoven schließlich seinen persönlichen, obligatorischen Auftritt, denn er synchronisierte Jan Hendriks. Howard Vernon wirkt schon alleine aufgrund seiner Erscheinung, und es sieht wieder einmal so aus, als habe man derartige Rollen ausschließlich für ihn alleine erfunden. Besonders interessant ist der, in einer Doppelrolle angelegte Auftritt von Claudia Butenuth, die ich selten einmal unsicher gesehen habe, hier allerdings schon irgendwie. Sie musste nicht nur die schwierige Anforderung der zwei Charaktere meistern (ergo: das Tragen einer Perücke und einige lyrisch angemalte Monologe), sondern sie hatte auch die endlos gestreckt wirkende Vergewaltigungssequenz abzuspulen. Im Endeffekt wirken alle Darsteller jedoch unglaublicherweise wie die perfekte Besetzung!

Diese Produktion von 1968 veranschaulicht - temporär gesehen - schon so manche gewagte Szene, die für Aquila-Verhältnisse aber fast schon wieder verhalten wirken. Auch hat "Im Schloss der blutigen Begierde" einige positive Komponenten zu bieten. Zunächst wäre hier die Musik des Niederländers Jerry van Rooyen anzumerken, die wie immer besonders eingängig und gut abgestimmt wirkt, auch die rasante Kamera-Arbeit zeigt zahlreiche Kostproben in den Bereichen Exposition und Einfallsreichtum, immer wieder kommt eine dichte Atmosphäre zum Vorschein und die Ausstattung, die Schauplätze und die schönen Bilder wirken stimmungsvoll. Die kraftvollen Farben stehen jedoch im Kontrast zu einigen farblosen Charakteren, die Dialoge sind eigentlich nur von zweierlei Art, nämlich entweder trivial, oder anzüglich, da halfen auch keine Anflüge von großen Zitaten. Unabhängig von den teils anstrengend wirkenden Inhalten der Traumsequenz, ist diese sehr stilsicher inszeniert worden. Die Story ist äußerst dünn, was die endlos erscheinenden, einkopierten Szenen einer originalen Herz-Operation, die bestimmt nicht Jedermanns Geschmack sein dürfte aber anatomisch sehr wertvoll ist, deutlich hervorheben. Es dauert fast ewig, bis die Geschichte etwas an Fahrt aufnimmt, und dem Anschein nach ist dann auch alles wieder im Handumdrehen vorbei, Paukenschläge sucht man eigentlich vergeblich, im Gegensatz zu Sex, Nötigung und Ähnlichem. Aber was gibts überhaupt zu diskutieren? Der Titel des Films trifft hier den Nagel schon irgendwie auf den Kopf. Wie gewöhnlich kann ich also sagen, dass mir auch dieser Film trotz diverser Unzulänglichkeiten ganz gut gefällt, weil ich ihn als eigenartig progressiven Beitrag empfunden habe. Objektiv gesehen hat man es wahrscheinlich nur mit einem weiteren frag- und denkwürdigem Feuerwerk aus der Aquila-Schnipselküche zu tun, obwohl man versuchte, dem ganzen einen tieferen Sinn mitzugeben. Als Fazit möchte ich daher nur noch ALF zitieren: »Begierde ist eine Zierde!«


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 Betreff des Beitrags: Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? - Prismas Filmtagebuch
BeitragVerfasst: 23.07.2013 22:03 
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L'OSCENO DESIDERIO / POSEÍDA / OBSCENE DESIRE (1978)

mit Marisa Mell, Chris Avram, Lou Castel, Laura Trotter, Xavier Escrivá, Victor Israel, Paola Maiolini
eine italienisch-spanische Gemeinschaftsproduktion der Cineiniziative | Triton P.C.
ein Film von Giulio Petroni




Bild


»Il figlio di Satan!«


Die Amerikanerin Amanda (Marisa Mell) heiratet den wohlhabenden Andrea (Chris Avram), der sie in ein düsteres Herrenhaus mit gothischem Einschlag mitnimmt um dort zu leben. Schon schnell wird der zunächst verblüfften, und später verängstigten Amanda klar, dass dort irgend etwas nicht zu stimmen scheint, denn es geschehen merkwürdige, vielleicht sogar übernatürliche Dinge. Auch ihr Ehenmann scheint mit verstreichender Zeit immer sonderbarer zu werden. Ist er dabei, den Verstand zu verlieren? Merkwürdige Gestalten treiben dort ihr Unwesen, doch wer der beteiligten Personen ist für die stattfindenden schwarzen Messen, die abartigen Rituale und die Serienmorde an mehreren Prostituierten verantwortlich? Oder wohnt man in diesem Haus tatsächlich mit dem Bösen Tür an Tür...?

Mit Entsetzen hatte ich dieses Werk von Giulio Petroni (hier unterwegs als Jeremy Scott) in Erinnerung, und eigentlich habe ich diesen Horror-Film stets in der Luft zerrissen. Beim erneuten Anschauen kam mir "L'osceno desiderio" überraschenderweise wesentlich stimmiger vor, und er war ganz gut auszuhalten, hin und wieder war mir so, als verspüre ich einen großen Unterhaltungswert, was allerdings immer noch nicht bedeutet, dass es sich um einen Beitrag handelt, der ungerechtfertigt mit Vergessenheit abgestraft wird. Dafür wurde hier einfach zu viel Potential liegen gelassen. Möglicherweise hatte ich auch immer Vorbehalte gegen diese unwirsche Produktion, weil sie die Karriere von Marisa Mell recht gut charakterisiert, die nämlich zu dieser Zeit bereits in den vorletzten Zügen lag, die Angebote spärlich wurden, und bestenfalls eigentlich nur noch Belanglosigkeiten abgespult wurden. Hier sieht man im Endeffekt zahlreiche Anleihen aus großen Klassikern des internationalen Horror-Films, versehen mit einer Parallel-Handlung rund um die Prostituierten-Morde, die sich vielleicht in einem Giallo wohler gefühlt hätte, und haufenweise (Ein-)Stellungen aus der Mottenkiste der eindeutigen Expositionen. Aber Petronis Film steht in dieser Beziehung gewiss nicht alleine da, denn es wurden ja unzählige Plagiate auf den Markt geworfen, und wenn man es einmal so betrachtet, ist "L'osceno desiderio" sicherlich noch weit vom Bodensatz entfernt.

Marisa Mell sieht man hier noch einmal in guter äußerst guter Konstitution, und allerdings befremdlicher Perücke als willige Expertin für Sex-Rangeleien jeglicher Art. Auch ist diese Rolle in ihrer Filmografie gar nicht so drittklassig, wie man auf den ersten oder zweiten Blick vermuten dürfte, denn es handelt sich um eine ihrer letzten großen Hauptrollen. Sie schmeißt den Film zwar im Alleingang, aber bei ihrer Leistung zeigen sich schon Licht- und Schattenseiten, denn oftmals wirkt sie einfach total gelangweilt, müde und lustlos, was sich 1:1 auf den Zuschauer übertragen kann, und es sieht so aus, als könne man ihre Tagesform genau sehen. Die Sex-Szenen mit Chris Avram sind selbst für Marisa Mells Verhältnisse eher gewagt, beispiellos wird es, wenn sich das unsichtbare, dämonische Wesen mit ihr paart. Diese Sequenz wird eingeleitet mit Hecheln und Stöhnen aus dem Off, Amanda bietet sich bereitwillig an, und plötzlich befinden sich Kamera und Zuschauer unmittelbar am Ort des Geschehens, nämlich zwischen Marisa Mells Schenkeln, bis die lang gezogene Parrungsszene in eine Masturbationsszene übergeht. Derartiges - ich muss fast sagen - amüsiert mich ja normalerweise in solchen Streifen, ich denke da beispielsweise gerade an "Magdalena - vom Teufel besessen", aber in diesem Szenario wirkt das schon eher ernüchternd. Marisa Mell am Tiefpunkt ihrer filmischen Höhepunkte zu sehen, vor allem wenn man weiß, wie wunderbar ästhetisch sie Erotik-Szenen interpretieren konnte, lässt den Eindruck entstehen, dass ihre Partizipation lediglich eine Verzweiflungstat gewesen sein kann. Aber wer weiß?

'Obscene Desire' wirkt bestimmt in vielerlei Hinsicht eher drittklassig, aber wenn wir schon davon sprechen, besonders im ersten Drittel der Geschichte sieht man wirklich gelungene Fragmente, die sich vor allem in den Bildkompositionen in Verbindung mit der Musik von Carlo Savina, die erneut 1000 Gesichter zu haben scheint, hervorheben. Das dunkle Haus, das voller Geräusche steckt, den weitläufigen Park im nächtlichen Sturm, den Amanda in ihrem flatternden, weißen Nachthemd durchquert, die eigenartigen Personen, die Séancen abhalten, und die konträr wirkenden Szenen, in denen Prostituierte angeheuert werden, bis die tatsächlich atmosphärische Dichte dem immer vehementer werdenden Sex-Einschlag weichen muss. Der Plot ist definitiv nichts Neues, wirkt zu arg gestreckt, und hält auch keine besonderen Paukenschläge bereit. Dieser zähe Verlauf verschluckt sogar beinahe so manchen rar gesäten, und umständlich angebahnten Twist. Obligatorische Szenen der versuchten Austreibung durch einen Pfarrer oder Zustände der Besessenheit haben Seltenheitscharakter, wobei in diesen Fällen eine gelungene Parallel-Montage zu Stande kam. Das Finale bringt Ernüchterung und entlarvt sich leider als Gurke, weil das offene Ende (übrigens prädestiniert für eine Fortsetzung) nicht zufriedenstellend wirkt. Mich hat "L'osceno desiderio" erstmalig positiv überrascht, und das ist ganz schön, weil ich den Film immer als eine Art Horror-Bodensatz angesehen habe, für Marisa Mell-Fans ist das Ganze wohl nur mit Abstrichen interessant, tja, und ansonsten braucht man diese xte Variante des international-infernalen Beischlafs eigentlich nicht gesehen haben, was ich mir zwar auch jedes Mal dachte, aber mir den Streifen komischerweise dennoch immer mal wieder angesehen habe.


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 Betreff des Beitrags: Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? - Prismas Filmtagebuch
BeitragVerfasst: 24.07.2013 11:36 
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MORD IST IHR HOBBY -
DER MORD AN SHERLOCK HOLMES / THE MURDER OF SHERLOCK HOLMES (1984) [Pilotfilm]


mit Angela Lansbury als Jessica Fletcher
Gäste: Eddie Barth, Jessica Browne, Bert Convy, Herb Edelman, Anne Lloyd FRancis, Michael Horton, Tricia O'Neil, Dennis Patrick, Raymond St. Jacques
und Ned Beatty, Arthur Hill, Brian Keith
Regie: Corey Allen




Kriminalromane sind die große Leidenschaft von Jessica Fletcher, einer Witwe aus Maine. Eines Tages beginnt sie, eine eigene Kriminalgeschichte zu schreiben, allerdings nur zum Zeitvertreib. Als diese Geschichte jedoch von ihrem Neffen Grady heimlich an einen Verleger geschickt wird, der diese auch noch sofort herausbringt, ist das ruhige und gemütliche Leben von Jessica Fletcher vorbei. Der Roman wird blitzartig zum Bestseller. Während einer Promotion-Kampagne in New York wird Jessica zu einem Kostümball eingeladen, auf dem es zu einem rätselhaften Mord kommt. Die Polizei tappt im Dunkeln und nun ist Jessicas wache Kombinationsgabe gefragt, die sich sonst immer nur in ihrer Fantasie abspielte. Da es auf der Party von Verdächtigen geradezu wimmelte, wird es für sie schwer, den Mörder finden und überführen zu können...

Bei der Serie "Mord ist ihr Hobby" handelt es sich nicht nur um einen Dauerbrenner im deutschen TV, sondern auch um einen ganz persönlichen. In den Neunziger Jahren waren die Folgen Pflichtprogramm nach der Schule, oftmals hat man sich die Serie sogar gemeinsam angeschaut und aufgrund des klassischen Whodunit entstanden mitunter auch mal heiße Diskussionen. Eine schöne Zeit, und auch heute sehe ich die Ermittlungsarbeit der Jessica Fletcher noch sehr gerne. Klar, dass sie Mord, Totschlag und Verbrechen anzieht wie ein Magnet kann man mit einem Schmunzeln hinnehmen, auch dass sie mit ihrer Auffassungsgabe jedem, vor allem aber der Polizei haushoch überlegen ist, ist geschenkt. Das Konzept der Serie ist aber gewollt einfach gehalten. Oftmals braucht man nicht großartig herumzukombinieren, weil es viele eindeutige Hinweise gibt, beispielsweise durch Kamera-Einstellungen, Verhalten oder Dialoge, so dass man den Mörder auch ohne Zusammenhänge erraten kann, was damals insbesondere für uns junge Zuschauer (in welchem Jahr war das?) hoch interessant war. So konnte es mitunter sogar vorkommen, dass der Tag beim falschen Tipp einfach so gut wie gelaufen war. Eine wenig komplizierte Serie, die viel Identifikationspotential bietet, immer klar aufgebaut ist, und für TV-Verhältnisse ziemlich aufwendig hergestellt wurde, und sie bietet auch einen nostalgischen Aspekt. Daher sehe ich mir "Mord ist ihr Hobby" auch heute noch gerne, und immer wieder an.

Der Pilotfilm fängt geheimnisvoll und beinahe gruselig an, und Krimi-Experten sehen direkt den Vergleich zu dem Spielfilm "Mord im Spiegel" von 1980, in dem Angela Lansbury die Miss Marple interpretierte, der ebenfalls in einem Kino beginnt. Die Einführung Jessicas ist daher ebenso eindeutig, denn sie jongliert direkt mit ihrer außergewöhnlichen Kombinationsgabe und kann einige Duftmarken setzen. Überhaupt ist die Vorstellung der Protagonistin sehr gut gelungen, denn sie wird von allen Seiten beleuchtet. Jessica ist eine überaus angesehene Bürgerin von Cabot Cove, die nahezu alle positiven Prädikate besitzt, die man irgendwie vorweisen kann. Auf ihrer Promotion-Tour macht sie erste unliebsame Erfahrungen mit den Medien und der Presse, und sie sieht sich aus heiterem Himmel mit Feministinnen, sensationslüsternen Moderatoren, Betrügern und Klatschtanten konfrontiert, was sehr lustig in Szene gesetzt wurde. In ihrem Radio-Interview fragt sie der gelangweilte Moderator zum Beispiel Folgendes: »Tut mir leid Süße, aber das halte ich nicht aus. Haben sie denn nicht eine lesbische Freundin oder was? Waren Sie mal im Knast?« Auch der Humor kommt also nicht zu kurz. Die Zusammenhänge der Morde sind dem Zuschauer vollkommen unklar, und wie in der Serie üblich, werden auch genügend Verdächtige präsentiert. Der Inspektor dieser Folge erscheint vollkommen inkompetent aber charmant, und als auch noch Jessicas Neffe unter Verdacht steht, sieht sie sich genötigt, den Fall in Eigenarbeit zu lösen. Dabei sieht man sie beim hartnäckigen Herumschnüffeln, sie stellt unbequeme Fragen, sie sieht sich bei eigenmächtigen Touren durch Manhattan auch mit Gefahren konfrontiert, aber es entsteht kein Zweifel daran, wer diese Verbrechen letztlich lösen wird. Das Finale ist spannend, logisch erklärt, jedoch kommt einfach zu viel Information aus dem Nichts zusammen. Eine gelungene erste Folge, wenn es auch außer Frage steht, dass da noch wesentlich bessere kommen werden.


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BeitragVerfasst: 25.07.2013 00:34 
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VENUSBERG (1963)

mit Marisa Mell, Nicole Badal, Monica Flodquist, Ina Duscha, Claudia Marus, Christina Granberg und Jane Axell
es sprechen Rolf Thiele, Oskar Werner und Richard Häussler
eine Franz Seitz Produktion im Nora Filmverleih
Weltvertrieb Omnia
ein Rolf Thiele Film




»In Deutsch klingen die Dinge so hart!«


Sechs junge Frauen treffen sich in einer feudalen Bergvilla um ihren Alltagsproblemen zu entfliehen, die vornehmlich mit dem vermeintlich starken Geschlecht in Zusammenhang gebracht werden können. Alle haben dem Anschein nach eines gemeinsam, denn sie kennen einen Herren namens Alphonse, den sie offensichtlich erwarten. Die Frauen haben die räumliche Nähe jedoch unterschätzt, und schon bald kommt es angesichts des ständigen Diskutierens von diversen Frauenproblemen zu ersten Streitigkeiten, bis die Situation in einem Suizid-Versuch eskaliert. Während die Damen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, weiter über die Männerwelt philosophieren, taucht eine geheimnisvolle, schöne Frau namens Florentine (Marisa Mell) im Haus auf dem Venusberg auf, und sorgt für Verwirrung und Misstrauen, doch auch ein unbekannter Mann schleicht um das Haus herum und scheint die Frauen zu beobachten...

