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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 03.08.2013 11:42 
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Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein ... Und ich war auch nie der große Reviewschreiber, aber auch ich mache mir so meine Gedanken über die gesehenen Filme, und in meiner Umgebung gibt es aber auch gar keinen Menschen, mit dem ich mich da austauschen könnte. Deswegen freue ich mich über dieses Forum umso mehr, und deswegen gibt es jetzt die geistigen Ergüsse eines Schmutzigen Maulwurfs. Sollte jemand Gedanken zu den Gedanken haben, immer raus damit. Ich freue mich über Feedback!

Los geht's mit dem Juli 2013:

Only God Forgives
Only God forgives
Nicolas Winding Refn, 2012
Ryan Gosling, Kristin Scott Thomas, Vithaya Pansringarm
8/10 (unter Vorbehalt)


Ein Mann (Tom Burke) vergewaltigt und schlachtet eine 16-jährige. Ein Polizist (Vithaya Pansringarm) schlachtet daraufhin den Mann. Die Mutter des Mannes (Kristin Scott Thomas) will, dass der Bruder (Ryan Gosling) den Mann rächt und den Polizisten tötet, doch dieser mag die Spirale der Gewalt nicht weiterdrehen. Daraufhin versucht die Mutter den Polizisten töten zu lassen, was den wiederum auf die Spur des Bruders führt.
Tja, der ist noch reichlich frisch, und deswegen ist die Bewertung unter Vorbehalt. Unter dreimal anschauen wird der wahrscheinlich ein Rätsel bleiben. Aber er hat was, er hat was …


Der Gehetzte der Sierra Madre
La resa dei conti
Sergio Sollima, 1966
Lee van Cleef, Tomas Milian, Fernando Sancho, Nieves Navarro
8/10


Dem Mexikaner Cuchillo (Tomas Milian) wird dieErmordung eines kleinen Mädchens angehängt und der Kopfgeldjäger Corbett (Lee van Cleef) erhält den Auftrag Cuchillo zu jagen. Doch der weiß wer der wahre Mörder ist und macht auch sonst wenig Anstalten das abgekartete Spiel mitzuspielen. Immer wieder entkommt er Corbett, bis dieser Zweifel an der Schuld Cuchillos bekommt.
Ein großer Film mit noch größeren Schauspielern und gigantischer guter Musik. Warum nur 8? Schwer zu sagen, ich vermute mal Tagesform. Weil in der OFDB hatte ich ihm nach der ersten Sichtung 10 gegeben. So oder so, einer DER IW-Klassiker schlechthin. Ein Pflichtfilm für jeden Western-Afficionado.


Die Hölle von Algier
L'insoumis
Alain Cavalier, 1964
Alain Delon, Lea Massari, Georges Géret, Maurice Garrel
7/10


Alain Delon als fahnenflüchtiger Fremdenlegionär Thomas, der in der Zeit des Algerienkrieges einfach nur versucht nach Hause zu kommen. Um zu Geld zu kommen verdient er sich als Söldner und entführt eine Anwältin (Lea Massari). Doch stattdessen erschießt er seinen Partner und befreit die Anwältin. Daraufhin wird er nicht nur von der Polizei, sondern auch von seinem früheren Auftraggeber gejagt.
Der Titel ist halt vollkommen irreführend und weckt ganz andere Erwartungen, als man dann tatsächlich von diesem spannenden Drama bekommt. Gut die Hälfte des Filmes spielt in Frankreich und zeigt einen Mann der versucht am Leben zu bleiben und sich dabei nicht selbst zu verlieren. Manchmal etwas spröde, aber durchgehend spannend.


Alle Kätzchen naschen gern
Alle Kätzchen naschen gern
Josef Zachar, 1969
Sieghardt Rupp, Ernst Stankovski, Edvige Fenech, Ralf Wolter
7/10


In der napoleonischen Zeit erheben ein Baron (Ernst Stankovski) und ein Oberst (Sieghardt Rupp) Anspruch auf ein Schloss. Beide wohnen in dem Schloss, in dem genau durch die Hälfte ein roter Strich geht. Was beide verbindet ist die Jagd nach der Unschuld der beiden Töchter (Angelica Ott, Barbara Capell) der Wäscherin Fiquet (Ilse Peternell). Schwung kommt in die Sache, als die Verlobte (Edvige Fenech) des Oberst und gleichzeitig der gutaussehende Neffe (Ivan Nesbitt) des Barons auf dem Schloss eintreffen.
Deutsche Erotikkomödie mit einer toller Besetzung und Edvige Fenech. Ivan Nesbitt wird von Rainer Brandt gesprochen, was den Film gewaltig aufwertet und eine gute Lacher garaniert. Sicher nichts was in Erinnerung haften bleibt, aber allemal gute Unterhaltung. Allein schon wegen Edvige Fenech.


Die Waffe, die Stunde, das Motiv
L'arma, l'ora, il movente
Francesco Mazzei, 1972
Renzo Montagnani, Bedy Moratti, Eva Czemerys, Salvatore Puntillo
6/10


Ein Kommissar (Renzo Montagnani) versucht einen Mord an einem Priester aufzuklären und verliebt sich ziemlich heftig in eine der Verdächtigen (Bedy Moratti).
Aus der ersten Giallo-Box von Koch der 2. Film. Kein Highlight des Generes, aber solide Krimiunterhaltung. Leider etwas vorhersehbar, der Mörder ist schon recht früh erkennbar. Aber dank der Schauspieler trotzdem gut anzusehen.


Die Wand
Die Wand
Julian Roman Pölsler, 2012
Martina Gedeck, Karlheinz Hackl, Wolfgang M. Bauer, Ulrike Beimpold
9/10


Eine Frau alleine in einer Jagdhütte in den Bergen. Als sie in die Stadt gehen will stößt sie an eine unsichtbare Wand. Aus dieser Wand gibt es kein Entkommen, und sie muss sich innerhalb ihres Gefängnisses nun irgendwie einrichten.
Was für ein Film! Martina Gedeck spricht kein einziges Wort, aller Text wird aus dem Buch übernommen und nur im Off gesprochen. Ihre Entwicklung von der genervten Großstadtbewohnerin bis zur hartgesottenen Sennerin hat mich sehr tief berührt. Ein Film der auf jeden Fall noch lange nachgeht, sowohl durch die unglaubliche Leistung von Martina Gedeck und die starken Bilder, aber auch durch so manchen Gedanken der Autorin. Oder des Zuschauers.


Exiled
Fong juk
Johnnie To, 2006
Anthony Wong, Simon Yam, Nick Cheung, Francis Ng, Suet Lam, Josie Ho
8/10


Wo (Nick Cheung) kommt nach langen Jahren zurück in seine Heimatstadt, wo ihn seine Gang von früher erwartet (u.a. Lam Suet und Anthony Wong). Wobei 2 seiner alten Freunde ihn eigentlich erstmal umlegen wollen, es sich aber dann doch überlegen. Ein großer Coup soll helfen Wos Familie zu versorgen, dann wird er sich dem ihn jagenden Gangsterboss (Simon Yam) stellen.
Ein Western von Johnnie To! Deutliche Referenzen auf den Italo-Western machen aus diesem sowieso schon guten Gansterfilm eine ganz große Verbeugung vor Sergio Leone (und Sam Peckinpah). Was hier an visuellen Ideen und schauspielerischer Lust drinsteckt, davon würde ein Michael Bay 10 Filme drehen. Wer IWs mag sollte hier mal ein Auge riskieren.


Six Ways to Sunday
Six ways to Sunday
Adam Bernstein, 1997
Norman Reedus, Deborah Harry, Adrian Brody, Peter Appel
3/10


Der einzige amerikanische Film dieses Monats, und die einzige wirkliche Enttäuschung. Harry (Norman Reedus) tut alles für seine Mutter (Deborah Harry) und steht auch ziemlich unter ihrer Fuchtel. Macht aber nichts, weil er hat ja jetzt einen neuen Job: Als Knochenbrecher des örtlichen Paten. Sein Kollege Abie (Peter Appel) lernt ihn an und die beiden werden sowas wie Freunde, aber irgendwann lautet sein Auftrag Abie umzulegen.
Nun ja, Debbie Harry ist älter geworden, Norman Reedus hat einen tollen Oberkörper und Mafiakiller sind nicht die hellsten. Alles nichts Neues, und viel mehr gibt der Film auch nicht her. Doch, Harrys Freundin Iris, gespielt von Elina Löwensohn, hat mich zum googlen gebracht und mir auf die Art ein paar neue Filmtipps gegeben. Aber in diesem Film eine glatte Verschwendung. Und Adrian Brody war vor dem Pianisten noch dünner. Aber wer wollte das jemals wissen …


Messalina – Kaiserin und Hure
Messalina
Joe D’Amato, 1996
Kelly Trump, Backey Jakic, Olivia del Rio, Hakan Serbes
4/10


Claudius (Backey Jakic, der in der englischen Synchro permanent Cäsar genannt wird) ist scharf auf Messalina (Kelly Trump) und geht davon aus, dass die nach einer Nacht sein Eigentum ist. Sie wiederum sagt sich „Jetzt erst recht …“
Das Joe D’Amato-Teil mit Kelly Trump aus einer Zeit, in der Onkel Joe offensichtlich nicht mehr so richtig Lust hatte Filme zu drehen. Ich habe schon Pornos mit mehr Handlung gesehen … Nun ja, die Möpse von Kelly Trump sind nett, aber irgendwie war s das auch schon. Zumindest aus der Sicht 20 Jahre später sind auch die Fick-Szenen recht gleichförmig und uninspiriert abgedreht. Da freu ich mich lieber auf den neuen Film von Roberto Valtuena.
Und dass Kelly Trump ursprünglich aus Gelsenkirchen kam und später u.a. in Oskar Röhlers hervorragendem Agnes und seine Brüder mitgespielt hat, das wusste ich auch noch nicht …


Shalako (a.k.a. Man nennt mich Shalako)
Shalako
Edward Dmytryk, 1968
Sean Connery, Brigitte Bardot, Stephen Boyd, Peter van Eyck, Woody Strode
6/10


Eine Jagdgesellschaft (u.a. Peter van Eyck und Honor Blackman) ziehen durch ein Indianerreservat. Die Countess Irina (Brigitte Bardot) setzt sich ab und wird vom Trapper Shalako (Sean Connery) vor den Indianern gerettet. Shalako heftet sich nun die Aufgabe ans Revers die Jagdgesellschaft aus dem Reservat zu führen. Dumm nur, dass die bisherigen Führer sich als Verbrecher entpuppen und sich mit Waffen, Pferden und Wasser dünne machen.
Wir schreiben das Jahr 1968. Die ganze Welt ist im Fieber des Italo-Western. Die ganze Welt? Nein, ein kleines Dorf in Zelluloidhausen leistet erfolgreich Widerstand gegen die Besatzer und dreht Shalako, ein Monument wie aus dem Jahr 1948. Alleine der Soundtrack könnte aus der silbernen Hollywood-Ära kommen, und das Bilder der Indianer gleich hinterher. Was ja der großen Zeit des Regisseurs auch durchaus entspricht. Gut, die Weissen sind nicht mehr ganz so heldenhaft gezeichnet wie 20 Jahre früher, aber trotz einiger etwas geringfügig heftigerer Szenen ist und bleibt der Film der Schwanengesang eines alten amerikanischen Regisseurs, der nicht verstanden hat dass die Welt sich weitergedreht hat. Aber dank Connery, Bardot, van Eyck, Stephen Boyd als Anführer der Banditen und Woody Strode als Geronimo(!) immerhin anschauenswert.


Wie tötet man eine Dame?
Das Geheimnis der gelben Mönche
Manfred R. Köhler, 1966
Stewart Granger, Karin Dor, Klaus Kinski, Curd Jürgens, Rupert Davies, Adolfo Celi
7/10


Der Film beginnt damit, dass James Vine (Stewart Granger) in einem Flugzeug ganz unverhohlen mit Sandra Perkins (Karin Dor) flirtet, bis er merkt dass die Besatzung gerade komplett abgesprungen ist. Selbstverständlich kann er das Flugzeug problemlos landen. Dieser Anschlag galt Ms. Perkins, aber Vine, auch genannt Gentleman-Jim, in seiner Eigenschaft Spezialist bei Interpol, braucht einige Zeit um rauszubekommen, dass das keine Einbildung seiner Holden ist, sondern dass tatsächlich eine Gangstergruppe, geleitet vom bösen „Auge“ (Curd Jürgens), ihr nach dem Leben trachtet.
SO sieht gutes europäisches Trash-Kino aus: Gentleman-Jim landet mal eben ein Flugzeug, Curd Jürgens hat eigentlich gar keine Lust mehr Obergangster zu sein, Adolfo Celi hat Angst vor Ratten, Klaus Kinski soll Karin Dor ermorden, mag aber nicht so recht, weil er ja eigentlich ein netter Kerl ist, und mittendrin eine Gruppe gelber Gartenzwerge die in einem Kloster lebt. Also mit einem Wort: Verdammt gute Unterhaltung! Hier gibt es viel zu entdecken, z.B. einen Hypnotiseur, der eine verteufelte Ähnlichkeit hat mit einem ernst blickenden Loriot. Oder Scilla Gabel, der man gerne mehr Karriere (und weniger Kleidung) gewünscht hätte. Und natürlich die gelben Gartenzwerge …


Der Spion, der mich liebte
The spy who loved me
Lewis Gilbert, 1977
Roger Moore, Barbara Bach, Curd Jürgens, Richard Kiel
7/10


Ja, ich bin bekennender Bond-Fan, und habe mir letztes Jahr zu Weihnachten eine Bond-Box geschenkt, die ich nach und nach chronologisch abarbeite. Jetzt bin ich halt bei diesem Film gelandet, und er ist besser als ich ihn in Erinnerung hatte. Gut, Curd Jürgens ist alt und lustlos, und man denkt ständig an Gerd Fröbe, aber Moore und Barbara Bach verbreiten einiges an Frohsinn, Richard Kiel als Beisser noch viel mehr, und es ist einfach ein gute Laune Film. Nicht gar zu sehr überladen mit Gimmicks, es gibt reichlich gute Action und Caroline Munro im Bikini. Passt!


