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Chet's gesammelte Filmeindrücke - 60er, 70er, 80er und mehr
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Author: Chet [ 22.06.2013 22:17 ]
Post subject: Re: Chet's gesammelte Filmeindrücke - 60er, 70er, 80er und mehr

Poker in Bed (OT: La signora gioca bene a scopa?; Italien; 1974; Giuliano Carnimeo)

Michele (Carlo Giuffre) ist leidenschaftlicher Pokerspieler. Das Problem dabei: er wird in der letzten Zeit von einer nicht enden wollenden Pechsträhne verfolgt. Auch mit seinem Schuhgeschäft gerät er dadurch in eine finanzielle Krise. Um sich also über Wasser zu halten, nimmt er Kontakt zu zwei Schwestern auf, mit denen er in der Vergangenheit wohl schon einmal etwas zu tun hatte. Bei diesen beiden, die recht wohlhabend in einem üppigen Anwesen ihr Dasein fristen, ist er nun quasi "Mädchen für alles", zudem wird auch seine Manneskraft stark in Anspruch genommen. Nach einer Weile rät ihm sein Arzt, dringend etwas kürzer zu treten, doch die Frage ist, wie Michele nun noch seinen vielen Verpflichtungen nachkommen soll?

Nachdem sich Giuliano Carnimeo in den vorhergehenden Jahren schon immer deutlicher vom Western in Richtung Komödie bewegt hat, war dies nun die erste reine Komödie, die er abgeliefert hat. Geht man vom ersten Eindruck aus, schaut man sich die agile Kameraführung an, wirkt alles noch eine ganze Ecke hochwertiger als bei seinen späteren Werken in diesem Genre, die sich vom übrigen Einerlei kaum noch abheben. Leider wird die damit einhergehenden Erwartungshaltung kaum wirklich zufriedengestellt.
Inhaltlich wirkt alles sehr zerfahren, unstrukturiert, in den gelungeneren Momenten immerhin auch positiv bizarr. Da bekommt man z.B. zahlreiche skurille Figuren hingeknallt, Story-Entwicklungen vollziehen sich sprunghaft ohne größeren Sinn und Zusammenhang, und oft kann man dem bunten Treiben nur leicht angenervt, etwas ratlos und minimal fasziniert zuschauen, und sich fragen, was das alles soll.
Der Score von Alessandroni ist ebenfalls überaus schräg und setzt trotzdem nur wenige Akzente. Das Haus, das als Setting dient, gibt immerhin eine recht stimmige Kulisse ab und war sicher schon in einigen anderen Italo-Filmen zu sehen. Wenn es also letztendlich wenigstens noch ein was Herausragendes zu erwähnen gibt, dann ist das definitiv die Rolle von Edwige Fenech!
Sie ist zusammen mit einem wunderlichen Schreiberling (Oreste Lionello), dessen Muse sie wohl ist, ebenfalls zu Gast in dem Haus. Ihr Name ist Eva und sie spielt hier eine Deutsche, die z.B. bitterlich beklagt, dass die Männerwelt nicht mehr ihrem Lohengrin aus der gleichnamigen Wagner-Oper, das Wasser reichen kann. Sie ernährt sich zudem ausschließlich makrobiotisch, und ist im allgemeinen eher abweisend und strikt... es sein denn sie kommt mit Wasser in Berührung - denn nur so kommt sie richtig in Stimmung und wird zur männerverschlingenden Nymphe, die während dem Akt Melodien von Wagner singt!

Getrübt wurde das Sehvergnügen durch die englische Synchro, daher ist mir vielleicht keine ganz faire Einschätzung möglich. Dennoch, auch abgesehen davon, ein etwas verplantes Filmchen, dem ein gewisser Schwung und Zusammenhalt fehlt.

Author: Chet [ 26.06.2013 22:12 ]
Post subject: Re: Chet's gesammelte Filmeindrücke - 60er, 70er, 80er und mehr

Schwestern teilen alles (OT: Venga a prendere il caffè da noi; Italien; 1970; Alberto Lattuada)

Die drei Schwestern Tarsilla (Francesca Romana Coluzzi), Fortunata (Angela Goodwin) und Camilla (Milena Vukotic) leben alleine in dem Haus ihres Vaters, der vor einiger Zeit verstorben ist und ihnen ein stattliches Vermögen hinterlassen hat. Alle drei sind unverheiratet, trotz ihres gehobenen Alters noch jungfräulich, zudem etwas eigen und nicht wirklich als klassische Schönheiten zu bezeichnen. In ihrem kleinen Heimatstädtchen ernten sie daher von der Männerwelt meist nur misstrauische und belächelnde Blicke. Da tritt Emerenziano Paronzini (Ugo Tognazzi) auf den Plan. Der alleinstehende Steuerbeamte mittleren Alters ist auf der Suche nach einer Frau, die vielleicht auch nicht ganz arm sein sollte, mit der er den Rest seines Lebens verbringen möchte. Eine seltsame Faszination sowie auch deren gute finanzielle Situation zieht ihn zu den drei Schwestern hin. Und unter dem Vorwand, ihnen bei einigen steuerlichen Komplikationen unter die Arme zu greifen, wird er von ihnen zum Kaffee eingeladen...

Sehr sonderbare Geschichte, sehr sonderbare Charaktere und ein sehr sonderbarer Film. Aber Alberto Lattuada ist ein Regisseur, der mit solchen Stoffen umzugehen weiß! Im ersten Moment irritierend, aber ebenso interessant ist, wie sehr der Film der üblichen Ausrichtung der sexy Italo-Comedy dieser Zeit zuwider läuft. Kein halbnackten Damen, die hin und wieder für reizvolles Eyecandy sorgen, sondern ein Schwestern-Trio, an das man sich erstmal gewöhnen muss. Die drei würde man auf den ersten Blick sicher nicht als attraktiv einordnen, aber gleichzeitig sind sie natürlich auch nicht abstoßend hässlich. Diese Geegenüberstellung beschreibt auch schon ganz gut den Gegensatz, aus dem der Film sein Faszination bezieht. Das über allem schwebende skurille Element wird zwar ganz klar ausgekostet und zelebriert, aber gleichzeitig stellt der Film seine Figuren nie bloß oder gibt sie der Lächerlichkeit preis.
Sehr feinfühlig und detailverliebt geht Lattuada zu Werke. Für mich ist er so ein ähnlicher Regisseur wie Salvatore Samperi. Beide repräsentieren für mich intelligentes italienisches Kino, das es nicht nötig hat, aufgesetzt intellektuell zu sein. Beide hatten eine Vorliebe für psychologisch-vertrackte und fetischistisch-skurille Geschichten. Wie gesagt, auch in diesem Film gibt es sehr viele Feinheiten, die es lohnt zu beachten. Es gibt da eine interessante Sequenz, in der auf die Macken und Gebrechen der Schwestern eingegangen wird (eine humpelt z.B., so wie Emerenziano übrigens auch), währenddessen zerschneidet Emerenziano gerade einen Apfel, da er jedoch immer wieder schlechte Äpfel erwischt, hat er letztendlich aus drei Äpfeln nur drei unversehrte Stücke, die wiederum zusammen einen perfekten Apfel ergeben. Und auf ähnliche Weise pickt sich der charmante aber auch undurchschaubare Hausgast auch bei seinen drei Frauen die jeweilige Schokoladenseite raus. Denn nachdem er eine von den dreien geheiratet hat, fängt er auch bald mit den anderen beiden was an.
An anderer Stelle heißt es in Bezug auf die Naturforschungen des verstorbenen Hausherren, dass Schönheit und Hässlichkeit den gleichen Wert haben, da beides auf seine Weise gleichermaßen etwas Besonderes darstellt. Von solchen Sinnbildlichkeiten ist der Film durchzogen. Und auch im Hinblick auf die Inszenierung macht sich das Auge fürs Detail bemerkbar. Die Musik von Fred Bongusto ist wunderbar eingesetzt und vereint auf angenehme Weise klassische Gediegenheit und zeitgemäßen Chic. Die Kamera liefert stimmungsvoll romantische aber auch unwirkliche Bilder. Was die Darsteller betrifft, ist man mit Ugo Tognazzi natürlich immer an guter Adresse, und auch der restliche Cast füllt seine merkwürdig angelegten Rollen überaus gelungen mit Leben.

Ein bisschen fehlt mir der letzte Schliff, der einem Film so ein richtig fesselndes Element verleiht. Man bleibt aber gerne mit Interesse dran, um zu sehen, welchen Verlauf diese wirklich hochgradig ungewöhnliche Geschichte nehmen wird. Ein Film, in dem manchmal alles möglich zu sein scheint, gleichermaßen befremdlich und anziehend.

Die DVD von Raro-USA bietet aus meiner Sicht tadellose Qualität (auf dem Cover steht "HD transfer from 35 mm negative") und ordentlich gemachte englische Untertitel zum italienischen Ton. Sehr zu empfehlen!

Author: Chet [ 06.07.2013 22:53 ]
Post subject: Re: Chet's gesammelte Filmeindrücke - 60er, 70er, 80er und mehr

Bob & Carol & Ted & Alice (OT: Bob & Carol & Ted & Alice; USA; 1969; Paul Mazursky)

Bob (Robert Culp) ist als Dokumentarfilmer für's Fernsehen tätig. Zusammen mit seiner Frau Carol (Natalie Wood) besucht er - hauptsächlich zu Recherchezwecken - eine Art spirituellen Therapie-Marathon. Dabei geht es darum, sich seiner Gefühle bewusst zu werden, alle Gedanken offen auszusprechen und überhaupt zur ultimativen Wahrhaftigkeit zu finden. Überraschenderweise finden sie jedoch schnell Gefallen an dieser neuen Lebensphilosophie und wenden diese auch im Freundeskreis an. Spätestens als auch noch offen ausgelebte außereheliche Affären, welche das Vertrauensverhältnis innerhalb der Beziehung ebenfalls vertiefen sollen, dazu kommen, stoßen sie damit bei ihrem eng befreundeten Ehepaar, Ted (Elliot Gould) und Alice (Dyan Cannon), allerdings nicht mehr nur auf Verständnis...

Ein Film, der recht modern wirkt. Und zwar in dem Sinne, dass er mich an diese spießigen US-Komödien eher neueren Datums erinnert hat, die sich ganz unspießig-spießig alternativen Lebensentwürfen widmen. Ganz so schlimm ist es allerdings nicht! Modern jedoch auch insofern, dass ein Film zu einem solchen Thema heutzutage wohl kaum anders aussehen würde, denn so schrecklich viel hat sich an den Moralvorstellungen auch nicht geändert. 1959 z.B. hätte man solche Inhalte sicher noch ganz anders umgesetzt, aber ab 1969 war ja beinah alles möglich.
Man stellt jedenfalls schnell fest: es ist kein Film der lauten Lacher. Dafür sind die Geschichte und die Charaktere doch einen Tick zu dramatisch und ernstzunehmend angelegt. Dafür stellt sich im Konflikt der verschiedenen Lebenswege jedoch eine schöne Schräglage ein, die einen wiederum ziemlich gut funktionierenden, situationsbedingten Irrwitz hervorbringt. Schade nur, dass Regisseur und Drehbuchautor Mazurksy seine dann doch recht kurzweilige und gar nicht so uninteressat gesponnene Story dermaßen ambivalent enden lässt. Nicht alle Filme brauchen eine deutlich erkennbare Message, aber in diesem Fall, wo der Widerstreit zwischen traditionellen und progressiven Moralvorstellungen so allgegenwärtig ist, sich derart vor einer Stellungnahme zu drücken, ist schon echt ein bisschen schwach. So kulminiert dann alles in einer großen wie wenig sagenden Schlussszene, die den Zuschauer mit dem Bacharach-Klassiker "What The World Needs Now Is Love" (schöner Song, aber trotzdem) auf der Tonspur einlullt.

Ansonsten lasse ich mir ja von solchen vom Geist der späten 60er-Jahre getränkten Kunstprodukten gerne die Welt erklären. Zumal ich nicht vergessen darf zu erwähnen, dass besonders Natalie Wood ja dermaßen schnuckelig aussieht, und die ganze Chose mitunter auch recht schick gefilmt ist. Die Auflösung, die gar nicht wirklich eine ist, sondern wirklich eher wie ein arg simpler Ausweg erscheint, trübt den Gesamteindruck jedoch.

Deutsche DVD gibt's von Sony.

Author: Chet [ 11.07.2013 17:36 ]
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Machen wir's im Auto (OT: The Van; USA; 1977; Sam Grossman)

Als Bobby (Stuart Goetz) mit der High School fertig ist, kann er sich endlich einen lang gehegten Wunsch erfüllen: er bekommt seinen Van (!), den er von nun an in Raten abbezahlt. Damit erhofft er sich vor allem mehr Erfolg bei den Mädels. Abgesehen hat er es vor allem auf die scharfe Blondine Sally (Connie Hoffman - hat sonst in Filmen wie BLAZING STEWARDESSES oder NAUGHTY STEWARDESSES mitgespielt) und auf das unnahbare "Girl Next Door" Tina (Deborah White). Beide machen es ihm aber nicht unbedingt leicht. Auch sonst versucht er jedoch, mit seinem Luxusschlitten abzuschleppen, was nur abzuschleppen geht - allzu viel geht allerdings nicht...