Rolf Thieles "Venusberg" gilt als einer der Skandalfilme des Jahres 1963, so dass man sich eindringlich mit der Zensur auseinandersetzen musste. Beanstandet wurden seinerzeit etwa 20 Textstellen, die bei der Prüfung durch die FSK als zu anzüglich, beziehungsweise zu schlüpfrig empfunden wurden, außerdem musste eine Szene mit einem nackten Mädchen in der Frontale entfernt werden. Dialoge wie: »Für mich fängt der Mann mit dem Kopf an, dann kommt lange nichts...dann sein zweitwichtigster Körperteil« (was entfernt wurde, beziehungsweise bei diesem Nebensatz hört der Zuschauer nur das Ertönen einer Kuckucksuhr bis) »...und dann erst seine Million!« folgt. Einige Passagen wurden so entschärft, ohne signifikante Kürzungen vornehmen zu müssen. Gespräche wurden kurzerhand von alltäglichen Geräuschen überlagert, obwohl man auch ohne es zu hören ganz genau weiß, worüber sich die Damen eigentlich unterhalten. Diese aus dem Zwang entstandene Idee wirkt rückwirkend wie ein extravagantes Stilmittel. Das Lexikon des Internationalen Films versuchte die Produktion beispielsweise wie folgt zu entlarven: "Der fast handlungslose Film versucht, in der entkonventionalisierten Situation gleichgeschlechtlicher Einsamkeit 'das wahre Ich' der Frau zu enthüllen." Diese im Auszug zurückhaltende und vergleichsweise schmeichelhafte Kritik wird dem Film allerdings auch nur teilweise gerecht, denn unter all der offen zur Schau gestellten Oberflächlichkeit brodelt ein Vulkan an schemenhaftem Tiefsinn, den zu enträtseln beinahe einzig und alleine dem Zuschauer auferlegt wurde. Erneut stellt sich also das von mir persönlich stets empfundene Thiele-Problem heraus, denn er konnte seine Progressivität zwar im Bilde festhalten, sie allerdings nicht nachhaltig genug bündeln, sprich für den Zuseher verständlich machen. "Venusberg" ist ein Film, den man daher unbedingt mehrmals gesehen haben müsste, um ihm guten Gewissens gerecht zu werden, doch eines kann ich ohne jeden Zweifel bestätigen, nämlich dass es sich um eine seiner besten Arbeiten handelt.

Wirft man einen Blick auf die Produktionskosten und die geschäftlichen Filmechobenotungen, so sieht das Ganze eher nüchtern aus. Die Herstellungskosten für "Venusberg" beliefen sich auf DM 506.099,14 und man musste weit über ⅙ der Kosten, mit einem Verlust von etwa DM 80.000 wieder abschreiben, und hier soll der Konkurs des Schorcht Filmverleihs eine entscheidende Rolle gespielt haben. Die Filmecho-Benotung war mit 4,1 auch nicht gerade sensationell. Andere Angaben waren fast dreißig Jahre später von Hauptdarstellerin Marisa Mell, höchstpersönlich und selbst angefertigt, in ihrer Biografie "Coverlove" zu vernehmen, wenn auch lediglich nur kurz und knapp, und dem Charakter der Lektüre entsprechend, auf vagem Niveau: »Der Film wurde ein Riesenerfolg, auch international.« Große Probleme gab es bereits zum anvisierten Termin der Uraufführung, da die FSK offenbar ein riesiges Fass aufmachte. Der Nora Filmverleih musste den Start des Films verschieben, da man gezwungen war ihn aufgrund gewisser Änderungswünsche zurückzuziehen, außerdem wurde es kategorisch untersagt, ihn in der Karwoche, beziehungsweise rund um Ostern anlaufen zu lassen. Diese Prozedur ist heute nicht mehr ganz nachzuvollziehen, spiegelt aber wohl authentisch den Zeitgeist wieder, und ob sich diese Auflage mit der verbundenen Kritik letztlich als kostenlose Reklame gerechnet hat, wäre durchaus eine interessante Information. Lange Rede, kurzer Sinn. Der Film ist insgesamt mehr als gelungen und überrascht mit dem Unvorhergesehenen. Bemerkenswert elegant und stilvoll bekommt man wunderbare Bildkompositionen anvertraut, worin sich mitunter der besondere Charakter entwickelt, aber auch die ungewöhnliche Thematik als Konglomerat aus Oberflächlichkeiten, Groteske, Tiefgang und Symbolik transportieren einen ungeheuren Reiz, so dass man nicht mehr unterscheiden kann, ob es sich um ein Märchen im Wahrheitsgewand handelt, oder um einen Tatsachenbericht im Märchenformat. Fakt ist, dass man die nicht immer greifbare Atmosphäre durch die exzellente Kamera-Arbeit von Wolf Wirth transparent geschildert bekommt, sie jederzeit spüren kann, auch wenn man das Wahrgenommene oftmals nicht glauben kann.

Für das heutige Verständnis bleibt ein sagenhafter Jahrmarkt der Frivolitäten definitiv aus. Was die Gemüter (in welcher Form auch immer) seinerzeit erregte, wirkt heute schon fast wieder etwas bieder, brav und unspektakulär, außerdem unfreiwillig komisch. Eine Klassifizierung mit FSK 18, die bis heute Bestand hat, lockt daher nur noch ein müdes Lächeln aus den Zuschauern. Rückblickend ist bei dieser Produktion angesichts ihrer erotischen Inhalte nichts Beispielloses mehr zu erkennen, zumindest nicht auf den ersten Blick. Was sich damals in der Zeit des Wirtschaftswunders jedoch hierbei in einigen Köpfen abgespielt haben muss, ist wenn überhaupt nur zu erahnen. Rolf Thiele war bestimmt kein Film-Vandale, das spiegelt seine eigenwillige oder eigenmächtige Art Kino zu machen nicht wieder. Vielleicht ist die Umschreibung Visionär daher etwas zu weit hergeholt, kommt der Sache ganz allgemein aber eigentlich nahe. Ein Schritt weiter, oder einige Schritte mehr gehend, den Unterhaltungswert und die anvisierte Exposition nie aus den Augen verlierend, machte er Kino, dass die Leute sehen, oder angeblich natürlich nicht sehen wollten, und viele Erfolge sprechen von daher ohnehin für sich. Man kann es nicht anders sagen, aber bei "Venusberg" handelt es sich um ganz faszinierende, wenn auch genauso eigenartige 88 Minuten. Ein Film über Frauen, der aber oft keineswegs schmeichelhaft für Frauen erscheint, sondern der augenscheinlich für Männer gedacht und gemacht ist. Er spricht auf unterschiedlichsten Ebenen an, und verteilt daher auch groteske bis nachvollziehbare Rundumschläge auf ebenso unterschiedlichem Niveau. Stellt "Venusberg" also tatsächlich den zitierten »politischen Film des neuen Deutschland« dar, ist er durch die fast vollkommen fehlende männliche Präsenz ein »feministischer Film aus weiblicher Perspektive«, transportiert er einen surrealistischen Touch oder befindet sich unter dem verwirrenden Deckmantel der Geschichte nur ein primitiver Sensationsfilm ohne anspruchsvolle Ambitionen? Auf den ersten Blick lässt sich garantiert von allem etwas finden, und daher steht und fällt dieser Film auch nicht mit seinem Verlauf, sondern erst mit dem Wort »Ende«. Die Bandbreite an Einschätzungen war von »politischer Film« bis »Schweinkram« jedenfalls sehr ausgeprägt. "Venusberg" konnte ich in diesem Jahr Anfang April im Filmhauskino Köln bewundern, und es war schon ein besonderes Erlebnis. Da es noch so viel mehr zum Film zu berichten gibt kann ich nur sagen: Fortsetzung folgt...


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BeitragVerfasst: 26.07.2013 12:01 
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BIS ZUR BITTEREN NEIGE (1975)

mit Maurice Ronet, Suzy Kendall, Susanne Uhlen, Christine Wodetzky, Karl Renar, Balduin Baas, Rudolf Fernau und als Gast Ferdy Mayne
eine Gemeinschaftsproduktion der Roxy Film | GGB 1. KG | Wien Film
nach dem gleichnamigen Roman von Johannes Mario Simmel
Ein Film von Gerd Oswald




Bild


»Ist Ihnen einmal aufgefallen, dass alle Mittel die das Leben erträglich machen giftig sind?«


Paul Jordan (Maurice Ronet), der ehemalige Hollywood- und Musical-Star zog sich vom Show-Geschäft zurück und heiratete die Millionärin Joan (Suzy Kendall). Nach 15 Jahren Pause möchte er einen Comeback-Versuch starten, um sich vor allem seiner vereinnahmenden Frau zu entziehen und sich von der erdrückenden Abhängigkeit zu befreien. Außerdem hat Paul eine Affäre mit seiner Stieftochter Shirley (Susanne Uhlen), und die häusliche Situation nimmt für ihn unerträgliche Formen an. Seine ehemalige Agentin verschafft ihm eine Rolle in einer kleineren Produktion die in Wien spielt, doch schnell stößt der ehemalige Star an seine Grenzen. Um den Stress zu bewältigen, konsumiert er Unmengen an Alkohol und lässt sich fragwürdige Substanzen von einem dubiosen Arzt namens Schauberg (Rudolf Fernau) verabreichen, doch der Kollaps ist vorprogrammiert. Paul sieht sich mit Halluzinationen und Wahnvorstellungen konfrontiert. Als seine Frau und Shirley schließlich auch noch in Wien auftauchen, kommt es zur Katastrophe...

Im erlesenen Kreis der Simmel-Verfilmungen gilt Gerd Oswalds Adaption eher als Stiefmütterchen, genießt keinen besonders hohen Bekanntheitsgrad und leider auch keine große Wertschätzung. Die Reihe wurde zuvor von Alfred Vohrer zu seiner Domäne gemacht, der vor dieser Produktion sechs Romane des Bestseller-Autoren Simmel für die Roxy verfilmte. In "Bis zur bitteren Neige" merkt man im direkten Vergleich sehr deutlich, dass so einiges bezüglich der Umsetzung anders ist, doch das muss nicht unbedingt einen schwachen Film ausmachen. Ganz im Gegenteil, denn ich persönlich halte ihn aufgrund seines sterilen Charakters und des pragmatischen Aufbaus wegen für sehr gelungen, was auch daran liegen mag, dass sich Vohrer dem Empfinden nach, wie auch bei seinen vielen unmittelbar aufeinander folgenden Wallace-Einsätzen, mit der Zeit irgendwie selbst überholt hatte. Für eine Simmel-Vorlage fehlt diesem Stoff weitgehend die berüchtigte Komplexität, so dass die Umsetzung ebenfalls keine Verschachtelungen und eigenwillige Umwege zu bieten hat. Nachlässigkeiten lassen sich allerdings im Rahmen der Charakterzeichnungen finden, denn einige wichtige Nebenfiguren kommen einfach zu kurz und wichtiges Potential wurde nicht genutzt, dennoch bekommt man mitunter sehr stichhaltige Interpretationen geboten. Der Plot ist vergleichsweise sehr einfach und verständlich, so dass im Bezug auf die Realität ein empfundener Transfer stattfindet, auch wenn man als Zuschauer zahlreiche Situationen lange Zeit nicht adäquat einschätzen kann, da der Protagonist zwischen Wahrheit und Einbildung hin- und herzupendeln scheint.

Maurice Ronet als abgesattelter Ex-Star, mit dem die Zeit offensichtlich nicht gerade freundlich umgegangen ist, liefert eine Parade-Vorstellung. Eingezwängt in einem goldenen Käfig, befindet er sich in der misslichen Situation, dass er in der totalen Abhängigkeit zu seiner Frau steht, und wie es aussieht auch noch in jeder Beziehung. Er verachtet Joan, und man wird in jedem Blick von ihm sehen, dass dieser Zustand gewiss sein zehnjähriges Jubiläum bereits hinter sich gelassen hat. Sein unbeholfen wirkender Befreiungsschlag wird eine Kettenreaktion auslösen, in der die schwächsten Glieder brechen werden. Sehr eindrucksvoll schildert Ronet Situationen, in denen er betrunken ist, manische Züge bekommt und immer wieder kurz vor dem Kollaps steht. Man sieht ihm gebannt zu und kann den Whisky, den er runter schüttet förmlich riechen, den Hass gegen seine Frau beinahe spüren, die Liebe zu seiner Stieftochter unmittelbar nachvollziehen. Suzy Kendall unterschätze ich persönlich immer gerne, daher überrascht sie aber auch immer wieder aufs Neue. Hier gerade einmal Anfang 30, wurde sie so hergerichtet, dass sie mindestens 10 Jahre älter aussieht. Sie wirkt auf den Zuschauer äußerst unsympathisch, doch ist man sich überhaupt nicht im Klaren darüber, ob Paul für diesen Eindruck verantwortlich ist, und man ihr im Endeffekt Unrecht tut? Was überträgt sich auf den Zuseher? Der entlarvende Blick eines Mannes auf eine Neurotikerin, weil er seine Frau en détail kennt, oder der verzerrte Blick eines Alkoholikers mit beginnenden Wahnvorstellungen? Kendall jedenfalls überzeugt mit dem Präsentieren einer ambivalenten Person, die um brillant zu sein, allerdings mehr Screen-Time nötig gehabt hätte. Die fatale Dreieckskonstellation rundet die damals gerade erst 20-jährige Susanne Uhlen ab, und aufgrund ihrer glaubhaften Leistung multipliziert sie die Zweifel und Vorbehalte der Zuschauer und wirkt indirekt ketzerisch. Erwähnenswert ist unbedingt noch die immer hervorragende Christine Wodetzky als im Endeffekt machtlose Ärztin, bei der man genauso wie bei Susanne Uhlen den Eindruck hat, als könne man ihre Verzweiflung, Resignation und Traurigkeit hautnah spüren, wenn auch auf unterschiedlichen Ebenen. Sieht man sich die restlichen Darsteller an, so hat man es insgesamt mit einer tollen Runde zu tun, auch wenn die Besetzung augenscheinlich schwächer aussieht, wenn man sie mit der Konkurrenz vergleicht.

Das Plus der Geschichte sind also eindeutig ihre Personen, die einen überzeugenden Weg einschlagen, weil sie vollkommen unscheinbar agieren. Es entsteht eine gewisse Verwirrung und eine vollkommen depressive Atmosphäre, weil auch Paul Jordan keinen wirklichen Sympathieträger darstellt. Dennoch wirkt es insgesamt so, als fehle der endgültige Schliff, was jedoch eher als diffuser Eindruck zurückbleibt. Gerade "Bis zur bitteren Neige" regt ungezügelt zu Vergleichen an, da die Simmel-Konkurrenz sehr stark, und ausgiebig vorhanden ist, nicht zuletzt weil zuvor einige große Ausrufezeichen gesetzt wurden. Gerd Oswald verzichtet vollkommen auf den Blick durch einen romantisierten Schleier, und setzt auf Settings, die hart und oftmals auch kalt wirken. In Verbindung mit den vielen Personen, die gleiche Attribute an den Tag legen, wirkt die Gesamt-Situation oftmals wenig erbaulich, und es wird angebahnt, dass man unausweichlich auf eine Katastrophe zusteuern wird. Doch wie diese Aussehen wird, bleibt bis zur Deadline weitgehend ungewiss. Da das Erzähl-Tempo deutlich gedrosselt ist, wirkt der Verlauf oftmals sehr zäh und repetitiv, man bekommt wenige Twists geboten aber schließlich einen feinen Showdown, der ohne Effekte, eher ruhig und diskret durch eine Selbstinszenierung im Gedächtnis bleiben wird, beziehungsweise buchstäblich über die Bühne geht. Ein Satz muss unbedingt zu der eingängigen Musik von Klaus Doldinger verloren werden, die sehr frisch wirkt, und letztlich den unscheinbaren Verlauf der Geschichte sehr gut untermalt, auch die Kamera-Arbeit von Charly Steinberger (später übrigens verheiratet mit Susanne Uhlen), erfreut in gewohnt progressiv-routinierter Manier, wobei man hier bezüglich der Bildgestaltung keine Detail-Strategie entdecken kann. Für mich stellt "Bis zur bitteren Neige" eine der besten Adaptionen nach Simmel dar, weil die unaufdringliche Regie nicht versuchte, die Konkurrenz zu überflügeln, außerdem aufgrund des so hoffnungslos prosaischen Charakters der Story. Ein bemerkenswerter Film über lebende Tote, gescheiterte Existenzen und moralische Prostitution.