Mondo Cane
Mondo cane
Gualtiero Jacopetti, Paolo Cavara & Franco Prosperi, 1962
4/10


Der das Genre begründende Film, der dann auch gleich den Titel hergeben durfte, für die zukünftigen Mondo-Filme. Während die Nachfolger sich recht schnell an Grausamkeiten und Metzeleien zu überbieten versuchten, hat Mondo Cane noch eine andere Herangehensweise. Vor allem rund um die Themen Behandlung von Tieren und Lebensmitteln werden „zivilisatorische“ und „rückständige“ Lebensweisen nebeneinander gestellt. Dazu ein oft böser und zynischer Kommentar, und fertig ist ein sehr bitterer und entlarvender Blick auf unsere ach so zivilisierte westliche Welt. Dass die Begleitkommentare oft rassistisch sind ist ein Manko des Filmes, das aber unter dem Aspekt des Zeitgeistes gesehen werden muss. Und wir sind ja heute so viel aufgeschlossener gegenüber dem Fremden …
Kein Film der für einen vergnüglichen Abend sorgt, denn man aber trotzdem mal gesehen haben sollte. Und sei es nur um sein Weltbild ein wenig zu schärfen.


Die große Sause
La grande vadrouille
Gérard Oury, 1966
Louis de Funès, Bourvil, Terry-Thomas, Peter Cunningham, Marie Dubois
8/10


Das deutsch besetzte Paris im 2. Weltkrieg. Ein britischer Bomber wird abgeschossen, die Besatzung springt ab und kann sich retten. Der Kommandant (Terry-Thomas) wird vom Malermeister Augustin (Bourvil) gefunden, ein Besatzungsmitglied rettet sich in die Oper zu Maestro Stanislas LeFort (Louis de Funès), und auch der dritte Soldat wird bald gefunden. Von den Nazis gejagt versuchen nun alle in die freie Zone zu gelangen.
Klar ist der Film politisch nicht korrekt, verlangt aber auch keiner. Dafür kann man (trotz einiger weniger flacher Kalauer) mal wieder so richtig 2 Stunden durchlachen. Benno Sterzenbach und Sieghardt Rupp als Wehrmachtsoffiziere sorgen dafür, dass die Charakterzeichnung der Deutschen nicht allzu böse ausfällt, und der Rest ist einfach ein riesengroßer Spaß. Das Verhör Augustins und LeForts durch den Major Achbach im Originalton, quer durch die Sprachen, ist Slapstick pur. Großes Kino aus einer Zeit, in der politische Korrektheit noch kein Hemmschuh war.


Drive
Drive
Nicolas Winding Refn, 2011
Ryan Gosling, Carey Mulligan, Oscar Isaac, Albert Brooks
8/10


Der Driver (Ryan Gosling) ist der perfekte Fluchtwagenfahrer. Er mischt sich nicht in die Geschäfte seiner Kunden ein, und er gewinnt jedes Duell gegen die Cops. Nicht weil er das schnellere Auto fährt, sondern weil er seine Intelligenz einsetzt (und den Polizeifunk abhört). Seine Probleme beginnen, als er sich in die Nachbarin Irene (Carey Mulligan) verliebt. Als deren Mann Standard (Oscar Isaac) aus dem Knast kommt hat er noch nachträgliche Verpflichtungen an den örtlichen Mob, weswegen er wieder krumme Geschäfte machen muss. Aus Zuneigung zu Irene hilft der Driver Standard bei einem Überfall. Dieser Überfall endet mit einer Katastrophe, und der Driver wird gejagt.
Coolness. Pure Coolness. Vanishing Point fällt mir da ein von Richard Sarafian, Walter Hills Streets of Fire, und vielleicht auch ein bisschen Peter Yates’ Bullitt. Hat Refn damit einen neuen Kultfilm für alle Autofanatiker geschaffen? Ja, sicher, aber er hat gleichzeitig auch gezeigt, dass ein moderner Actionfilm nicht zwangsläufig mit anspruchsvollem Kino kollidiert. Dass ein maulfauler Held, starke Autos und Bilder die den Kopf noch Tage beschäftigen, dass diese Filmbestandteile keine Gegensätze sind. Dafür liebe ich Refn. Und dafür, dass er anschließend mit Only God Forgives eine Kehrtwende um 180° hingelegt hat, dafür liebe ich ihn noch viel mehr …


Survive Style
Survive style 5+
Gen Sekiguchi, 2004
Tadanobu Asano, Reika Hashimoto, Vinnie Jones, Jai West
7/10


  • Ein Familienvater wird hypnotisiert und glaubt er sei ein Vogel. Die Hypnose ist nicht mehr umkehrbar, weil der Hypnotiseur ermordet wird.
  • Ein Mann tötet seine Frau und verscharrt sie im Wald. Als er wieder nach Hause kommt steht da - seine Frau und versucht ihn umzubringen. Er tötet sie und verscharrt sie im Wald. Als er nach Hause kommt steht da – seine Frau und versucht ihn umzubringen …
  • Eine Werbespotregisseurin, der ständig neue lustige Werbespots einfallen, die allerdings nur bedingt komisch sind.
  • 3 kleinstkriminelle Freunde, die in fremde Wohnungen einbrechen, Spaß haben wollen, und versuchen über die Runden zu kommen. Allerdings ist einer der drei in seinen Kumpel verliebt.
  • Ein Hitman aus England (Vinnie Jones), der in Japan Geld verdienen möchte, und mit einem Übersetzer unterwegs ist.
Vinnie Jones ist (in fast allen Fällen) auch das Bindeglied zwischen diesen Geschichten, hier kreuzen sich die Stories irgendwann einmal. Und bis dahin kann man staunen, wie viel Skurrilität in einen Film passt. Die Dekors pendeln zwischen Traum und Alptraum und die kleinen Ideen am Rande sind einfach nur charmant (z.B. die Episode mit der Lehrerin die erklärt, dass der Junge seinen Vater wohl als Superman sieht, weil er diesen als fliegend als Vogel zeichnet. Sie weiß ja nicht, dass sein Vater tatsächlich ein Vogel IST). In dem Haus des Frauenmörders würde ich auch gerne leben, und mittendrin rennt Vinnie Jones rum und schnauzt alle Menschen an, was für eine Funktion sie im Leben haben. Skurill, liebevoll, charmant, … Aber trotzdem nur 7 von 10, weil irgendwie will es nicht so recht zünden. Der Grundtenor des Filmes ist leider recht melancholisch, vielleicht um den überbordenden Ideen etwas entgegen zu setzen. Aber dadurch wird die Bremse reingehauen, und der Film steht sich des Öfteren selber im Weg. Schade eigentlich, als abgefahrene Komödie hätte es sicher auch funktioniert.


Las Bandidas – Kann Rache schön sein!
Solo quiero caminar
Agustín Díaz Yanes, 2008
Diego Luna, Victoria Abril, Ariadna Gil, Pilar Lopéz de Ayala, Elena Anaya
7/10


4 Frauen begehen einen Überfall, der aber schief geht. Aurora (Ariadna Gil) geht dafür ins Gefängnis. Ana (Elena Anaya) lernt bei einem Blowjob den mexikanischen Gangster Félix (José Maria Yazpik) kennen, heiratet ihn und folgt ihm nach Mexiko. Ihre Mutter Gloria (Victoria Abril) versucht gemeinsam mit Paloma (Pilar López de Ayala) über die Runden zu kommen. Als Félix Ana aus dem fahrenden Auto ins Koma wirft und Aurora aus dem Gefängnis entlassen wird (dank der überzeugenden Fähigkeiten Palomas), versuchen sie noch einmal gemeinsam aus der Scheiße zu kommen und planen einen Überfall auf Félix’ Organisation.
Eine schmutzige und harte kleine Genreperle aus meinem persönlichen Lieblingsfilmland Spanien. Hier ist gar nichts einfach, und die Frauen haben wirklich zu kämpfen um überhaupt am Leben zu bleiben. Ein Platz an der Sonne ist da noch ganz weit entfernt. Kennzeichnend der Satz von Félix, dass das doch nur Frauen sind, die sowieso nichts wert sind. In der hispanischen Machogesellschaft ist dann einer wie die rechte Hand Félix’, sein Killer Gabriel (Diego Luna), eine sensible Ausnahme, aber gerade deswegen kann auch ein guter und erfolgreicher Killer unter die Räder kommen.
Leider scheint beim Dreh einiges etwas durcheinander geraten zu sein, nicht immer ist klar ersichtlich welche Szenen jetzt gerade in Spanien und welche in Mexiko spielen. Hinzu kommen einige hässliche kleine Fehler die den Genuss etwas schmälern. Warum zur Hölle weiß Gabriel IMMER wo die Frauen gerade sind und was sie machen? Eine Frau mit Abendkleid kriecht durch einen engen schmutzigen Gang, raubt einen Tresor aus, und hinterher soll das Kleid wirklich wieder sauber sein? Deswegen nur 7 von 10, aber wer es hart und schmutzig mag und was für starke Frauen übrig hat, der sollte ruhig ein Auge riskieren.


Cuadecuc, vampir
Cuadecuc, vampir
Pere Portabella, 1970
Christopher Lee, Fred Williams, Soledad Miranda, Herbert Lom
6/10


Das Making Of zu Jess Francos „Nachts, wenn Dracula erwacht“. In körnigem Schwarzweiß gedreht erwartet den Zuschauer kein modernes Maschinengewehrfeuer aus kurzen Szenen und Interviewschnipseln, sondern in erster Line lange und ruhige Szenen aus dem späteren Film, die mit Schnitten auf die Dreharbeiten aufgebrochen oder mit moderner (und äußert grooviger) Musik unterlegt werden: Christopher Lee geht einen Säulengang entlang, bleibt stehen, schaut, und der Zuschauer sieht, genauso wie Lee, den Kameramann. Fred Williams steigt bei der Flucht aus der Burg aus einem Fenster und klettert auf der anderen Seite in die Kulisse.
Durch diese Montagen zeigt Portabella zwar auch einen Teil der Dreharbeiten, gleichzeitig erhöht er den späteren Film aber auch auf eine Art Metaebene. Da sich Portabella strikt entlang der Chronologie von „Nachts …“ orientiert, erzählt er eigentlich 2 Geschichten gleichzeitig: Die Geschichte des Grafen Dracula sowie die darin eingebetteten Dreharbeiten. Dem Zuschauer bleibt es überlassen, sich in dem völlig dialoglosen Film selber zurechtzufinden und sich seine Gedanken über das Geschehen zu machen. Heutzutage ein selten gewordener Anspruch, der aber das Erlebnis Film (im wahrsten Sinne) sehr intensiv gestaltet.


In der Gewalt des Kindermörders
Fatevi vivi: La polizia non interverrà
Giovanni Fago, 1974
Henry Silva, Philippe Leroy, Gabriele Ferzetti, Rada Rassimov
6/10


Das Kind eines Grossindustriellen (Pino Ferrara) wird von dem skrupellosen „Professor“ (Philippe Leroy) entführt. Kommissar Caprile (Henry Silva) bekämpft seit Jahren den Mafia-Boss Frank Salvatore (Gabriele Ferzetti), geht aber davon aus dass dieser hiermit nichts zu tun hat. Trotzdem stiftet er in der Unterwelt Unruhe um Salvatore dazu zu bringen das Kind zu suchen, damit dieser seinen Geschäften wieder in Ruhe nachgehen kann.
Ich hatte eigentlich einen Mafia-Reißer nach herkömmlichem Muster erwartet, und konnte mit diesem sehr ruhigen Film zugegebenermaßen erstmal wenig anfangen. Der Commissario mischt die Unterwelt nicht auf als wäre er aus Eisen, sondern erhält sich an die Gesetze, macht Razzien ohne Ende (Dialog zwischen Silva und seinem Assi: „Komm, wir gehen Verbrecher fangen.“ „Wie, mitten in der Nacht?“), verhaftet Kleinkriminelle, und bringt Salvatore nach und nach dazu, den Professor selber zu jagen. Dieser wiederum ist kein psychopatischer Irrer im Stile von Klaus Kinski, sondern ruhig und eiskalt. Auch hier gilt also, dass ein z.B. Umberto Lenzi dem Film eine völlig andere Richtung gegeben hätte. Nichtsdestotrotz hätte ein klein wenig Action mehr vielleicht ganz gut getan. Es tröpfelt manchmal schon sehr. Vielleicht beim wiederholten Sehen …

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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PostPosted: 18.08.2013 15:04 
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Footsoldier – Hooligan, Gangster, Legende
Rise of the footsoldier
Großbritannien 2007
Regie: Julian Gibley
Ricci Harnett, Terry Stone, Craig Fairbrass, Billy Murray, Roland Manookian, Coralie Rose




Das wahre Leben des Carlton Leach, aufgeteilt in viele kleine Episoden. Er beginnt als Schläger in einer Hooligantruppe, nach einer schweren Verletzung wird er Türsteher. Er macht seine Sache gut und wird Chef einer Türsteherfirma. Nebenaufträge wie Überwachungen von Drogenjobs kommen dazu, und Dealer in Clubs lassen sich nun mal am Besten kontrollieren, wenn man selber der Dealer ist. Über seinen Fitnessclub kommt er billig an Anabolika und Steroide sowie seinen Freund Tony Tucker. Dieser wiederum führt ihn in die Gesellschaft der größeren Dealer in Essex ein, die ein Leben zwischen dem letzten Knastaufenthalt und dem nächsten Deal mit viel Gewaltausbrüchen leben. Irgendwann wird Carl müde …

Ein Film wie ein Schlag in den Magen. Oder, um im Jargon des Filmes zu bleiben, ein Knüppeln auf die Eier. Die Gewalt bricht sich roh und unverfälscht ihren Weg, und selbst wenn die Wackelkamera vor allem zu Beginn etwas nervt, die Gewalt als solche ist spürbar. Dafür muss man sie nicht sehen. In der weiteren Karriere Leachs wird die Kamera ruhiger, und die Gewaltdarstellung damit nur umso expliziter. Was zu Beginn nur ein sinnloser Rundumschlag in vorbeihuschende Schemen war, wird später ein gezieltes Schlagen in die Gesichter von Menschen. Die Ziele werden fassbarer, und die Gewalt (zumindest für Menschen wie mich) im Gegenzug immer unfassbarer. Wo die Gewalt eines Maurizio Merli noch Comiccharakter hat, erzeugt die Gewalt eines Carlton Leach nur noch Schmerz. Bis dahin ist der Film also roh, hart, fühlbar, und vor allem beschäftigt er in sehr hohem Maße. Die Bilder dieses ersten Teils sind schwer aus dem Kopf zu bekommen.