Das ist so die frühe Form der amerikanischen T&A-Comedy. Was sich in dieser Sparte findet, war meist sehr preisgünstig gedreht, wahrscheinlich auch nicht immer auf deutsch synchronisiert (oder wenn doch, dann meist trotzdem mittlerweile eher schwer hierzulande zu finden) und wird in seinem Herstellungsland gerne innerhalb solcher Monsterboxen von Labels wie Mill Creek unters Volk gebracht. Im Falle von THE VAN gibt es jedoch eine deutsche Synchro sowie inzwischen auch eine deutsche DVD-VÖ!
In jedem Fall handelt es sich hier um einen Film, der überdeutlich in seiner Entstehungszeit verankert ist. Und das ist auch gut so! Wüsste man nicht, dass das "the real deal" ist, könnte man manchmal fast glauben, man hat es mit einem neueren, grell auf retro getrimmten Werk zu tun. Figurenkonstellation und die Entwicklung der Charaktere sind zwar arg holprig angelegt, und der Held der Geschichte ist auch ein etwas seltsamer Bursche (was ja aber irgendwie auch zur Konzeption seiner Rolle gehört), aber das alles ist von Anfang an mehr oder weniger Nebensache. Vor allem ist es nämlich ein verdammt relaxtes Unterfangen, das so laid-back ist, dass es eigentlich langweilen müsste - tut es aber kaum! Der Humor schwankt dabei zwischen halbwegs charmant, krud und total bescheuert. Die Erotik beschränkt sich auch weitestgehend auf ein paar freigelegte Brüste. Aber hat man denn wirklich was anderes erwartet? Der Hammer ist jedoch der Van! Vom Protagonisten auch manchmal liebevoll sein "Bumsbus" genannt, und mit allen Schikanen ausgestattet: Bar, Kühlschrank, Wasserbett, gepolsterte Wände, Farbfernseher, Hifi-Anlage... Ich bin nun wirklich das absolute Gegenteil von einem Autonarr, aber nach dem Film will man auch so einen verdammten Bus!

Dazu ein junger Danny Devito in einer Nebenrolle, gefällige Songs von einem gewissen Sammy Johns (dessen Hit "Chevy Van" wohl auch die Idee zu dem Film geliefert hat) - und nicht viel mehr, aber viel mehr braucht man auch nicht. Kann man sich echt mal geben, wenn man auf solchen Kram steht.

Man kann nur hoffen, dass es andere, ähnlich geartete Filme auch noch auf DVD schaffen!

Author: Chet [ 11.07.2013 17:46 ]
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Hoffen wir, dass es ein Mädchen wird (OT: Speriamo che sia femmina; Italien/Frankreich; 1985; Mario Monicelli)

Ein alter, abgelegener Familienwohnsitz irgendwo im ländlichen Italien. Man hat es nicht leicht. Elena (Liv Ullmann), Mutter und Hausherrin, versucht, alles irgendwie zusammen zu halten. Ihr Mann (Philippe Noiret), von dem sie getrennt lebt, lässt sich nach langer Zeit mal wieder blicken und hat eine neue Geschäftsidee im Gepäck, die der Familie aus der finanziellen Notlage helfen soll, wohl aber, wie so viele seiner Ideen zuvor, auch nur zum Scheitern verurteilt ist. Nachdem ein Unglück geschieht, überlegt man, alles zu verkaufen und nach Rom zu ziehen. Doch dann lässt eine weitere Überraschung die Dinge wieder in anderem Licht erscheinen...

Monicelli, ein Regisseur, den man sehr schätzen sollte, dessen große Blütezeit aber auch unbestritten die 50er bis 70er Jahre waren. Das ländliche, von der modernen Gesellschaft abgeschiedene Setting verleiht dem Film jedoch eine leicht zeitlose Note. Auch ein überaus hochkarätiger Cast hat sich hier noch einmal eingefunden. Neben den schon genannten sind Catherine Deneuve, Stefania Sandrelli, Bernard Blier, Giuliano Gemma, Paul Muller, u.a. dabei.
Tja, was kann der Film? Es war so ähnlich, wie ich es erwartet hatte: Viele problembeladene Figuren und Handlungstränge. In den komischen Momenten auch eher tragikkomisch als gute Laune verbreitend. Als repräsentatives Beispiel mal die von Bernard Blier dargestellte Figur des Onkel Gugo, der geistig nicht mehr so ganz auf der Höhe ist, allerlei seltsame Angewohnheiten hat und ständig alles vergisst. Natürlich geht es hier auch, wie der Titel schon andeutet, um Geschlechterrollen in der italienischen Gesellschaft - allerdings spielt sich das hauptsächlich hintergründig ab.
Letztendlich also viel Resignation, Tragik, aber auch Warmherzigkeit. Und hat man sich in der Mikrokosmos erstmal hineingefunden, entwickelt man auch Interesse an den Charakteren. Zumal stimmungsvolle Bilder und ein wunderschöner, von Gitarrenklängen dominierter Score von Nicola Piovani die inhaltlich hochschlagenden Wellen angenehm besänftigen.

Sicher nicht jedermanns Fall. Aber wer sich für solche Portraits der einfachen italienischen Bevölkerung begeistern kann, der ist hier richtig.

Author: Chet [ 11.07.2013 18:53 ]
Post subject: Re: Chet's gesammelte Filmeindrücke - 60er, 70er, 80er und mehr

Mord nach Maß (OT: Endless Night; UK; 1972; Sidney Gilliat)

Mike Rogers (Hywel Bennett), ein kunstbegeisterter junger Mann, der sich mit Gelegenheitsjobs durchs Leben schlägt, entdeckt im Süden Englands ein Fleckchen Erde, genannt Gipsy's Acre, in das er sich sofort verliebt. Liebe auf den ersten Blick scheint es auch zu sein, als er dort auf Ellie (Hayley Mills) trifft, die, wie sich herausstellt, Millionenerbin ist. Da sie nun auch die finanziellen Mittel haben, erfüllen sie sich nach der Hochzeit ihren Traum und lassen sich an besagtem Ort ein echtes Prachthaus hinbauen, indem sie fortan leben wollen - alles scheint perfekt...

Haha, ich kann mir richtig vorstellen, wie der klassische Krimi- bzw. Agatha-Christie-Fan ratlos und vielleicht auch enttäuscht vor diesem Film sitzt und nicht so recht was damit anzufangen weiß. Mir hat er jedoch ziemlich gut gefallen, gerade weil er so untypisch ist. Der Protagonist gibt schnell eine interessante Identifikationsfigur ab. Von idyllischen Naturschönheiten Englands, geht es durch Kunstgalerien, dann ein Kurztrip nach Italien... Was hat es alles zu bedeuten? Egal, auf jeden Fall fügt sich alles äußerst stimmig zu einem ansprechenden Gesamtflair zusammen.
"Idyllisch" ist überhaupt ein Begriff, der die Sache gut beschreibt. Denn ganz ähnlich wie in den italienischen Gothic-Giallo-Vertretern dieser Zeit findet sich hier auch so ein romantischer Einschlag, und zwar romantisch im Sinne von schwärmerisch verklärten und überzeichneten Szenen, die unter ihrer schönen Oberfläche quasi schon zum Unheil hindeuten. Gleichzeitig findet jedoch auch ein bewusst plakatives Spiel mit Genre-Versatzstücken statt, bei dem man aus dem Schmunzeln teilweise kaum noch rauskommt. Diesbezüglich seien besonders die Szenen mit Ellies aufdringlicher Familie oder auch die Besonderheiten der unheimlich futuristischen neu errichteten Nobelhütte genannt. Und wann taucht eigentlich Britt Ekland auf und welche Relevanz wird ihre Rolle haben? Auch diese Frage wird zu Genüge beantwortet! Dazu ein ziemlich effektiver Score vom Hitchcock-Altmeister Bernard Herrmann, der diesmal, ganz zeitgemäß, auch einen Moog-Synthesizer untergebracht hat, aber trotzdem weitestgehend noch wie in alten Tagen klingt.

Interessant gestricktes und arrangiertes Thriller-Kino mit Mystery-Touch, das sich weit von gängigen Krimi-Mustern entfernt und dafür umso gelungener zwischen Moderne und alten Legenden seine atmosphärische Seite ausspielt. Gerade auch für Fans des Giallos und ähnlicher italienischer Genre-Kost unbedingt einen Blick wert!

Die Filmjuwelen-DVD geht ebenfalls in Ordnung!

Author: Chet [ 31.07.2013 00:35 ]
Post subject: Re: Chet's gesammelte Filmeindrücke - 60er, 70er, 80er und mehr

Die Klassenfete (OT: My Tutor; USA; 1983; George Bowers)

Bobby (Matt Lattanzi) hat eine wichtige Klausur in Französisch vermasselt. Deshalb verdonnert sein stinkreicher Vater ihn dazu, mit einer privaten Nachhilfelehrerin (Caren Kaye) über die Sommerferien für die Wiederholungsprüfung zu lernen. Bobby hat sich seine Ferien natürlich anders vorgestellt und ist gar nicht begeistert, doch als er zum ersten Mal seine überaus attraktive Lehrerin erblickt, ändert er schnell seine Meinung. Wird er nun auch noch im Unterrichtsstoff vorankommen und wird er tatsächlich bei ihr landen können?

Eine Erotik-Komödie aus den frühen 80er-Jahren. Soweit die grobe Einordnung. Es ist jedoch beachtlich, wie stark die Filme innerhalb eines solchen Genres variieren. Dieser unterscheidet sich nämlich - auf übrigens ziemlich positive Weise - recht deutlich von vielem anderen, was in dieser Sparte zu finden ist. Die Zoten wurden dabei wohltuend zurückgefahren, derbe Späße finden sich höchstens am Rande. Stattdessen bekommt man sowohl inhaltlich als auch in der Umsetzung eine angenehm altmodisch anmutende Phantasiewelt vorgesetzt, die unschuldigen Eskapismus der besten Sorte bietet. Man muss sich das so vorstellen: Bobby, der noch unerfahrene Teenager; Terry, die reizvolle 30-jährige Französischlehrerin; brütende Hitze; laue Sommernächte am Pool; zärtliche Annäherungen im Konflikt zwischen dem, was eigentlich nicht sein sollte, und dem, was die Gefühle sagen... - Resultat: eine nette kleine Geschichte, die sich ihren Figuren tatsächlich überraschend feinfühlig nähert und damit ähnlichen, aber weitaus grober gestrickten filmischen Erzeugnissen sehr viel voraus hat. Als nun etwas alberneren, aber dennoch amüsanten Kontrast zu dieser Haupt-Storyline gibt es eine Art Running-Gag, der sich darum dreht, dass der Ober-Macker der High School Bobby und dessen Kumpel zu Möglichkeiten verhelfen will, ihre Jungfräulichkeit zu verlieren, was jedoch immer wieder scheitert. So schläft der sichtlich überforderte Bobby zum Beispiel einmal zwischen den üppigen Brüsten von Kitten Natividad ein (das nenne ich doch mal einen Gastauftritt!). Überhaupt muss auch erwähnt werden, dass sich die Erotik-Beigabe in einer schön unverkrampften und freizügigen Weise darstellt, die mehr an europäische Genre-Kollegen erinnert. Kamera von Mac Ahlberg, Score und die coolen Songs "You're My Tutor" und "The First Time We Make Love" von Webster Lewis, passt alles.

Ein idealer Sommernachts-Film! Von mir gibt's ne Empfehlung.

Deutsche DVD ist auch spottbillig zu haben.

Author: Chet [ 31.07.2013 23:18 ]
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Loverboy - Liebe auf Bestellung (OT: Loverboy; USA; 1989; Joan Micklin Silver)

Für Randy (Patrick Dempsey) läuft es gerade nicht besonders: Stress mit der Freundin, und seine Eltern wollen ihm seine College-Ausbildung nicht mehr finanzieren! Also heuert er über die Ferien bei Senor Pizza an, um sein Budget aufzubessern. Dort müssen sich alle Angestellten dicke Schnauzbärte ankleben und haben mit der Auslieferei ordentlich zu tun. Doch dieser Job verhilft ihm überraschenderweise auch dazu, dass die Frauen - insbesondere verheiratete und gut situierte - nun auf einmal auf ihn fliegen und für diverse Extraleistungen reichlich Trinkgeld drauflegen...