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BeitragVerfasst: 27.07.2013 20:19 
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X 312 - FLUG ZUR HÖLLE / VUELO AL INFERNO (1971)

mit Thomas Hunter, Esperanza Roy, Fernando Sancho, Gila von Weitershausen, Hans Hass Jr., Siegfried Schürenberg, Howard Vernon, Paul Muller und Ewa Stroemberg
eine deutsch-spanische Co-Produktion der CCC Filmkunst | Fénix Films
Ein Film von Jess Franco




Bild Bild Bild Bild


»Das scheint ja wirklich ein heißes Ding zu sein«


Tom Nilson (Thomas Hunter) nimmt in seinem Büro in Rio mit letzter Kraft einen Bericht auf Tonband auf. Nur er kann über die mysteriösen Umstände des Absturzes einer kleinen Chartermaschine berichten, die irgendwo im brasilianischen Urwald verloren ging. Da sich herausstellte, dass ein Pasagier, der Bankpräsident Ruprecht (Siegfried Schürenberg), wertvolle Juwelen überführen sollte, schaltete sich eine Verbrecherorganisation ein, die die Beute rücksichtslos an sich bringen wollte. Zwar hatten alle Fluggäste den Absturz überlebt, doch es kam dennoch zu lebensgefährlichen Komplikationen, die im Urwald lauern. Wer hat den Kampf ums Überleben gewonnen und kann Nilson seine Informationen rechtzeitig weiter geben..?

Jess Francos "X 312 - Flug zur Hölle" ist angesichts des Gesamt-Ergebnisses ohne jeden Zweifel einer seiner angepassteren Filme geworden, und man bekommt einen hohen Unterhaltungswert geboten, da der Regisseur zu jener Zeit auch noch nicht so kopflastig inszenierte. Zu sehen sind bereits viele Ansätze seiner später immer deutlicher werdenden Handschrift, wobei das alles hier noch sehr verhalten wirkt. Der Spielfilm schafft es, einen überzeugenden, wenn auch nur vagen Spannungsbogen aufzubauen und zu transportieren, er wirkt relativ klar im Aufbau und es kommt zu sehr begrüßenswerten Überraschungsmomenten. Betrachtet man die Besetzung, so gehen einem hier vor Freude die Augen über, vor allem, weil die bunte Mischung auch noch hauptsächlich zu überzeugen weiß. Franco erklärte in einem Interview, dass ursprünglich Susann Korda für weibliche Hauptrolle vorgesehen war, die schließlich von Gila von Weitershausen ersetzt wurde, da die Spanierin kurz vor Drehbeginn tödlich verunglückte. An dieser Information bleibt man gedanklich immer wieder hängen, wenn man sich vorstellt, welchen Reiz die schöne Susann Korda dieser Geschichte zusätzlich gegeben hätte. Schön und gut, Franco lässt also schon einmal die Turbinen warm laufen, und der Flug in die grüne Hölle kann losgehen, der sich immer wieder mit obligatorischen, schönen Landschaftsaufnahmen schmückt und durchaus ein spezielles Flair vermittelt.

Thomas Hunter als Berichterstatter der Geschichte, die als Film eine komplette Rückblende darstellt, wirkt recht überzeugend, vor allem aber agil, so dass er dem Szenario einen deutlichen Stempel aufdrücken kann. Die schöne und darstellerisch sehr stichhaltige Esperanza Roy, hier unter anderem zuständig für die erotischen Momente, darf man von oben bis unten in ihrer besten Verfassung bestaunen, im Gegensatz zu Kollegin Gila von Weitershausen, die hier eine 08/15-Nummer abspult. Franco erwähnte, sie sei zu den Dreharbeiten total ausgelutscht gewesen, da sie angeblich unter harten Drogen gestanden haben soll, genau wie wohl Hans Hass Jr., den man auch schon deutlich lebendiger gesehen hat. Auch die hochverehrte Ewa Stroemberg, die für mich stets einen Grund zum Jubeln darstellt, bleibt weit unter ihren Möglichkeiten als nervende und oberflächliche Mrs. Wilson. Fernando Sancho als abstoßender Gauner spielt wie immer bemerkenswert, er wird im Gedächtnis bleiben, genau wie Howard Vernon als Boss der Dschungel-Clique. Mit Goldkette, Schnapsflasche in der einen, und Gespielin in der anderen Hand wirkt er wie ein übler Zuhälter, der sich später noch genüsslich lesbische Liebesspiele zwischen Beni Cardoso und der frisch eingefangenen Esperanza Roy anschauen wird. Die Stammbesetzung rundet Paul Muller in einer kleinen Rolle ab, und Siegfried Schürenberg sorgt für einen Hauch von anderen darstellerischen Sphären. Tolle Runde, es geht kaum besser!

Mit seiner spartanischen Ausstattung und einigen einkopierten Bildern wirkt "X 312 - Flug zur Hölle" natürlich nicht gerade besonders hochwertig, und es sieht tatsächlich so aus, als sei der Film auch recht schnell hergestellt worden. Die wenigen Räumlichkeiten sehen beinahe aus wie Steinzeithöhlen, der Flugzeugabsturz stellt keine inszenatorische Meisterleistung dar, die Dialog-Arbeit ist schon sehr simpel veranstaltet worden, man möchte beinahe sagen etwas einfältig geraten, was aber natürlich auch Spaß machen kann. Wie erwähnt gibt es auch erotische Sequenzen, die hier noch wirklich sehr ästhetisch wirken (dank Esperanza Roy) was Jess Franco in späteren Jahren ja leider häufiger verloren ging. Für das Produktionsjahr und Francos damalige Verhältnisse wirkt der Film recht brutal bei den Ermordungsszenen, vor allem durch das Entledigen der Leichen im Dschungel, wenn man zum Beispiel einkopierte Bilder von heranschwimmenden Krokodilen sieht. Es werden also ungewöhnlich viele Köpfe rollen, außerdem bekommt man noch einen ganz ordentlichen Whodunit-Effekt geboten, den man vom spanischen Regisseur ja nicht gerade immer gewöhnt war. Musikalisch wirkt die ganze Chose eher unauffällig, die Musik von Wolf Hartmayer und vor allem Bruno Nicolai wirkt im Wesentlichen unspektakulär. Im Endeffekt sieht man mit "X 312 - Flug zur Hölle" einen sehr untypischen Franco, der aber genau wie etliche seiner anderen Arbeiten wirklich gut unterhalten kann, auch wenn hier und da manchmal scharenweise Patzer auftauchen. Charme und Trash, eine günstige und unterhaltende Mischung!


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 Betreff des Beitrags: Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? - Prismas Filmtagebuch
BeitragVerfasst: 28.07.2013 15:20 
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DER WÜRGER VOM TOWER (1966)

mit Ellen Schwiers, Charles Regnier, Hans Reiser, Kai Fischer, Ady Berber, Gerhard Geisler, Birgit Bergen und Christa Linder
eine Erwin-Dietrich-Produktion der Urania Film im Verleih der Pallas
ein Film von Hans Mehringer




»Das ist einfach ein unglaublicher Skandal!«


Die reiche Witwe Mrs. Wilkins (Gisela Lorenz) wird auf dem Nachhauseweg brutal ermordet. Zugeschlagen hat ein berüchtigter Auftragskiller (Ady Berber), den man "Würger vom Tower" nennt. Der Toten entwendete er einen wertvollen Smaragd, der einst in mehrere Fragmente aufgeteilt wurde. Da es noch weitere Personen gibt, die diesen Smaragd besitzen sollen, nimmt Inspektor Harvey (Hans Reiser) an, dass die Eigentümer ebenfalls in Lebensgefahr schweben. Und er behält Recht, der nächste Mord lässt nicht lange auf sich warten. Als Jane Wilkins (Christa Linder), die Tochter des ersten Opfers behauptet, ihre Mutter habe nur eine Kopie getragen, wird auch sie verschleppt. In unheimlichen Katakomben unter dem Tower wird sie von einer Gruppe maskierter Verbrecher gequält, um etwas über den Verbleib des echten Juwels herauszubekommen...

Diese Produktion, ganz im Fahrwasser bekannter und erfolgreicher Kriminalreihen, darf man Regisseur Hans Mehringer in die Schuhe schieben, der in seiner Karriere - man muss vermutlich sagen glücklicherweise - nur drei Arbeiten als Regisseur vorzuweisen, und folglich auf die Zuschauer losgelassen hat. Die Freude, diesen Film endlich einmal sehen zu können wurde nach kürzester Zeit ausgebremst, und ich kann eigentlich immer noch nicht fassen, was ich da zu sehen bekam. Um die Katze also gleich aus dem Sack zu lassen: Hier bekommt man einen Film zu sehen, der mit seinem launischen, oder eher schnipselartigen Drehbuch beinahe schockiert, die Verworrenheit nimmt abenteuerliche Formen an, außerdem muss sich die Geschichte ausschließlich mit unzulänglichen Nebenrollen herumquälen, und man darf das Kind also ruhig beim Namen nennen, denn es handelt sich um absolut sinnloses Material, welches obendrein noch äußerst stumpfsinnig umgesetzt wurde. Wie auf der DVD zu vernehmen ist, konnte "Der Würger vom Tower" angeblich »ein Millionenpublikum begeistern«, was man getrost bezweifeln darf. Die Aneinanderreihung der Szenen bleibt diffus, um die Zusammenhänge zu durchschauen müsste man eigentlich einen Hellseher zu Rate ziehen, die grauenhafte Musik bewahrt in ihrer unbändigen Fa­çon zwar vor dem Einschlafen, macht einen aber fast schon aggressiv, die Ausstattung ist größtenteils lausig und über das Fließband an Regie-Fehlern hüllt man versöhnlicherweise besser den Mantel des Schweigens.

In jedem noch so schwachsinnigen Film reißen bei mir persönlich die Darsteller ja noch immer einiges raus, was ich hier leider nicht sagen kann. Die Charaktere wirken leider größtenteils uninteressant und schrecklich einheitlich, auch dass es offensichtlich nur Nebenrollen gibt, macht es wesentlich schwerer, annehmbare Leistungen herauszufiltern. Das Potential eines Charles Regnier wurde leider komplett verschenkt, zusätzlich versetzt sein hoher Bekanntheitsgrad der Szenerie einen zerstörerischen Tiefschlag in Sachen Vorhersehbarkeit, und nimmt das letzte Fünkchen Hoffnung auf Spannung hinsichtlich einer gelungenen Auflösung. Ellen Schwiers, die es überall spielend schaffte, ihren Figuren genügend Verve einzuhauchen, stolpert dem Empfinden nach ziellos durch die Konstruktion, Kai Fischer ist einfach nur da und wirkt vollkommen irrelevant, und Hans Reiser, den ich generell sehr ungerne sehe, macht mit seiner typfremden Synchronstimme einen unheimlich miserablen Eindruck, und offeriert seine darstellerischen Minderleistungen auf einem Silbertablett. Ady Berber (hier leider in seiner letzten Rolle zu sehen) sorgt für ein paar unheimliche Momente und Christa Linder wirkt schließlich in diesem Horror-Kabinett der schauspielerischen Griffe ins Nichts wie eine kleine Offenbarung. Bei den eigentlich guten Voraussetzungen ist es sehr schade, dass es keinem der Darsteller möglich war, signifikante Qualitätssteigerungen durchzusetzen.

Rollt man den Film von vorne auf, so beginnt das Ganze sehr atmosphärisch mit dem Mord im Treppenhaus und dem plötzlichen Auftauchen des Würgers. Auch dass viele London-Aufnahmen zu sehen, und glücklicherweise auch Außenaufnahmen vorhanden sind, transportiert ein vages Flair, vor allem in den unterirdischen Katakomben. Auch einige Ermordungsszenen sind ganz gelungen, insbesondere die von Kai Fischer, doch insgesamt wirkt der Verlauf zu arg gestreckt, wo die größtenteils schreckliche Musik noch hemmungslos negativ hineinwirkt. Thematisch gesehen wirkt die Mordserie wegen der wertvollen Smaragde gar nicht einmal so uninteressant, aber die Zusammenhänge wurden nicht besonders nachvollziehbar ineinander verstrickt, auch die beteiligten Personen hätten eine verständlichere Durchleuchtung erfahren müssen. Schrecklich albern wirkt die maskierte Bande mit ihren Kutten, die sich in den Katakomben verbirgt, und es bleibt auch ein Rätsel wieso sie überhaupt partizipieren. Der Humor ist rar gesät und bei kleinen Kostproben nicht wirklich mitreißend, vor allem untergraben die unzureichenden Dialoge die komplette Angelegenheit in ungünstiger Art und Weise. Die vielleicht wichtigste Erkenntnis bei diesem erbärmlichen Ritt durch die Ungewissheit ist folgende: Hochkarätige Schauspieler und klassische Stilmittel machen noch lange keinen guten Film. Bei "Der Würger vom Tower" wird demonstrativ der Unterhaltungswert ignoriert und der Zuschauer mit fachlicher Inkompetenz brüskiert, so dass man nichts anderes sagen kann, als dass die Langeweile in Mehringers Spielfilm definitiv neu erfunden wurde. Ein in jeder Hinsicht misslungenes Experiment!


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 Betreff des Beitrags: Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? - Prismas Filmtagebuch
BeitragVerfasst: 28.07.2013 22:53 
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UNTER DEN DÄCHERN VON ST. PAULI (1970)

mit Jean-Claude Pascal, Werner Peters, Joseph Offenbach, Charles Regnier, Alfred Schieske, Gernot Endemann, Ralf Schermuly und Janie Murray
eine Reginald Puhl Filmproduktion im Verleih der Inter
ein Film von Alfred Weidenmann




Im Hamburger Amüsierviertel St. Pauli kommt es zu mehreren schicksalsträchtigen Ereignissen. Hausach (Werner Peters), der sogenannte "König von St. Pauli" steht vor Gericht. Er soll eines seiner Mädchen getötet haben, doch kann sich mit zweifelhaften Alibis aus der Affäre ziehen. Harry (Ralf Schermuly), der Bruder der Toten schwört Rache. Dr. Pasucha (Jean-Claude Pascal) verliert die Nerven, und erschießt seine leichtlebige Frau, die in einem Nachtlokal als Striptease-Tänzerin arbeitet. Er wird von der Polizei gehetzt und nimmt eine Geisel. Studienrat Dr. Himboldt (Joseph Offenbach) ist mit seiner Klasse unterwegs und ahnt noch nicht, dass diese ihn aufs Kreuz legen will. Herzberg (Gernot Endemann), einer seiner Schüler, engagiert eine Prostituierte (Kathrin Ackermann), die mit dem immer korrekten Lehrer eine Liaison einfädeln soll. Da man kurz vor dem Abitur steht, sollen die dabei entstandenen intimen Fotos gegen ihn verwendet werden.

Alfred Weidenmanns Kiez-Beitrag schildert interessante Vernetzungen zwischen Personen. Die vielen unterschiedlichen Abhandlungen in dieser Geschichte sorgen dabei für Abwechslung und sie wurden wirklich sehr gut miteinander gekoppelt. Auch wenn gewisse Personen nichts miteinander zu tun haben, läuft man sich doch irgendwie über den Weg, was einen guten Erzählfluss fabriziert. Die Schauplätze sind authentisch, die Personen wirken ebenso überzeugend, und einige der Nebenhandlungen sind recht originell. Was den Film leider ein bisschen verwässert ist, dass der Haupt-Plot die uninteressanteste Sache hier ist, und leider für kein bisschen Überraschung sorgt. Die Hetze durch St. Pauli ist teils schon spannend angelegt, als Dr. Pasucha zum Beispiel einen neuen Pass auftreiben möchte, gerät er an den betrügerischen Hausach, der ihn zusammen schlagen lässt, aber man weiß dennoch, wo diese ganze Sache enden wird. Die flotte Musik von Peter Thomas ist hervorragend und wirkt in vielen Situationen passend und charakteristisch, ansonsten ist die Regie für meine Begriffe, insgesamt gesehen, dann doch zu vorsichtig vorgegangen, und es ist kein herausragender Genre-Film entstanden, vielleicht eher sogar Durchschnitt. Aber ich muss es sagen wie es ist, bei Weidenmanns Spielfilm-Beiträgen bin ich komischerweise immer schon etwas skeptischer gewesen.

Jean-Claude Pascal in der Hauptrolle kann leider kaum überzeugen. Seine Darbietung wirkt in vielen Situationen schwach angepasst und wenig motiviert, oftmals glaubt man sogar eine gewisse Lethargie zu sehen. Schade, denn sein Part fällt schließlich größer aus. Werner Peters als rücksichtsloser Kiez-Gangster, der sich auch schon mal selbst die Hände schmutzig macht, ist tatsächlich in seinem Element und er wirkt sehr glaubhaft. Charles Regnier als Nachtclub-Besitzer wirkt souverän, doch seine Rolle geht ein wenig unter, da sie nicht sehr ausfüllend ist. Joseph Offenbach nimmt man den Studienrat sofort ab. Er mahnt stets Moral und Werte an, verfällt den Verlockungen St. Paulis allerdings selbst. Ansonsten sieht man in dieser Produktion noch recht gute Leistungen, was im Endeffekt dann auch die halbe Miete darstellt. Die verschiedenen Charaktere wirken abwechslungsreich und meistens prägnant, das Milieu wird stichhaltig präsentiert und die Geschichte wirkt sehr flüssig. Dennoch kann man sagen, dass es weitaus bessere Genre-Beiträge gibt. Die teils schwerfällig auf einem Niveau gehaltene Spannung verpufft in einem wenig originellen Showdown, oftmals schießen dem Zuschauer einige ungünstig formulierte Untertöne entgegen, ja, das Ende der Geschichte ist und bleibt unbefriedigend. Insgesamt bleibt ein mit einigen Abstrichen unterhaltender Spielfilm zurück, den man sich bei Interesse ruhig einmal ansehen kann.