Aber spätestens nach der Episode mit der Türkenmafia stellt sich die Frage, was Leach in der Szene gehalten hat. Die Gewohnheit? Die Freundschaft zu Tony Tucker? An dieser Stelle vermisse ich vielleicht ein wenig eine Art Psychogramm, eine Handreiche als Zugang zur Hauptperson, die dem Zuschauer weitgehend verschlossen bleibt. Stattdessen schwenkt an dieser Stelle, etwa nach der Hälfte der Laufzeit, der Film um auf Leach’s neue Freunde Tony Tucker, Pat Tate und Craig Rolfe, die dann später als die Essex Boys auch in einem anderen Film beleuchtet wurden. Der Amoklauf dieser Drei um immer neue Deals zu machen, immer wieder zu Geld zu kommen, und immer wieder grundlos auszuticken und ihre Gewalt und damit auch ihre Macht auszuleben, dieser Amoklauf wird gründlich dargestellt. Leach selber ist hier nur noch eine Randfigur, diese Geschäfte gehen ihn immer weniger an. Es scheint, als ob er ein wenig die Lust verliert an diesem Tanz auf dem Vulkan. Aber wie gesagt, das Drehbuch interessiert sich an dieser Stelle einfach mehr für die lauten und damit auch interessanteren Essex Boys.

Somit hat der Film 2 Hälften: Eine brutale und intensive erste Hälfte, die sich auf Carlton Leach konzentriert, und eine (wenn man so will) Snatch-artige zweite Hälfte. Snatch ist sicher ein etwas überzogener Vergleich, aber im Vergleich zum ersten Teil scheint er gar nicht so weit hergeholt. Die Komik aus Snatch fehlt völlig, die schrägen Charaktere sind vorhanden, die überzeichnete(!) Gewalt ebenfalls. Pat Tate, gefühlte 10 Meter groß, und brutal bis zum Umfallen, kuscht vor 2 Geldeintreibern denen er Geld schuldet – eine merkwürdige Szene, die nicht zu dem Bild passt das sonst von diesem Mann gemacht wird, und die ich eher bei Guy Ritchie erwarten würde. Und die Gewalt wird hier deutlich überzeichnet, sie wirkt tatsächlich etwas comichafter. Wenn Jimmy Geeee zusammengeschlagen wird ist das im ersten Augenblick heftig, aber nach den wiederholten Knüppelschlägen auf die Beine kann Jimmy plötzlich wieder losrennen? Walisische Selbstheilungskräfte oder meine eigene Unkenntnis von nackter Angst?

Nach dem ersten Sehen vor einigen Jahren hatte ich dem Film 8/10 gegeben, diesmal waren es 9/10 Punkte. Die Bilder der ersten Hälfte bleiben definitiv im Gedächtnis haften, was auch daran liegen mag, dass Julian Gibley die jeweils zeitgenössische Musik im Hintergrund einsetzt. Und Punk bleibt als Soundtrack zu Gewalt einfach besser haften als Techno. In der zweiten Hälfte sind es die großartigen Darsteller die hängen bleiben. Überhaupt hatte ich knappe 120 Minuten lang nicht einmal das Gefühl einen Film mit Schauspielern zu sehen, sondern ich hatte immer den Eindruck echten Gangstern zuzuschauen. Ob nun die Steigerung der Punktzahl den mageren Filmen der letzten Wochen anzurechnen ist oder ich einfach lange keinen englischen Gangsterfilm mehr hatte kann ich nicht sagen. Ich habe viele britische Gangsterfilme gesehen, schwache, gute und sehr starke. Dieser hier ist einer der stärksten, weil er authentisch und überzeugend ist. Und wehtut. Wie ein Knüppeln auf die Eier …

9/10

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Light Sleeper
Light sleeper
USA 1992
Regie: Paul Schrader
William Defoe, Susan Sarandon, Dana Delany, David Clennon, Mary Beth Hurt




John LeTour (William Defoe) ist Kokskurier. Die kleine und familiäre Firma für die er arbeitet, beliefert ausschließlich die Upper Class New Yorks, und auf Anruf zockelt er los und liefert Drogen. Als seine Chefin Ann (Susan Sarandon) umsatteln will auf Kosmetik fängt er an den Halt zu verlieren. Eine kurze und heftige Affäre mit seiner Ex-Frau (Dana Delany) kann sein Leben zwar kurz konsolidieren, dann aber stirbt seine Ex-Frau bei einem Nicht-ganz-Unfall, und auch sein Leben ist in Gefahr.

Das Portrait eines schwachen Mannes. John hat keinen eigenen Antrieb, und verbringt sein Leben damit Drogen zu nehmen oder Befehle anderer Leute auszuführen. Er geht sogar zu einer Seelenleserin (einem Psychic Seer, wie immer man das auch übersetzen mag) die ihm sagen soll was er tun soll. Er führt ein Tagebuch, aber nur, weil ihm jemand davon erzählt hat. Ein Polizist bezeichnet ihn als Laufbursche, und das trifft die Sache ziemlich genau. Es macht auch nicht den Eindruck als ob ihn die Bezeichnung wirklich treffen würde. Aber als seine Chefin, die letzten Endes seinen Tagesablauf durchführt, den Ausstieg aus dem Drogengeschäft plant, sieht er vor sich das große schwarze Loch der Untätigkeit. Und somit ist der Film in der Konsequenz das Portrait eines Drogenbenutzers, eines Menschen der für fast jede Handlung äußere Unterstützung benötigt. Und der vor sich ein Leben sieht in dem er aktiv handeln muss ...

John fährt vorwiegend in der Nacht durch New York. Er sieht den Schmutz, die sich häufenden Müllberge (während des Spielzeit des Films streikt die Müllabfuhr), und er ist wie Iggy Pop’s Passenger, der die glitzernden Städte von hinten sieht. Und er ist auch wie Travis Bickle, der ebenfalls als Passagier durch die Stadt fährt, bis er den Schmutz und die Gewalt nicht mehr erträgt. Die immer höheren Müllberge sind auch eine Allegorie auf die Müllberge in der Seele Johns. Und wenn am Ende die Müllabfuhr wieder arbeitet, ist auch für John Zeit aufzuräumen. Und damit sich der Film ein wenig von einem düsterem Drama abhebt (das er nämlich tatsächlich ist) packt Paul Schrader dies in eine rudimentäre Krimihandlung, die in einem ähnlich eruptivem Gewaltausbruch mündet wie in Taxi Driver.
Beide Filme zeigen einsame Menschen, die nicht wirklich fähig sind in der Gesellschaft anderer Menschen zu leben, und die wie Wanderer durch die moderne Zeit gleiten. Der Polizist meint zu John er sein nicht unsichtbar. Aber er ist es fast. Es ist sein Job unsichtbar zu sein, und das macht er auch gut, aber nur solange, bis er vor dem Problem steht sichtbar werden zu müssen, sein Leben selber organisieren zu müssen. Plötzlich wird er von fremden Menschen angerempelt, plötzlich kommt er in das Visier der Polizei. Er ist sichtbar geworden, und es ist schwer zu sagen ob er damit klar kommt. Aber wenn er am Schluss des Filmes meint dass es im Gefängnis nicht so schlimm sei, dann wissen wir dass er dort ein fremdbestimmtes Leben führt. Und damit erheblich besser zurecht kommt.

Kein Krimi, auf gar keinen Fall, sondern ein Drama über einen schwachen und einsamen Menschen. Wenn man das weiß und beherzigt, dann ist der Film gut. Und wem Taxi Driver gefallen hat, der kann auch hier ein Auge riskieren.

7/10

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Shadowless Sword
Muyeong geom
Südkorea 2005
Regie: Kim Yeong-joon
Lee Seo-jin, Yoon Soy, Lee Gi-yong, Shin Hyeon-joon, Jo Won-hee, Park Seong-woong




Korea im Jahr 927: Das Königreich Balhae wird vom Reich Goran angegriffen, und vor allem die Armee der Todesklingen sorgt für das erfolgreiche Aussterben der königlichen Familie. Nur in einer fernen Stadt lebt noch der ausgestoßene Prinz Dae Jeong-hyeon (Lee Seo-jin). Die Kriegerin So-ha (Yoon Soy) bekommt den Auftrag ihn zurück nach Balhae zu eskortieren, wobei sie ihn nebenbei auch noch darauf vorbereitet König zu werden.

Ich weiß, dass dieses Swordsman-Genre sehr beliebt ist, und ich gebe ja auch zu dass diese Art Film seine Reize hat, aber es ist einfach nicht mein Genre. Gleich ob Peter Chans The Warlords oder Akihiko Shiotas Dororo oder eben Shadowless Sword, jedes Mal frage ich mich was das soll. Ja, die Kämpfe sind toll choreografiert, und die Bilder und Landschaftsaufnahmen sind oftmals gigantisch. Aber dazwischen, zwischen den toll choreografierten Kämpfen und den gigantischen Landschaftsaufnahmen, da ist NICHTS. Die Figuren laufen durch die Gegend, reden belangloses Zeug, benehmen sich wie aus einem Lehrbuch für Hollywood-Drehbuchschreiber im 1. Lehrjahr, und vermitteln einfach nicht warum man sich mit ihnen identifizieren können sollte. Dann schaue ich mir lieber mal wieder Kurosawas Ran an (tolle Bilder, große Geschichte) oder Crouching Tiger, Hidden Dragon (den ich sowieso sehr liebe), da hab ich dann eine gute Story, überzeugende Charaktere, UND tolle choreografierte usw.

Aber ein paar Versuche gebe ich mir noch. Ich bin tapfer. Obwohl mir im vorliegenden Fall die bösen einfach zu stereotyp böse waren (und das durch böses Starren auch sehr ausgiebig ausgedrückt haben), und die Guten einfach zu gut und zu heldenhaft. Hinzu kommt, dass das Ende des Films nach geschätzten 10 Minuten Laufzeit zu erraten ist, was die Spannungskurve nicht wirklich erhöht. Was ein Film dieses Genres mit überzeugenden Charakteren (und den entsprechenden Darstellern) tatsächlich leisten kann sehe ich bei dem erwähnten Crouching Tiger, Hidden Dragon. Hier stimmt die Mixtur, und zwischen den Kämpfen und den Landschaftsaufnahmen findet eine Geschichte statt, die sicher nicht neu ist (wer verlangt das auch?), aber der man gerne folgt. Bei Shadowless Sword hingegen verliert selbst der nette Ansatz jeden Reiz in genau dem Augenblick, in dem sich der Prinz als Super-Mega-Wahnsinns-Schwertmeister entpuppt anstatt als die hohle Nuss die er zu sein vorgibt. Und dann ist natürlich auch klar dass sich So-ha schnurstracks in ihn verknallt usw. usf.

Nein, das ist einfach nicht mein Genre. Aber wenn man es nicht ausprobiert kann man es nicht wissen, oder?

4/10

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 24.08.2013 20:14 
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The 24th Day
The 24th day
USA 2004
Regie: Tony Piccirillo
James Marsden, Scott Speedman




Dan (James Marsden) geht mit Tom (Scott Speedman) nach einem Kneipenabend in dessen Wohnung in der Hoffnung auf einen One-Night-Stand. Zwar irritieren ihn die Fragen nach Sicherheit oder nach der Anzahl der gevögelten Männer, aber erst als Tom ihn überwältigt und an einen Stuhl fesselt merkt er, dass diese Fragen einen Sinn hatten. Tom macht Dan für den Tod seiner Frau verantwortlich. Er nimmt ihm Blut ab um einen HIV-Test durchführen zu lassen. Ist dieser positiv, so wird Dan sterben.

2 Männer und einen Stuhl (bzw. ein Sofa), mehr braucht es nicht für ein ziemlich spannendes und dramatisches Kammerstück. Durch den dramaturgischen Kniff von kurzen Rückblenden werden die ersten zwei Drittel des Filmes immer wieder spannend gehalten, während das letzte Drittel, bei dem die Hintergrundgeschichte dann mittlerweile geklärt ist, durch seine eigene Dynamik lebt.
Entscheidend ist hier auch nicht das gelegentliche Aufflackern von Gewalt oder die Entführung an sich, entscheidend ist hier das Aufblättern der Psychen der beiden Protagonisten. Beide leben ihre Lebenslügen, beide haben sich in ihrer Existenz eingerichtet, und durch das Duell werden beide gezwungen sich mit ihren jeweiligen Illusionen auseinanderzusetzen.

Tom wäre gerne Archäologe geworden, hat es aber nur bis zum Koch geschafft. Warum wird nicht wirklich klar, aber es fehlte wohl der Mut einen anderen Weg als die Masse zu gehen. Als Dan ihm erklärt, dass nicht unbedingt er seine Frau mit dem HIV-Virus angesteckt haben muss, sondern die Ansteckung auch andersherum gelaufen sein kann, bricht eine Welt ihn im zusammen. Dans Leben hingegen ist eine einzige Lüge. Er lügt so permanent, dass er seine Scheinwelt für bare Münze hält und auch wirklich sicher ist erst mit 6 bzw. 7 Männern geschlafen zu haben. Tom bricht dieses Lügengebäude Stück für Stück auf, kann Dan damit aber nur leicht verunsichern. Zu stark ist das Fundament der Einbildung. Dan LEBT seine Lügen.

Klar ist, dass es hier ohne gute Schauspieler nur Langeweile geben kann. Und überraschenderweise sind beide Jungstars wirklich hervorragend. Scott Speedman gibt absolut überzeugend den zerbrochenen Ehemann, der sich die Schuld am Tod seiner Frau gibt und eigentlich nur noch vor sich hinlebt, und James Marsden ist der perfekte Bobby Brown – jung, gutaussehend, Filmproduzent, schwul, und verantwortungslos. Man hätte sich einen Roman Polanski als Regisseur gewünscht, der das Psychoduell noch besser hätte ausreizen können, die Spitzen noch besser hätte herausarbeiten können. Aber auch so ist The 24th Day definitiv kein Wohlfühlfilm, ich hatte dauernd das Gefühl das etwas an mir kratzt und schabt, und nach dem Film blieb entsprechend ein ziemliches Unwohlsein übrig. Wer Filme wie Death and the Maiden oder Carnage mag darf auch hier unbesorgt frösteln.