Noch so eine (vermeintliche) T&A-Comedy - bin gerade ein bisschen auf dem Trip - diesmal jedoch ohne T und ohne A (es sei denn, die TV-Fassung, die ich sah, war geschnitten, was ich jedoch nicht unbedingt glaube). Dafür war es 1989 wahrscheinlich schon zu spät, eigentlich schade. Ansonsten alles noch gerade so im grünen Unterhaltungs-Bereich. Einerseits natürlich extrem nach Klischee gestrickt (Hallo? Der Pizzabote, der vernachlässigte Hausfrauen beglückt? Soll das damals noch eine neue Idee gewesen sein, oder woher kommt einem das eventuell bekannt vor?), andererseits aber auch erfrischend abstrus, wenn man sich anschaut, wie hier diverse Handlungsstränge vermengt werden (der entsetzte Vater ist aufgrund einiger Missverständnisse plötzlich davon überzeugt, dass sein Sohn schwul ist, usw.). Zwei erwähnenswert bizarre Einlagen gibt es noch, als der Pizza-Boy im Keller einer Edelvilla auf lauter ausgestopfte Tiere trifft und später von sprechenden Robotern attackiert wird.

Fazit: alles recht vergessenswert, aber man kann sich sicher auch noch mehr langweilen. Natürlich auch sehr passendes Sommer-Sonnen-Flair, aber dennoch, da wäre in jeder Hinsicht mehr drin gewesen.

Author: Chet [ 31.07.2013 23:39 ]
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Der Pfaffenspiegel (OT: Quando le donne si chiamavano 'Madonne'; Italien/Deutschland; 1972; Aldo Grimaldi)

In dem Städtchen Prato steht die Ehebrecherin Giulia (Edwige Fenech) vor Gericht, die von ihrem Mann (Peter Berling) inflagranti beim Seitensprung erwischt wurde. Dieser kocht vor Wut und will sein Gattin auf dem Scheiterhaufen sehen. Sie argumentiert jedoch, dass ihr Mann seine ehelichen Pflichten keineswegs erfüllt hat und sie daher anderweitig ihre Bedürfnisse befriedigen musste. Um endgültig Klarheit in die Sache zu bringen, fordert das Gericht, sowohl der Ehemann als auch der Liebhaber sollen ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen...

Mal wieder so ein Film, der natürlich recht leichte Karten bei mir hatte! Schon in der allersten Szene, in der Edwige Fenech aus dem Bett steigt, rutscht ihr Nachthemd zufällig ein Stückchen runter... Kann ein Film besser beginnen? Und diese Decamerotica-Komödien sind ja eh ein Thema für sich. Ich werde darüber immer noch nicht ganz fertig. Findige Produzenten hatten Anfang der 70er-Jahre tatsächlich die Idee, erotisch-frivol aufgeladene Lustspiele, wie sie ja in ähnlicher Form auch schon in den 60ern verbreitet waren, ins Mittelalter zu verfrachten! Genauer gesagt quasi in ein mit ultra-fluffigem Set-Design ausgestattetes 70er-Jahre-Sexkomödien-Mittelalter! Die Scores passen sich dieser Herangehensweise natürlich auch hervorragend an. Da nimmt man so ein bisschen mittelalterliche Flöten und Gitarren, und diese werden dann von den jeweiligen Komponisten (Giorgio Gaslini ist es in diesem Fall, im dt. Vorspann steht allerdings Nico Fidenco - seltsam) mit den italo-typischen Soundtrack-Klängen zu einem wunderbaren Sound verschmolzen.
Und ich glaube mittlerweile übrigens, man unterschätzt das ganze auch ein bisschen, wenn man diese Filme lediglich als Nachzügler zu Pasolinis DECAMERON ansieht. Denn 1. war dessen Verfilmung des Boccaccio-Stoffes noch deutlich anders angelegt (Pasolini halt...) und 2. hätte es dann wahrscheinlich nur ein paar Rip-Offs gegeben und nicht so eine ganze Welle.
Manchmal kommt es mir auch so vor, als ob mir die Grundidee dieses Sub-Genres besser gefällt, als die Filme selbst. Denn was diese betrifft, gibt es sowohl Licht als auch einiges an Schatten. Hier hat man mal wieder so ein Exemplar, über das man sagen kann, dass es, neben der sehr gelungenen Atmosphäre, auch mit nackten Tatsachen nicht geizt, mit platten Frivolitäten aber ebenfalls sehr großzügig umgeht. Wirklich lustig ist hier kaum etwas - ulkig und schräg trifft es schon eher. Oh und beinah hätte ich es vergessen: die Darstellerriege von Edwige Fenech, über Jürgen Drews! und Peter Berling, bis hin zu Mario Carotenuto und Vittorio Caprioli, muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

...echte Decamerotica-Fans (ob es davon in Deutschland mehr als eine handvoll gibt?) werden sich an den angedeuteten Schwächen nicht übermäßig stören, und auch dieses Werk in ihr Herz schließen!

Author: Chet [ 01.08.2013 01:00 ]
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The Girl in Room 2A (OT: La casa della paura; Italien; 1973; William Rose)

Margaret (Daniela Giordano) hat gerade einen kurzen Gefängnisaufenthalt hinter sich und bekommt von einer Sozialarbeiterin (Rosalba Neri) auch gleich ein neue Unterkunft vermittelt. Dort herrscht jedoch eine merkwürdige Aura, und die bis vor kurzem, übrigens zu Unrecht, Inhaftierte fühlt sich schnell bedrängt und wird von Alpträumen, in denen ein maskierter Folterknecht sein Unwesen treibt, heimgesucht. Bald weiß sie nicht mehr: was ist Einbildung, was ist Realität? Wenig später trifft sie einen Mann, dessen Schwester ebenfalls in dem Haus untergebracht war und schließlich - so zumindest die offizielle Version - angeblich Selbstmord begangen hat. Gemeinsam wollen sie der Sache auf den Grund gehen...

Ein Film, geradewegs aus der Blütezeit des Giallo-Genres. Da kann man wohl auch mal höhere Erartungen haben. Und dann noch dieser Cast, ausgeschmückt mit Namen wie: Daniela Giordano, Karin Schubert, Rosalba Neri und Brad Harris. Schon in der Pre-Title-Sequenz geht es in den Folterkeller, wo eine finstere Gestalt mit leuchtend roter Kapuze die Peitsche schwingt. Wenn das mal kein grotesk-rustikaler Einstieg ist!
Wer sich deswegen aber nonstop Schmierereien und Schnetzeleien erwartet, wird sich wohl bald gelangweilt abwenden. Zugegeben: die Story ist wirklich ziemlicher Murks, recht vorhersehbar und noch nicht mal sonderlich spannend umgesetzt. Da die Sause mit ihren 84 Minuten aber angenehem knackig angelegt ist, kann man hier zwischen, ähm, charmant entschleunigtem Leerlauf, abenteuerlichen Zwischeneinschüben und punktuellen Drastiken doch auch sowas wie Unterhaltungswert finden. Der Film hat ganz klar diesen poetischen 60er/70er-Jahre-Italo-Look - ich weiß wirklich nicht, wie ich das sonst beschreiben soll. Bei bestimmten Filmen weiß ich einfach sofort, wenn ich es sehe: Genau das ist es! Das Interieur, die Klamotten - muss man noch mehr sagen?
Berto Pisano liefert dazu mal liebliche Gitarrenklänge, viel unheilschwangeres Streicher-Gebrodel und manchmal auch sehr lustig deplatziert wirkende Up-Beat-Klänge. Überhaupt hat dieser Mystery/Horror-Giallo meistens, wenn es dann doch droht zu langweilig zu werden, noch den ein oder anderen abstrusen Einfall auf Lager. Besonders erwähnenswert, die Stürmung der Festung des Oberbösewichts gegen Ende, die dermaßen comichaft von Statten geht (das Eingangstor wird mit einem großen Stein eingerammt, Blumenkübel werden als Waffe zweckentfremdet, das "rote Phantom" wird schließlich demaskiert!), dass man beinah glaubt, sich auf einmal in einem anderen Film zu befinden.

Also man sollte wohl ein bisschen ein Herz für Schund haben. Der Rest regelt sich dann irgendwie von allein.

Die US-DVD von Mondo Macabro ist - wie das meiste von dem Label - uneingeschränkt zu empfehlen.

Author: Chet [ 08.08.2013 00:42 ]
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Rosebud Beach Hotel (OT: The Rosebud Beach Hotel; USA; 1984; Harry Hurwitz)

Um seiner Verlobten Tracy (Colleen Camp) endlich zu beweisen, dass er auch Veranwortung übernehmen kann, übernimmt Elliot (Peter Scolari) die Leitung des heruntergekommenen Rose Bud Beach Hotels, das seinem zukünftigen Schwiegervater gehört und nun wieder auf Vordermann gebracht werden soll...

Ich mag "Hotel-Filme", und ich mag auch 80s-Komödien (mal mehr und mal weniger). Was man hier zu sehen bekommt, führt jedoch in ziemlich finstere Untiefen der 80er. Man merkt es sofort: die Macher schrecken nicht davor zurück, selbst die abgedroschensten Gags aus der Mottenkiste zu reaktivieren. Auch auf typische Komödien-Stereotypen wird gerne zurückgegriffen. So gibt es da z.B. den Vietnamveteran, der sich im Schutzbunker schon auf die atomare Katastrophe vorbereitet. Um es kurz zu machen: gerade noch passable Unterhaltung, wenn man gerade sehr anspruchslos gestimmt ist. Viel weiter will ich es gar nicht vertiefen, deshalb nur noch ein paar kurze Bemerkungen: Diese schlierig-schmierigen 80s-Soundtracks mit Saxophon und Co. sind irgendwie geil. Christopher Lee musste zu dieser Zeit wohl alle Rollen, die er kriegen konnte, annehmen. Der trüben Stimmung in dem Hotelkomplex und dem allgemein unterirdischen Niveau kann man auch eine leicht faszinierende Komponente abgewinnen. Die Idee, den Hotelbetrieb dadurch wieder in Schwung zu bringen, dass man freizügig agierende Prostituierte als Pagen einstellt, ist so ziemlich das Einzige, was den Film noch rettet (Wahnsinn, die dürfen sogar mal ihre Brüste zeigen! Was das doch für ein Lichtblick sein kann, wenn man es sonst mit einer dermaßen unlustigen und unattraktiven Komödie zu tun hat!).

Das muss reichen als kurze Mitteilung, dass dieser Film existiert und ich ihn durchgestanden habe.

Author: Chet [ 08.08.2013 00:55 ]
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Intimo (OT: Intimo; Italien; 1989; Beppe Cino)

Thea (Eva Grimaldi) tritt neuerdings als Model bei Fashion-Shows auf. Dabei fällt ihr immer wieder ein mysteriöser Fremder im Publikum auf, der schließlich sehr zudringlich wird. Zwischen Faszination und Abscheu kommt es zu diversen Kontakten...

Selten so eine Ansammlung von creepy Typen und kruden Machismo- und Beherrschungs-Fantasien, nach dem Motto "anfangs sträubt sich die Frau zwar, bis sie dann merkt, dass sie es ja eigentlich doch auch will", gesehen. Da beinah alles, was als Erotikszene konzipiert ist, in diese Ecke geht, kommt dabei leider kaum sowas wie sinnliche Erotik auf. Ich glaube echt, solche Filme sind ein bisschen mit daran Schuld, dass das Genre mitunter so in Verruf geraten ist. Natürlich muss man auch nicht zu sehr den Moralischen raushängen lassen und kann das fragwürdige Werk auch als das, was es ist, für sich stehen lassen. Dann bleibt bei neutralerer Betrachtung aber immer noch eine Inszenierung, die nur vereinzelt effektiv ist, oft aber hingeschludert wirkt. Dieser Umstand spielt wiederum teilweise der verkommen-runtergekommenen Atmosphäre, die die Filme aus dieser Phase des Erotik-Genres auszeichnet, in die Hände, aber auch das hat man oft schon faszinierender gesehen. Eva Grimaldi ist dabei gar keine schlechte Besetzung der Hauptrolle, allerdings hätte sie gerade deswegen auch eine bessere Regie verdient. Für Aufheiterung sorgt einzig die deutsche Vertonung - unfassbar, diese total antiquiert (dabei sind sie ja noch gar nicht sooo alt) und amateurhaft wirkenden Videosynchros.

Selbst für Fans des Genres nicht besonders erquickliche Kost.

Author: Chet [ 09.08.2013 00:07 ]
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Mit Vollgas durch die Hölle (OT: Double Nickels; USA; 1977; Jack Vacek)

Zwei Highway-Cops (Jack Vacek und Ed Abrams) nehmen es mit ihrem Job nicht so genau und verdienen sich im Repo-Business noch den ein oder anderen Dollar dazu. Heißt also, sie sollen für einen zwielichtigen Auftraggeber gegen Belohnung Autos wiederbeschaffen, die von ihren Besitzern nicht abbezahlt worden. Bald merken sie jedoch, dass sie sich mit diesen halblegalen Geschäften echte Schwierigkeiten eingehandelt haben...