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 Betreff des Beitrags: Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? - Prismas Filmtagebuch
BeitragVerfasst: 30.07.2013 21:03 
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DAS KRIMINALMUSEUM - FÜNF FOTOS (1963) [FOLGE 1]

mit Horst Niendorf, Reinhard Glemnitz
sowie Horst Naumann, Katrin Schaake, Herbert Tiede, Ellen Umlauf, Heinz Spitzner, Hubert von Meyerinck, Alexander Allerson, u.a.
Regie: Helmuth Ashley




Ein seltsamer Hinweis geht bei der Kriminalpolizei ein. Der Besitzer einer Drogerie legt eine Reihe von Fotos vor, die er in seinem Labor entwickelt hat, die jedoch vom Kunden nicht mehr abgeholt wurden. Dem Anschein nach ist auf diesen fünf Bildern ein Ermordeter zu erkennen, der Blut überströmt und mit einer Schusswunde am Kopf in einem Waldstück liegt. Handelt es sich hierbei tatsächlich um einen Mord, und wenn ja, warum hat der Mörder sein Opfer ausgiebig fotografiert? Die Polizei steht vor einem Rätsel und sieht sich nun mit der schwierigen Aufgabe konfrontiert, ein Mosaik zusammenzufügen...

Die Pilot-Folge von "Das Kriminalmuseum" überrascht gleich zu Beginn mit einem eigenartigen Fall, den man bestimmt nicht alltäglich nennen darf. Ein Verbrechen und ein Toter, der obendrein von seinem eigenen Mörder noch fotografiert wird, um diese Beweisfotos offensichtlich der Polizei in die Hände zu spielen? Ganz originell. Zunächst ist zu erwähnen, dass dem Zuschauer gleich ein eindeutiges Konzept der Reihe offeriert wird. Die Folge wird geprägt sein von klassischer Ermittlungsarbeit, fließbandartigen Verhören und einem Duo, das sachlich, routiniert und dem Anschein nach über die Maßen korrekt vorgehen wird. Dabei wird die Arbeit jedoch nicht gerade als leichteste Sache der Welt dargestellt, sondern sie wirkt äußerst mühsam und teils Nerven aufreibend. Nicht jeder zeigt sich wie üblich zu Kompromissen bereit, aber die Ermittlungen laufen dennoch in, den Nebel auflösende Bahnen. Was bei dieser Folge irgendwie verblüfft, ist dass das Zufallsprinzip eine tragende Rolle bekommen wird, und dieses, bei erfolgreichem Abschluss auch blendend funktioniert. Jedoch hätte der raffinierte, und für meinen Geschmack äußerst komplizierte Plan eines Verbrechers auch genau so gut nach hinten losgehen können, nämlich falls der Besitzer der Drogerie, der ja lediglich auf das Drängen seiner Angestellten zur Kripo gegangen ist, die Fotos einfach hätte unter den Tisch fallen lassen. Somit nimmt der Zuschauer den Hinweis, dass Verbrechen nicht nur unter bestimmten Voraussetzungen geschehen, sondern auch nur unter gewissen Umständen aufgelöst werden, bejahend zur Kenntnis.

Die sympathischen Darsteller erleichtern es dem Zuschauer erheblich, die Aufmerksamkeit im Dickicht der komplizierten Überlegungen eines Verbrechers beizubehalten. Das ermittelnde Duo bekommt durch Horst Niendorf und Reinhard Glemnitz kompetente Beamten und überzeugende Gesichter verliehen, die manchmal sogar wie Hund und Katze wirken. Ihr Umgang miteinander lockert das Geschehen sehr gut auf und sorgt für präzisen Humor und stillen Sarkasmus. Auch die übrigen Gast-Darsteller können sich durchaus sehen lassen und funktionieren sehr patent in dieser nicht gerade alltäglichen Assoziationskette. Was sich bereits in der ersten Folge also andeutet ist, dass man darstellerisch gesehen durchaus sagen kann, dass Wiedersehen tatsächlich noch Freude machen wird. Die winterlichen Schauplätze sorgen gleich schon einmal für ein angenehmes Flair, und glücklicherweise bekommt man es immer wieder mit sehr ansprechenden Ortswechseln zu tun, so dass die Handlung nicht isoliert wirkt, und zum TV-Verhängnis wird. Das Erzähl-Tempo ist verlangsamt, doch zum Finale hin kommt eine angenehme Spannung auf und es wird vorsichtig rasant. "Fünf Fotos" ist im Endeffekt glasklar, wenn auch zu kompliziert aufgebaut, und es könnte durchaus geschehen, dass man sich während des Verlaufes sicher das ein oder andere Mal etwas desorientiert gefühlt hat. Jedoch leistet das schlüssige Finale eine gute Aufklärung und hinterlässt sogar einen sehr bitteren Beigeschmack, vor allem für denjenigen, der auf hochtouren einen genialen Plan ausgeheckt hatte. Überraschende Wendungen, gute darstellerische Kompetenzen und eine letztlich klare Linie machen diese erste Folge sehenswert, wenn auch die Frage nach der Wahrscheinlichkeit nicht vollends wegdiskutiert werden konnte.


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BeitragVerfasst: 31.07.2013 14:13 
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GRETA - HAUS OHNE MÄNNER / ILSA - THE WICKED WARDEN (1977)

mit Dyanne Thorne als Greta
und Lina Romay, Tania Busselier, Peggy Markoff, Eric Falk, Esther Studer, u.a.
eine Erwin C. Dietrich Produktion der Elite Film
ein Film von Jess Franco


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»Avanti! Du weißt doch was du zu tun hast!«


Alarm in der La Guardia-Klinik. Eine Frau ist aus der psychiatrischen Anstalt entflohen, die sehr abgelegen in unwegbarem Gebiet liegt. Sie wird von Aufseherinnen gehetzt und schließlich angeschossen, kann sich aber mit letzter Kraft in das Haus von Dr. Arcos (Jess Franco) retten. Bevor er sie jedoch behandeln kann, wird sie von der Leiterin der Klinik, Greta (Dyanne Thorne) und ihren Helfershelfern abtransportiert. Die Schwester der Verletzten, Abigail Philips (Tania Busselier) erfährt, dass die Entflohene verstorben sein soll. Sie bringt Dr. Arcos dazu, sie für den Zeitraum von 30 Tagen in die fragwürdige Anstalt einzuweisen, damit sie dort recherchieren kann. Anschließend soll er wieder für ihre Entlassung sorgen. Doch Abbi ahnt nicht, dass sie damit einen Freibrief in die Hölle bekommen hat. Nicht nur die sadistische Leiterin Greta, sondern auch die perverse Insassin Juana (Lina Romay) machen ihren Aufenthalt zur gefährlichen und unerträglichen Zerreißprobe. Wird sie Greta entlarven können?

Weil Jess Franco es immer gut verstand, sich an Tendenzen zu orientieren oder sich an aufkommende Trends heranzuheften, kam wohl dieser inoffizielle "Ilsa"-Teil zu Stande, der außer Dyanne Thorne und einiger Kolportage-Inhalte wenig mit der legendären Trilogie gemein hat. Die Handschrift des Regisseurs zieht sich hier wie ein roter Faden durch das Geschehen, außerdem serviert er dem Zuschauer seine bekannten Vorlieben und Praktiken. Als Projektionsfläche dafür fungierte wie so häufig und überwiegend Lina Romay. Der Film an sich ist ein typischer Reißer aus der Franco-Schmiede, orientiert sich daher eher an überaus praktischen Veranschaulichungen, als an der ernsthaften Abhandlung seiner Geschichte. So ist die Kopflastigkeit dieser Handlung beinahe schon erdrückend. Ich persönlich sehe es gerne positiv an, und glaube einen relativ klaren Aufbau herausfiltern zu können, aber es ist kein Geheimnis, dass man derartige Experimente einfach gerne sehen muss, ansonsten ist das alles schwer bekömmlich. Die Besetzung, die in großen Teilen recht unscheinbar aussehen mag, zeigt im Rahmen der einseitigen Abhandlung sehr gelungene Interpretationen.

Die Titelrolle übernahm die berüchtigte Dyanne Thorne (94 - 56 - 89), von Lina Romay übrigens als vollkommen humorlos beschrieben, die allerdings nicht alle Register ziehen wird, wie es in ihren Ilsa-Filmen zu tun pflegte. Unter Jess Franco ist es natürlich klar, dass die sadistische Ader zugunsten einer perfiden, lesbisch-sadomasistisch Tendenz weichen musste. Sie wirkt daher nicht so dominant und gefährlich wie üblich und alles wurde hier ein wenig mehr weichgespült. Trotz allem strahlt Dyanne Thorne dabei eine nahezu abstoßende Anziehungskraft aus, die ihre gestraffte Auftrittsdauer weniger auffällig erscheinen lässt. Greta schaltet und waltet in ihrem nebulösen Sanatorium nach Herzenslust. Sie quält, peitscht und foltert ihre renitenten Kurgäste, vergnügt sich andererseits mit ihren Auserkorenen und zelebriert sexuelle Ausschweifungen par excellence. Dabei liefert Dyanne Thornes: »Avanti! Du weißt doch was du zu tun hast!« zu Lina Romay den perfekten Einstand um ihre Gepflogenheiten zu veranschaulichen. Sich nur ein Spitzel mit ihr zu halten scheint dieser Dame zu langweilig zu sein. So fungiert Juana eben multifunktionell; von einer Informantin über eine Masseurin, bis hin zu einem lebendigen Nadelkissen. Jess Francos Einfälle mögen ja vielleicht publikumswirksam sein, aber schießen doch hin und wieder über das Ziel hinaus. Dass Dyanne Thorne vorzugsweise von der großartigen Ursula Heyer gesprochen wurde, lässt auch in "Greta - Haus ohne Männer" echte Freude aufkommen.

Lina Romay überzeugt hier restlos als durch und durch verdorbene Partnerin von womöglich allen Frauen in diesem Sanatorium. Die Chemie zwischen ihr und Greta scheint zu stimmen, denn sie brauchen sich und sie hassen sich. Lina Romays Juana steht dort in der Hierarchie ganz weit oben und zeigt sich als gelehrige Schülerin ihrer Mentorin Greta, denn sie hat ebenfalls ein perverses Vergnügen daran, ihre Mitgefangenen zu demütigen und zu quälen. So muss sie unter anderem Szenen interpretieren, die sich jenseits von Geschmack oder Selbstachtung wiederfinden. Um das Gesamtbild abzurunden wurde ihr noch ausgiebig Gossenton in den Mund gelegt. Ich wehre mich ja immer dagegen, Lina Romay anerkennend zu betrachten, doch wenn man sie als das annimmt was sie wirklich ist, nämlich das Elixier der späteren Franco Werke, dann kommt man hervorragend mit dieser Dame aus. Tania Busselier, die in der Klinik eingeschleust wird, macht bei den Voraussetzungen ihrer Rolle, und womöglich bei ihren begrenzten darstellerischen Fähigkeiten, einen recht annehmbaren Eindruck. Dabei muss sie viel über sich ergehen lassen. Im Spektrum von Demütigungen und Nötigung, bis hin zur Elektroschock-Folter darf sie ihr ganzes Repertoire ausspielen.

Folgende Aussage von Jess Franco wird auch hier exemplarisch in Bildern festgehalten: »Ich bin ein sexuell Besessener, ein enorm Besessener. Ich bin ein Voyeur und ich will davon nicht geheilt werden - daher mein gigantisches Vergnügen, Sexszenen zu erfinden, sie zu dirigieren, sie zu sehen und sie obendrein zu filmen...« Vermutlich entstanden erst genau deswegen zahlreiche Filme von ihm. "Greta - Haus ohne Männer" ist ein Film mit dünner Handlung, der mit üblichen, trivialen Zutaten gestreckt wurde. Daher ist der Blick für Details offensichtlich mal wieder verloren gegangen. Wenn man sich die Intention des Regisseurs immer wieder vor Augen hält kann man jedoch sagen, dass er seinen Absichten oder Wünschen immer wieder sehr nahe gekommen ist. Geschmückt wurde das Ganze mit obligatorischen Aufnahmen der Landschaft, und die Aufnahmen im Dschungel sind wirklich gut gelungen und auch die Musik wirkt recht angenehm, außerdem ist das Finale ein echtes Highlight. Dyanne Thorne hätte man für meinen Geschmack etwas prominenter in Szene setzen sollen, leider bleibt so überwiegend der Eindruck eines herkömmlichen Einheitsreißers mit Franco-Würze. Subjektiv gesehen hat der Film einen eindeutigen Reiz, da er in den Bereichen primitiver Unterhaltung und bestätigender Erwartung seinen Frondienst tun konnte.


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BeitragVerfasst: 31.07.2013 23:01 
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DIAMANTENPARTY (1973)

mit Barbara Rütting, John van Dreelen, Fritz Muliar, Heidelinde Weis, Wolfgang Preiss, Sigrid von Richthofen, Maria Sebaldt und Ralf Wolter
eine Produktion des Südwestfunk
ein Film von Joachim Hess




Anlässlich der Rennwoche in Baden-Baden versammeln sich alljährlich Reiche und Prominente - und mit ihnen der wertvollste Schmuck und die edelsten Diamanten. Dieser Umstand kommt dem Schwerenöter Konnie (John van Dreelen) gerade recht. Seine extravagante Frau Franziska (Barbara Rütting) hat nämlich einen Liebhaber und will sich deshalb von ihm scheiden lassen. Pech für Konnie, wo er sie doch nur wegen ihrer Millionen geheiratet hat! So fasst er des Plan, die Schönen und Reichen während einer Party des Konsuls van Düren (Wolfgang Preiss), mit dessen Frau Babette (Heidelinde Weis) er selbst ein Verhältnis hat, um ihr Vermögen zu erleichtern. Mit Hilfe seiner ehemaligen Knastbrüder Georg (Ralf Wolter) und Boris (Fritz Muliar) plant er einen genialen Coup... [Zitat "Diamantenparty", erschienen bei Pidax]

Mit dieser Gauner-Komödie von Regisseur Joachim Hess hat man es mit einem der amüsanteren Formate zu tun, wenngleich es eigentlich auch sehr lange dauert, bis es, dem Charakter des Titels entsprechend, zu funkeln und zu glitzern beginnt. Der Aufbau ist recht konventionell geraten und es nimmt eine Menge Zeit in Anspruch, die Charaktere ausgiebig zu durchleuchten, so dass hin und wieder der Eindruck entsteht, dass die Geschichte gemütlich vor sich dahinplätschert. Dennoch entwickelt sich eine sehr interessante Variante der kriminalistisch angehauchten Komödie, die resolut nur ein Ziel vor Augen hat, nämlich den Showdown in Form der "Diamantenparty". Das Augenmerk liegt im Verlauf auf den Spleens, Launen und Schwächen der im besten Fall Schönen, aber im Normalfall vornehmlich Reichen, und dabei macht die exzellente Besetzung in Verbindung mit den aussagekräftigen Schauplätzen wirklich einiges her. Der Spaß entwickelt sich, wenn die Gauner (für die man übrigens alle Sympathien empfindet) ihren Coup planen, um an das große Geld zu kommen. Die Frage, wie man es eigentlich schafft, so viele Juwelen wie möglich auf einem Haufen zu versammeln, wird gewitzt gelöst und eingängig umgesetzt. Das überspitzte, beziehungsweise groteske Element dieser Versammlung entschädigt dann wie gesagt für einige spürbare Längen und provoziert einiges an Schmunzeln, wofür nicht zuletzt auch die heiter aufspielenden Akteure verantwortlich sind.