7/10

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 25.08.2013 18:57 
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Headhunters
Hodejegerne
Deutschland/Dänemark/Norwegen/Schweden 2011
Regie: Morten Tyldum
Aksel Hennie, Nikolaj Coster-Waldau, Synnøve Macody Lund, Eivind Sander, Julie R. Ølgaard, Kyrre Haugen Sydness


Roger Brown (Aksel Hennie) ist ein erfolgreicher Headhunter in Oslo, der Leute für das Top-Management sucht. Sein Lebensstil und seine Frau Diana (Synnøve Macody Lund) allerdings verschlingen mehr Geld als er verdient, weswegen er nebenbei auch noch Gemälde raubt. Durch seinen neuesten Kunden, Clas Greve (Nikolaj Coster-Waldau), hat er die Möglichkeit an einen echten Rubens zu kommen. Und als er merkt, dass das Bild nur ein Köder für ihn war, ist es zu spät, und ihm, dem Headhunter, hockt ein echter Headhunter im Genick.

Beginnen tut der Film wie eine dieser leicht skurrilen Komödien der Coen-Brüder, oder vielleicht auch ein wenig wie ein früher Tarantino. Immer mit etwas Witz, mit (Eigen-) Ironie, und der Held ist natürlich ein Überflieger der alles kann, der alles hat, und man ahnt dass da noch ziemlich große Probleme kommen werden. Auf dieser Basis funktioniert der Film in den ersten 30 Minuten auch recht gut, dann schleichen sich ein paar etwas ernstere Untertöne ein, und plötzlich gibt es den ersten Toten. Kennt man, ist nichts Ungewöhnliches, und ist gut inszeniert.

Was dann aber folgt ist dermaßen schnell, brutal und dynamisch erzählt, dass man wirklich Mühe hat Schritt zu halten (im positiven Sinne). Roger Brown findet sich im Zentrum einer Hetzjagd, die nur ein einziges Ziel hat: Ihn tot zu sehen. Und der Jäger geht dabei vollkommen skrupellos vor, was den Yuppie und quasi Gentleman-Gauner erstmal überfordert. Bis dahin ist Hennies Figur, trotz aller anfänglichen Vorbehalte, aber bereits soweit sympathisch geworden, dass die Spannungskurve noch mal zusätzlich angedreht wird, der geneigte Zuschauer ist auch ohne Wackelkamera voll dabei und fiebert mit. Erinnerungen an Hitchcock’s Frenzy oder Blood Simple der Coen-Brüder werden wach, wobei beide Filme nicht so action-orientiert vorgehen wie Headhunters. Die Jagd auf Brown ist eine Tour de Force wie aus dem US-amerikanischen Action-Kino, aber leider leider auch mit den entsprechenden Logiklöchern behaftet.
Dass Brown sich als zähes Kerlchen entpuppt ist einzusehen, aber dass er
als einziger den Sturz im Polizeiauto überlebt
ist nur und einzig der Geschichte geschuldet. Sei’s drum, sonst wäre der Film ja auch nach 60 Minuten aus gewesen. Wäre das so schlimm gewesen? Nein, weil nach diesem Logikproblem kommt noch ein Twist – und das war’s … Die letzten 20 Minuten können der Geschichte nichts Neues mehr entlocken, kein Twist, ein unaufregendes Showdown, dafür aber, im schlimmsten US-amerikanischen Sinne, ein wortreiches(!) Erklären der letzten 10 Minuten.

Und wenn man dann in den Extras hört, dass ein Film geschaffen werden sollte auf internationalem Niveau, dann möchte man den Geist von Osama bin Laden beschwören doch endlich Hollywood zu zerstören. Das norwegische Kino bietet einige Perlen (z.B. den genialen Psycho-Thriller The Crossing, den starken Gangsterfilm Izzat, oder den sehr spannenden Cop-Film Uro), und auch Headhunters bietet unendlich Möglichkeiten mit einer spannenden, rasanten, aberwitzigen und vor allem realistischen Story, und zum großen Teil wird dies auch genutzt. Die Schauspieler sind, wie ich bislang immer in norwegischen Filmen gesehen habe, allererste Sahne, und die technische Umsetzung ist erstklassig. Warum bitte sehr dieser Kotau vor Hollywood? Als deutsch/dänisch/norwegisch/schwedische Koproduktion will das international doch (leider) eh keiner sehen, erst das Hollywood-Remake macht dann Kasse. Durch diesen Wunsch nach internationalem Erfolg verbiegt man sich die eigene Story (falsch: Den eigenen Film, weil die Story, so wie sie ist, funktioniert und einfach geschickter hätte erzählt werden müssen) und liefert runde 70 richtige starke Minuten ab und 20 eher nicht so tolle. Aber ausgerechnet die bleiben hängen, weil sie zum Schluss kommen. Und dass die Vorlage des norwegischen Bestseller-Autors Jo Nesbø so schwach endet, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Trotzdem ein starker Film, der eben von seinen guten Schauspielern lebt, und den Wechsel von der angedeuteten Komödie zum Actionfilm völlig problemlos hinbekommt. Nur zurück zum leichten Film, das ist unnötig und das schafft er nicht mehr. Mein Tipp: Unbedingt nach dem Tod des Bösewichts ausschalten! Die letzten Bilder sind so dermaßen unerträglich seicht, das kann einem den ganzen Film versauen. Und das hat er definitiv nicht verdient.

8/10

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 01.09.2013 15:05 
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Der August brachte einige Enttäuschungen auf die Mattscheibe, aber auch ein paar echte Highlights. Was ich in den letzten Wochen noch nicht eingestellt hatte (und somit vom Monat übrigbleibt ... muhaha) ...

From Paris with Love
From Paris with love
Pierre Morel, 2010
John Travolta, Jonathan Rhys Meyers, Kasia Smutniak, Amber Rose Revah, Melissa Mars
5/10


Der Assistant des britischen Botschafters in Paris, James Reece (Jonathan Rhys Meyers) erledigt neben seinem Job noch leichte Tätigkeiten für einen Geheimdienst. Als dort ein Mann ausfällt, muss er einspringen und dem Agenten Wax (John Travolta) bei einer Mission assistieren. Und plötzlich besteht seine Arbeit nicht mehr darin Wanzen anzubringen oder Nummernschilder auszutauschen, sondern andere Menschen zu töten. Und nach Möglichkeit am Leben zu bleiben …

Inhaltsablauf: Klischee, Klischee, Klischee, Klischee, Klischee, Klischee, Auftritt John Travolta, einige coole Sprüche, Ballerei, Schlägerei, Ballerei, Klischee, Schießerei, Klischee, Schießerei, Klischee, nach 54 Minuten das erste explodierende Auto, noch mehr coole Sprüche (zugegebenermaßen einige gute dabei), noch ein explodierendes Auto, noch mehr Schießereien, eine Verfolgungsjagd, eine Explosion, und am Ende sind die amerikanischen Wirtschaftsinteressen vor den bösen Terroristen beschützt worden. Sind wir aber froh …


Pusher
Pusher
Nicolas Winding Refn, 1996
Kim Bodnia, Mads Mikkelsen, Zlatko Buric, Laura Drasbæk, Slavko Labovic, Thomas Bom
9/10


Der Dealer Frank (Kim Bodnia) ist eine mittlere Grösse im Drogengeschäft Kopenhagens und lebt eigentlich ein geruhsames Leben: Ab und zu ein Deal, gelegentlich einen Blowjob von seiner Bekannten Vic (Laura Drasbæk) und dazwischen Spaß mit seinem Freund Tonny (Mads Mikkelsen). Doch an diesem Dienstag überhebt er sich bei einem Deal: Er leiht sich das Geld für 200 Gramm Heroin beim Serben Milo (Zlatko Buric), der Deal geht schief, und als er 24 Stunden später von der Polizei freigelassen wird, hat er kein Geld, keine Drogen, aber 230.000 Kronen Schulden, zahlbar innerhalb 2 Tage …

Ein Dogma-Film? Ein Drogenkrimi? Ein Drama über einen Underdog? Fakt ist, dass mir bald eine Woche nach dem Film immer noch nichts dazu eingefallen ist, so sehr hat er mich erschlagen. Im positiven Sinne, wohlgemerkt! Auch auf andere Filme hatte ich einige Tage keine Lust mehr, der Pusher saß mir doch noch sehr im Kopf und machte jegliche Ansätze auf Filmschauen zunichte. Somit kann das Urteil nur „Genial“ lauten, ohne dass ich wirklich sagen könnte warum. Es hat halt einfach alles gepasst …


The frightened Woman
Femina ridens
Piero Schivazappa, 1969
Philippe Leroy, Dagmar Lassander, Lorenza Guerrieri, Maria Cumani Quasimodo
8/10


Eigentlich möchte sich Maria Ekberg (Dagmar Lassander) bei ihrem Chef Mr. Sayer (Philippe Leory) nur ein paar Unterlagen ausleihen, damit sie am Wochenende arbeiten kann. Zu ihrem Entsetzen stellt sie fest, dass Mr. Sayer Vergnügen daran hat Frauen einzusperren, sie physisch und psychisch zu foltern und zu ermorden.

Ein starker Mann, der Angst davor hat dass die Frauen alle Männer ausrotten wollen, und eine schwache Frau. Klingt soweit erstmal einfach, aber dann wäre der Film entweder nach 10 Minuten zu Ende, oder er würde sich in der Aufzählung verschiedener Foltermethoden erschöpfen (dann wäre er wohl aus diesem Jahrtausend). Weil er aber von 1969 ist, gibt es ein paar Wendungen. Die Frau erkennt dass der Mann krank ist und möchte ihm helfen gesund zu werden. Er ist nicht unattraktiv und ziemlich reich, also geht der geneigte Zuschauer davon aus dass die Frau sich in ihn verliebt hat. Klar doch, nimm eine Frau mit Gewalt und sie wird Dir bereitwillig zu Füssen liegen. Nix da, der Mann hat auch weiterhin die Hosen an, woraufhin ein Psychoduell zwischen den beiden entsteht, dass ein Polanski nicht besser hätte darstellen können. Und immer wenn der Zuschauer denkt er weiß Bescheid, zieht Schivazappa ihm den Boden unter den Füssen weg.
Dazu kommen die Dekors, die äußerst beeindruckenden Schauspieler, die wirklich alles geben und eine fantastische Filmmusik. Dagmar Lassander zieht mit ihrer etwas speziellen Art der Erotik alle Register und bleibt nachdrücklich im Kopf des Zuschauers hängen, und Philippe Leroy (der mich hier öfters an den jungen James Caan erinnert) steht dem in nichts nach. Man nimmt ihm den Fiesling, den Frauenschänder, den verletzten und geknechteten Mann sofort ab. Klar ist der Film ein Kind seiner Zeit und wirkt dadurch manchmal etwas skurril oder gewollt arty, aber für Liebhaber der älteren Filmkunst auf jeden Fall ein echtes Juwel. Gucken machen!!


Shadowless Sword
Muyeong geom
Kim Yeong-joon, 2005
Lee Seo-jin, Yoon Soy, Lee Gi-yong, Shin Hyeon-joon, Jo Won-hee, Park Seong-woong
4/10


Korea im Jahr 927: Das Königreich Balhae wird vom Reich Goran angegriffen, und vor allem die Armee der Todesklingen sorgt für das erfolgreiche Aussterben der königlichen Familie. Nur in einer fernen Stadt lebt noch der ausgestoßene Prinz Dae Jeong-hyeon (Lee Seo-jin). Die Kriegerin So-ha (Yoon Soy) bekommt den Auftrag ihn zurück nach Balhae zu eskortieren, wobei sie ihn nebenbei auch noch darauf vorbereitet König zu werden.

Ich weiß, dass dieses Swordsman-Genre sehr beliebt ist, und ich gebe ja auch zu dass diese Art Film seine Reize hat, aber es ist einfach nicht mein Genre. Gleich ob Peter Chans The Warlords oder Akihiko Shiotas Dororo oder jetzt eben Shadowless Sword, jedes Mal frage ich mich was das soll. Ja, die Kämpfe sind toll choreografiert, und die Bilder und Landschaftsaufnahmen sind oftmals gigantisch. Aber dazwischen, zwischen den toll choreografierten Kämpfen und den gigantischen Landschaftsaufnahmen, da ist NICHTS. Die Figuren laufen durch die Gegend, reden belangloses Zeug, benehmen sich wie aus einem Lehrbuch für Hollywood-Drehbuchschreiber im 1. Lehrjahr, und vermitteln einfach nicht warum man sich mit ihnen identifizieren können sollte. Dann schaue ich mir lieber mal wieder Kurosawas Ran an (tolle Bilder, große Geschichte) oder Crouching Tiger, Hidden Dragon (den ich sowieso sehr liebe), da hab ich dann eine gute Story, überzeugende Charaktere, UND toll choreografierte usw.

Aber ein paar Versuche gebe ich mir noch. Ich bin tapfer. Obwohl mir im vorliegenden Fall die bösen einfach zu stereotyp böse waren (und das durch böses Starren auch sehr ausgiebig ausgedrückt haben), und die Guten einfach zu gut und zu heldenhaft. Hinzu kommt, dass das Ende des Films nach geschätzten 10 Minuten Laufzeit zu erraten ist, was die Spannungskurve nicht wirklich erhöht. Was ein Film dieses Genres mit überzeugenden Charakteren (und den entsprechenden Darstellern) tatsächlich leisten kann sehe ich bei dem erwähnten Crouching Tiger, Hidden Dragon. Hier stimmt die Mixtur, und zwischen den Kämpfen und den Landschaftsaufnahmen findet eine Geschichte statt, die sicher nicht neu ist (wer verlangt das auch?), aber der man gerne folgt. Bei Shadowless Sword hingegen verliert selbst der nette Ansatz jeden Reiz in genau dem Augenblick, in dem sich der Prinz als Super-Mega-Wahnsinns-Schwertmeister entpuppt anstatt als die hohle Nuss die er zu sein vorgibt. Und dann ist natürlich auch klar dass sich So-ha schnurstracks in ihn verknallt usw. usf.

Nein, das ist einfach nicht mein Genre. Aber wenn man es nicht ausprobiert kann man es nicht wissen, oder?