Ist das nicht manchmal herrlich, sich ultra-obskure No-Budget-Flicks aus vergangenen Zeiten rauszusuchen, an die man dann auch mit dementsprechender Erwartungshaltung, die gegen null tendiert, rangeht, nur um letztendlich völlig unerwartet (oder insgeheim doch erhofft) überraschend gut unterhalten zu werden. Um ziemlich genau diese Sorte von Film, die scheinbar nichts will, offensichtlich keinerlei Ansprüche hat und gerade deswegen ganz unprätentiös und heimlich die Sympathiepunkte einfährt, handelt es sich bei DOUBLE NICKELS. Lässige Typen, quietschende Reifen, endlose Highways, etwas Blechschaden sowie vor allem eine unglaublich relaxte Atmosphäre und ungeschliffene Herangehensweise reichen eben manchmal schon, um 80 Minuten unterhaltsam zu füllen. Dicke Pluspunkte gibt es auch für die hemmungslos bedepperte Schnodder-Synchro, die in so einem Fall einfach wie die Faust aufs Auge passt!

In Sachen Coolness und Independent-Charme vielleicht sogar so manchem der größeren Car-Crash-Klassiker überlegen; ein unbeschwerter, anspruchsloser Film für eben solche Stunden.

Zu finden als Bonusfilm in der "Car Crash Auto Collection 3" von KNM.

Author: Chet [ 09.08.2013 00:21 ]
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Das Lustschloss im Spessart (OT: Das Lustschloss im Spessart; Deutschland; 1978; Viktor Stuck)

Das idyllisch im Wald gelegene Schloss Geiersberg zieht vor allem Verliebte und frisch Verheiratete an. Auch die nah gelegene Kurklinik, in der der Schäfer Astloch zusammen mit seinen zwei strammen Gehilfen vor allem die Damenwelt beglückt, ist eine Attraktion, die es in sich hat. Da bleiben turbulente Verwicklungen nicht aus...

Puh! Im Vorspann bekommt man in Form einer infernalischen Slapsticksequenz schon die volle Breitseite abenteuerlicher, um nicht zu sagen unterirdischer, deutscher Humorvorstellungen. Ich war bereits aufs Schlimmste gefasst! Doch dann vollzog sich Wunderliches und Wundersames, und der Film konnte mich immer mehr für sich gewinnen. Zuerst mal hat man es hier mit einem untypisch tollen Setting zu tun: stimmige Waldbilder, ein altes Gemäuer (der in solchen Filmen gerne verwendete Begriff "Schloss" scheint freilich etwas übertrieben), und ja eben auch Gruselflair. Was das letztere betrifft, wird kein Klischee ausgelassen: ruhelose Skelette, Figuren aus alten Gemälden, die zum Leben erwachen, ein verborgener Schatz usw. Und dazu gibt es eine Art von Klamauk, die nicht so lieblos und lahm hingerotzt ist, sondern die sich mitunter in richtig gestört-verschrobene, surreale Höhen steigert. Ich konnte zum Teil kaum glauben, was ich da sah! Da wird dem Bräutigam in der Hochzeitsnacht von seiner Frau "zum Spaß" der Ehering auf den Penis gesteckt und während dieser ernsthaft Mühe hat, das Ding wieder runterzubekommen, treibt es ein Adliger, der ehemals in dem Schloss gehaust hat und nun wieder zum Leben erwacht ist, mit dessen Frau. Auch gibt es da einen Muskelprotz, der von früh bis spät hauptsächlich damit beschäftig ist, zu trainieren und Eier zu essen. Ebenso treibt ein Archäologe sein Unwesen, der von all dem sündigen Treiben um ihn herum nichts wissen will, sondern nur an dem erwähnten Schatz interessiert ist. Im Allgemeinen geht es natürlich auch quer durch alle Betten, aber Erotik (die war in vielen Filmen dieser Art übrigens oft auch schon deutlich übler anzusehen als hier) ist in dem Fall nur Beiwerk in einem kunterbunten und oft herrlich hemmungslos skurill auf die Spitze getriebenen Reigen.

Wer völlig allergisch auf dieses Genre mitsamt seiner klamaukhaften Ausrichtung reagiert, für den wird es wahrscheinlich nur ein Machwerk von vielen sein. Ist man allerdings sensibilisiert genug, um die Besonderheiten zu bemerken, dann kann man hier auch tatsächlich einiges entdecken.

Mit der Marketing-Scheibe macht man nichts falsch, und diese ist auch immer noch sehr günstig zu haben!

Author: Chet [ 09.08.2013 01:38 ]
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Spirito santo e le cinque magnifiche canaglie (OT: Spirito santo e le cinque magnifiche canaglie; Italien; 1972; Roberto Mauri)

Springfield wird von einem in schwarz gehüllten Einzelgänger terrorisiert. Um der Lage Herr zu werden, wird Spirito Santo (Vassili Karis) heran beordert. Dieser will jedoch nur zusammen mit seinen fünf Verbündeten aus früheren Tagen zur Tat schreiten...

Sehr sympathisch! Genau nach meinem Geschmack! Bietet alles, was ich an den Low-Budget-Western aus den frühen 70ern so liebe! Das waren die ersten Gedanken, die mir in dem Sinn kamen. Wenn ich nun sagen müsste, was genau mir an dieser Sorte von Italowestern so gut gefällt, dann würde ich fast sagen, dass sie mir wie die italienischsten Italowestern vorkommen. Denkt man nur mal an die früheren Vertreter zurück, die noch brav und bieder den amerikanischen Vorbildern nacheiferten, dann ist das hier - unabhängig von der Eigenständigkeit, die natürlich auch schon bei Leone, Corbucci und Co vorhanden war - nochmal eine ganz andere Art der Emanzipation. Vermutlich auch direkt vor Ort in Italien gedreht, bieten diese grünen Wald- und Wiesenlandschaften dafür die ideale Kulisse. Ebenso stecken in den skurillen Details reichlich Anklänge italienischer Komik.
Robero Mauri geht die Sache auch genau richtig an und überfrachtet diesen "kleinen Western" nicht, wie das ja manchmal getan wurde, mit einem unnötig überambitionierten Story-Konstrukt. Die Karten sind von Anfang an klar verteilt: der Chef der Bande, Spirito Santo, muss seine alten Bekannten wieder zusammentrommeln und dann geht es auf die Jagd nach dem schwarzen Phantom! Dabei schreitet der Film sowas von charmant, geschmeidig und verschmitzt voran, dass es eine wahre Freude ist. Immer wieder neckische Albernheiten, kuriose Einfälle, schräge Charaktere - aber trotzdem kein reiner Klamaukwestern.

Das Fazit kann nur lauten: ich muss mehr von ähnlich gearteten Italowestern aus den frühen 70ern sehen! Echt schade, dass gerade diesen Filmen eine deutsche Veröffentlichung nicht selten verwehrt blieb.

Author: Chet [ 12.08.2013 00:41 ]
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Giochi erotici di una famiglia per bene (OT: Giochi erotici di una famiglia per bene; Italien; 1975; Francesco Degli Espinosa)

Als Ricardo (Donald O'Brien) seine Frau (Malisa Longo) beim Fremdgehen erwischt macht er kurzen Prozess und versenkt sie im See. Bald schon plagen ihn jedoch geisterhafte Erscheinungen dieser. Was er zudem nicht weiß, ist, dass es sich bei dem Seitensprung seiner Frau um eine weibliche Geliebte (Erika Blanc) handelte. Genau diese tritt von nun an in sein Leben, während er zunehmend dem Wahnsinn verfällt...

Hierbei handelt es sich weniger um einen klassischen Schwarze-Handschuhe-Giallo, als um einen gialloesk angehauchten, psychotronischen Psycho-Thriller und zwar von der Sorte, die gerne mit derangierten Charakteren, wahnsinnigen Blicken und übernatürlichen Elementen aufwartet. In diesem Fall sogar basierend auf einer Geschichte von Renato Polselli. Donald O'Brien liefert dazu eine sagenhafte Performance, in der er sich auf Biegen und Brechen durch sämtliche Gefühlslagen chargieren darf. Und hatte ich schon erwähnt, dass Malisa Longo und Erika Blanc dabei sind? Tja, was soll man sagen? Irgendwie weckt der Name Polselli in den Vorspann-Credits falsche Erwartungen. Denn phasenweise ist das wirklich erstaunlich gewohnte und wenig aufregende Kost, dann aber wiederum manchmal auch mit überraschend rauschhaften Aus- und Einfällen. Auch zum Beispiel der Score von Felice und Gianfranco Di Stefano ist schon recht speziell, wahlweise bestehend aus dick aufgetragenen, romantisch-schwülstigen Klängen, die wie ein Überbleibsel aus den 50ern oder 60ern wirken, oder dramatischem Getöse. Im Allgemeinen ist es von Look und Atmosphäre her auch genau die Art von Italo-Kino, der was besonders billig/stylisches sowie abgekapselt/eigentümliches anhaftet, das ich sehr faszinierend finde. Ein Film von Sergio Martino oder Dario Argento würde z.B. nie so aussehen und rüberkommen. Renato Polselli ist da dann doch wieder der passendere Anhaltspunkt.

Es fehlt wohl das letzte Quentchen Wahnsinn. Vieles geht in interessante Richtungen, aber zu schnell kommen dann auch immer wieder recht typische Giallo-Muster durch. Alles in allem, tendenziell schon ziemlich anziehend, aber nichts, was einen wirklich umhaut.

Author: Chet [ 03.09.2013 22:07 ]
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I vizi morbosi di una governante (OT: I vizi morbosi di una governante; Italien; 1977; Filippo Walter Ratti)

Ein betagter Baron bekommt auf seinem Schloss Besuch von seiner Tochter, die auch noch einige Freunde im Schlepptau hat, worüber der alte Herr gar nicht so erfreut ist. Dieser ahnt wohl schon Böses und nach kurzer Zeit passiert auch was: und zwar ein Mord! Ein Inspektor rückt an und ist überzeugt davon, dass der Verdächtige unter der Belegschaft oder den Gästen, die im Schloss anwesend sind, zu finden sein muss...

Von Filippo Walter Ratti kannte ich bisher zwei Filme: die Strand-Komödie FERIEN IN DER SILBERBAY, die hierzulande leider nur in einer arg entstellten Fassung zu sehen war, und den Gothic-Grusler LA NOTTE DEI DANNATI, den ich in seiner Originalfassung (in Deutschland wurde er wohl vordergründig zum Erotikfilm umfunktioniert) schon sehr stimmig fand. Bei dem hier vorliegenden, recht obskuren Film bin ich nun schon immer mal an dem saftigen Titel hängengeblieben, der doch mit etwas Fantasie auf eines dieser schön schmierigen Spät-70er-Sleaze-Giallo-Elaborate schließen lassen könnte. Aber lange Rede, kurzer Sinn: er entpuppte sich als echte Schlaftablette!
Es passiert wirklich kaum mehr als oben beschrieben. Es handelt sich wirklich um die klassische Sorte von Filmen der Art: ein paar undurchsichtige Figuren finden sich in einer gediegenen Location, mit finsterer Historie, ein, und dann geschieht irgendwas (meistens ein Mord). Rein von der Optik her ist das auch noch ziemlich gelungen, das Handwerk stimmt, aber darüber hinaus hatte der Regisseur wohl keinen blassen Schimmer, wie er dem Werk noch ein paar besondere Akzente verpassen könnte. Das Pensum an Schmoddereien und Schmuddeleien wird brav standardmäßig erfüllt, bevor man sich dann aber wieder ganz zügig der absoluten Langeweile hingeben kann. Es gibt da noch eine ganz witzige Szene, in der die Gäste im Hotel ein cooles Spiel machen, bei dem sie sich gegenseitig Filmszenen vorspielen, die dann erraten werden müssen. Einmal räkeln sich da z.B. zwei Frauen zusammen auf dem Teppich und ein anderer bemerkt nur, dass solche Szenen doch heutzutage in jedem Film zu sehen seien.
Die Musik stammt übrigens von Piero Piccioni, der mich mal wieder daran erinnert, warum er nicht zu meinen absoluten Lieblingskomponisten im Italo-Bereich zählt. Besonders ersprießlich ist das leicht angejazzte, meist ominöse Geblubber nämlich nicht. Lediglich in einer Sex-Szene reißen einen sehr bizarre Hammond-Orgel-Einsätze aus der Lethargie. Abgesehen von Namen wie Patrizia Gori, die man vielleicht schon einmal gehört hat, sind die Darsteller auch kaum bekannt. Und ob es mit den sehr deutsch klingenden Rollennamen wie Berta, Gretel oder Elsa eine besondere Bewandtnis hat, hat sich mir auch nicht erschlossen.