Ich persönlich finde es immer wieder erstaunlich, welche Wandlungsfähigkeit Barbara Rütting in ihren späteren Rollen unter Beweis stellen konnte. In dieser Geschichte spielt sie eine Millionärin, der ihre Männer schnell zu langweilig werden, und welche sie dann ganz in der Manier einer Dame von Welt bittet, sie schleunigst zu verlassen. Die beliebte Darstellerin ist quasi in jeder Einstellung mit einer anderen bizarren Perücke zu sehen und sie strahlt eine Ruhe und Schlagfertigkeit aus, die man zwar von ihr kennt, welche sie aber im Laufe der Jahre perfektioniert hat. Ja, die Barbara Rütting der späten Sechziger und frühen Siebziger ist schon eine beachtenswerte Erscheinung und sie prägt ihre Rollen nochmals wesentlich unkonventioneller und leichtfüßiger als gewöhnlich. Die weiteren Rollen sind erstklassig besetzt worden, und man kann einem Ensemble zuschauen, das an einem Strang zieht und sich jeweils perfekt in die Rolle einfühlt. Besonders der Auftritt von Sigrid von Richthofen hat mich noch erfreut, denn ihre Rolle der hoheitsvollen, etwas exaltierten Alten stellt eine Mischung aus ihren drei Edgar Wallace-Partizipationen dar, die genauso viel Spaß macht, und auch Heidelinde Weis verblüfft mit ungeahnter Freizügigkeit. Man sieht in "Diamantenparty" gewiss keinen klassischen Kampf von Gut gegen Böse, alle Personen haben sogar das Potential, Sympathien hervorzurufen, aber die Mischung machts. Die TV-Produktion erscheint im Ganzen sehr aufwendig inszeniert, tolle Schauplätze vermitteln ein gehobenes Flair, und der schnörkellose Aufbau garantiert schließlich eine sehr gelungene Unterhaltung. Auch musikalisch sticht die Arbeit von Werner Drexler hervor und ich kann insgesamt sagen, dass ich dieses Juwelen-Märchen mit großem Vergnügen verfolgt habe.


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BeitragVerfasst: 01.08.2013 14:58 
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DIE WAHRHEIT ÜBER ROSEMARIE (1959)

Belinda Lee als Rosemarie Nitribitt
mit Hans Nielsen, Paul Dahlke, Karl Lieffen, Jan Hendriks, Karl Schönböck, Claus Wilcke
und Walter Rilla, Edith Schultze-Westrum, Lina Carstens, Wolfgang Büttner, Georg Lehn
eine Produktion der Dieter-Frisko-Produktion | Rapid Film
ein Film von Rudolf Jugert


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»Ich werde mein Verhalten im Verkehr in Zukunft den Vorschriften besser anpassen!«


Frankfurt am Main in den Fünfzigerjahren. Der rätselhafte Mord an der Edelhure Rosemarie Nitribitt (Belinda Lee) sorgt für Schlagzeilen und Spekulationen. Die einschlägig bekannte Frau wird tot in ihrer Wohnung aufgefunden, erwürgt von einem Unbekannten. Zu ihrer Stammkundschaft zählten viele wohlhabende Männer aus Politik und Wirtschaft, der Kreis der potentiellen Verdächtigen erscheint endlos zu sein. Rosemarie arbeitete sich von ganz unten empor und verdiente sich ein kleines Vermögen, doch sie litt unter Isolation und Einsamkeit. Ihre ehemalige Wirtin Frau Huber (Lina Carstens), ihre Masseurin Frau Kroll (Edith Schultze-Werstrum) und ihr hilfsbereiter Bekannter Heinz Pohlmann (Jan Hendriks) zählen zu den wenigen Vertrauten, die übrig geblieben sind, doch auch bei ihnen lässt sich im Nachhinein ein Mord-Motiv ausfindig machen. In der Nacht zum 01. November 1957 stirbt Rosemarie Nitribitt durch die Hand eines Unbekannten...

Diese, in der Reihe "Filmjuwelen" veröffentlichte Produktion von Rudolf Jugert, möchte schon anhand des sehr eindeutig klingenden Titels für Aufsehen, beziehungsweise für Aufklärung sorgen. Wer sich bahnbrechende, neue Erkenntnisse erhofft, ist hier allerdings vollkommen an der falschen Adresse, denn die Geschichte gibt sich von vorne bis hinten äußerst spekulativ, verliert sich in vagen Andeutungen und jongliert ausgiebig mit diversen Mutmaßungen, die seinerzeit in der gleichen hemmungslosen Form in der einschlägigen Klatsch-Presse offeriert wurden. Als Unterhaltungsfilm funktioniert "Die Wahrheit über Rosemarie" jedoch einwandfrei. Die Regie inszenierte nicht uninteressant und bediente sich eines einfachen Konzeptes, nämlich den kompletten Film um Rosemarie Nitribitt, beziehungsweise um die Engländerin Belinda Lee zu konstruieren. Etappenweise bekommt der Zuschauer Studien, Hintergründe und Veranschaulichungen geboten, und die in Rückblenden angelegte Geschichte wirkt als Kriminalfilm eher ungelenk, insgesamt gesehen jedoch zufriedenstellender und nüchternder als die ein Jahr zuvor erschienene, eher satirisch angehauchte Konkurrenz "Das Mädchen Rosemarie" mit Nadja Tiller in der Titelrolle. Die Episoden von Rosemaries Werdegang werden kurz und prägnant zusammengefasst, so dass man sich auch ohne besonderes Hintergrundwissen relativ gut orientiert fühlen kann, bis sich das Hauptaugenmerk auf die beteiligten Personen aus dem Bekannten- und Kundenkreis der Titelfigur verlagert. Hierbei sieht man gerne gesehene und bekannte Darsteller, die meistens nur in kurzen Auftritten agieren, und sich daher kaum oder überhaupt nicht gegen die unerbittlich sicher und authentisch wirkende weibliche Hauptrolle behaupten können.

Wo ich bei Nadja Tiller immer ein Image-Problem bezüglich der Verkörperung der Edelhure gesehen habe, zeigt Belinda Lee mithilfe ganz einfacher Register eine überzeugende Durchschlagskraft. Lee, die 1961 schrecklich jung im Alter von nur fünfundzwanzig Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam, präsentiert hier ein Konglomerat aus allen erdenklichen weiblichen Attributen, und hat mich bei ihrer Darstellung restlos überzeugt, oder noch besser gesagt, fasziniert. Für damalige Verhältnisse spielte sie das, wofür man vermutlich nur sehr eingeschränkt eine andere Darstellerin gefunden hätte. Sie spielt mir einer offensiven Weiblichkeit, ihre Darbietung wirkt spontan und authentisch, und man kann schon sagen, dass sie dem Mythos Nitribitt ein bemerkenswertes Gesicht gegeben hat. Und apropos Gesicht, bei Belinda Lee handelt es sich um eine Schauspielerin, bei der man in unterschiedlichsten Einstellungen und Filmen, zahlreiche Facetten und Gemeinsamkeiten mit anderen bekannten Darstellerinnen zu sehen glaubt, eine überaus faszinierende Frau. Was den Zauber wieder ein wenig stört, ist dass man sie nachsynchronisieren musste, was hier leider nicht immer günstig gelöst wurde, wobei die gewählte Stimme in Verbindung mit den Dialogen eigentlich sehr nachhaltig wirkt. Die Darstellung der Rosemarie verläuft ausschließlich durch das leichtfüßige Schauspiel von Belinda Lee sehr überzeugend, denn ein offensichtlich schwaches Drehbuch führt innere Kämpfe mit allen Beteiligten durch. Der Eindruck von Tiefe des Charakters entsteht somit durch die schauspielerische Kompetenz und nicht durch raffinierte Kniffe, was besonders zum Ende hin mehr als deutlich wird. Zu viel Naivität und unangenehme, unfreiwillige Komik drohen die Titelfigur immer wieder zu vereinnahmen, doch Belinda Lee macht ihre Sache sehr ordentlich und wehrt sich erfolgreich mit allen klassischen Mitteln. Diese Schauspielerin, die bislang überhaupt nicht auf meinem Radar war, hat spätestens jetzt einen neuen Bewunderer gefunden!

Unter den weiteren Schauspielern findet man nur noch Nebenrollen, bei denen man sich damit begnügte, sie dem Zuschauer als Verdächtige zum Fraß vorzuwerfen, darüber hinaus bekommt man eher schwache Charakterstudien geboten, die wenig ausgefeilte Persönlichkeiten kommen und gehen lassen. Hans Nielsen, Paul Dahlke, Jan Hendriks oder Karl Schönböck wurden als Qualitätsgaranten nahezu vertan, und ihre Spur verliert sich in diffus gezeichneten Herrschaften, die unmittelbar mit Rosemarie zu tun hatten. Einen besonders schwerwiegenden Fall von überdurchschnittlicher Naivität musste beispielsweise Claus Wilcke zum Besten geben, der hier als Projektionsfläche für althergebrachte Moralvorstellungen und bürgerliches Gedankengut zu dienen hatte. Auch Wolfgang Büttner schließt sich dabei an, und sein mutmaßlich tiefsinniges Gespräch mit der Prostituierten hinterlässt einen dumpfen Beigeschmack, da es sich nur um eine weitere der unzähligen moralischen Predigten handelt, die seinerzeit in beinahe jedem Film Verwendung fanden. In einer vergleichsweise großen Rolle sieht man noch den im Vorspann unerwähnten Walter Rilla als russischen Verehrer Rosemaries, der wie üblich mit Eleganz und Charme auftrumpft. Karl Lieffen als kleiner, schmieriger Zuhälter gefällt genau so gut wie die gute Seele der Szenerie, Lina Carstens. Die größte Überraschung stellt jedoch Edith Schultze-Westrum dar, die aus ihrer kleinen Rolle eine beeindruckende Glanzvorstellung zaubern konnte. Im Endeffekt gibt es kein Problem der Rollenverteilung. Dass die Auftritte der Gäste der übermächtigen Präsenz der Titelfigur untergeordnet wurden, ist logisch und daher vollkommen legitim. Dass man es aber bei fast allen Beteiligten mit, vom Drehbuch ignorierten Personen zu tun hat, ist erstaunlich, da man die lange Liste des Dunstkreises um Rosemarie Nitribitt angesichts des Faktors Spannung und "Wahrheit" als Nebensächlichkeit aufgetischt bekommt. Schade, denn so bleibt lediglich der Eindruck von waghalsigen Spekulationen zurück!

Für damalige Verhältnisse ist "Die Wahrheit über Rosemarie" recht gewagt ausgefallen. Man bekommt zwar nur andeutungsweise Haut und nackte Tatsachen zu sehen, doch der schlüpfrige Charakter ergibt sich schließlich aus Wort und Tat. Die Geschichte an sich wirkt wenig dicht, und wurde lediglich aus ohnehin bekannten Tatsachen und diversen neuen Mutmaßungen zusammengebastelt. Neben dem übermächtigen Aufbau der Titelfigur bleibt für alles Andere nur wenig Luft, einseitige Abhandlungstaktiken wirken gewöhnlich und keineswegs bahnbrechend, die Regie entlarvt sich daher in vielen Fällen als eher durchschnittlich und gängige Klischees werden bereitwillig kolportiert. Zum Finale hin zeigt der Film glücklicherweise wieder seine Stärken und nutzt das vorher viel zu ausgiebig verschwendete Potential. In einer Traumsequenz erscheinen Rosemarie nochmals alle Mordverdächtigen, die zu ihr mit verzerrter Stimme sprechen und die sie bedrohen, ihre Angst und ihre Verzweiflung wird durch schräge Kamera-Perspektiven sehr gut zum Ausdruck gebracht, ihrem Mörder öffnet sie erleichtert die Türe. Dennoch wird das Tatmotiv nicht stichhaltig herausgearbeitet, denn das Prinzip, es könne jeder gewesen sein, mag zwar richtig sein, stellt bei dem vielversprechenden Titel der Produktion allerdings nicht zufrieden. Wenigstens bleibt der Aufbau immer klar und nachvollziehbar, und es kommt zu keinen verworrenen Passagen. Im Endeffekt schwächelt der Film an fehlender Brisanz, auch das Skandalöse wurde zu brav dargestellt und das Ende kommt schlussendlich viel zu abrupt, so dass der Zuschauer genau so ratlos zurückbleibt, wie er möglicherweise in diesen Film der angeblichen Enthüllungen hinein gegangen ist. Musikalisch bekommt man klassische Themen geboten, die dem Zeitgeist entsprechen, einige Sequenzen kennt man sogar aus "Der Frosch mit der Maske". Insgesamt hat mich dieser Film sehr gut unterhalten, so dass ich ihn gerne als sehenswert einschätzen möchte. Seine Defizite schiebe ich dem schwierigen Thema zu, und der Tatsache, dass es damals wie heute ja eigentlich keine neuen Erkenntnisse im Mordfall Rosemarie Nitribitt gibt und gegeben hat. Vor allem aber verneige ich mich vor der bestechenden Form von Belinda Lee, die hier schließlich die Hauptsache für einen funktionierenden Film darstellt.


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 Betreff des Beitrags: Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? - Prismas Filmtagebuch
BeitragVerfasst: 02.08.2013 16:02 
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VERHÖR AM NACHMITTAG (1965)

mit Hans Nielsen, Anaid Iplicjian, Alexander Allerson, Vera Tschechowa, Margret van Munster, Heide Keller, Käthe Lindenberg, u.a.
eine Produktion des Westdeutschen Rundfunk
ein Fernsehfilm von Walter Davy

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Herr Dressler wird tot in seinem Bett aufgefunden, und man geht davon aus, dass er an seiner Tuberkulose-Erkrankung gestorben ist. Die Angestellten eines Bestattungsinstituts, die den Toten abholen wollen, entdecken jedoch etwas Erstaunliches. Auf dem Kopfkissen ist Blut zu sehen und man findet schließlich eine Revolverkugel. Herr Dressler wurde ermordet! Wenig später rückt die Mordkommission unter der Leitung von Kriminalrat Ücker (Hans Nielsen) an, und er nimmt zusammen mit Kommissar Krempel (Alexander Allerson) die Ermittlungen auf. Bei den Verhören versammeln sich in der Wohnung, in der sich das Verbrechen ereignet hat, einige Personen aus dem Umfeld des Herrn Dressler, doch das Motiv ist zunächst vollkommen unklar. Auch wie der Mörder unbehelligt in die Wohnung kommen, und diese wieder verlassen konnte gibt Rätsel auf. Die Befragungen mit der Frau des Ermordeten (Anaid Iplicjian) geben keinen Aufschluss. Kriminalrat Ücker und seine Crew haben die schwierige Aufgabe, ein Mosaik zusammenfügen zu müssen...

Unter der Regie von Walter Davy entstand ein Fernsehspiel ohne Allüren, aber was viel schwerer ins Gewicht fällt, auch ohne Mut, das insgesamt gesehen nicht überzeugen konnte. Zwar fängt die Geschichte sehr atmosphärisch an, die Mitarbeiter tragen einen Sarg in die Wohnung und plötzlich stellt sich heraus, dass es sich um einen Mord mit unklarem Motiv handelt, die Maschinerie kommt eigentlich sehr gut in Gang, die Befragungen wecken zunächst die Aufmerksamkeit des Zuschauers, aber das war auch schon fast alles. Es fehlt an Abwechslung und an zündenden, überzeugenden Einfällen, die hohe Konzentration auf die Dialoge beschert Eintönigkeit, bei mir sogar hin und wieder Unaufmerksamkeit. In dieser TV-Produktion haben sich allerdings glücklicherweise einige beliebte Darsteller versammelt, bei denen es (trotz aller Mängel in der Inszenierung) großen Spaß macht, zuzusehen. Hier ist im Besonderen ein bestimmter Herr zu nennen...

Hans Nielsen in einer seltenen Hauptrolle ist schon etwas Besonderes, und er prägt das Geschehen sehr angenehm, vielleicht könnte man sogar sagen, dass er es streckenweise dominiert. Das allerdings fällt bei seiner diskreten Zurückhaltung weniger auf. Er ist ein Zuhörer, seine Stärken sind Geduld und Menschenkenntnis, außerdem kommen ihm seine empathischen Fähigkeiten in jeder Situation zu Gute. Dass er hier wieder einmal den Ermittler interpretiert, sorgt also schon einmal für freudige Assoziationen, denn ich persönlich habe seine Rollen auf der Seite des Gesetzes immer sehr gerne gesehen. Kriminalrat Ücker zeigt viele Facetten und wirkt nicht wie eine programmierte Polizei-Maschine. Bei der Ermittlungsarbeit ist er sachlich und pragmatisch, kann aber natürlich auch flexibel umdenken. Im Kreise der Kollegen lässt er auch einmal gerne seinem Humor freien Lauf, so dass der Umgang sehr familiär wirkt. Es besteht kein Zweifel, dass ihm seine Erfahrung auch hier behilflich sein wird, dieser Herr ist ein Fuchs aus dem Bilderbuch. Das Pendant zu ihm liefert Alexander Allerson, der nicht gerade ein Musterknabe in Sachen Geduld und Kombinationsgabe zu sein scheint. In dieser biederen Szenerie wirken seine impulsiven Anflüge und sein eher aggressiver Stil, Verhöre zu führen, geradezu erfrischend. Ein interessantes Gespann gewährt hier Einblicke in die meistens leider konventionelle Arbeit.