Balduin der Ferienschreck
Les grandes vacances
Jean Girault, 1966
Louis de Funès, Ferdy Mayne, Martine Kelly, Olivier de Funès, Claude Gensac, Mario David
8/10


Louis de Funès spielt den Internatsdirektor Bosquier. Ausgerechnet sein Sohn Philippe (Francois Leccia) hat eine schlechte Englischnote, also organisiert der Vater einen Schüleraustausch mit der Tochter (Martine Kelly) des schottischen Whiskyherstellers MacFarrell (Ferdy Mayne). Während nun diese Tochter Shirley ganz im Stil der Zeit ein rechter Hallodri ist und mit Bosquiers Lieblingssohn Gérard (Olivier de Funès) Versailles aufmischt, schickt Philippe an seiner Statt seinen Kameraden Michonnet (Maurice Risch) nach Schottland und geht mit seinen Freunden lieber segeln, wo er dann auch prompt Shirley kennenlernt und die beiden sich natürlich ineinander verlieben. Durch eine Unpässlichkeit Michonnets allerdings entdeckt Bosquier den Tausch, und da MacFarrell seine Tochter wiederhaben will, muss Bosquier in einem Wettlauf gegen die Zeit das Segelboot mit Sohn und Tochter wiederfinden.

In den späten 60ern Jahren war Louis de Funès DER französische Filmkomiker schlechthin. Sein Erfolg war größer als der von Bourvil oder Fernandel, da seine spezielle Art Slapstick damals einfach gut in den Stil der Zeit passte. Die Fantomas- und die Gendarm-Serien katapultierten ihn in ganz Europa an die Spitze der Komiker. Nichtsdestrotrotz kann auch ein Multi-Talent wie de Funès gelegentlich mal etwas schwächere Filme drehen. Dieser ist einer davon …
Ohne Frage ist „… der Ferienschreck“ komisch, und ohne Frage kann man viel lachen, aber im Vergleich zu dem Vorjahresfilm La grande vadrouille (Die große Sause), oder dem herrlich chaotischen Oscar aus dem selben Jahr, im Vergleich fällt dieser doch etwas ab. Er funkelt und strahlt nicht so, eher wirkt er ein klein wenig bieder und staubig. Als ob de Funès seinem Publikum auch einmal Atempausen gönnen wollte, bevor er wieder zu einer Meisterleistung ansetzt. Das Zielpublikum dürfte hier wahrscheinlich eher im Teenager-Bereich gelegen haben, und es scheint, als ob weder de Funès noch Jean Girault so recht wussten, wie sie dieses Zielpublikum erreichen sollen. 1967 stand auch und gerade Frankreich vor einem politischen und gesellschaftlichen Umbruch, und dieser Film könnte ein Versuch gewesen sein, sich von dem bisher gepflegten, konservativem, Bild der „Grand Nation“ abzuwenden und jünger zu werden, ohne dass dabei klar war WIE dies bewerkstelligt werden könnte.

Klar, niemand kann immer spitze sein, und bei de Funès gilt genauso, was Christian Kessler über Sergio Leone gesagt hat: „Insgesamt also ein schwacher […], aber der thront immer noch über der staunenden Masse!“ Und darum darf man sich diesen Film voller Vergnügen anschauen, viel Lachen, sich freuen über die wilde Verfolgungsgjagd von Versailles bis Le Havre, und Spaß haben an den Zusammenstößen zwischen de Funès und Mario David. Nicht zu vergessen die grandiosen Szenen aus dem Beatlokal, in denen Philippe ein Rockstar und der Vater sein Manager und Chauffeur ist. Man darf ein wenig enttäuscht sein, dass die sonst so großartigen Szenen zwischen de Funès und Claude Genac diesmal zu kurz kommen, und dass Ferdy Mayne ebenfalls etwas mehr Raum hätte haben dürfen. Und man darf sich freuen, dass de Funès im nächsten Jahr mit Le petit baigneur (Balduin der Trockenschwimmer) wieder obenauf war. Wie gesagt, niemand kann immer spitze sein, aber wer so weit über dem Durchschnitt ist, bei dem sind sogar die Schwächen großartig.
Und darum auf jeden Fall empfehlenswert!


John Carpenter’s Vampires: Los Muertos
Vampires: Los Muertos
Tommy Lee Wallace, 2002
Jon Bon Jovi, Cristián de la Fuente, Natasha Wagner, Arly Jover, Diego Luna
6/10


Der Vampirjäger Derek Bliss (Jon Bon Jovi) jagt in Nordmexiko Untote. Da alle vor Ort befindlichen Jäger in rascher Folge hingemetzelt werden, muss er sich ein neues Team aufbauen, um die Vampirin Una (Arly Jover) aufzustöbern. Helfen tun ihm dabei eine Vampirin die ihre Krankheit mit Medikamenten im Zaum hält, ein hünenhafter schwarzer Ex-Soldat, ein mexikanischer Junge und ein Priester …

Und wem das schon zu klischeehaft klingt, der möge sich folgende Situation aus einem Lehrbuch für angehende Vampirjäger vorstellen: Du bist auf Vampirjagd und schläfst in der mexikanischen Wüste. Als Du mitten in der Nacht aufwachst sitzt vor Dir eine schöne junge Frau und jammert Dir vor, wie kalt und einsam ihr ist. Schnurstracks geht sie Dir an die Wäsche und steuert auf Sex zu. Was tust Du? A) Meine Kumpels im Wohnwagen alarmieren B) Sie töten, da sie ein Vampir ist. C) Sex haben, da es in der Wüste nachts kalt ist
Die richtige Antwort ist natürlich C), und damit ist der Schwachpunkt des Filmes auch schon genannt: So nett die Grundidee eines Vampirs ist, der im Tageslicht existieren möchte, so hanebüchen ist das ganze umgesetzt. Sprüche im Sinne von „Du bist zu jung, geh nach Hause und bewirb Dich in ein paar Jahren noch mal als Jäger“ oder „Wer jetzt aussteigen möchte soll es sagen, dann kann er nach Hause gehen“ sollten Drehbuchautoren um die Ohren gehauen werden bis sie in Flammen aufgehen. Das staubige Western-Ambiente, die durchgehend ordentlichen schauspielerischen Leistungen (Jon Bon Jovi spielt definitiv besser als er musiziert), der passende Soundtrack, und vor allem die gelegentlichen blutigen Action-Einlagen unterhalten durchaus, aber das Drehbuch macht es einem sehr schwer das Ganze ernst zu nehmen. Allein die Zusammenstellung des Teams (sowohl personell wie auch der Akt der Zusammenstellung) ist gefühlten 2 Mio. Hollywoodfilmen entnommen, und irgendwie hält sich der Spaß dann ein wenig in Grenzen. Und da die Action sich irgendwie auf einige wenige und meist auch noch kurze Momente beschränkt, kann der Film schlussendlich auch als No-Brainer nicht wirklich überzeugen.
Herausragend war auf jeden Fall die Dialogzeile „Die toltekische Kutur war hochentwickelt und sehr grausam“. Kann man auch auf amerikanische Drehbuchschreiber beziehen …


Der Gott des Gemetzels
Carnage
Roman Polanski, 2011
Jodie Foster, John C. Reilly, Kate Blanchett, Christoph Waltz
8/10


Der Sohn von Allan und Nancy (Christoph Waltz, Kate Blanchett) hat dem Sohn von Michael und Penelope (John C. Reilly, Jodie Foster) bei einem Streit im Gesicht verletzt und ihm 2 Zähne ausgeschlagen. Die Eltern wollen vorbildlich die Sache unter sich regeln und treffen sich in der Wohnung von Michael und Penelope. Doch die Schicht der Zivilisation ist dünn, und ein paar verbale Entgleisungen und etwas Alkohol öffnen die Tür für Bosheiten, Gemeinheiten und den Wunsch andere zu verletzen.

Die Hölle, das sind die anderen …


Cop Land
Cop land
James Mangold, 1997
Sylvester Stallone, Harvey Keitel, Ray Liotta, Robert Patrick
8/10


Die New Yorker Cops des 37. Reviers haben sich direkt vor den Toren New Yorks, in Garrison New Jersey, mit Hilfe der Mafia ein kleines Refugium gebaut. Hier wohnen sie, hier sind sie Gesetz. Und da es auch hier einen Sheriff braucht, haben sie den etwas tumben und schwerfälligen Freddie Heflin (Sylvester Stallone) zum Sheriff gemacht, der es wegen eines Hörschadens nie zur Polizei geschafft hat. Als einer von ihnen (Michael Rapaport) irrtümlich 2 Autodiebe erschießt und untertauchen muss, fängt das Gebäude an ins Wanken zu geraten.

Ein feiner und böser Polizeifilm, der von seiner Anlage eigentlich eher in die 70er gehört hätte. Sylvester Stallone als vom Leben enttäuschter Kleinstadt-Sheriff, Harvey Keitel als böser Bulle der alle anderen in der Tasche hat, Robert de Niro als Internal Affairs-Ermittler, Ray Liotta als Undercover-Cop, der auf beiden Seiten des Gesetzes zu stehen scheint – Die Figuren agieren miteinander und gegeneinander, aber so wie sie es auch im wirklichen Leben tun würden: Mit psychischer Gewalt, mit Bosheiten, mit Drohungen, aber ohne körperliche Gewalt oder Ballereien. An der Stelle wirkt der Film sehr realistisch und umso bedrohlicher, und da die Schauspieler (vor allem Stallone) extrem gut spielen wird der Zuschauer sehr schnell in einen Strudel von Gewalt und Lügen gezogen, der mittlerweile im Kino leider recht selten geworden ist. Geradlinig erzählt, mit einer sauberen Ausarbeitung der Charaktere und ihrer Vorgeschichte, so können gute Polizeifilme auch aussehen, ganz ohne Explosionen. Und wenn wir das Showdown aus Sicht des fast tauben Stallone erleben, dann wird die Spannungsschraube noch mal zusätzlich angezogen, trotz oder gerade wegen des Verzichts auf minutenlange Schießereien. Sehr empfehlenswert!


Zwei bärenstarke Typen
Nati con la camicia
E.B.Clucher, 1983
Terence Hill, Bud Spencer, Riccardo Pizzuti, Faith Minton
7/10


Der Bauchredner Roscoe (Terence Hill) und der Herumtreiber Doug (Bud Spencer) werden mit 2 Geheimagenten verwechselt und müssen für die CIA einen Auftrag ausführen: Getarnt als texanische Milliardäre sollen sie einer Geheimorganisation um den Superschurken K1 (Buffy Dee) auf die Spur kommen, welche alle Zahlen vernichten will …

Die Schlägereien etwas zurückgenommen, ein paar klasse Sprüche von Thomas Dannemann, und das Rezept funktioniert selbst bei ihrem drittletzten Film immer noch überraschend gut. Spencer und Hill wirken in den Actionszenen immer noch frisch, und der Film ist voll mit lustigen Kleinigkeiten: Ein blinder Kellner der ein Tablett Gläser mehrmals mitten durch eine Schlägerei trägt, die hübschen „I love K1“-T-Shirts der Bösewichter, und überhaupt ist das ganze einfach ein spritzige und leichte Bond-Parodie, inklusive Blofeld-Verarsche und Ken Adams-Verschnitt.


Triggermen
Triggermen
John Bradshaw, 2002
Neil Morrissey, Adrian Dunbar, Pete Postlethwaite, Claire Forlani
5/10


Zwei nicht wirklich intelligente Engländer (Neil Morrissey, Adrian Dunbar) kommen zufällig in Chikago an einen Umschlag voller Geld, eine Waffe und ein Foto. Eigentlich ein paar Nummern zu groß für sie, versuchen sie in erster Linie so viel von dem Geld wie möglich auszugeben. Dummerweise werden sie vom tatsächlichen Auftraggeber dieses Hits (denn um einen solchen handelt es sich natürlich) gefunden, und der besteht darauf, dass der Auftrag auch ausgeführt wird.

Wie schon bei The Limey hatte ich eigentlich auf ein (amüsantes) Herausarbeiten der Unterschiede zwischen England und den USA gehofft, auf ein Aufeinandertreffen der Kulturen. Und wie schon bei The Limey bin ich enttäuscht worden. Unterschiede in Sprache, Kultur, Trinkgewohnheiten? Keine. Hinzu kommt noch, dass die beiden Hauptrollen nicht wirklich sympathisch sind, und man durch die dahinplätschernde Handlung sehr schnell das Interesse an der Geschichte und an den Figuren verliert. Pete Postlethwaite als Gangsterboss hätte soviel Profil bieten können, Donnie Wahlberg und Michael Rapaport würden jederzeit als Schwiegersöhne durchgehen, aber nicht als Killer, und irgendwie fällt mir zu dem Ganzen in erster Linie das Wort „Verschenkt“ ein: Für einen Gangsterfilm zu seicht, für eine Komödie zu unlustig … Was soll man dann damit machen?


Comtesse des Grauens
Countess Dracula
Peter Sasdy, 1971
Ingrid Pitt, Nigel Green, Lesley-Anne Down, Maurice Denham
7/10


Die alte und biestige Gräfin Nodoszin (Ingrid Pitt) stellt fest, dass sie durch ein Bad in Jungfrauenblut wieder jung und hübsch wird. Kurz entschlossen stellt sie dem jungen Offizier Imre Toth (Sandor Elès) nach, der davon ausgeht, dass er eigentlich mit der Tochter der Gräfin flirtet. Dobi dem Hausgeist, nein Hausmeister (Nigel Green), passt das gar nicht, ist er doch selber seit 20 Jahren in die Gräfin verliebt. Dumm, dass der Effekt des Jungseins nach einigen Stunden wieder vergeht, was zu einem gewissen Verschleiß an Jungfrauen in der Umgebung des Schlosses führt.