Eine Obskurität also, bei der man nicht viel verpasst, wenn man sie nicht kennt. Wenngleich fortgeschrittene Italo-Liebhaber sicher etwas Sympathie dafür übrig haben werden.

Author: Chet [ 05.09.2013 21:33 ]
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Alla ricerca del piacere (OT: Alla ricerca del piacere; Italien; 1972; Silvio Amadio)

Greta (Barbara Bouchet) hat sich als seine neue Sekretärin in das Haus des Autors Richard Stuart (Farley Granger) geschleußt. Auf diesem Wege erhofft sie sich, an weitere Informationen über den Verbleib ihrer verschwundenen Vorgängerin, die eine gute Freundin von ihr war, zu gelangen. Zwischen ausschweifenden Parties und fragwürdigen Avancen der Lebensgefährtin des Autors (Rosalba Neri) findet sie bald einige Anhaltspunkte...

Silvio Amadio schwankte ja eigentlich beständig zwischen ambitionierter Kost und Rohrkrepierern, somit weiß man nie so ganz, was man bei ihm erwarten kann. Mit diesem, eigentlich eher sleazig aufgeladenen Erotik-Thriller als klassischer Giallo, ist er jedoch ziemlich nah an einem Volltreffer dran. Die Stimmung in dem Haus, in dem sich ein Großteil der Handlung abspielt, ist wunderbar verkommen. Rosalba Neri als durchtriebener Vamp: klasse! Kuscheleien zwischen Neri und Bouchet: auch nicht schlecht! Oder auch ein ausgelassener Abend mit Filmvorführung von einer Erotik-Version von Rotkäppchen... Das alles gibt's in Amadios Haus der Lüste! Aber damit noch nicht genug; er hielt es sogar für eine gute Idee, einem Fischer, der als total minderbemitteltes Sexmonster dargestellt wird, handlungstragende Relevanz einzuräumen.
Der Thrill-Anteil der Geschichte ist aber ebenfalls durchaus reizvoll umgesetzt. Und zwar nimmt der Autor gerade einen Kriminalroman auf Tonband auf, den seine Sekretärin dann abtippen soll. Und während sie das tut, beschleicht sie zunehmend das Gefühl, dass der Autor, den sie ja verdächtigt, ihre Freundin auf dem Gewissen zu haben, mit dieser Geschichte quasi sein Verbrechen nacherzählt. Diese Szenen, die sich ja nur in der Fantasie der Protagonistin abspielen, sind dann auch sehr ansprechend bebildert, was dem Film noch so eine leichte Gruselnote verpasst. Gelungen ist auch der Score von Teo Usuelli. Nun weiß ich endlich auch, in welchem Zusammenhang diese delikate "Piacere Sequence" (ein Stück, das wohl auf unzähligen Italo-EasyListening-Compilations zu finden ist) ursprünglich vorkommt.

Also, wenn schon nicht das Über-Meisterwerk, dann zumindest zünftig schmierige Kost, die geschmeidig runterflutscht.

Author: Chet [ 10.09.2013 17:45 ]
Post subject: Re: Chet's gesammelte Filmeindrücke - 60er, 70er, 80er und mehr

Carnalita (OT: Carnalita; Italien; 1974; Alfredo Rizzo)

Gabriele, genannt "Professor", hat eine Frau, die ihre Tage und Nächte schwer krank im Bett zubringt und wohl nicht mehr lange zu leben hat. Währenddessen ist auch schon seit längerem eine Hausangestellte (Femi Benussi) seine heimliche Geliebte. Als man in ein Schloss umsiedelt, das der vorherige Besitzer schweren Herzens aufgrund von finanziellen Nöten abgeben musste, ändert sich an dieser Situation nicht viel. Nur, dass seine Geliebte nun auch nicht mehr sonderlich zufrieden ist mit der Lage, denn nicht mal ihr ist Gabriele treu, sondern lacht sich eigentlich beständig neue Bekanntschaften an - ein Techtelmechtel mit der Sekretärin hier, ein folgenreicher Urlaubsflirt (Erna Schurer) da. Ein paar mörderische Intrigen später findet das Beziehungsgeflecht schließlich ein überraschendes Ende...

Noch so ein Exemplar, das man dem Giallo-Genre höchstens im weitesten Sinne zuordnen könnte, das dafür aber umso mehr das darstellt, was ich gerne "Italo-Kino in Reinkultur" nenne. Wer dafür nicht den richtigen Zugang hat, wird das alles wohl eher langweilig finden, ich empfand es bisweilen jedoch als Hochgenuss. Ich habe das schon oft versucht zu beschreiben, und es ist wohl wirklich diese absolut wohlige, sonnige und geschmeidige Atmosphäre, die dabei den Hauptteil der Faszination ausmacht. Etwas genauer gesagt, sehen die Zutaten folgendermaßen aus: Man hat da z.B. immer bezaubernde Darstellerinnen dabei, in diesem Fall Erna Schurer und Femi Benussi. Und es ist gerade Letztere, die genau in dieser Art von Film zuhause zu sein scheint und auch hier besonders glänzen kann. Femi Benussi, der Sonnenschein des ultra-obskuren Italo-Kinos! Weiterhin fährt man mit so einer gediegenen Schloss-Location immer gut, das haben die italienischen Filmemacher zu der Zeit auch gewusst. Dazu gesellen sich dann auch noch mediterrane Mittelmeer-Aufnahmen und eine kleine Portion Yacht-Sleaze. Und wer sich ausgehend von der bloßen inhaltlichen Beschreibung einen deftigen Sex&Crime-Reißer erhofft hat, der wird das a) wohl immer noch langweilig finden und hat b) nicht begriffen, dass es zu dieser Sorte des unbeschwerten Italo-Kinos dazugehört, dass sich beinah sämtliche finstere Anwandlungen letztlich in einem Augenzwinkern auflösen oder wenn's sein muss, auch durch schräge Komik konterkariert werden. Was auch dazugehört, sind genüsslich ausgespielte Füllszenen, in denen dann auch der süffisant-opulente Edel-Lounge-Score von Carlo Savina hervorragend zur Geltung kommen kann.

Extrem charmant und sympathisch! Quasi das Giallo-Pendant zur provinziellen Italo-Erotik-Komödie. Meilenweit entfernt von Dario Argento und Co., und vom Stil her viel eher vergleichbar mit Filmen wie EINE FRAU FÜR ALLE FÄLLE (Mario Bianchi, 1978); JUNG, FRECH, FREI (Sergio Bergonzelli, 1975); DIE SÜNDIGEN MÄDCHEN VOM LANDE (Mario Siciliano, 1976). Alfredo Rizzo hat auch den großartigen aber immer noch viel zu wenig beachteten LA SANGUISUGA CONDUCE LA DANZA (als THE BLOODSUCKER LEADS THE DANCE auf englischfreundlicher DVD erschienen!) gedreht, den ich an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich empfehlen möchte.

Author: Chet [ 11.09.2013 22:52 ]
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Lezioni private (OT: Lezioni private; Italien; 1975; Vittorio De Sisti)

Laura (Carroll Baker) ist die neue Klavierlehrerin in einem kleinen, ländlichen Örtchen. Die jungen Männer in ihrer Klasse haben sofort ein Auge auf sie geworfen. Darunter auch der 18-jährige Alessandro (Rosalino Cellamare), der bisher bei den Frauen nicht viel Glück hatte und dessen Beziehung zu seiner ungefähr gleichaltrigen Freundin auch nicht so recht in die Gänge kommt, weshalb sein grobschlächtiger Vater (Carlo Giuffre) schon Bedenken hat, ob irgendwas mit dem Jungen nicht stimmt. Einer der Klassenkameraden von Alessandro ist da jedoch ganz anders gestrickt, er macht heimlich freizügige Bilder von der Lehrerin und übt damit Druck auf sie aus...

Von der ersten Minute an wusste ich - oder eigentlich auch schon vorher konnte ich es mir denken - was man hier erwarten kann. Meine Vermutung hat mich nicht getäuscht. Das ist die Sorte von Film genau auf der Schwelle zwischen leichtherziger, zum Teil auch zum Klamauk neigender Komödie, und Drama mit dunklen Zwischentönen. Sowie weiterhin auch ein Wechselspiel zwischen düsteren Seiten der Sexualität und einfühlsamer Erotik.
Carroll Baker kommt mit dem Zug in dieser kleinen Ortschaft an und sofort stößt sie schon - im wortwörtlichen Sinne - mit einem dieser hormongesteuerten Jungs zusammen. Mag sein, dass es ähnlich geartete Filme auch anderswo gab, aber wie sich das hier alles darstellt, gab es das nur in Italien. Die Komikeinlagen erst... - Leopoldo Trieste hat hier eine Rolle als Exhibitionist, die für die Handlung eigentlich keinerlei Relevanz hat, und er tut eben, was ein Exhibitionist tut: nämlich, wann immer er eine größere Menschengruppe, bevorzugt Frauen, sieht, reißt er seinen Mantel auf!? Wenn die Jungs aus der Klasse Kondome anprobieren oder heimlich für ihre Lehrerin schwärmen, dann wird hier sicher auch schon einiges vorweg genommen, was später in EIS AM STIEL und ähnlichen Filmen ohne Ende zelebriert wurde. Irgendwo zwischen derberen Eskapaden und zärtlichen Liebeleien und Schwärmereien scheint sich der Grundton des Film also einzupendeln.
Doch dann kommt recht bald noch eine düstere Note dazu. Einem der Schüler gelingt es, Nacktaufnahmen der Leherin zu machen, die er dann dazu nutzt, um sie zu erpressen und so unter seine Kontrolle zu bringen. Wenn der Film auch sonst in keiner Weise wirklich extrem oder explizit ist, so entfalten diese erniedrigenden Machtspielchen, die z.B. damit beginnen, dass die Klavierlehrerin vor der Klasse eine halbdurchsichtige Bluse tragen muss, und sich dann immer weiter steigern, auf psychologischer Ebene schon eine recht herbe Wirkung.
Doch irgendwann wird auch dieser Handlungsstrang recht flott wieder aufgelöst, und man fragt sich eigentlich nur noch, ob Alessandro nun noch bei seiner angehimmelten Lehrerin, die sich natürlich schlecht auf eine Beziehung zu einem Schüler einlassen kann, landen kann, oder ob aus dem Verhältnis zwischen ihm und seiner gleichaltrigen Freundin doch noch mehr wird. Inmitten all dieser Wirren stattet er dann auch noch seinem leicht verrückten Onkel (Renzo Montagnani), der fernab zusammen mit einem Dienstmädchen (Femi Benussi!) wohnt, einen Besuch ab, der auch gleichzeitig zu den unterhaltsamsten Sequenzen des Films gehört. Alleine dieser Auftritt von Femi Benussi ist sowas von hinreißend, wenn man das sieht, muss man eigentlich meinen, das ist gar nicht gespielt, sondern dieser reizende Charme muss eher sowas wie eine natürliche Präsenz sein. Ich liebe diese Frau! Was ich auch liebe, ist die Musik von Franco Micalizzi, diese ist stellenweise sehr schön, hätte aber ruhig noch etwas präsenter sein können.

Es gibt hier wirklich viele Einfälle und Szenen, die gut funktionieren, manches bleibt allerdings auch etwas halbgar. Mir fallen zwar gerade keine Beispiele ein, aber ich bilde mir ein, ich habe schon ähnliche Filme dieser Art gesehen, bei denen der Gesamteindruck etwas stimmiger war. Dennoch bewegt sich das filmische Resultat trotz aller Diskrepanzen und Unverträglichkeiten, die fast schon notwendigerweise auftreten müssen, wenn so viele verschiedene Elemente zusammengeworfen werden, wie so oft in solchen Fällen, in einem recht interessanten Spannungsfeld - und der italienische Charme ist und bleibt halt unübertroffen.

Author: Chet [ 11.09.2013 23:09 ]
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Frau Wirtins tolle Töchterlein (OT: Frau Wirtins tolle Töchterlein; Italien/Deutschland; 1973; Franz Antel)

Susanne, "die Wirtin von der Lahn", (Teri Tordai) bekommt Besuch von einem gewissen Vincent van der Straten (Gabriele Tinti), es dreht sich um den Tod ihres Mannes. Bald ist jedoch schon der nächste Todesfall zu beklagen, denn die Wirtin lacht sich aufgrund eines skurillen Zwischenfalls zu Tode. Diesem Herrn van der Straten obliegt es nun also, sich um das Erbe zu kümmern. In Frage kommen die fünf Klosterschülerinnen Clarissa (Femi Benussi), Francoise, Susanne, Anselma (Alena Penz) und Piroschka. Er muss herausfinden, welche tatsächlich die rechtmäßige Erbin ist. Aus diesem Grund lässt er sich von jeder einen Schwank aus der Vergangenheit erzählen, doch wirklich für Klarheit sorgt das auch nicht. Am Ende löst sich alles etwas anders auf als gedacht...