Anaid Iplicjian als Witwe Dressler wirkt im Vergleich zu ihren berüchtigten Interpretationen von starken, selbstsicheren und resoluten Frauen so vollkommen anders und beinahe typfremd, dass ich den Gedanken der Fehlbesetzung zumindest häufiger in Erwägung gezogen habe. Doch ihre Fähigkeit, Rollen zu prägen und in diese überzugehen, macht das Zusehen doch sehr interessant. Frau Dressler wirkt gehemmt und zutiefst einsam, allerdings kennt sie ihre Pflichten. Sie ist von Natur her keine Person die resignieren würde, zumindest nicht in aller Öffentlichkeit. Deswegen wirkt sie trotz der Ermordung ihres älteren Gatten gefasst und völlig klar. Erscheinung und Styling von Anaid Iplicjian transportieren einen recht konservativen und biederen Eindruck, der allerdings das Gesamtgeschehen untermalt. 15 Minuten vor Schluss taucht schließlich noch Vera Tschechowa auf, die wohl die Geliebte des Toten gewesen sein soll (was äußerst zweifelhaft erscheint!). Ihr Auftritt erinnert von der Erscheinungsdauer her an "Die Gruft mit dem Rätselschloss", hier spielt sie eine ziemlich gewöhnliche junge Frau, die unüberlegt und frech daher redet und einen äußerst einfältigen Eindruck hinterlässt. Eine gelungene Darbietung in aller Kürze! Persönlich erfreut hat mich der Auftritt von Margret van Munster, die jahrelang als Rosi Koch in der "Lindenstraße" ihr Unwesen trieb. Hier spielt sie einen ähnlichen Charakter. Geschwätzig, aufdringlich und mit dem ungezügelten Potential versehen, alle Personen zur Weißglut zu bringen.

Dieser TV-Produktion fehlt es leider durchgehend an Würze. Dass die Handlung ausschließlich in wenigen Räumen stattfindet, treibt den Verlauf in Richtung langweiliger Passagen. Oft hört man die Beteiligten von anderen Schauplätzen sprechen, und als Zuschauer wünscht man sich einen derartigen Standortwechsel sehnsüchtig herbei, da in dieser Wohnung ein eigenartiges Vakuum entsteht, das auch durch die wenig originelle Auflösung nicht beseitigt werden kann. Eine Befragung im Treppenhaus oder im Büro der Sekretärin (die das Fenster beobachtete und aussagte, dass niemand hätte von außen in das Zimmer des Ermordeten steigen können) hätte sich doch positiv ausgewirkt, oder um sich zu sammeln, ein vertrauliches Gespräch der Kollegen vor der Haustüre, auf der Straße, ein paar Schritte um den Block gehend (da die Wände am Tatort Ohren zu haben scheinen, und die neugierigen Klatschtanten wie die Hühner auf der Stange herumsitzen)... das hätte wenigstens zur Auflockerung beigetragen. Im Endeffekt ist die Inszenierung für das Produktionsjahr außerordentlich konservativ, altmodisch und spannungsarm verlaufen und kann kaum Überraschungsmomente präsentieren. Die Auflösung ist vorhersehbar und daher unbefriedigend, darüber hinaus auch noch gewöhnlich. Da helfen Bausteine wie gelungener Humor, aufmerksames und prägnantes Schauspiel und angenehme Musik, transparente Ermittlungen und Zusammentragen von Informationen, oder gar Wolfgang Menge als Drehbuchautor, nicht über einen unspektakulären TV-Langweiler in einer räumlichen Zwangsjacke hinweg.


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 Betreff des Beitrags: Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? - Prismas Filmtagebuch
BeitragVerfasst: 04.08.2013 12:36 
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IM BLUTRAUSCH DES SATANS / BAY OF BLOOD / REAZIONE A CATENA (1971)

mit Claudine Auger, Luigi Pistilli, Claudio Camaso, Brigitte Skay, Chris Avram, Anna Maria Rosati und Isa Miranda
eine Produktion der Nuova Linea Cinematografica
ein Film von Mario Bava




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»Ist ja geil!«


Die alternde Gräfin Federica Donati (Isa Miranda) und Besitzerin einer idyllisch gelegenen Bucht wird von ihrem Ehemann (Giovanni Nuvoletti) aus Habgier brutal ermordet, da dieser gegen den Willen seiner Gattin, lukrative Baupläne durchsetzen will. Doch dieser Plan geht nicht auf, denn der Graf wird unmittelbar nach der Tat von einem Unbekannten getötet. Dies ist der Auftakt einer Serie bestialischer Morde, die vollkommen zusammenhanglos und willkürlich wirken. Ist ein Wahnsinniger am Werk oder stecken finanzielle Interessen dahinter? In der Bucht wimmelt es vor Verdächtigen, deren Motive Habgier, Rache und Eifersucht zu sein scheinen. Auch der Aberglaube muss herhalten, da die Dorfbewohner an einen alten Fluch glauben, der diesen Blutrausch erklären könnte. Doch wer wird im Endeffekt übrig bleiben..?

»Doch manchmal gibt es ein böses Erwachen - Oder auch gar keins!« Als ich diesen Satz damals in dem spektakulären Trailer zu "Im Blutrausch des Satans" gehört, und die passenden Bilder mit Isa Miranda gesehen hatte, war das Verlangen nach diesem Film so groß, dass ich ihn binnen kürzester Zeit haben musste. Es ist immer riskant, wenn Vorfreude und Erwartung eine derartige Allianz eingehen, denn der jeweilige Film neigt dann schnell dazu, durchzufallen. Da auch im Trailer nur die besten Szenen verwendet wurden, hatte es Mario Bavas Film auf einmal richtig schwer, denn eigentlich ist die bestehende Handlung viel zu dünn, um die Spiellänge vollends auszufüllen. Aus diesem Grunde mussten Effekte her, die in diesem Werk hinsichtlich des Produktionsjahres beinahe revolutionär erscheinen, und die wirklich überaus packend dargestellt wurden, sogar noch für heutige Verhältnisse. Gut, wenn man sich darauf einstellt, dass man einfach nur wildes Gemetzel zu sehen bekommen wird, und nicht anfängt, nach irgendwelchem Tiefgang zu schnüffeln, dann ist "Im Blutrausch des Satans" aus diversen Gründen tatsächlich ein gefundenes Fressen, und eines von Mario Bavas unterhaltsamsten Werken. 'Bay of Blood' ist wohl mehr Slasher als Horror, mehr Horror als Giallo, aber wirklich rundum etwas merkwürdig Besonderes, so dass dieser Film heute Kultstatus genießt.

Die Besetzung sieht auf den ersten Blick nicht nur besonders ungleich aus, sie bestätigt diesen Eindruck auch im Handumdrehen. Da wirklich keine der Rollen besonders ausgiebig angelegt ist, könnte man von einem Fließband von teils namhaften Nebenrollen sprechen, doch keine überzeugt vollkommen, so dass hier ausschließlich persönliche Vorlieben bezüglich der Darsteller für erfreuliche Akzente sorgen können. Zu jener Zeit besetzte man Claudine Auger des großen Namens wegen besonders gerne und besonders verschwenderisch. Was sie hier leistet, hätte jede andere Darstellerin ebenso gut abspulen können. Auger wirkt beinahe gelangweilt und man braucht nicht weiter zu diskutieren, denn sie ist ausschließlich die Besetzung für das Auge in dieser Produktion. Luigi Pistilli und Chris Avram, normalerweise Garanten für relativ kantige Darstellungen, schließen sich in dieser Beziehung an, wenn auch diskreter. Claudio Camaso ist stets ein erfreulicher Gast in unterschiedlichen Filmen, und darf hier für ein bisschen Skepsis und Verwirrung sorgen. Merkwürdig erscheint zunächst die Partizipation von Brigitte Skay, die es im italienischen Film aber sogar auf ein paar Hauptrollen brachte. Sie spielt das nymphomanische Party-Luder hier eher bescheiden und sie wirkt wie eine einschlägige Karikatur, hatte aber eine ziemlich derbe Abschlachtungsszene zum Besten zu geben, was jedoch die meisten Darsteller ebenfalls von sich behaupten dürfen. Hier zu nennen ist unbedingt die Ermordung der Gräfin, alias Isa Miranda, die einem unendlich lange und schrecklich brutal vorkommt. Miranda sehe ich stets gerne da sie es schafft ihren vornehmlich älteren Damen krude Anstriche und selbstsichere Noten zu geben.

Inszenatorisch gesehen hat Mario Bava stilvollere Arbeiten anzubieten. Was daher hier auffällt, ist die relativ einfallslose Kamera-Arbeit, leider fehlt es außerdem an Farben-Prunk und viele Sequenzen sind viel zu dunkel geraten, was sicherlich die Atmosphäre unterstreichen sollte, aber das Sehvergnügen nicht gerade immer begünstigt. Im Grunde genommen bekommt man es in dieser Sause nur mit Aneinanderreihungen von Szenen zu tun, die möglichst deftig mit den Nerven der Zuschauer spielen sollten. Die Handlung ist vollkommen untergeordnet und die Dialoge sind einfältig oder belanglos, so dass es in dieser Beziehung selten einmal zu Aufsehen erregendem kommt. Wenn man sich im Klaren darüber ist, was man hier schließlich bekommt und was man eigentlich sehen will, ist das einfache Konzept des Films beinahe wieder sensationell. Stelvio Ciprianis Musik sorgt für unterschiedliche Spannungen und Atempausen und untermalt das Geschehen stets markant und sicher, auch die schnellen Schnittfolgen tragen zu einer spannenden Atmosphäre bei, wenn sich auch immer mal wieder blutleere Sequenzen einschleichen. Mit dem Ende des Films habe ich immer schon gewisse Probleme gehabt. Einerseits sorgt diese finale Szene bei der ersten Sichtung für eine große Überraschung, jedoch wirkt es auf mich so, als habe sich die Regie selbst zurück gepfiffen, um einen unrealistischen Charakter des Films zu präsentieren, falls er vom Zuschauer in seiner Exposition als zu hart aufgenommen wurde. Man kann insgesamt sagen, dass sich diese passive Berieselung durch Brutalität, Gewalt, Sadismus, Mord und Totschlag für Anhänger der Genre-Fragmente doch lohnt, und ich persönlich sehe "Im Blutrausch des Satans" immer wieder einmal gerne, da es sich um einen der wenigen Filme handelt, die ich so gerne sehen wollte, und damals vor Ungeduld beinahe geplatzt bin.


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 Betreff des Beitrags: Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? - Prismas Filmtagebuch
BeitragVerfasst: 04.08.2013 17:21 
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SERGEANT BERRY UND DER ZUFALL (1974) [Folge 1]

mit Klausjürgen Wussow, Käthe Haack, Hannes Messemer, Gerd Frickhöffer, Andrea Rau, Klaus Dahlen
Gäste: Ivan Desny, Alexander Allerson, Marika Maas und Heidi Brühl
eine Produktion der Allianz im Auftrag des ZDF
Regie: Harald Philipp




Sergeant Albert Berry ist Verkehrspolizist an einer Kreuzung am Sunset Boulevard. Als eines Tages ein Herr bei ihm anhält, um nach dem Weg zu fragen, sieht er im dahinterstehenden Fahrzeug Verdächtiges. Er hat den gesuchten Unterweltboss Marcello Santone identifizieren können, der mit dem Wagen des bekannten Anwalts William Dulac chauffiert wurde. So stattet Berry der Villa Dulac einen eigenmächtigen Besuch ab, um den Boss der sogenannten 1000-Dollar-Bande dingfest zu machen. Mit seinem Kollegen Goofy gerät er dort in ungeahnte, gefährliche Komplikationen...

Der Zufall will es, und es ist an der Zeit, sich einmal näher mit dieser ZDF-Auftragsproduktion der Allianz-Film zu beschäftigen. Der zweite Anlauf bei "Sergeant Berry" stand unter keinem guten Stern, da die Serie bei der Erst-Ansicht komplett durchgefallen war. Die Pilot-Folge startet vielversprechend, doch spätestens nach der ersten miserablen Rückprojektion wird man hellhörig. Die Schauplätze sind durchgehend auf amerikanisch getrimmt worden, sehen aber entweder nur durch und durch deutsch oder spanisch aus, da helfen auch die paar Schnipsel Archivmaterial nicht, um den Gesamteindruck zu verbessern. Ohne diesen Krampf hätte man es nämlich eigentlich mit schönen Locations zu tun gehabt. Die Folge hat mit ihren etwa 25 Minuten große Probleme ins Ziel zu kommen, da eine Handlung kaum erkennbar ist, und die Titelfigur keinerlei Wiedererkennungswert beim Zuschauer abruft. Schwache Dialoge und nervtötende Personen verschärfen den kritischen Blick zusätzlich. Es kommt zu ein paar ganz gelungenen Action-Einlagen und viel schmerzhaftem Klamauk, ab und zu schimmert sogar etwas Situationskomik hindurch, aber die Angelegenheit wirkt trotz Verbrechern, Mordanschlag und Nötigung kaum bedrohlich, denn ein atmosphärischer Aussetzer jagt leider den nächsten.

Die Titelrolle spielt Klausjürgen Wussow. Eigentlich hört sich das auch wieder vielversprechend an, doch es funktioniert leider nicht zufriedenstellend. Sergeant Berry, angeblich Playboy (?) und Frauenheld (?), entwickelt gerade bei Damen aller Altersklassen einen Schwindel erregenden Charme, den jede Darstellerin zwar vorgaukelt, den aber niemand bei den Zuschauern abnimmt, geschweige denn spürt. Seine Eigenmächtigkeiten werden aus den eigenen Reihen gebilligt, da sie Erfolg versprechen, trotzdem gibt es von vielen übergeordneten Stellen einige kalte Schultern. Es ist erstaunlich, wie diese Figur beim Zuschauer nichts als Gleichgültigkeit hervorruft. Er ist weder sonderlich interessant, noch besonders sympathisch oder witzig, mir war es jedenfalls vollkommen gleich, ob er den Fall löst, ob er Lorbeeren erntet, fertig gemacht wird, Andrea Rau aufreißt oder sonst etwas. Ein absolut schwacher, belangloser Titelheld untergräbt seine eigene Serie, und wenn dann noch sein Kollege Klaus Dahlen auftaucht, ist die fatale Mischung perfekt. Gerd Frickhöffer gibt den völlig unmotiviert mürrischen Vorgesetzten, Hannes Messemer seinen offenbar körperlich und geistig völlig zerrütteten, weichen Commissioner, Andrea Rau die verführerisch-einfältige Sekretärin und Käthe Haack die zwar liebenswerte, aber vollkommen überflüssige Großmutter des Sergeant Berry. Bei den Gästen funktioniert nur Ivan Desny in seiner einminütigen Rolle als zwielichtiger Gentleman-Ganove Dulac, die üppige Marika Maas darf wenigstens auf eine Sergeant Berry-Karriere zurückblicken, in der sie es auf zwei Auftritte brachte, ansonsten sah man sie nie wieder. Ganz interessant ist der Gast-Auftritt von Heidi Brühl zu Beginn, der allerdings wie Archiv-Material aussieht, und wenn ich mich nicht komplett täusche, fährt auch noch Ron Ely in seinem Wagen vorbei. Aber das möchte ich nicht beschwören. Positiv zu benennen ist die sehr schmissige Musik von Peter Thomas und der passende Titel der Episode, denn es müsste wirklich Zufall sein, wenn man diese Folge gut, oder wenigstens unterhaltsam gefunden hätte.


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 Betreff des Beitrags: Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? - Prismas Filmtagebuch
BeitragVerfasst: 06.08.2013 09:52 
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TORSO - DIE SÄGE DES TEUFELS / I CORPI PRESENTANO TRACCE DI VIOLENZA CARNALE (1973)

mit Suzy Kendall, John Richardson, Luc Merenda, Roberto Bisacco, Angela Covello, Carla Brait, Patrizia Adiutori und Tina Aumont
eine Produktion der Compagnia Cinematografica Champion
ein Film von Sergio Martino




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»Der Tod ist der beste Hüter der Geheimnisse!«


Vier ausländische Studentinnen, die in Italien Kunstgeschichte studieren, mieten eine einsame Villa. Dort geben sie sich nicht nur dem Lehrstoff, sondern auch der Liebe hin. Doch der Aufenthalt entwickelt sich zu einem Schrecken ohne Ende. Ein Killer geht um und tötet Mädchen auf grausame Art und Weise. Jane, eine der Studentinnen, beobachtet den Killer, wie er mit einer Säge die nackten Mädchenleiber zerstückelt. Nun befindet sie sich in einer Falle ohne Ausweg. Der Killer greift an! [Zitat "Torso", erschienen bei X-Rated]

Lange hatte ich Sergio Martinos "Torso" nicht mehr gesehen, konnte mich aber noch genau entsinnen, dass es sich um einen hervorragenden Giallo handelt. Das erneute Anschauen intensivierte viele der positiven Eindrücke und rückte diverse Details in ein präziseres Licht. Das Konzept dieses Films ist sehr ansprechend und es kommt keine noch so kleine Pause im Spannungsbogen der Geschichte auf. Trotz der üblichen Zutaten, die man auch haufenweise bei der Genre-Konkurrenz aufspüren kann, liefert "Torso" im Vergleich eine eigenständige, sehr beunruhigende und teils unangenehme Atmosphäre, denn es ist schon sehr schockierend, dass so viel Schönheit in der laufenden Geschichte vernichtet, beziehungsweise buchstäblich zerstückelt wird. Martino forciert (bei permanent vorhandener und ausgeglichener Spannung) immer wieder atemberaubende Sequenzen und setzt in den richtigen Momenten auf diskretere Veranschaulichungen, die sich jedoch im Handumdrehen in den Köpfen der Zuschauer weiter abspielen. Dass die Kamera dabei mit den Extremfällen in den Bereichen Distanz und Nähe spielt, sorgt für hin und wieder für schwer erträgliche Situationen. Warum zeigen, wie beispielsweise ein Arm abgesägt wird, wenn es auch indirekt brutaler geht. Der Zuschauer hat den ganzen Film lang die Schönheit der Studentinnen bewundern, ihre schönen Körper mit den Augen berühren können. Dann urplötzlich sieht man nur noch Blut überströmte und gepeinigte Leichen, die zersägt werden sollen. Es ist nicht zu sehen, wie diese Prozedur (die ich im Film für welche der abscheulichsten und schockierendsten Vorgehen halte) vor sich geht. Das Stilmittel der Zuschauer-Gewalt kommt voll zum Tragen, denn man sieht zum Beispiel lediglich einen Arm, der sich hin und her bewegt, als die Säge angelegt wird, die man zuvor in voller Größe sehen konnte.