Die Geschichte rund um die Gräfin Bàthory bietet erstmal wenig Neues. Leider konnte sich der Regisseur nicht so recht entscheiden was er wollte: Für einen Horrorfilm werden zu wenig Blut und Gemetzel geboten, aber auch zu wenig Atmosphäre (immerhin handelt es sich um einen Hammer-Film, die sollten eigentlich wissen wie es geht), für einen historischen Film gibt es zu viel Blut und Gemetzel an den falschen Stellen, und das gleiche gilt für einen Liebesfilm. Ab und zu dürfen sich die sehr hübsch anzusehenden Darstellerinnen die Kleider vom Leib reißen, und die Kulissen schauen original aus wie aus einem DEFA-Märchenfilm. OK, irgendwie passt das ganze schon zusammen, aber die Richtung ist nicht klar. Und da der einzige Charakter mit Ecken und Kanten der böse Hausmeister ist, fehlt auch ein wenig die Identifikationsfigur. Schade, da wär sicher noch mehr gegangen …

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PostPosted: 05.09.2013 18:56 
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Koffer mit Risiko
Giallo alla Regola
Italien 1988
Regie: Stefano Roncoroni
Remo Girone, Paolo Malco, Marcel Bozzufi, Daniela Poggi, Lorenzo Piani, Roy Constantin, Alessandro Pultrone




Der Abgeordnete Sergio Anselmi (Remo Girone) wird Zeuge einer Verfolgungsjagd zwischen der Polizei und einem Gangster. Er kann beobachten, dass der Gangster etwas versteckt, bevor er flüchtet. In der Nacht holt Anselmi das Etwas, einen Koffer, und staunt nicht schlecht, dass darin rund 200.000 Dollar sind. Am nächsten Tag fährt er mit seinem Freund Paolo (Paolo Malco) in den Urlaub, aber auf der Autobahn werden sie überfallen und ihr Gepäck wird geraubt. Und auch die Zollabfertigung ist erheblich gründlicher als sonst. Anselmi schwant, dass er sich mit dem Koffer eine Menge Probleme eingefangen haben könnte. Und dann kommt ein Anruf von der Polizei, dass in seine Wohnung eingebrochen wurde …

1988 war die dritte Staffel von ALLEIN GEGEN DIE MAFIA gerade durch, das Mafia-Genre boomte mal wieder, und Fernsehproduktionen sind allemal kostengünstiger als aufwendige Kinofilme. Also nimmt man den nächstbesten Regisseur, einen Hauptdarsteller der durch ALLEIN GEGEN DIE MAFIA gerade einen Karrierehöhepunkt hat und sich steigern möchte, garniert das mit ein paar Euro-Schauspielern die ihre Zeit bereits hinter sich haben, und fertig ist der neueste LA PIOVRA-Nachzügler.
So schlecht wie sich das liest ist der Film dann beileibe nicht geraten. Von Beginn an wird eine unterschwellige Spannung erzeugt, die auch in den ruhigeren Szenen noch lange anhält. Dem Zuschauer ist dabei schon sehr früh klar, wer Anselmi alles beim Einsacken der Beute beobachtet hat, und aus diesem Wissensvorsprung wird klassisch Spannung erzeugt. Leider hat der Regisseur es nicht geschafft, das etwas ausschweifende Drehbuch in den Griff zu bekommen, etwa Straffung hätte gut getan. Gerade die Szenen in der Schweiz plätschern sehr lustlos vor sich hin, bevor Anselmi wieder zurück nach Rom fährt und die Geschichte wieder Fahrt aufnimmt.

Was leider ebenfalls fehlt, und das nimmt der Geschichte nochmal zusätzlich den Wind aus den Segeln, sind Schauspieler, die ihre Emotionen auch darstellen können. Ob Remo Girone nicht wollte, nicht konnte, oder ob das Drehbuch die Anweisung einer völligen Ausdruckslosigkeit vorgibt, das kann ich nicht sagen. Schließlich war er auch als Bankier Tano in ALLEIN … kein Ausbund an Lebensfreude. Aber man wünscht sich öfters einen Mario Adorf, einen Michele Placido oder einen Giuliano Gemma, die mal auf den Tisch hauen und Akzente setzen können. Girone hat ungefähr so viele Gesichtsausdrücke wie Nicholas Cage, und Paolo Malco schafft es leider genauso wenig aufzufallen. Somit sind in den Nebenrollen nur der kauzige Marcel Bozzuffi als ermittelnder Colonello Catalini und Daniela Poggi als Anselmis Frau zu erwähnen, beide sind aber absolut sehenswert.

Und zu den negativen Punkten kommt leider noch ein entscheidendes Loch in der Handlung hinzu:
Zu Beginn des Filmes, wenn Anselmi die Beute versteckt, bleibt die Kamera auf Schmuck stehen, den er offensichtlich vergessen hat in das Versteck zurück zu räumen. Wenn am Ende des Filmes die Polizei in der Nähe des Verstecks sucht, steigt die Spannung enorm, weil natürlich auf das Entdecken des Schmucks gewartet wird. Fehlanzeige, der Schmuck wurde wohl offensichtlich doch fortgeräumt. Und damit sackt die Spannungskurve gerade zum Schluss deutlich in sich zusammen, was wirklich schade ist.
Wie bereits erwähnt schafft der Film es nämlich durchaus, durch Blicke und Gesten eine unterschwellige Spannung zu erzeugen. Die Autobahnfahrt in die Schweiz ist ein hervorragendes Beispiel, wie man mit wenigen Mitteln eine gute und durchaus spannende Geschichte erzählen kann. Und auch insgesamt ist mir trotz allem die Zeit beim Schauen tatsächlich kaum einmal lang geworden.

Der Film ist in der OFDB nicht enthalten, und die IMDB listet ihn nur in der italienischen Originalfassung. Meine Fernsehaufnahme zeigt eine Ausstrahlung des MDR von 1992, mit freundlichem Dank an den Bayerischen Rundfunk. Ob er dort auch jemals gelaufen ist kann ich allerdings nicht sagen. Komplettisten, die den Film in Italien finden, sollten zuschlagen, alle andere müssen nicht unbedingt auf die Suche gehen.

6/10

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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PostPosted: 07.09.2013 18:59 
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Zwei wie Pech und Schwefel
Altrimenti ci arrabbiamo
Italien/Spanien 1974
Regie: Marcello Fondato
Terence Hill, Bud Spencer, Donald Pleasance, John Sharp, Patty Shepard, Manuel de Blas, Rafael Albaicín, Luis Barbero





Eine Gruppe Gangster verwüstet einen Vergnügungspark und zerstört dabei einen roten Buggy, um den sich Ben (Bud Spencer) und Kid (Terence Hill) gerade gestritten haben. Nun wollen sie von den Gangstern ihren Buggy wieder haben, er muss rot sei und ein gelb Häubchen haben, die Gangster aber wollen nicht so recht. Also brauchen sie schlagkräftige Nachhilfe …

Ich war so etwa 10 Jahre alt, da schenkten meine Eltern mir den ersten eigenen Schallplattenspieler, zusammen mit einem Sampler von K-Tel. Die älteren werden sich noch erinnern, auf diesen Samplern waren 20 Hits der zumeist letzten Monate oder Jahre drauf. Auf meinem, den ich übrigens auch noch habe, war auch ein Lied „Dune Buggy“ von einem Interpreten namens Oliver Onions. Mein Vater erklärte mir, dass Onion Zwiebel bedeutet und dass das lustig ist wenn sich jemand Oliver Zwiebel nennt.
Heute, gute 37 Jahre später, gab es das erste Mal den Film zum Lied. Dieses Lied habe ich, so furchtbar ich es immer fand, nie aus dem Kopf verloren – bei dem Wort Buggy hatte ich immer sofort diese schreckliche Melodei im Kopf. Und auch heute hat sie mich entsprechend häufig genervt, da sie im Film recht inflationär eingesetzt wird. Aber gottseidank hilft der Rest vom Film, über diese Ohrenfolter hinwegzusehen.

Im Ernst, ich hab mich wirklich amüsiert. Einige Sprüche war absolute Überflieger, beispielsweise diese herrliche Szene vor der Tür des Gangsterclubs:

„Was liegt an?“
„Tür aufmachen liegt an.“
„Muss das sein? Werdet ihr sonst ungemütlich“
„Wir werden sogar sehr ungemütlich!“
„Dann passt ihr aber gar nicht zu uns. Hier ist es nämlich grade sehr gemütlich.“

Auch die Chorprobe wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Das schöne Lied, die zarten Romanzen, die Probleme des Killers … Ehrlich gesagt bin ich gar nicht mehr aus dem Lachen rausgekommen.

Die Schlägereien sind z.T. herrlich choreografiert, und Bud Spencer ist in der Szene, in der er ein fahrendes Motorrad erst festhält und dann plötzlich loslässt, dabei aber vollkommen desinteressiert in eine ganz andere Richtung schaut, so nah an Oliver Hardy wie selten. Auch ein wenig Slapstick ist dabei (der Motorradfahrer in der Lore ist eine klare Reminiszenz an den Stummfilm), und insgesamt passt der komödiantische Teil in Bezug auf die beiden Hauptdarsteller ganz hervorragend.
Was leider nicht so recht passt ist der Bösewicht (John Sharp), der immer seinen Psychiater im Schlepptau hat, weil er ja selber erst richtig böse werden will.

„Aber Du weißt doch am Besten wie fies ich bin, Doktor. Ich bin sehr fies. Ich bin so unglaublich fies, dass ich sogar manchmal von mir selbst träume, und dabei zu Tode erschrecke.
„Ach, solange Du vor Dir erschrickst sind wir noch keinen Schritt weiter. Du darfst Dich nicht mehr vor Dir fürchten.“
„Du hast gut reden. Du siehst mich, aber ich muss Dich den ganzen Tag angucken.“

Der Psychiater ist eine völlig verschenkte Rolle für Donald Pleasance, und der Schurke selber nervt irgendwann mit seiner trotteligen Art, da hätte ein wenig mehr Biss gut getan. Und auch die Geschichte selber hätte mehr Biss brauchen können, vor allem zu Beginn plätschert das alles schon sehr dahin. Wer Autos aus den 70ern mag kann noch einige Zeit zuschauen, aber irgendwann ist auch das Thema durch. Na ja, und dann war da noch die Sache mit der Musik … Kaum vorstellbar, dass die de Angelis-Brüder ein Jahr später den starken Keoma-Soundtrack komponiert haben. 2 vollkommen unterschiedliche Welten, inhaltlich wie auch qualitativ …

Kurz, Hauptdarsteller topp, Komik ebenfalls topp, die Geschichte etwas dünn, der Bösewicht eher mau, und die Musik ist ein glatter Fehlgriff. Aber an einem Spätsommertag wie diesem ist so ein Film genau das richtige zum Relaxen und Spaß haben.

7/10

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PostPosted: 08.09.2013 10:57 
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Carlos - Der Schakal
Carlos
Deutschland/Frankreich 2010
Regie: Olivier Assayas
Édgar Ramirez, Nora von Waldstätten, Alexander Scheer, Christoph Bach, Talal El-Jordi, Rodney El Haddad, Julia Hummer


Image

Zu dem Zeitpunkt, zu dem ich dies schreibe, bin ich 47 Jahre alt. Geboren und aufgewachsen bin ich in Deutschland, in einer typischen und heilen Mittelstandsfamilie. Frühe Erinnerungen an Fernsehbilder beinhalten natürlich die Schweinchen Dick-Show, Lassie und Raumschiff Enterprise, ich kann mich aber auch erinnern an die Bilder aus der, nennen wir es mal, Außenwelt. Fahndungsplakate von Terorristen waren im Alltag allgegenwärtig, und abends gab es Mord und Totschlag in der Tagesschau. Ich kann mich glaube ich ganz ganz vage an die letzten Bilder aus dem Vietnamkrieg erinnern, vor allem natürlich aber an den sogenannten deutschen Herbst, den Herbst 1977. An was ich mich auch noch erinnern kann sind die Bilder zum Schlagwort OPEC-Konferenz.
Politik hat mich immer interessiert, auch schon als Jugendlicher. Ich bin in einer durchschnittlichen Stadt in Mitteldeutschland groß geworden, die u.a. bekannt war durch ihre Kunstakademie. Dies impliziert auch ein sehr starkes Vorhandensein an linkem Gedankengut und an einen grundlegenden Anti-Amerikanismus, beides Dinge die mich bis heute geprägt haben. Und in diesem Kontext bin ich bei Filmen wie dem BAADER-MEINHOF-KOMPLEX (BMK) oder eben einem Film über Carlos natürlich Feuer und Flamme. Damals war ich zu klein um zu verstehen was da passierte, heute fehlen oft die Hintergrundinfos oder auch einfach nur die Details. Also wird es dann letzten Endes eine Mischung aus einem (hoffentlich gelungenem) Film und anschließender Internet-Recherche. Bei den Schlagworten, die ich in den letzten Tagen in die Wikipedia eingegeben habe, dürfte ich im Moment in den Top Ten der NSA einen der vorderen Plätze belegen ;)

Nach dem BMK, der mich in sehr hohem Maße anspricht, und der mir viel politisches Denken zurückgegeben hatte, nun also Carlos. Den Film gibt es in einer 3 ½-stündigen Kino- sowie einer 5 ½-stündigen Fernsehfassung. Über erstere kann ich nichts sagen, hier geht es um die Fernsehversion, bestehend aus 3 DVDs.

DVD 1: Im Paris des Jahres 1973 bewegt sich der Venezolaner Ilich Ramírez Sánchez in der linken Szene. Er sympathisiert, wie alle Linken damals, mit der PFLP, dem bewaffneten Arm der PLO, ist überzeugter Marxist (konnte man damals noch sein), hatte eine Zeitlang in Moskau studiert, und lebt jetzt das typische Leben eines Links-Bohémes der damaligen Zeit. Über Veränderungen reden, aber vor jeder Veränderung zurückschrecken. Der Film beginnt damit, dass Sánchez diesen Schritt vollzieht: Er möchte Veränderungen durchführen, eine Revolution machen. Er gibt sich den Kampfnamen Carlos (nach dem venezolanischen Präsidenten Carlos Andrés Pérez, der die US-amerikanisch geführte Ölindustrie in Venezuela verstaatlichte) und möchte mit der PFLP bewaffnete Aktionen machen. Sein Kontaktmann und zunehmend auch Freund ist dabei Michel Moukharbel (Fadi Abi Samra), der den Kampf in Westeuropa im Wesentlichen leitet. Carlos bindet seine Freundin (Juana Acosta) dabei mit ein und beginnt mit Kurieraufträgen. Als ein schlecht geplanter Anschlag auf ein Flugzeug der El-Al schief geht wird sehr schnell klar, dass Carlos ein guter Stratege und Kämpfer ist, da er die Probleme des Anschlags als einziger gesehen hatte, und auch weil er als einziger in der Lage ist Aktionen durchzuführen um seine Kameraden aus dem Gefängnis zu holen. In dieser Zeit lernt er auch Johannes Weinrich (Alexander Scheer) kennen, ein Mitglied der deutschen Revolutionären Zellen, der ihn dann viele Jahre als seine rechte Hand begleiten wird. Trotz aller Vorsicht gerät auch Carlos in das Visier des französischen Innengeheimdienstes, und bei einer Kontrolle erschießt er 2 Beamte des DST sowie seinen Freund Moukharbel, der ihn verraten hat. Der Leiter der PFLP, Wadi Hahddad (Ahmad Kaabour), zieht Carlos für einige Zeit aus dem Verkehr, setzt ihn dann aber bei einer großen Aktion als Führer ein: Die Entführung der Ölminister der OPEC im Dezember 1975 in Wien. Teil 1 endet mit der Straßenbahnfahrt(!) der Terroristen zum OPEC-Gebäude.