Ach, die Frau-Wirtin-Filme von Franz Antel - eigentlich wollte ich sie mir schon seit längerem mal wieder vornehmen, und nun habe ich komischerweise mit dem sechsten und gleichzeitig letzten Teil begonnen. Gesehen hab ich vor einiger Zeit schonmal: FRAU WIRTIN HAT AUCH EINEN GRAFEN (1968), FRAU WIRTIN HAT AUCH EINE TOCHTER (1969) und FRAU WIRTIN TREIBT ES JETZT NOCH TOLLER (1970). Der erste Teil SUZANNE - DIE WIRTIN VON DER LAHN (1967) und FRAU WIRTIN BLÄST AUCH GERN TROMPETE (1970) fehlen mir hingegen noch.
Was nun den letzten Teil betrifft, könnt man meinen, dass es sich um so einen typischen Nachzügler handelt, der bei längeren Filmserien gerne mal noch nachgeschoben wird, und sich womöglich noch aus irgendwelchem Restmaterial zusammensetzt. Dass es sich um genau so ein Flickwerk handen könnte, schien ein Review in der IMDB auch zu bestätigen. Angesichts des ersten Eindrucks, den der Film auf mich machte, konnte ich das alles jedoch gar nicht glauben. Das wirkte alles sehr aufwendig, hochwertig und auch eigenständig. Zudem war wohl hier der italienische Produktionsanteil auch etwas höher als sonst. Schon die Eröffnungssequenz ist ziemlich eindrucksvoll: man hört edle Cembalo-Klänge, Glockenschläge (Musik: Stelvio Cipriani!), dazu treffen Gabriele Tinti und Teri Tordai in einem toll ausgestatten Raum aufeinander. Überhaupt sind die Wahl der Drehorte (hauptsächlich ein altes Klostergebäude) und das Set-Design überaus gelungen. Daran kann man sich gar nicht sattsehen! Diese Geschichte um die fünf Klosterschülerinnen, die allerlei frivolen Schabernack aushecken (man fragt sich eigentlich, was die in einer Klosterschule zu suchen haben...), ist auch wirklich recht spaßig umgesetzt. Zumal ja hier auch schon wieder die bezaubernde Femi Benussi dabei ist!
Davon ausgehend hätte ich fast gesagt, hier werden alle vorherigen Filme der Reihe getoppt! Allerdings merkt man dann doch recht schnell, wo's langgeht. Und zwar wird die Rahmenhandlung, dann doch durch Material aus den anderen Teilen etwas aufgefüllt. Immer wenn es darum geht, die rechtmäßige Erbin zu identifizieren, wird eine Episode aus der Vergangenheit aufgewärmt und dabei kommen dann auch Auftritte, die die Darstellerinnen (im Fall von Femi Benussi z.B.) in den früheren Teilen schon hatten, zum Einsatz. Teilweise fand ich das gar nicht so uninteressant, da eben auch einiges dabei war, bei dem ich mir ziemlich sicher war, dass ich es noch nie gesehen habe (muss also aus den Filmen stammen, die ich noch nicht kenne), andererseits zieht es sich mit der Zeit aber schon etwas und wirkt eben wirklich wie Füllmaterial.
Eine ziemlich unglaubliche Sequenz, die ich mal kurz beschreiben möchte, war jedoch auch dabei: Da soll ein Typ gehängt werden, und er sowie seine Freundin sind darüber natürlich gar nicht erfreut. Sie hat jedoch eine Idee: als er den Strick schon um den Hals hat, entkleidet sie sich in etwas Entfernung, was ihn schon sichtlich erregt (seine Hose spannt immer mehr!). Und als sie schließlich gänzlich nackt dasteht, löst sich mit voller Wucht ein Metallknopf von seinem Hosenbund, der dann geradewegs im Auge von einem der Typen, die es auf ihn abgesehen haben, landet. Und so kann er doch noch fliehen. Ganz großes Kino! Ich schätze, diese Szene muss auch aus einem der Filme stammen, die ich noch nicht gesehen habe, denn ansonsten hätte ich die doch wohl nicht vergessen.

Also lange Rede, kurzer Sinn: ich empfand den Film insgesamt definitiv als sehenswert. Wäre man die Sache eigenständiger angegangen, hätte die Rahmenhandlung etwas ausgebaut und auf die vielen Füllszenen verzichtet, dann hätte hier wirklich auch noch Größeres entstehen können. So wurde halt doch einiges an Potential verschenkt.

Hab ihn übrigens auf italienisch gesehen, was irgendwie kaum gestört hat. Im Gegenteil: die klangvolle Sprache lies den Film bisweilen sogar noch edler erscheinen. Ein paar Details blieben mir aber natürlich doch verborgen.

Author: Chet [ 16.09.2013 23:47 ]
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Hochzeitsnacht-Report (OT: Hochzeitsnacht-Report; Deutschland; 1972; Hubert Frank)

Die Hochzeitsfeier von Elfie (Christina von Blanc) und Heinz fällt buchstäblich ins Wasser. Die große festliche Zeremonie, inklusive Abendessen und anschließender Hochzeitsnacht, die eigentlich in einem Schloss stattfinden sollte, muss, weil eine Brücke, die dorthin führt, aufgrund von sintflutartigen Regenfällen nicht befahrbar ist, in einen kleinen Gasthof verlegt werden. Sehr zum Leidwesen der Braut, die sich Hochzeitstag und -nacht nicht so vorgestellt hat. Der Rest der Gesellschaft nimmts jedoch recht locker, und während zu vorgerückter Stunde das frisch verheiratete Paar schon in sein Zimmer verschwunden ist - wo sie erst einmal nur streiten! - kommt der sichtlich angeheiterten Runde die Idee, man könne sich doch, um sich die Zeit zu vertreiben, besondere Erlebnisse aus der eigenen Hochzeitsnacht erzählen...

...und so gibt es da z.B. die Geschichte von dem Pärchen, deren Hochzeitsnacht unfreiwillig per Lautsprecher auf den Marktplatz übertragen wird, wo schon ein Publikum kräftig Anteil nimmt. Eine andere hat einen Typen geheiratet, der den sexuellen Kick vor allem an öffentlichen Orten sucht und seine Frau überall dort mit hin schleift. Wieder eine andere stellt auf der Hochzeitsreise fest, dass ihr Mann wohl mehr am Chauffeur als an ihr interessiert ist. Und dann ist da noch eine, die nach den turbulenten Verwicklungen ihrer Hochzeitsnacht schließlich einen Pfarrer heiratet, während ihr ursprünglicher Mann nun der neue Priester ist.
Wieder ein überraschend guter Film von Hubert Frank! Oder vielleicht liegt es auch daran, dass vieles, was an deutschen Erotikkomödien Ende der 60er/Anfang der 70er entstanden ist, noch weniger banal und dümmlich war, als vieles, was danach folgte - wahrscheinlich, weil die Formel da noch nicht ganz so abgenutzt war. Von feinsinnig zu sprechen, wäre sicher übertrieben, aber gerade der Komödienanteil präsentiert sich schon recht gewitzt und erfrischend. Ehrlich gesagt empfand ich die Sexszenen zum Teil sogar als etwas zu ausgewalzt, weil der Film sie gar nicht unbedingt braucht - was vielleicht das größte Kompliment ist, das man einer Erotikkomödie machen kann. Auch was die rein visuelle Gestaltung angeht (Ausleuchtung, Kameraperspektiven, etc.) ist das in vielerlei Hinsicht dem spröden deutschen Mief ähnlicher filmischer Produkte überlegen. Die Rahmenhandlung mit dieser regnerischen Nacht gibt dem ganzen auch einen recht atmosphärischen Touch (passenderweise hat es, als ich den Film zu später Stunde gesehen habe, auch gerade in Strömen gegossen).

Also auf jeden Fall ein unterhaltsames, kurzweiliges Unterfangen, das sich angenehm von der Masse abhebt und immer wieder mit gelungenen ungewöhnlichen Einfällen punkten kann. Ich frage mich da manchmal, ob es heute noch vergleichbare Filme gibt, ob sowas heute überhaupt noch möglich bzw. von Interesse wäre, oder wie es aussehen würde.

Author: Chet [ 16.09.2013 23:49 ]
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Casanova & Co. (OT: Casanova & Co.; Deutschland/Frankreich/Italien/Österreich; 1976; Franz Antel)

Im Vendig des 18. Jahrhunderts trifft eine arabische Delegation ein, es geht um Erdöl-Geschäfte. Die Frau des Kalifen (Marisa Berenson) besteht jedoch darauf, dass der Vertrag erst zustande kommt, wenn sie mit Casanova (Tony Curtis) geschlafen hat. Dieser wurde eingekerkert, konnte jedoch fliehen, aber ein weiteres Problem ist, dass es um seine Manneskraft gar nicht mehr so gut bestellt ist, wie man ihm nachsagt. Trotzdem versucht man, ihn ausfindig zu machen, um die arabischen Geschäftspartner nicht zu enttäuschen. Für weitere Verwirrung sorgt jedoch ein kleiner Dieb namens Giacomino (wieder Tony Curtis), der Casanova zum Verwechseln ähnlich sieht...

Um es mal wieder zu sagen: ich liebe diese Filme, in denen die Ungehobeltheit des 70er-Jahre-Kinos auf vornehme historische Kulissen trifft. Diese zum Teil gewöhnungsbedürftige, aber oft auch sehr stimmungsvolle und interessante Kombination strahlt einen ganz besonderen Reiz aus, den man so in keiner anderen Epoche finden wird.
Franz Antel hat wieder ganz weit ausgeholt, einen schlichtweg unglaublichen Cast zusammengetrommelt und ein mit seinen knapp 100 Minuten fast schon episch wirkendes, grandios gescheitertes Werk auf die Leinwand gebracht. Die Betonung liegt dabei jedoch nicht nur auf "gescheitert", sondern auch auf "grandios"! Natürlich passt das alles hinten und vorne nicht. Über den Sinn der Handlung sollte man sich wirklich nicht zu sehr den Kopf zerbrechen. Die deutsche Synchro (oder war in dieser europäischen Koproduktion der deutsche Ton der O-Ton?) legt vor allem Tony Curtis reichlich von den üblichen Rainer-Brandt-typischen Sprüchen (oder ist es gar Rainer Brandt selbst?) in den Mund, und auch sonst ist allerlei haarsträubender, anachronistischer Unfug zu hören. Überhaupt ist das eigentlich nur eine Nummernrevue, die ihren unbedarften Humor fast ausschließlich aus den Verwechslungen zwischen dem echen und dem falschen Casanova zieht und dabei Tony Curtis durch allerdings wirklich ansehnliche Settings hetzt, begleitet von der eher unauffälligen aber teilweise doch sehr netten Musik von Riz Ortolani.
Man könnte sich nun fragen, was ein Schauspieler von diesem Format überhaupt in so einem Film zu suchen hat... - vielleicht lagen die großen Erfolge seiner Karriere nun doch schon etwas zurück, oder konnte er womöglich aufgrund der weiblichen Besetzungsliste nicht widerstehen? Diese kann sich nämlich mehr als sehen lassen und versammelt so viele Eurokult-Göttinnen, wie man sie nur selten in einem Film zusammen gesehen hat. Ehrlich gesagt, sind die Dialoge und all die unsinnigen inhaltlichen Eskapaden bald schon nur noch an mir vorbeigerauscht und ich bin immer weiter versunken zwischen diesen dem Auge angenehm schmeichelnden Kulissen und den zahlreichen Schönheiten, die meist in (und oft auch ohne) prächtigen Gewändern als Herzoginnen und Gräfinnen ins Bild geschwebt kommen. Ein solche Herzogin wird z.B. recht aufbrausend dargestellt von Marisa Mell, sie ist wohl sowas wie die feste Geliebte von Casanova und beäugt sein Treiben recht kritisch. Besonders beeindruckend sind auch die Auftritte der unglaublich scharfen Sylva Koscina und Britt Ekland. Oder auch Olivia Pascal als angehende Nonne auf lüsternen Abwegen. Ist das langsam überzeugend genug? Franz Antel gelingen in dieser Hinsicht, zwischen all dem Klamauk, auch einige überraschend freizügige erotisch-frivole Tableaus - wobei der Film denjenigen, der nur auf sowas aus ist, auch nicht mal annähernd zufriedenstellen wird.

Auf mich hat der Film trotz oder zum Teil auch wegen der zahlreichen Ungereimtheiten, die man ihm nicht absprechen kann, doch eine merkwürdige Faszination ausgeübt und ich habe mich bestens unterhalten! Vielleicht konnte ich ja doch jemanden überzeugen, der es mal auf einen Versuch ankommen lässt.