Darstellerisch gesehen, ist "Die Säge des Teufels" bis in die kleinsten Rollen herausragend besetzt! Mit der attraktiven Giallo-Expertin Suzy Kendall sieht man nicht nur ein vertrautes Gesicht, sondern vor allem eine Interpretin, die trotz des stets empfundenem, eher gleich wirkendem Repertoires ganz deutliche Akzente setzen konnte. Um ehrlich zu sein, nenne ich sie mit den besten Schauspielerinnen nie in einem Atemzug, aber wenn es um die Verlässlichkeit geht, oder darum sich vollkommen einer Rolle anzupassen oder sie optimal zu formen, muss man ihr schon eine besondere Sicherheit zugestehen. Wie bereits in "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" sieht man sie bei der glaubhaften Schilderung eines nahezu klaus­t­ro­po­bischen Zustandes, was wieder einmal sehr intensiv wirkt und gleichermaßen packend dargestellt wurde. Der Unterschied hier ist allerdings, dass der Killer zunächst nicht ahnt, dass sie sich in der einsamen Villa befindet, was sehr abwechslungsreich wirkt, da keine übliche Opfer-Hetzjagd entsteht, sondern ein, sich mit allen verfügbaren Mitteln Verbergen müssen. Suzy Kendall erscheint also in jeder Hinsicht wandlungsfähig, läuft in der ersten Hälfte des Films eigentlich eher unscheinbar mit, bis sich das Blatt wendet und sie ihre Hauptrollen-Qualität vollkommen ausschöpft. Des Weiteren wimmelt es in der Produktion geradezu von bemerkenswert schönen Darstellerinnen. Tina Aumont ist hier unbedingt zu nennen, deren Schauspiel ebenso ansprechend wirkt, wie das ihrer Kolleginnen. Als besonderen Hingucker möchte ich noch explizit Patrizia Adiutori erwähnen, die das erste Opfer des Killers wird, und deren traumhafte, klassische Giallo-Schönheit nur durch eine kleine Nebensächlichkeit verwässert wird, nämlich Mord. Ursprünglich war ich nicht ganz so konform mit den Leistungen der beteiligten Herren, sprich insbesondere mit Luc Merenda und John Richardson, aber die Strategie, jeden möglichst eigenartig bis unscheinbar erscheinen zu lassen, begünstigt die Geschichte blendend und fabriziert förmlich potentiell Verdächtige.

In dieser Hinsicht kann man tatsächlich sagen, dass "Torso" ein Musterbeispiel an Verwirrung und falschen Fährten ist. Kaum ahnt man, wer der Mörder sein könnte, wird derjenige entweder zum Opfer oder bleibt Beschuldigter. Im Endeffekt lag ich bei der Erst-Ansicht mit meinem Täter-Tipp zwar richtig, aber daraus kann ich beim besten Willen keine Vorhersehbarkeit, geschweige denn Kombinationsgabe zusammenbasteln. Eigentlich tappt man bis zum Finale im Dunkeln und die Hintergründe fügen sich schlüssig zusammen, wobei logisch möglicherweise wieder etwas zu viel gesagt wäre. Man hat einfach den angenehmen Eindruck, dass in diesem Film alle Komponenten passen und dass alles von Anfang bis Ende optimal gelöst wurde. Besonders eindringlich und dicht wurden die Tötungsszenen im Bilde festgehalten. Der erste Mord erinnert vom Setting her sogar etwas an Gabriella Giorgellis Ende in "Das Rätsel des silbernen Halbmonds", hier bekommt man allerdings alle Finessen der Inszenierung geboten. Nervenaufreibende Spannung, die Veranschaulichung von Todesangst und Panik, beklemmende Todeskämpfe und ein brutaler, maskierter Psychopath, der aus dem Nichts zuschlägt. In diesem Zusammenhang ist die Sequenz in den nebligen Sümpfen eine der besten, die ich seit langem (oder je?) gesehen habe. Martino gönnt dem Zuschauer immer wieder Pausen, die sogar teils mit idyllischen und heiteren Noten unterstrichen werden, auch für rätselhafte Sequenzen ist gesorgt, die zusätzlich Verwirrung stiften, ja, und die Musik von Guido und Maurizio De Angelis präsentiert sich in perfekter Abstimmung mit dem Gezeigten. Was man dem Film vielleicht insgesamt vorwerfen kann ist, dass die Charaktere einen doch zu oberflächlichen Anstrich bekommen haben, was sich auch immer wieder in den Dialogen durchschlägt, jedoch können derartige Nebensächlichkeiten den guten Gesamteindruck nicht im Geringsten stören. Da ich beim besten Willen nichts an diesem schrecklich unterhaltsamen Film zu kritisieren habe, gibt es als Ausgleich noch folgende Einschätzung: Das Lexikon Des Internationalen Films urteilte hart und wie üblich, nach Art des Hauses: "Ein in allen Belangen unerquicklicher Film, in dem Sensationslust und spekulative Gesinnung eine widerliche Verbindung eingehen." "Torso" kann ohne viel weiter zu diskutieren als eines der stimmungsvollen Schmuckstücke im Giallo-Orbit betrachtet werden, denn er übt trotz seines wenig komplexen Strickmusters eine sehr hohe Faszination aus.


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 Betreff des Beitrags: Sam et Sally / Zwei sind ein Paar: Bedelia (1979)
BeitragVerfasst: 06.08.2013 23:20 
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SAM ET SALLY / ZWEI SIND EIN PAAR [Folge 2: Bedelia] (1979)

in den Titelrollen Georges Descrières und Corinne Le Poulain
mit Jeff Blynn, Duilio Del Prete, Gianni Macchia, Geoffrey Copleston, Venantino Venantini, Paul Muller
und Marisa Mell als Bedelia
Produktion: Antenne-2 | Canaletre Cooperativa | Technisonor
Regie: Robert Pouret


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Sam (Georges Descrières) und Sally (Corinne Le Poulain) lösen gemeinsam Kriminalfälle und nicht nur in dieser Beziehung, sondern auch privat, geben die beiden ein gutes Paar ab. Sam ist der elegante, gewitzte und kluge Part dieser Konstellation und kann mit seinem Charme allerhand Erfolge verbuchen. Die niedliche Sally hingegen sorgt immer wieder gerne für mittlere bis größere Katastrophen, und bringt sich wegen ihrer Sprunghaftigkeit in gefährliche Situationen, aus denen Sam sie schließlich befreien muss, und nebenbei noch einen Fall zu lösen hat. Als der befreundete Detektiv Eddy King (Jeff Blynn) nach einem Treffen spurlos verschwindet, müssen Sam und Sally handeln. Sie lernen die zwielichtige Bedelia Kellerman (Marisa Mell) kennen, die offensichtlich in diesen Fall verwickelt ist. Doch was hat die Lebedame zu verbergen? Es dauert jedenfalls nicht lange, bis auch Sally entführt wird, und sie sich in einem Strudel von Drogenhandel und Mord wieder findet...

»Oh là là!« Genau mit diesen Worten wird der erste Auftritt von Marisa Mell eingeleitet, als sie die Halle betritt. Schnelle Schnittfolgen lassen sie konsequent und unausweichlich näher kommen, eine faszinierende Nähe die es in den folgenden Jahren kaum mehr geben sollte. Es ist, als wolle die Kamera das gesamte Spektrum ihrer, über die späten Jahre weniger exponiert in Erscheinung getretenen Makellosigkeit und Schönheit, nochmals im vollen Umfang in Erinnerung rufen. Sie wirkt exklusiv und begehrenswert, ihr Gang ist aufrecht und geschmeidig, sie forciert den Eindruck, als sei sie gerade dabei, einen Laufsteg zu erobern. Ihr stolzer Blick ist ausschließlich nach vorne gerichtet, es gibt kein links und kein rechts, obwohl sie dennoch über alles um sich herum orientiert ist, denn Bedelia (was so viel bedeutet wie "Die Erhabene") ist sich ihrer Wirkung auf Männer bewusst. Sie genießt die begeisterten und verfolgenden Blicke von ihnen, aber sie erwartet ebenso die diskrete zur Kenntnisnahme der Frauen, und gibt sich genau so unnahbar wie unbeeindruckt, wenn sie ihr Ziel erreicht. In der Geschichte wird sich diese Dame noch häufiger geheimnisvoll geben, sie verdreht den Herren der Schöpfung die Köpfe, kann aber gegebenenfalls auch ihre Krallen ausfahren. Was besonders erfreulich bei dieser zweiten Episode der Serie werden wird ist, dass Marisa Mell das Episodenfinale gehören wird. Ein Fest für Fans in jeder Hinsicht!

Mit diesem Auftritt - ohne Serien-Format könnte man ja schon von einer Star-Gastrolle sprechen - bekam Marisa Mell noch einmal die Möglichkeit, in einer großen Selbstinszenierung zu überzeugen. Beinahe alles was sie nach "Sam et Sally" noch fabrizieren sollte, hatte nichts mehr mit Würde oder Karriere zu tun, denn bald schon sollten die berüchtigten sexy comedies wie "Das Urlaubsflittchen", "Sündige Matratzenhäschen aus Venedig" oder "Flotte Teens - Runter mit den Jeans" folgen, um nur einige zu nennen, bis sie schließlich mit "Apokalyptischer Sexwahn frühreifer Nacktluder" sogar in einem Porno landete. Umso schöner, dass mir diese bislang noch unbekannte Rolle in "Sam et Sally" eine so positive Überraschung liefern konnte. Marisa Mell wirkt nochmals unbändig, hochkonzentriert und wandlungsfähig. In jeder Szene trägt sie unterschiedliche, sehr geschmackvoll zusammen gestellte, edle Arrangements und Accessoires, die sie in altem, glanzvollem Licht erstrahlen lassen. So schön und elegant wird man die Österreicherin, zumindest im Film, nicht mehr oft zu Gesicht bekommen. Beeindruckend nicht nur in optischer, sondern auch in darstellerischer Hinsicht, ein wirklich umwerfender Eindruck, der für damalige Verhältnisse tatsächlich mit Seltenheitscharakter zu bezeichnen ist. Leider wurde Marisa Mell nachsynchronisiert, was wirklich schade ist, denn ihre eigene Stimme hätte Madame Kellerman eine noch überzeugendere Note verliehen.

Wer denn nun beispielsweise "Hart aber herzlich" ganz gerne sieht, dem würde auch diese, vom Prinzip her gleiche, aber ebenso ganz charmante Serie bestimmt gefallen, wenn sie auch einen eher einfachen Charakter hat. Da es sich um eine französisch-italienische Co-Produktion handelt, sieht man immer wieder einmal sehr erfreuliche Gast-Auftritte wie zum Beispiel von Luigi Pistilli oder Claudio Gora, ansonsten sind die jeweils eigenständigen Geschichten teils aufwendig inszeniert, und wurden mit den üblichen Zutaten wie etwa Action, Krimi-Faktor, Humor und Erotik versehen. Die Geschichte um "Bedelia" ist mit dem Thema Drogen-Handel zwar nicht außergewöhnlich, wirkt aber rasant und unterhaltsam, außerdem überzeugen die Haupt- und Gastdarsteller mit amüsanten Auftritten. Die Serie selbst sieht sich schlussendlich mit einem doppelten Augenzwinkern und das sollte der Zuschauer auch tun. Die Titelrollen mit Georges Descrières und Corinne Le Poulain stellen sich als gute Besetzung heraus, eigentlich funktionieren Sam und Sally nur gut zusammen, wenn einer von ihnen in der Klemme steckt, das heißt, es muss eigentlich immer Komplikationen geben. Amüsant wird es, wenn sich beide gegenseitig eifersüchtig machen und auf eigene Faust ermitteln, aber das alles ist nicht überzubewerten. Vielleicht also ein bisschen viel Aufhebens um eine Episode einer in Vergessenheit geratenen TV-Serie, aber in Marisa Mells Karriere-Kontext kam ich persönlich in den späten Genuss einer wirklichen Offenbarung! Nicht nur optisch, sondern vor allem schauspielerisch durfte sich Marisa Mell noch einmal von ihrer überzeugendsten und schönsten Seite präsentieren, wo man Spiellaune und Präzision eben nicht mit dem Mikroskop suchen muss. Zurück bleibt eine amüsante Folge.


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 Betreff des Beitrags: Venusberg - Teil II
BeitragVerfasst: 07.08.2013 20:27 
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VENUSBERG (1963)

mit Marisa Mell, Nicole Badal, Monica Flodquist, Ina Duscha, Claudia Marus, Christina Granberg und Jane Axell
es sprechen Rolf Thiele, Oskar Werner und Richard Häussler
eine Franz Seitz Produktion im Nora Filmverleih
Weltvertrieb Omnia
ein Rolf Thiele Film




»Ich treibe es mit allen und schlafe allein«


»Achtung, Achtung auf Bahnsteig zwo fährt der Schnellzug aus Hamburg-Altona. Planmäßige Ankunft 11.35 Uhr erhält voraussichtlich vierzig Minuten Verspätung. Sie müssen warten! Sie werden warten wie auf allen Bahnhöfen, stehend, gehend, zurücktretend. Treten Sie zurück! Lassen Sie sich zu Abschied und Wiederkehr die richtigen Worte einfallen! Wahre Worte. Verlogene Worte. Es ist nicht schwer, nicht verwerflich die Unwahrheit zu sagen, wenn man damit Freude bereitet, Hoffnungen erweckt, die nie erfüllt werden. Alle bleiben wartend, liebend, lügend, ungeschont, zögernd, da sie hoffen. Wie lange? Vergleichen Sie! Und vergleichen Sie die Zeit! Treten Sie zurück, Sie gefährden sich! Zurück! Zurück! Hoffnungen. Lügen. Worte, Worte, Worte...« Mit dieser Durchsage am Bahnhof beginnt der Film und zeigt sofort, dass er in eine komplexere Richtung führen möchte. Nebenbei erwähnt, fehlte leider die Nora-Verleihmarke, und der Vorspann setzt unmittelbar ein. Das Aufsparen von Musik lässt die Geräuschkulisse des Bahnhofes übermächtig erscheinen, doch die Durchsage fällt dennoch auf, weil sie so seltsame Formen annimmt. Die Szenerie wird gleich zu Beginn von Marisa Mell vereinnahmt, die dem Empfinden nach ziellos am Bahnhof umhergeht, sich umschaut, als ob sie jemanden suchen würde, und letztlich durch eine bemerkenswerte Präsenz ins Auge springt. 90 Sekunden sieht man sie also, bis sie für lange Zeit im Nichts verschwindet, bevor sie wieder plötzlich im der Villa am "Venusberg" auftaucht. In dieser kurzen Sequenz wird bereis ersichtlich, dass Thiele auf Marisa Mell als Schlüsselfigur setzen wird.