DVD 2: Im Wesentlichen wird hier minutiös der Ablauf der Entführung der Ölminister gezeigt. Der Überfall auf das Gebäude, die Geiselnahme, der Flug nach Algier, weiter nach Tripolis, zurück nach Algier … Und dann der Punkt, an dem Carlos den hehren Weg des Revolutionärs verlässt und sich für das Geld und das Leben entscheidet. Die PFLP verstößt ihn daraufhin und er beginnt ein Leben als freischaffender Terrorist. Er gründet seine eigene Organisation, den bewaffneten Arm der arabischen Revolution, und sucht sich neue Auftraggeber. Teil 2 endet damit, dass er einwilligt für den syrischen Geheimdienst zu arbeiten.

DVD 3: Das Leben im Untergrund ist nicht einfach. Seine Frau Magdalena Kopp (Nora von Waldstätten) bringt es auf den Punkt: Sie hatte von einem Leben als Revolutionärin geträumt, wollte bewaffnete Aktionen durchführen und frei sein. Stattdessen ist sie in einer Villa in Budapest eingesperrt und muss ihrem Mann gehorchen, der zum einen ihr Kommandeur ist und zum anderen als Lateinamerikaner aus einer Macho-Gesellschaft kommt, die mit Frauen gar nicht anders umgehen kann. Teil 3 zeigt somit recht ausführlich, wie sich das Leben im Untergrund anfühlt: Einsam, paranoid, leer. Die Bedeutung Carlos’ schwindet im Lauf der 80er-Jahre, und mit dem Mauerfall 1989 und dem Untergang der Sowjetunion verliert er auch die Unterstützung seiner syrischen Freunde. Magdalena verlässt ihn, er muss in den Sudan flüchten, und seine Einsamkeit und Bedeutungslosigkeit wird geradezu greifbar.

Eines vorweg: Der Film ist spannend, gut erzählt, die schauspielerischen Leistungen sind allererste Sahne, und ich habe mich keine Sekunde gelangweilt. Wer sich für (linke) Politik interessiert, mit Schwerpunkt auf den 70er-Jahren, für den ist dieser Film ein Pflichtprogramm. Allerdings sollte man entsprechendes Vorwissen mitbringen. Und das ist dann auch einer von zwei Punkten, die ich dem Film ankreiden muss: dass die Aktionen Carlos’ oft zu kurz kommen im Gegensatz zu seinem privatem Leben. Es wird nicht klar, warum Carlos über einen so langen Zeitraum hinweg der meistgesuchteste Terrorist der Welt war. Man sieht wie er eine Bombe in einen Drugstore wirft, man sieht ihn 2 DST-Beamte erschießen, und man sieht die OPEC-Entführung. Nach der OPEC-Entführung ist, wenn man dem Film folgt, weitgehend Schluss. Es wird von Aktionen nur noch geredet, aber offensichtlich passiert nichts mehr. Dass es hier noch weiterging sagt mir die Wikipedia, aber der Film verlässt weitgehend den bewaffneten Kampf und konzentriert sich eben auf das Privatleben. Eine sehr lange Szene zeigt die ausgelassene Hochzeitsfeier Carlos’ mit Magdalena, und auch den kotzenden Johannes Weinrich. Soll das einen Zugang zur Person Carlos ermöglichen? Der Mensch an sich wird gut beleuchtet, und wer im Teil 1 gut aufpasst erfährt auch ein wenig von Carlos’ Vorgeschichte, aber ab der Hälfte von Teil 2 wird es mir teilweise ein wenig ZU privat.
Womit wir zum zweiten Kritikpunkt kommen, den späteren Jahren. Auch beim BMK hat mich schon sehr gestört, dass die zweite Hälfte der 70er-Jahre im Zeitraffer abgehandelt wurde. Schlaglichter auf namenlose Menschen die über Flughäfen rennen, mit Autos fahren, Waffen transportieren und irgendwann verhaftet werden. Carlos funktioniert ab einem bestimmten Punkt leider genauso: Wer ist die Frau, die ein Auto mit Sprengstoff von Jugoslawien bis nach Paris fährt? Ist in den 5 Jahren zwischen der Geburt seiner Tochter und dem Mauerfall denn gar nichts sehenswertes passiert? Hier hätte ich mir mehr Hintergrund gewünscht zu Personen, zu Anschlägen, zum Zeitgeschehen. Stattdessen sehen wir Carlos wie er in seiner Villa sitzt und säuft, Sex hat mit irgendwelchen Frauen, und zwischen den verschiedenen Staatssicherheitsdiensten versucht zu navigieren.

Was Assayas hingegen sehr gut gelungen ist, ist die Entwicklung vom revolutionären Kämpfer hin zum Gangster. Die Korrumption während der Geiselnahme in Algier ist der Beginn, irgendwann trägt er nur noch Anzüge, dann kommt der erste Mercedes … Auch die Bilder dazu passen: Ramírez (der Schauspieler) trägt seine Plauze vor sich her, reißt Frauen auf, unterdrückt dabei seine eigene Frau, und es gibt eigentlich kaum noch einen Unterschied zu einem bourgeoisien Spießbürger. Was er natürlich mit der Knarre in der Hand von sich weisen würde. Er lebt in einer Parallelwelt, die aus einer Revolution und schönen Frauen besteht, und er verweigert sich dem Blick aus dieser Welt hinaus. 1990, nach dem Mauerfall, erklärt Weinrich ihm, dass es keinen Feind mehr gibt, und dass der Krieg vorbei ist. Und dass sie ihn verloren haben. Aber so recht glauben mag er es nicht, was übrigens auch zu den Aussagen passt, die der echte Carlos heute noch im Gefängnis von sich gibt.
Die wie schon erwähnt superben Schauspieler unterfüttern diese Entwicklung hervorragend. Das Zeitkolorit stimmt immer, die Schauplätze sind authentisch (gedreht wurde in, ich glaube, 7 Ländern), und das einzige was da noch ein wenig stört ist der Soundtrack, der zeitlich nicht passt (aber dafür sehr sehr gut ist).

Ein langer Text zu einem langen Film, der mich jetzt 3 Abende lang beschäftigt hat, und auch noch eine Zeit beschäftigen wird. Beim Stöbern im Internet habe ich Buchausschnitte von Hans-Joachim Klein gefunden und festgestellt, dass die Gespräche im Vorfeld der OPEC-Geiselnahme offensichtlich genauso so, in diesem Wortlaut, stattgefunden haben, zumindest laut Kleins Erinnerungen. Und so etwas empfinde ich dann schon als sehr spannend.
Wem PUBLIC ENEMY No. 1 über Jacques Mesrine gefallen hat (Stichwort Biopic), und wer mit dem BMK etwas anfangen konnte, der ist hier auf jeden Fall auch richtig. Klar, der Film benötigt etwas Zeit zum Schauen, und mitdenken sollte man auch können. Zusammen mit einer Internet-Recherche kommt dabei aber auf jeden Fall ein zeitgeschichtliches Erlebnis heraus, dass zumindest für meine Generation, die mit diesen Namen groß geworden ist, das ein oder andere Aha-Erlebnis bietet (Ach, so war das? So ist das passiert?). Und der Film weckt Interesse, sich vielleicht weiter mit diesen Dingen zu beschäftigen, zum Beispiel mit den Lebenserinnerungen von Hans-Joachim Klein. Aber nicht über Amazon bestellen, gelle :lol:

8/10

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Der Tod und das Mädchen
Death and the maiden
Großbritannien/Frankreich/USA 1994
Regie: Roman Polanski
Sigourney Weaver, Ben Kingsley, Stuart Wilson


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In einem Land, kurz nach dem Ende einer Militärdiktatur, lebt Paulina (Sigourney Weaver) zusammen mit ihrem Lebensgefährten Gerardo Escobar (Stuart Wilson) irgendwo zurückgezogen in der Einsamkeit. Escobar wurde vom neuen Präsidenten des Landes die Aufgabe anvertraut die Grausamkeiten der Diktatur aufzuarbeiten. An diesem Abend hat Escobar eine Panne und wird von einem entfernt lebenden Nachbarn, Dr. Roberto Miranda (Ben Kingsley), nach Hause gefahren. Paulina meint in Miranda den Mann wiederzuerkennen der sie während der Diktatur gefoltert hat, und sorgt dafür, dass er das Haus nicht mehr verlassen kann. Was sie von Miranda will ist nichts anderes als ein detailliertes Schuldeingeständnis, dass und wie er sie während zweier Monate gefoltert und vergewaltigt hat. Aber Miranda behauptet dass er unschuldig sei.

Die Hölle, das sind die Anderen? Nicht hier, hier ist die Hölle in den Personen selber. Vor allem in Paulina, die grausam misshandelt wurde, und nun eine Möglichkeit sieht Rache zu nehmen. Sie will nicht den Tod des vermeintlichen Folterknechts, sondern sie will ihn demütigen, so wie er sie gedemütigt hat. Insofern erst mal eine nachvollziehbare Denkweise, aber was ist wenn Miranda doch unschuldig ist? Im Film wird knapp geantwortet „If he’s really innocent, then he’s fucked.“ Und eigentlich sollte man an der Stelle zurückzucken. Tut man aber nicht, weil Polanksi, das alte Schlitzohr, gerade vorher Paulina erzählen lässt wie sie gefoltert wurde. Und wie auch in SIEBEN ist hier der Kopf das ausschlaggebende Element. Empfindsamen Gemütern wird hier schlecht, und wegschauen geht nicht, weil das Grauen im Kopf stattfindet und nicht auf der Leinwand. Somit gibt Polanski auch ein Statement über alle Arten der Gewalt und der Grausamkeit ab, ein Statement, hinter dem er, der so oft unter Gewalt gelitten hat, wohl hundertprozentig stehen dürfte. Nämlich die Aussage, dass Gewalt immer Scheiße ist.

Aber auch Gerardo Escobar, der beim flüchtigen Zusehen so blass wirkt neben den unbeschreiblich aufspielenden Weaver und Kingsley, auch Escobar hat so seine Probleme. Er hat zugesagt die Leitung eines Komitees zu übernehmen zur Aufarbeitung und Verfolgung der Gräueltaten. Man kann sich vorstellen, wie dieser gutmütige, bürokratisch wirkende Mann Aussagen aufnimmt, abnickt, und Statements vor der Presse abgibt. In dieser Nacht aber wird er konfrontiert mit bewussten oder unbewussten Lügen, mit bitteren Vorwürfen die in seine eigene Vergangenheit zurückgreifen, mit Hass, auch mit Liebe, und man merkt sehr deutlich warum der Präsident auf diesen Mann setzt: Weil er schwach ist und die Wahrheit niemals aufdecken würde. Zwar war er selber im Widerstand gegen die Diktatur zugange, sagt aber von sich selber, dass er den Folterungen keinen Tag widerstanden hätte. Er glaubt seiner Frau aufs Wort, und wenn diese 2 Minuten später das Gegenteil behauptet, und das gut verargumentiert, dann glaubt er ihr wieder. Ein böser Seitenhieb Polanskis auf bürokratisch initiierten Humanismus: Wenn der Humanismus nicht aus den Menschen kommt, dann taugt er nichts! Und nur wenn der Humanismus auch mit dem aktiv gelebten Willen einhergeht diesen auch zu leben, nur dann kann er auch funktionieren, da ansonsten immer die Lügen und die Bosheiten die Überhand gewinnen.

Last but not least Dr. Miranda. Der Folterknecht, oder auch nicht. Ein Doktor, der geschworen hat Leben zu erhalten, und der mit seiner Familie in Ruhe leben möchte. Mal gesetzt den Fall er hätte tatsächlich gefoltert: Was treibt so einen Menschen an? Warum wird ein Arzt zum sadistischen Scheusal? Wieso wird ein verheirateter Mann zu einem berufsmäßigen Vergewaltiger?
Und gesetzt den Fall er hat nicht gefoltert und er wäre unschuldig: Mach das mal jemandem klar, der vor Dir steht, mit einer Pistole auf Dich zielt und ein Geständnis haben will, koste was es wolle. Und der die Grenze dessen was ihm angetan wurde, nur mit Mühe nicht selbst überschreitet. Auch hier also ein hochinteressantes Psychogramm eines Menschen in einer Extremsituation.

Und was bei einem durchschnittlichen Regisseur leicht zu einem zähen Kaugummi hätte werden können, das wird bei Polanski zu einem spannenden Thriller, der sowohl durch die fantastischen Schauspieler wie auch die hervorragenden Dialoge lebt. Ich habe mich keine einzige der 98 Minuten gelangweilt, und auch die unterirdische „Qualität“ der DVD konnte kaum ablenken von dem Drama dessen Zeuge ich werden durfte. Allein Sigourney Weaver zuzuschauen ist umwerfend. Ich frage mich allen Ernstes, wie jemand, der sich so in einen geschundenen und gequälten Menschen hineinversetzen kann, wie der nach dem Ende der Dreharbeiten eigentlich wieder „normal“ werden kann. Eine psychische Hochleistung, vor der ich tiefsten Respekt habe. Als Gegenstück Ben Kingsley, der um sein Leben und seine Würde reden muss, überzeugen muss, und der doch immer ein klein wenig zwielichtig wirkt. Bei der Erstsichtung ist nie so ganz klar ob er oder ob er nicht. Eine Ambivalenz, die Kingsley perfekt ausdrückt, und den Zuschauer stetig zwischen Abscheu und Mitleid schwanken lässt. Das letzte Mal, an das ich mich an so ein Wechselbad der Gefühle erinnern kann, dürfte DER ZERBROCHENE KRUG mit Emil Jannings gewesen sein.

Fazit: Spannend, sensibel, nachdenklich, dramatisch, schauspielerisch auf höchstem Niveau … Was will man mehr?

8/10

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Boarding Gate - Ein schmutziges Spiel
Boarding gate
Frankreich 2007
Regie: Olivier Assayas
Asia Argento, Michael Madsen, Carl Ng Ka Lung, Kelly Lin, Kim Gordon, Joana Preiss


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Der Unternehmer Miles Rennberg (Michael Madsen) hatte vor einiger Zeit eine heftige Affäre mit der jungen Sandra (Asia Argento). Für ihn ging sie mit seinen Kunden ins Bett um Geheimnisse zu erfahren, die ihm Vorteile im Business bringen könnten. Jetzt sind sie getrennt, sie besucht ihn aber noch mal, zuerst im Büro, dann bei ihm Zuhause. Dort eskaliert die Situation, und am Ende liegt Miles tot auf dem Boden. Sandra kann mit Hilfe ihres Chefs(?) Lester (Carl Ng) nach Hongkong fliehen in der Hoffnung, dass dort alles besser wird.