Author: Chet [ 19.09.2013 20:45 ]
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Rote Rosen für Angelika (OT: Rose rosse per Angelica; Italien/Frankreich/Spanien; 1968; Steno)

Frankreich 1789, kurz vor der Französischen Revolution: Ein junger Edelmann (Jacques Perrin), der hauptsächlich für seine Rosenzucht und schöne Frauen lebt, und deshalb auch der "Rosenkavalier" genannt wird, kommt durch einen befreundeten Arzt mit dem Schicksal eines verletzten Banditen, der mit seiner Bande gegen die Unterdrückung des einfachen Volkes kämpft, in Berührung. Die schöne, aus einfachen Verhältnissen stammende Angelique (Raffaella Carra) ist schließlich nicht ganz unschuldig daran, dass sich der junge Graf sogar auf die Seite der Armen schlägt. Allerdings inkognito, um seine gesellschaftliche Stellung zu wahren. Fortan wechselt er häufig die Seiten und gerät dabei in so manche brenzlige Situation...

Da der Regisseur hier Steno heißt, könnte man meinen, es erwartet einen humorvolle Kost. Von einer Komödie kann man jedoch nicht sprechen, auch wenn der Grundton hin und wieder aufgelockert wird. Die etwas undurchschaubare, dann aber doch nicht so komplexe Verwechslungsgeschichte wirkt ein wenig wie Mittel zum Zweck und erfüllt diesen aber ganz brauchbar. Was der Zweck ist, könnte man wohl fragen. Antworten ließe sich darauf wohl, dass diese Sorte von Film ihren Reiz hauptsächlich daraus zieht, dass sie einen in eine komplett andere, fern zurückliegende Welt und Zeit versetzt. Historisch-gesellschaftskritische Aspekte spielen dabei nämlich nur oberflächlich und am Rande eine Rolle. Das Hauptaugenmerk liegt stattdessen auf actionreichen Zusammentreffen, stilvollen Kulissen, verschmitzer Komik und natürlich Liebe. Klassisches Unterhaltungskino mit Abenteuer und Romantik und allem, was dazugehört, also. Was ansonsten sicher nicht sonderlich aufregend wäre, wird allerdings durch die wirklich gut gewählten Drehorte und Kulissen ordentlich aufgewertet. Prächtige weitläufige Felder- sowie Wald- und Wiesenlandschaften, Gärten, Schlösser, Ruinen - das sind die Schauplätze, in die all das eingebettet ist. Über die inhaltlichen Schwächen hinweg, bleiben somit vor allem leichte Berieselung und ein Augenschmaus. Man könnte solche Filme wohl auch als zu Unterhaltungszwecken romantisierte Geschichtsverarbeitungen ansehen und als solche funktioniert dieses Exemplar ziemlich gut.

Man kann sich bei solchen Filmen tatsächlich einbilden, die Welt war damals viel schöner, poetischer, sinnlicher... und was nicht noch alles. Was natürlich, auch wenn es in irgendeiner Hinsicht vielleicht auch mal zutreffen mag, wie gesagt, trotzdem ein sehr romantisch-verklärtes Bild bleibt. Aber ich glaube - und das ist mir seltsamerweise jetzt das erste Mal wirklich so deutlich geworden - genau das macht die Faszination solcher Kostüm-Filme aus. Und das ist ja auch völlig legitim, denn niemand hat behauptet, es würde sich um möglichst realitätsgetreue Historien-Dokumentationen handeln. Warum es gerade in den 50ern und 60ern nochmal eine so große Welle solcher Filme gab, die dann allerdings anschließend auch recht schnell wieder abebbte, wäre eigentlich auch mal eine interessante Frage.

Author: Chet [ 24.09.2013 21:58 ]
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Venus der Piraten (OT: La Venere dei pirati; Italien/Deutschland; 1960; Mario Costa)

Kapitän Mirko (Jose Jaspe) und seine Tochter Sandra (Gianna Maria Canale), die später zu Königin der Piraten aufsteigt, sind der tyrannischen Herrschaft des amtierenden Herzogs Zulian (Paul Muller) schon seit längerem ein Dorn im Auge. Zur gleichen Zeit erreicht ein junger Graf (Massimo Serato) das Herzogtum, da er die Tochter von Zulian, Isabella (Scilla Gabel), heiraten soll. Ohne es zu ahnen, gerät er in den erbitterten Kampf zwischen den beiden Parteien und muss sich nun für eine Seite entscheiden...

Die Story ist zugegebenermaßen zu Beginn etwas konfus, bevor sich dann herauskristallisiert, worauf es hinausläuft. Auch hatte ich an den Film gar keine besonderen Erwartungen, denn ich war mir gar nicht so sicher, ob ich überhaupt Lust auf einen Film habe, und da dachte ich mir, ich lege mal diesen unbeschwerlichen 70-Minüter, der einem nicht viel abverlangt, ein. Wie das manchmal in solchen Fällen ist, war ich jedoch ziemlich positiv überrascht!
Das DVD-Cover sagt, Schauplatz ist die: "Italienische Adria im 16. Jahrhundert". Na wie auch immer, auf jeden Fall gibt es da viele farbenfrohe Dekors, tolle Drehorte, eine brauchbare Geschichte und Unmengen an bekannt-markanten Gesichtern. Zwischen Piratenschiffen, der Festung des bösen Tyrannen und den umliegenden Gebieten kommt da einfach schon rein visuell ein schön lebendiges Flair zustande. Besonders Scilla Gabel macht in einigen prächtigen Kostümen eine tolle Figur (alleine dafür lohnen sich diese Filme!) und gibt zudem mit Paul Muller auf der Schurkenseite ein überzeugend diabolisches Gespann ab. Moira Orfei, und Gianna Maria Canale, im Wechsel zwischen tougher Piratenbraut und Love Interest, sind natürlich ebenfalls nicht zu verachten. Jose Jaspe weiß auch in einer großen Rolle zu gefallen. Später taucht noch der Italowestern-Glatzkopf Livio Lorenzen auf. Und so könnte man ewig weiter aufzählen: Franco Fantasia, Raf Baldassarre, usw. Sogar der Sidekick, der den von einem jungen Massimo Serato verkörperten Heiratsanwärter begleitet, nervt nicht, sondern lockert das Geschehen angenehm auf.

Insgesamt wirklich überraschend gute Abenteuerunterhaltung, die sich in allen Disziplinen ordentlich schlägt, kaum langweilt und zudem mit einem fulminanten Finale aufwartet.

Ich hab von Elfra Film die "Abenteuer Collection", dort ist der Film zusammen mit DER HENKER VON VENEDIG und IM ZEICHEN DER MUSKETIERE auf einer DVD enthalten! Einfach der helle Wahnsinn, diese abenteuerliche Collection! Lasst sie euch nicht entgehen!

Author: Chet [ 29.09.2013 01:18 ]
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Das Zeichen der Musketiere (OT: Il colpo segreto di d'Artagnan; Italien/Frankreich; 1962; Siro Marcellini)

Allerlei Intrigen rund um einen mächtigen Kardinal (Massimo Serato), den französischen König, schöne Frauen und Musketiere...

Tut mir Leid, dass ich keine vernünftige Handlungszusammenfassung schreiben kann, aber ich glaube, das ist in diesem Fall auch nicht wirklich nötig. Warum müssen solche im Grunde doch recht grob geschnitzten Filme nur manchmal mit derart überambitionierten Story-Lines überfrachtet werden. Massig Handlungsstränge und Charaktere, die alle miteinander verstrickt sind, werden einem da präsentiert... und dabei wollte man doch nur etwas vergnügliche Abenteuerunterhaltung genießen.
George Nader und Mario Petri verkörpern dabei diese Art von Heldentypus, der sogar noch in größter Gefahr ein Grinsen im Gesicht hat. Magali Noel und Alessandra Panaro sind die Frauen, denen sie schöne Augen machen. Für sie und für Frankreich und natürlich überhaupt für die gute Sache stürzen sie sich auch in den Kampf. Kulissen, Schauplätze und Kostüme (die Bereiche, in den diese Film meistens punkten können) sind gerade so noch auf ordentlichem Niveau.

Einigen wenigen ulkigen oder spannenden Sequenzen steht viel Mittelmaß gegenüber - mit Ach und Krach kein totaler Reinfall.

Das war nun also der zweite Film aus der atemberaubenden "Abenteuer Collection", mit der uns Elfra Film beglückt hat.

Author: Chet [ 02.10.2013 00:28 ]
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Messalina - Kaiserin und Hure (OT: Messalina! Messalina!; Italien; 1977; Bruno Corbucci)

Messalina (Anneka Di Lorenzo) treibt es hinter dem Rücken ihres Mannes Claudius (Vittorio Caprioli) mit sämtlichen Männern und Frauen, die ihr über den Weg laufen...

So kann man die Story kurz und knapp zusammenfassen. Garniert ist das mit total lahmen und unmotivierten Klamaukeinlagen, an denen praktisch nichts lustig ist. Oder vielleicht lag's auch an der fürchterlichen englischen Synchro, mit der ich den Film gesehen habe. Auch die einigermaßen illustre Besetzungsliste, die z.B. noch Tomas Milian, Lino Toffolo, Sal Borgese, Bombolo und Giancarlo Prete bereithält, welche alle kostümiert ins alte Rom (bestehend aus wiederverwendeten Sets von dem Caligula-Streifen von Tinto Brass) verfrachtet worden, kann da nicht mehr viel ausrichten. Wäre da nicht Anneka Di Lorenzo, die als schlampige Messalina alle Register zieht, sich auch für - für die Verhältnisse so einer Komödie - recht explizite Nackt- und Sexszenen nicht zu schade ist, und damit zumindest für gelungene Schauwerte sorgt, könnte man den Film wohl fast komplett vergessen. Fast, weil es gegen Ende auch noch eine ziemlich unfassbare große Splatter-Sequenz gibt, die ebenfalls Erwähnung finden muss. Vergleichbares habe ich bisher in Filmen dieser Art eigentlich noch nie gesehen - da gibt es reihenweise Köpfungen, durch die Luft fliegende Körperteile, riesige Blutfontänen! Abgeschwächt wird diese Sequenz lediglich dadurch, dass sie doch ganz klar comichaft überzeichnet daherkommt. Ach, und die recht nette, aber sich zu oft wiederholende Musik stammt von Guido und Maurizio De Angelis.

Teilweise mit Kuriositätenwert ausgestattet, und mit einer scharfen Anneka Di Lorenzo (die nicht in vielen anderen Filmen mitgespielt hat, und vermutlich in keinem anderen Film so im Mittelpunkt stand), ansonsten aber doch eher misslungen.

Author: Chet [ 02.10.2013 00:50 ]
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Der Geheimnisvolle Ritter (OT: Lo spadaccino misterioso; Italien; 1956; Sergio Grieco)

Der Herzog von Rocca Montana (Gerard Landry) will Verhandlungen mit den verfeindeten Spaniern aufnehmen, um so zu einem Bündnis zu gelangen. Fast alle Entscheidungsträger in seinem Umfeld sind mit dem Vorschlag einverstanden. Lediglich einer seiner Gefolgsleute, an dessen Tochter Laura (Fiorella Mari) der Herzog sehr interessiert ist, und der junge Graf Riccardo (Frank Latimore) sehen das Vorhaben kritisch. Daraufhin lässt der Herzog Lauras Vater umbringen, da er sich so erhofft besser Einfluss auf sie nehmen zu können, und weiterhin veranlasst er ein Attentat auf Riccardo. Wie er nicht weiß, scheitert dieses jedoch, und so taucht der Totgeglaubte in der Gegend fortan als "Schwarzer Capitano"(so auch der Alternativtitel) auf...

Da hat Sergio Grieco wirklich antständige Arbeit geleistet und einen flotten Abenteuerstreifen, wie er im Buche steht, abgeliefert. Wirklich deutlich zupackender, dynamischer und rundum gelungenger als vieles andere, was ich aus dem Bereich schon gesehen habe. Hier geht es gleich ohne Umschweife zur Sache und es werden nicht erst dutzende Intrigen aufgetürmt, bei denen man bald eh nicht mehr durchsieht. Da schleicht sich außerdem schnell ein angenehmes Flair ein, irgendwo zwischen rustikaler Low-Budget-Produktion und wiederum doch auffallend stimmigen Bildkompositionen. Man muss diesen Filmen sicher anlasten, dass sie oft nach Schema F gestrickt ware, zugleich muss man aber auch würdigen, dass sie hinsichtlich Kostümen und Settings meist sehr sorgfältig umgesetzt waren.
Gleich zu Beginn mal eine zünftige Fechterei im Wäldchen nebenan, garniert mit ulkig-spektakulären Stunt-Einlagen. Später dann das erste Zusammentreffen von Riccardo und der guten, aber ungerecht behandelten Laura - es ist Liebe auf den ersten Blick! Dann ein Duell zwischen der durchtriebenen Gattin des Herzogs und Laura, das für eine von beiden aufgespießt auf einer Reihe von Speeren endet (und sowas schon in den 50ern!). Schließlich stürmen Riccardo und seine Leute die Festung des Herzogs verkleidet als Mönche.
Es sind solche ungewöhnlichen Ideen, die dem zwischen großer Dramatik und unaufdringlich humorvoll gefärbten Ritterabenteuer schwankenden Film eine Eigenständigkeit verleihen, die man so eher selten findet. Die formale Gestaltung lässt den Film immer wie in sich abgeschlossen wirken - jede Landschaft, jedes Bild und auch jeder kleine Schlenker scheint zu passen. Außerdem bekommt man mit Frank Latimore als Held der Geschichte eine äußerst coole und markantere Erscheinung geboten, als die strahlenden und geschniegelten Edelmänner, die man sonst an dieser Stelle sieht. Selbst der sich, wie üblich, martialisch aufpeitschende Score aus Streichern und Bläsern wurde diesmal effektiver eingesetzt.