Dann sieht und hört man sehr lange nichts mehr von ihr, und die anderen sechs Damen, die nach und nach in Erscheinung treten werden, übernehmen das Regiment auf dem Venusberg. Marisa Mell ist übrigens die einzige von ihnen, die man mit ihrer Originalstimme hören wird, selbst ihre Landsfrau Ina Duscha wurde nachsynchronisiert, womöglich weil ihre eigene Stimme zu sanft für den darzustellenden Charakter war. Marisa Mells Auftrittsdauer ist im Vergleich zum Rest der Damen die kürzeste im Film, jedoch auch die intensivste. Insbesondere sie ist es, die die Fantasie und Erinnerung des Zuschauers anregt, wenn nicht sogar dominiert, denn der Regisseur setzte sie als verwirrenden Kontrast zu den übrigen Beteiligten ein. "Venusberg" kann als Grundstein für ihre einschlägig bekannte Karriere als Erotik-Star betrachtet werden. Wo sie hier nach eigenen Angaben noch etwas genant gewesen sei, sollte in späteren Jahren wesentlich Eindeutigeres auf die Fangemeinde zukommen. Die Faszination ihrer Florentine überträgt sich schnellstens auf den Zuschauer, sie wirkt unglaublich transzendent. Die geheimnisvolle Frau im Leopardenmantel, die niemand kennt, die über den Dingen zu stehen scheimt, die anziehend und gefährlich zugleich wirkt, ist über die Maßen beeindruckend.

Nennen wir Marisa Mell einfach das Epizentrum der Sinnlichkeit in diesem Film. Man muss es betonen und anerkennen, dass Rolf Thiele ihre Leinwand-Dominanz resolut erkannte und zwingend einsetzte wie es - und ich kann es selbst kaum fassen! - selten der Fall war. Es handelt sich um die schönste und definitiv beste Arbeit von Marisa Mell, die ich im Schwarz/Weiß-Film je gesehen habe, auch global gesehen ist diese Interpretation eine unbekannte Ausnahmeerscheinung in ihrer vielfältigen Karriere. In ihrem Buch "Coverlove" fand der Film glücklicherweise folgende Erwähnung: »Mein nächster Film spielte in München, eigentlich in einer Villa in der Nähe. Er hieß "Venusberg". Regie führte Rolf Thiele. Es war ein Film mit sieben Frauen und keinem Mann. Ich spielte eine rätselhafte Schöne im Leopardenfell mit einer Rose in der Hand. Ich war so etwas wie ein Symbol des Todes und gegen Ende des Films wurde ich im Swimmingpool [...] Weil ich mich aber zu sehr genierte, die Szene, wenn auch unter Wasser, vor so vielen Männern (der Aufnahmestab bestand fast nur aus Männern, wie dem Aufnahmeleiter, den Kameraleuten, dem Produktionsleiter, Requisiteur u.a. vor allem auch dem Regisseur) zu spielen, hatte Thiele ein Einsehen. Er ließ die Szene ausnahmsweise komplett von seiner Regieassistentin drehen, und zwar so, dass kein einziger Mann zugegen war. Sogar die Kamera wurde so eingestellt, dass die Assistentin nur noch den Auslöser drücken musste. Es war wohl eine der wenigen Szenen im Film überhaupt, bei der weder der Regisseur noch irgendein Techniker persönlich anwesend waren.«

Ina Duscha als Inge liefert eine erstaunliche Leistung ab. In "Venusberg" sieht man sie bereits in ihrem zwölften, und letzten Film, bevor sie sich ins Privatleben verabschiedete, hier aber in einer anerkennungswürdigen Schlussvorstellung. Die gebürtige Österreicherin zeigt zunächst die Facetten einer beruflichen Wandlung; es ist nichts mehr übrig geblieben von der jungen Frau, die immer wieder gerne plumpen Annäherungsversuchen auf den Leim gehen musste. Inge ist die Frau für Jedermann, beziehungsweise die Frau des Anderen, und sie wirkt wie ein oberflächlicher Prototyp der gewollt modernen Frau von damals, doch letztlich ist sie nur ein Abziehbild ihrer selbst. Egoistisch und ohne signifikante Sozialkompetenzen macht sie sich hier erst gar nicht die Mühe, sich zu verstellen. Beeindruckend und die beste Ina Duscha, die ich je gesehen habe. Die 1940 geborene Niederländerin und Thiele-Star Nicole Badal hat fünf Filme in ihrer Karriere vorzuweisen, die sie von 1959 - 1967 alle unter dem Regisseur dieses Films drehte. Wo man sie ihrer Rolle noch genau zuordnen, und ihr eine angenehme Präsenz nicht absprechen kann, wird es bei den übrigen Beteiligten schon erheblich schwerer. Monica Ekman alias Monica Flodquist hat 13 Filme vorzuweisen, die sie fast ausschließlich in Schweden spielte, Christina Granberg sieht man hier in ihrem zweiten und letzten, Claudia Marus in ihrem einzigen Film, und Jane Axell war lediglich an sechs Produktionen beteiligt. Die meisten Gesichter der Darstellerinnen können also im Moment nur durch Ausschlussverfahren oder Kombinationsgabe zugewiesen werden. Was man zunächst anerkennen sollte, ist, dass dieses Gespann aus eigentlich sechs Interpretinnen und Marisa Mell als Außenseiterin ausgezeichnet funktioniert. Man bekommt Leichtfüßigkeit, Charme, Witz und eine unverbrauchte Spiellaune zu sehen, dass es eine wahre Freude ist.

Was die Erzähl-Stimmen angeht, so heißt es, dass Rolf Thiele selbst mit von der Partie gewesen sein soll, und einige andere Quellen geben beispielsweise ausschließlich Oskar Werner an. Ob diese beiden Informationen tatsächlich ihre Richtigkeit haben, entzieht sich meiner Kenntnis, bestätigen kann ich lediglich, dass Richard Häussler mehrmals akustisch mit von der Partie war, und dessen unverwechselbare Stimme sofort aufgefallen ist. Fortsetzung folgt...


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 Betreff des Beitrags: Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? - Der Tod fährt mit (1962)
BeitragVerfasst: 09.08.2013 22:51 
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DER TOD FÄHRT MIT / JOURNEY INTO NOWHERE (1962)

mit Sonja Ziemann, Tony Wright und Helmut Schmid
eine Gemeinschaftsproduktion der Avon Films | Corona Filmproduktion im Bavaria Filmverleih
ein Film von Denis Scully




»Denn letzten Endes kann jeder nur einmal sterben!«


Um seine Spielschulden von £ 1.500 begleichen zu können, bleiben Ricky (Tony Wright) drei Tage, um das Geld zusammenzubringen. Die Hiobsbotschaft überbringt ihm ausgerechnet sein alter Freund Joe (Helmut Schmid), der ihm ein Ultimatum stellt: Entweder das Geld, oder Tonys Leben. Der Spieler begibt sich auf die Flucht, doch plötzlich wirft sich ihm eine Frau vor den Wagen. Er kann im letzten Moment ausweichen und sich aus dem Wagen befreien, bevor dieser in eine Schlucht stürzt. Die lebensmüde Malerin Maria (Sonja Ziemann) wollte ihrem Leben ein Ende setzen, denn sie hat erfahren, dass sie innerhalb kürzester Zeit erblinden wird, falls sie nicht operiert wird. Doch dieser Eingriff kostet £ 2.000, die sie nicht besitzt. Nach einiger Zeit gehen Tony und Maria eine makabere Allianz ein. Sie schließen eine Unfallversicherung bei der Bahngesellschaft ab, und tragen jeweils den anderen als Nutznießer im Todesfall ein. Auf der Fahrt beginnt ein unerbittliches Tauziehen um Leben und Tod, doch dann kommen sich die beiden näher. Dennoch ist die Gefahr nicht vorüber, denn Ricky hat nämlich vorher Joe beauftragt, Maria zu erledigen. Wer wird vom Todeszug abspringen können..?

Regisseur Denis Scully inszenierte mit "Der Tod fährt mit" seinen zweiten und letzten Spielfilm, hier vor imposanter südafrikanischer Kulisse in schönen Schwarz/Weiß-Kontrasten, und die Geschichte rund um merkwürdige Verstrickungen und perfide Launen des Schicksals klingt schon einmal hochinteressant. Dafür, dass Scully kein Regie-Experte war, stellte er ein beachtliches Ergebnis auf die Beine, wenn man bei diesem Film im Endeffekt auch zu viele Möglichkeiten liegen ließ, denn daraus hätte bei konsequenterer Ausarbeitung durchaus ein Thriller der Spitzenklasse entstehen können. Doch der Weg dorthin ist weit, und diese vollkommen unbekannte Produktion von 1962 hat schließlich mit diversen Längen zu kämpfen. Der Einstieg in das Szenario geschieht unmittelbar und rasant, so dass man als Zuschauer sofort, wenn auch nur mit den nötigsten Erklärungen über die Gegebenheiten orientiert ist und mitfiebern darf. Nach Marias gescheitertem Selbstmordversuch entsteht im Rahmen der Dialoge eine eigenartig bedrückende und makabere Atmosphäre, und die Protagonisten werden sofort als potentielle Gegenspieler aufgebaut, wobei die diffuse Diagnose mit dem Verlieren des Augenlichtes die im Raum steht, etwas fahrig wirkt. Als die Abmachung jedoch perfekt ist, wird der Zug bestiegen, und man ahnt bereits, dass es gefährlich, und streckenweise spannend werden wird. Die Geschichte hat lediglich mit den drei Hauptdarstellern auszukommen, die schwerlich irgendwelches Identifikationspotential offerieren, ansonsten sieht man tatsächlich nur kurze Auftritte von Chargen.

Sonja Ziemann, abermals sehr burschikos in ihrer Erscheinung, spielt gewohnt überzeugend und hier gibt sie sogar Kostproben ihres sonst eher diskreten Temperaments zum Besten. Dabei wird die Palette von Zuständen der Verzweiflung, über klassisches weibliches Kalkül, bis hin zu emotionalen Ausbrüchen sehr gut abgedeckt. Trotz dieses mörderischen Spiels ist sie es die Mitleid hervorruft, und man deswegen zunächst mit ihr mitfiebert. Des Weiteren sorgt Sonja Ziemann für die erotischen Momente des Films, als sie ihren Kontrahenten mit glänzend nasser Haut, und in Unterwäsche (allerdings Modell Tante Elfriede) für sich zu interessieren versucht. Tony Wright spielt relativ unspektakulär und fällt eher durch eine gewisse Holzhammer-Methode auf, zeigt sich aber ebenso mit verantwortlich für das Kreieren der pre­kären Situation zwischen beiden. Dabei ist es erstaunlich, dass das Duo Ziemann/Wright wesentlich überzeugender als erbitterte Feinde zu funktionieren scheint, denn als angehendes Liebespaar wirken die beiden eher gewöhnlich, und es kommt der Geschichte angesichts der Spannung nicht zu Gute. Helmut Schmid gibt den rücksichtslosen und gewaltbereiten Geld-Eintreiber sehr überzeugend, und er ruft eine große Abscheu hervor, wofür vor allem Maria die Projektionsfläche wird, da man in ihren Augen die Verachtung sehen kann. Insgesamt gesehen funktioniert diese Dreieckskonstellation jedoch sehr gut, und bringt den Verlauf gegebenenfalls ordentlich in Schwung, und den Zug letztlich ins Ziel.

Der Film ist eigentlich schon sehr interessant gestaltet, und teils hervorragend im Bilde festgehalten worden. Die interessanten Kamera-Perspektiven, die schönen Panorama-Landschaftsaufnahmen, hin und wieder gezeigte, rasante Schnittfolgen und ein immer wieder schön gemischtes Licht- und Schattenspiel wirken hochwertig, auch die seriale, akustische Untermalung durch die Lokomotive und die Schienen wirkt beinahe bestimmend, da man so den Eindruck bekommt, auf eine Katastrophe zuzusteuern. Nur die Musik von Ivor Slaney ist nicht sehr außergewöhnlich und wirkt eher einfallslos und konservativ. Die Mordanschläge wirken ein wenig zu verhalten und leider flacht die Spannung immer wieder, und vor allem im Mittelteil deutlich ab, jedoch wird man mit einem denkwürdigen Finale entschädigt. Ich mag diesen Film wirklich sehr, da er ein sehr unkonventionelles Thema abhandelt, und im weitläufigen Bereich "Auftragsmord" neue Akzente setzen kann. Auch der vollkommen destruktive Grundtenor der Geschichte wirkt sehr interessant, die teils prosaischen Dialoge transportieren zusätzlich den harten Charakter der Geschichte, und die ausweglose Situation wurde von Drehbuch und Regie schließlich annehmbar umgesetzt. Für einen Thriller der anderen Sphären fehlt diesem Film aber schlussendlich eine wesentlich konsequentere Darstellung der Themen-Bereiche und mehr Stringenz im Erzählfluss, so dass sich "Der Tod fährt mit" relativ isoliert in einer gewissen Grauzone befindet. Ich finde ihn immer wieder sehenswert, da das makabere Tauziehen zwischen Leben und Tod hochinteressant wirkt.


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 Betreff des Beitrags: Sergeant Berry und die 1000 Dollar Bande
BeitragVerfasst: 11.08.2013 00:23 
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SERGEANT BERRY UND DIE 1000 DOLLAR BANDE (1974) [Folge 2]

mit Klausjürgen Wussow, Käthe Haack, Hannes Messemer, Gerd Frickhöffer, Andrea Rau, Klaus Dahlen
Gäste: Ivan Desny, Alexander Allerson, Marika Maas, u.a.
eine Produktion der Allianz im Auftrag des ZDF
Regie: Harald Philipp




Nach der Verhaftung des Gangsters Santone, glaubt man bei der Polizei, dass die berüchtigte 1000-Dollar-Bande ihren Chef damit verloren hat, und dass sie damit endgültig zerschlagen wurde. Doch urplötzlich landet die Bande einen neuen Coup. Gibt es andere Hintermänner? Sergeant Berry, der durch seinen jüngsten Erfolg zum Leutenant aufgestiegen ist, wird mit den Ermittlungen betraut. Santone konnte jedoch mit fremder Hilfe fliehen, und alle Wege führen tatsächlich wieder zu dem zwielichtigen Anwalt William Dulac...

Sergeant Berrys zweiter Fall knüpft unmittelbar an die Pilot-Folge an, denn man bekommt es mit den gleichen Verbrecher-Visagen zu tun, die aber wieder einmal wenig bedrohlich wirken. Seltsamerweise wirken die Handlungsstränge dennoch sehr inkohärent und es ist mehr als erstaunlich, dass die relativ schwache erste Folge nicht vom Nachfolger überboten werden kann. Aber trotzdem, Ivan Desny macht seine kurze Sache wieder ganz ordentlich. Interessant ist das Thema der Vetternwirtschaft, denn Dulac hat bei seinem Schwiegervater, der Senator ist, Berrys Beförderung erwirkt, damit dieser die Füße stillhält. Doch dabei hat sich der feine Herr offensichtlich verrechnet. Man trifft sich nämlich wieder und zwar in einem zweifelhaften Etablissement namens "Topaz-Bar", in der die Frau des Anwalts strippt. Eine recht merkwürdige Ausgeburt des Drehbuches, aber ein passender Zufall um die richtige Spur zu ebnen. Die Szenen in der Bar transportieren eine angemessene Atmosphäre, da es dort nur von dubiosen Gestalten wimmelt. Das Prinzip des gleichen Gauners innerhalb einer Serie halte ich darüber hinaus ebenfalls für gelungen, wenn es sich eben nicht gerade um Ivan Desny gehandelt hätte, der dann viel zu sehr an Kressins Gegenspieler Sievers aus dem "Tatort" erinnert.

Auch die weitere identische und plumpe Besetzung kommt dem Fall um die 1000-Dollar-Bande nicht besonders zu Gute, da sie ausgelutscht wirkt. Für mich liegt das im Besonderen an einem fast regungslosen Alexander Allerson und natürlich an Marika Maas, die ziemlich schwach wirkt, wenn auch nicht gerade auf der Brust. Der Aufbau der Folge ist ebenfalls wieder der selbe. Zu Beginn kommt die Frau des Bürgermeisters, samt Chauffeur und Rolls-Royce um einen kleinen Plausch zu halten, so lange sie an der Ampel warten muss, danach wird Berry von seinem grimmigen Vorgesetzten Donavan in einem Streifenwagen abgeholt, da er ihn dem Chef vorführen soll. Dazwischen folgt natürlich noch ein kleines tête-à-tête mit Andrea Rau, der Sekretärin, die dort dem Anschein nach nur arbeitet, um Berry zu begegnen, und ausgerechnet Klaus Dahlen darf sich die rhetorische Frage des Zuschauers stellen, was sie nur an ihm finde. Der Humor ist und bleibt hier eine doch sehr holprige Angelegenheit und es tauchen nur wenige Sequenzen auf, die man als gelungen betrachten kann. Der Fall ist ebenfalls haarsträubend schwammig und nahezu langweilig, dass selbst die kurze Spieldauer von nur 25 Minuten arg gestreckt wirkt und zur Geduldsprobe ausartet. Wie angenehm wirkt dann doch die turbulente Musik von Peter Thomas, die für manchen Durchhänger entschädigt! Insgesamt sollte man auch hier wieder einige Augen zudrücken, um sich bei so hemmungslosem Wischi-Waschi wenigstens nicht verärgert zu fühlen. Ich habe mir aber sagen lassen, dass es auf jeden Fall noch besser kommen wird.


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