Jedenfalls wird mir nun langsam klar, dass man Monumentalfilm und die verschiedenen Spielarten des Abenteuer-Genres nicht alle in einen Topf werfen darf. Die meist im Italien des (wenn ich mich nicht irre) 15. oder 16. Jahrhundert angesiedelten Ritter-, Mantel-und-Degen oder auch Robin-Hood-Filme, die meist als Schauplatz Wälder, alte Burgen und Schlösser zu bieten haben, gefallen mir da deutlich besser als diese in kargen Wüstenlandschaften und Palästen spielenden Herkules- und Maciste-Filme. Würde ich jetzt zumindest mal so grob unterscheiden und einordnen.

Author: Chet [ 02.10.2013 01:57 ]
Post subject: Re: Chet's gesammelte Filmeindrücke - 60er, 70er, 80er und mehr

Tentazione - Die Geschichte der A. (OT: Tentazione; Italien; 1987; Sergio Bergonzelli)

Ann (Olinka Hardiman) hat gerade ihren Mann durch Suizid verloren. Die Gründe dafür bleiben im Dunkeln. Die Trauer ist jedoch schnell überwunden, denn sofort, oder auch schon länger, ist Dario (Antonio Marsina) zur Stelle. Dieser ist nicht nur ihr Liebhaber, sondern nun auch ihr Geschäftspartner bei dem hippen Mode-Unternehmen "Image". Ann vermutet allerdings, dass Dario sie mit einigen fragwürdigen Verträgen finanziell über den Tisch ziehen will. Auch sein großes Interesse an dem neuen Starlet Katrine (Trine Michelsen), die nebenbei noch in die Machenschaften eines schmierigen Pornofilmers verwickelt ist, ist ihr ein Dorn im Auge...

Was soll ich sagen, Sergio Bergonzelli entwickelt sich immer mehr zu einem meiner Lieblingsregisseure. Und wenn dieser Regisseur, der sich spätestens in den 70ern durch einige sehr spezielle Werke unsterblich gemacht hat, gegen Ende seiner Karriere noch dem Sexfilm-Genre der späten 80er einen Eintrag schenkt, dann muss man eigentlich auf alles gefasst sein.
Tatsächlich handelt es sich auch um eines der durchDACHTESTEN Exemplare dieser Stilrichtung, bei dem sich jemand wirklich GEDANKEN gemacht hat! Kennt ihr das, wenn in Filmen die Protagonisten per voice-over ihre Gedanken offenbaren? Genau dieser Effekt wird hier ohne Ende eingesetzt! Und wenn man noch bedenkt, dass die Dialoge (besonders die der deutschen Synchros) in diesen Filmen auch so schon meist sehr abenteuerlich daherkommen, dann ist das in diesem Fall wirklich eigentlich schon nach 30 Minuten der blanke Overkill.
Weiterhin kleistert ein unglaublich eingesofteter Jazz-Pop-Soundtrack ohne Gnade sämtliche Szenen zu, dass es eine wahre Freude ist. Vielen Dank, Herr Fabio Frizzi! Dadurch wird das ultra-schäbige Setting, das jedoch hip und stylisch wirken soll und aus dem - mal mehr, mal weniger gelungen - auch tatsächlich etwas Style extrahiert wird, natürlich ungemein aufgewertet. Es ist genau genommen auch wirklich ein hässlicher Film, allerdings hässlich auf eine so grelle und hemmungslose Weise, dass man seine Augen nicht davon abwenden kann. Generell trieft und glitscht alles, der Porno-Produzent ist die personifizierte Schmierigkeit. Gerade wenn man gedacht hat, es handelt sich doch eher um unbeschwerten Sleaze, werden einem dann auch noch zwei grimmige Vergewaltigungssequenzen serviert, von denen eine eine besonders fragwürdige Wirkung entfaltet, weil das Opfer kurz darauf wieder genauso quietschvergnügt ist, wie den ganzen Film zuvor. Aber das verdeutlicht vielleicht schon, wie sehr man hier ein ziemlich eigenartiges und gestörtes Paralleluniversum betritt. Phasenweise tritt der Film auch etwas auf der Stelle und es mangelt an Spannung, weil alles schon haarklein durch die verdammten Gedanken-voice-over erklärt wird, so als ob man den Zuschauer für total verblödet hält. Es gibt aber auch in regelmäßigen Abständen echte Highlights zu verzeichnen: der Ausflug zu den Grotten z.B. (inklusive, wie eigentlich immer, unglaublicher Dialoge), oder die Tochter des Porno-Moguls, die den ganzen Tag auf der Yacht liegt und dort Anrufe entgegennimmt und auch immer wieder voller Begeisterung bekundet, dass sie total auf Zeichentrickfilme steht. Ach man könnte noch soviel erwähnen. Das Finale ist auch ein ziemlicher Hammer.

Ich sag es ja: die wahnsinnige Welt des Sergio Bergonzelli. Mehr kann man dazu nicht sagen. Vielleicht ein Film, den man nur lieben oder hassen kann. Oder viel eher: ein Film, den man lieben und hassen muss.

Author: Chet [ 16.10.2013 13:08 ]
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Ziemlich beste Freunde (OT: Intouchables; Frankreich; 2011; Olivier Nakache/Eric Toledano)

Eine Inhaltsangabe spare ich mir hier mal. Wer von dem Film schon irgendwas gehört hat oder ihn auch gesehen hat, weiß eh, worum es geht.

Nun hab ich mir diesen Film, der ja wirklich unendlich gehypt und immer wieder positiv erwähnt wurde, auch mal angesehen. Skeptisch muss man da ja eigentlich eh schon sein. Und meine schlimmsten Befürchtungen haben sich eigentlich so ziemlich bewahrheitet. Ich war am Ende schon fast etwas wütend, zumindest aber regelrecht ratlos. Was bitte ist an dem Streifen so toll, so besonders? Der Verlauf der Geschichte wirkt furchtbar bemüht und gekünstelt. Sympathien für die Charaktere kamen somit auch kaum auf. Der Humor ist derb und plump. Wirklich gelacht habe ich, glaube ich, kein einziges Mal. Nichts hat mich wirklich berührt, alles hat mich beinah völlig kaltgelassen (und ich habe jetzt per se nicht unbedingt was gegen Filme, die auch mal ein bisschen auf die Tränendrüse drücken). Hier funktioniert es einfach nicht. Es mag sein, dass es sicher Filme gibt, die ich noch ärgerlicher fand, oder die noch langweiliger oder schwerer durchzustehen waren, aber diese Holzhammer-Einfühlsamkeit und erzwungene Herzlichkeit ist echt hart an der Grenze. Vielleicht ist der Stoff an sich auch gar nicht so schlecht, und nur der Regisseur hat's vermasselt? Gerade in den Szenen, die humorvoll und locker rüberkommen sollen, bekommt man jedenfalls das Gefühl, dass ihm da jegliche Feinfühligkeit abhanden kommt.

Weiterhin: Ich weiß nicht, wie weit ich mich da aus dem Fenster lehnen möchte oder wie sehr man dem Film einen Vorwurf machen kann... Aber ich hatte auch das Gefühl, dass hier teilweise wieder nur recht arge Schwarzweiß-Malerei (gewissermaßen im wahrsten Sinne des Wortes) betrieben wird und die üblichen Klischees bedient werden: Der schwarze Draufgänger als Pfleger, der sich natürlich gleich mal an die attraktive Sekretärin ranschmeißt, usw. Im Kontrast dazu, der wohlhabende Behinderte, der zurückgezogen auf seinem Anwesen lebt und sich dort in Gemälde, klassische Musik usw. vertieft. Was man sich auch fragen muss: der Film soll ja auf einer wahren Begebenheit beruhen und wird ja gerade deswegen immer besonders verteidigt (was natürlich Quatsch ist, denn warum soll man das filmische Produkut nicht trotzdem kritisieren dürfen?), andererseits hat man sich ja aber wohl doch Freiheiten erlaubt - warum z.B. ein Schwarzer in der Rolle des Pflegers (wenn das in dem realen Fall gar nicht so wahr)? Klar könnte jemand darauf jetzt antworten: "Hey, Hautfarbe spielt doch keine Rolle, warum reitest du darauf rum?" Und idealerweise würde ich auch sagen: ja, es sollte tatsächlich egal sein, ob da nun ein schwarzer Pfleger und ein weißer Patient sind, oder umgekehrt, oder beide weiß, oder beide schwarz, oder was auch immer. In einer idealen Welt sollte das keine Rolle spielen, oder höchstens eine sehr untergeordnete. Ich glaube aber, so weit ist die Welt leider schlichtweg (noch?) nicht. Alles andere zu behaupten halte ich leider für naiv. Oder will jemand wirklich sagen: "Hautfarbe spielt heutzutage keine Rolle mehr, Rassismus gibt es nicht mehr"?
Also muss man doch davon ausgehen, dass so eine Besetzung in einem Film eine bewusste Entscheidung ist und irgendwie auch ein besonderes Signal oder Zeichen sein soll. Nur finde ich, dass auch das, wenn man es mal als positive Intention auslegen will, aufgrund der klischeehaft-plumpen Zeichnung nicht sonderlich gelungen ist (was aber evtl. auch daran liegen kann, dass ich die Story generell als unsympathisch und dürftig ausgearbeitet empfand). Eins steht jedenfalls mal fest: Falls es tatsächlich Leute gibt, die erst so einen rührselig-berechnenden Film brauchen, um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass ein Schwarzer, der schwierigen Lebensumständen entstammt, sich auch liebevoll um einen anderen Menschen kümmern kann, dann wäre das eigentlich echt traurig und bedenklich.

Was dieses Zusammenprallen der Kulturen betrifft (der Patient mit seiner klassischen Musik, der Pfleger mit Earth, Wind & Fire und Kool and the Gang, usw.), hatte ich mir ja erhofft, dass wenigstens auf dieser Ebene noch etwas Potential da ist. Aber auch nix... Es gibt da ja sogar eine Szene, in der jeder dem anderen mal mit seiner Musik vertraut macht - auch das wieder total plump gelöst: der Schwarze versteht nicht viel von Streicherkonzerten von Vivaldi und Ähnlichem (und kann sich auch nur bedingt dafür begeistern) und macht in der Oper einen Aufstand; ähnlich sieht's aus als dem Weißen Earth, Wind & Fire und CO. vorgesetzt wird. Hätten die Macher etwas Grips und Kulturverständis, dann hätten sie gezeigt, dass diese beiden Welten gar nicht so weit auseinanderliegen: klassische Musik muss doch nicht zwangsläufig nur "langweilig und vornehm" sein; und Orchester und Streicher kamen bei Earth, Wind & Fire auch oft zum Einsatz. Alles gar nicht so getrennt und weit auseinander liegend, wie es oft dargestellt wird; aber solche Erkenntnisse sind wahrscheinlich zuviel verlangt (und das bei einem Film, der es doch offensichtlich so auf Toleranz und Überwindung von Gegensätzen abgesehen hat...). Ist vielleicht nur ein Detail, aber es gibt in dem Film einige solcher Details, bei denen einfach viel Potential verschenkt wurde und die Situationen sehr ungelenk gelöst wurden. Ansonsten ist so ein schmissiger 70s-Song im Vorspann natürlich nicht das Schlechteste, aber da frage ich mich auch, wieso bei solchen Gelegenheiten meistens nur die bekanntesten der bekanntesten Gassenhauer durchgenudelt werden. Warum nicht auf diese Weise den Leuten mal ein paar der unbekannteren Perlen unterjubelen (die mindestens genauso gut sind)?

Als Fazit bleibt also hauptsächlich Ratlosigkeit: Wie konnte der Film zu einem derartigen Publikumsliebling werden? Ich begreife es einfach nicht! Und ich will jetzt nicht zu überdramatisch klingen: aber irgendwie muss man sich da auch fragen, was dieser Erfolg über die heutige Gesellschaft aussagt?

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