Und ich frage mich nach der Zweitsichtung immer noch, was uns der Regisseur/Drehbuchautor mit dieser Story sagen möchte. Dass Asia Argento supersexy und die absolute Oberschlampe ist? OK, akzeptiert, aber hätte man das nicht vielleicht in eine Geschichte packen können, die diese Bezeichnung auch verdient?
Mal sehen: Die ersten etwa 20 Minuten ziehen sich gefühlte 2 Stunden, und außer dass Frau Argento ein wenig an sich herumfummelt passiert erstmal nicht viel. Der Zuschauer erfährt ein wenig Vorgeschichte über das Gespann Miles/Sandra, und das war es auch schon. Warum sie ihn im Büro besucht bleibt unklar, genauso wie der Grund warum sie am nächsten Abend bei ihm vorbeischauen soll. Anschließend ein wenig Arbeitsalltag Sandras in einer großen Spedition, man erfährt etwas über ihre Träume: Ein Club in Peking soll es sein, drunter macht sie es nicht. Am späten Abend ist Sandra dann in einen aus dem Ruder laufenden Drogendeal verwickelt, aber außer der Erkenntnis, dass sie und Lester ein Paar sind bleibt da auch nicht viel. Als nächstes besucht Sandra Miles. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich, man redet miteinander, ein wenig sehr harter Sex, aber die Motivationen, die Gründe für das jeweilige Handeln, liegen völlig im Dunkeln. Gut, die beiden Schauspieler machen ihre Sache wirklich hervorragend, und der ruhige und abgeklärt wirkende Madsen kommt neben der unruhigen und flippigen Argento seht gut zur Geltung. Aber der narrative Unterbau bleibt dünn.

Nächste Station, Miles ist tot, Sandra flieht mit Lesters Hilfe nach Hongkong. Dort wird ihr ziemlich böse mitgespielt, aber sie ist ja ein taffes Mädel und kann sich mit einer Knarre und einem Handy ganz gut durchschlagen. Ich gebe ohne weiteres zu, dass die Szenen rund um ihre Gefangennahme und Flucht sehr gut inszeniert sind, wenngleich etwas weniger Wackelkamera sicher mehr gewesen wäre, aber auch hier fehlt irgendwie jegliche Motivation. Soll die Geschichte aus der Sicht Sandras erzählt werden, und der Zuschauer erfährt nicht mehr als Sandra erfährt? Wahrscheinlich, aber dafür fehlt meines Erachtens die Identifikationsmöglichkeit mit der Hauptfigur. Sandra bleibt immer undurchsichtig, ihre Handlungen sind nicht immer nachzuvollziehen, und ehrlich gesagt ist auch der Sympathiefaktor relativ gering. Und sich mit einem nicht sympathischen Hauptdarsteller zu identifizieren, das ist schwer. Zumindest ich bekomme es offensichtlich nicht hin.
Na auf jeden Fall rennt Sandra quer durch Hongkong, ab und zu wird ihr geholfen, wann anders wird sie über den Tisch gezogen, aber außer einem „Hat schon Pech die Süße“ gibt es nicht viel. Die Sache mit der fehlenden Sympathie und der fehlenden Identifizierung halt. Liegt vielleicht auch daran dass ich männlich bin und Frau Argento ganz schön weiblich, aber in anderen Filmen war so was eigentlich kein Hinderungsgrund …

Und dann ist der Film vorbei. So, wie wir in die Geschichte (schon wieder dieses unpassende Wort) hineingeworfen wurden, so verlassen wir sie auch. Insofern eine sehr realitätsnahe Sache, weil wenn wir in der Realität in etwas hineinstolpern kennen wir die Vorgeschichte und die Gründe auch nicht. Und nach Abschluss des Abenteuers wissen wir auch nicht was passiert (Wenn ein Mann beispielsweise eine Frau kennenlernt, 3 Monate eine heftige Affäre hat, und diese dann wieder vorbei ist. Ich glaube, diese Analogie trifft es ganz gut.). In NO COUNTRY FOR OLD MEN ist diese Realitätsnähe ähnlich aufgebaut, wenn Dinge passieren ohne dass wir dabei sind (der Tod Llewelyns), aber NO COUNTRY … hat eine gute und spannende Geschichte zu bieten, die stringent erzählt wird, gute Typen hat, und den Zuschauer ganz einfach packt. BOARDING GATE hat dies nicht: Die Geschichte ist ein Stückwerk verschiedener Genreelemente, die Erzählweise ist zugegeben straight-forward, aber irgendwelche interessanten Typen sind halt auch nicht zu sehen. Was dann in der Summe heißt, dass der Film einen nicht packt. Und das ist etwas, was ich von einem Film schon erwarte. Und verdammt noch mal, eine Wackelkamera, die immer nah an den Darstellern bleibt, ersetzt keine Dramatik! Lernt man das auf den Filmschulen heute nicht mehr?

Fazit: Thema verfehlt. Asia Argento allein bekäme die volle Punktzahl, aber da das nicht das einzige ist was zählt (weil ich mich dann nämlich mit Alexis Texas ansprechender vergnügen könnte), kann ich den Film mit bestem Gewissen nicht empfehlen.

4/10

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Die Fälschung
Die Fälschung
Deutschland/Frankreich 1981
Regie: Volker Schlöndorff
Bruno Ganz, Hanna Schygulla, Jerzy Skolimowski, Jean Carmet, Gila von Weiterhausen, Peter Martin Urtel, John Munro


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Der Journalist Laschen (Bruno Ganz) entflieht seinen Eheproblemen mit einem Auftrag, der ihn in den frisch entbrannten Bürgerkrieg im Libanon führt. Zusammen mit dem Fotografen Hoffmann (Jerzy Skolimowski) versucht er im umkämpften Beirut seinen Job zu machen und gleichzeitig eine Liasion mit der in Beirut lebenden Deutschen Arianna (Hanna Schygulla) am Laufen zu halten. Als er Augenzeuge eines Massakers wird entscheidet er sich nicht mehr nach Deutschland zurückzukehren sondern im Libanon zu bleiben.

Zu Beginn dachte ich mir ja schon noch „Deutsche Filme … Kein Wunder dass die niemand mag, so hölzern wie die Jungs und Mädels da spielen.“ Aber was wie ein ZDF-Fernsehspiel beginnt gewinnt mit dem Beginn der eigentlichen Handlung in Beirut an Drive. Laschen lässt sich durch Beirut treiben, kommt selber in Schusswechsel, muss vor Artilleriebeschuss flüchten, und in einer sehr schönen Szene kommt er mit mehrstündiger Verspätung im Haus von Arianna an, von Kopf bis Fuß verdreckt, der Anzug ruiniert, und meint nur lakonisch, dass es umständlich war herzukommen.

Überhaupt das dargestellte Leben in Beirut. Der Film spielt 1976, ein Jahr vorher hatte der Bürgerkrieg begonnen. Die Altstadt von Beirut, ja die gesamte Innenstadt, galt als No Man’s Land: Nur Ruinen, durch die Straßen ziehende Milizen, ständig irgendwo Schüsse oder Explosionen, Menschen die nach Wasser anstehen und die Straßen nur rennend überqueren, Scharfschützen die alles beharken was noch lebt. Bilder wie aus Berlin 1945 oder Sarajevo 1995.
Der Film wurde tatsächlich in Beirut während des Bürgerkriegs gedreht, und es sind keine Kulissen und keine Statisten zu sehen. Schlöndorff erzählt, dass die Milizen ganz begeistert waren in dem Film mitzuspielen. Allerdings haben alle darauf bestanden mit echter Munition zu schießen, weil Platzpatronen die Gewehre kaputtmachen. Das heißt, dass wirklich alles in diesem Film echt ist.

Somit sind die Settings, ist die Stimmung im Film sehr authentisch und beeindruckend, was der Handlung wiederum zugute kommt. Laschen versinkt im Laufe des Filmes im mehr in der Gewalt die ihn umgibt. Während er zu Beginn noch über den Tod eines alten Mannes staunt und philosophiert, ist er spätestens nach dem als Augenzuge erlebten Massaker an moslemischen Zivilisten konsterniert. Er sieht wie Leichen verbrannt werden, und gleichzeitig erlebt er den Geschäftssinn und den Zynismus seiner Kollegen, wenn die Bilder von Opfern als Handelsobjekte gesehen werden und den Status von Fußballsammelbildern haben. Als er, um nicht selber ums Leben zu kommen, einen Mann töten muss, erkennt er wie leicht man sich in einer solchen Umgebung verlieren kann und er entscheidet sich doch nach Deutschland zurückzukehren. Die Hybris ist dann die Szene in der Redaktionskonferenz, wenn er die Bilder des Massakers vorlegt, die Antwort „Beirut, das interessiert doch keinen mehr“ lautet, und er um die Anzahl der verfügbaren Seiten feilschen muss.

Diese Momente sind die stärksten des Filmes, hier kann auch Bruno Ganz glänzen, und hier macht man sich als Zuschauer auch so seine Gedanken über die aktuellen Kriegsspielchen. Leider empfinde ich Ganz in vielen Situationen als glatte Fehlbesetzung, was dem Film natürlich nicht gut tut. Seine stoische Leidensmiene, seine Reserviertheit, auch in Momenten die ihn emotional fordern, da würde ich mir mehr Gefühl und mehr Engagement wünschen. Und wenn er im Bonusmaterial selber erzählt, dass er sich vom Regisseur des Öfteren allein gelassen gefühlt hat, dann ist klar, dass er erheblich mehr Führung gebraucht hätte um die Rolle auch wirklich auszufüllen. Da haben Regisseur und Schauspieler wohl nicht so ganz zusammengepasst. Wie wohltuend wirkt daneben Hanna Schygulla, die ihre Rolle fühlt, lebt, und geradezu somnambul durch die zerstörte Stadt schwebt. Laut Bonusmaterial ist Hanna Schygulla nach Abschluss der Dreharbeiten noch einige Zeit in Beirut geblieben, und diese Verbundenheit ist auch deutlich zu spüren, was bei Bruno Ganz aber leider gar nicht zutrifft. Seine Entscheidung in Beirut zu bleiben ist schauspielerisch nicht nachzuvollziehen, das Unbehagen über den Aufenthalt in Beirut ist in fast jeder Minute zu spüren.

Fazit: Ein starker Anti-Kriegsfilm, der nicht mit übertriebenen Greueltaten zu punkten versucht, sondern die Entmenschlichung des Krieges anhand der Entwicklung des Protagonisten darstellt, dabei aber nicht vergisst dass ein Film auch unterhalten muss. Der Film ist definitiv keine Kopfgeburt, und damit auf jeden Fall sehenswert.

7/10

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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PostPosted: 21.09.2013 18:21 
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Red Nights
Les nuits rouges du bourreau de jade
Belgien/Frankreich/Hongkong 2009
Regie: Julien Carbon, Laurent Courtiaud
Frédérique Bel, Carrie Ng, Carole Brana, Stephen Wong, Kotone Amamiya, Maria Chen, Jack Kao


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In Hongkong wird ein geheimnisvolles Gift angeboten, dass einen Menschen lähmt und gleichzeitig seine Empfindsamkeit unermesslich steigert. Carrie (Carrie Ng), unterwegs als Fotomodell und SM-Diva, will das Gift um jeden Preis in ihren Besitz bringen, aber die undurchsichtige Catherine (Frédérique Bel) lässt sich beim Verkauf nicht in die Karten schauen. Und auch der Triadenboss Mister Ko (Jack Kao) möchte das Gift besitzen.

Es würde mich gar nicht wundern, wenn Nicolas Winding Refn diesen Film kennen und lieben würde. Gar zu auffällig sind die Ähnlichkeiten zu ONLY GOD FORGIVES: Zwielichtige Gestalten, die schweigsam durch eine Großstadt laufen, undurchsichtige Geschäfte machen, einander bitter bekämpfen, das ganze sehr kühl und elegant gefilmt, mit zum Teil sehr expliziter Gewaltdarstellung, und gesungen wird auch. Und ähnlich ratlos wie ONLY …, und doch auch schwer beeindruckt, hat mich auch RED NIGHTS zurückgelassen. Die Bilder sind exquisit, und die Farbzusammenstellungen sind perfekt durchkombiniert (vorwiegend Schwarz und Rot, wobei das Rot in erster Linie Blut oder eine entsprechende Affinität darstellt, und das nicht zu knapp). Die Schauspieler sind gut, und Kamera und Regie sind unauffällig und behindern nicht die freie Sicht auf das Spiel der Akteure.
Gottseidank, weil sonst würde man auch noch weniger verstehen. Gut, die Sache mit der Jadeschatulle ist ein MacGuffin, irgendwie muss der Film ja in die Gänge kommen. Aber das Karussell der handelnden Personen ist manchmal schon sehr verworren. Interessant ist hier, dass die Sichtweise des Öfteren wechselt. Mal wird der Film von Catherine aus erzählt, mal von Carrie aus. Einfacher wird es dadurch nicht, aber eben spannend. Anders halt.

Ich würde mal sagen, dass RED NIGHTS ein moderner Großstadtthriller ist, mit allen Zutaten eines modernen Films (und ausnahmsweise ist dies nicht negativ gemeint): Eine ausgiebige Folterszene, etwas nackte Haut, schöne Frauen, Gangster ... Das einzige was man dem Film wirklich vorwerfen kann ist, dass analog zu ONLY … der Style etwas über die Substanz geht.

8/10

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 08.10.2013 21:01 
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Die zwei Gesichter einer Frau
Fantasma d'amore
Deutschland/Frankreich/Italien 1981
Regie: Dino Risi
Romy Schneider, Marcello Mastroianni, Eva Maria Meineke, Wolfgang Preiss, Paolo Baroni, Michael Kroecher, Victoria Zinny


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Nino (Marcello Mastroianni) trifft im Bus zufällig eine alte Frau (Romy Schneider), der er etwas Geld für einen Fahrschein leiht. Es stellt sich heraus, dass sie seine Jugendliebe Anna ist. Durch dieses Treffen stellt sich bei beiden die alte Liebe und eine ungeheure Sehnsucht nacheinander ein, wobei Nino von Annas Aussehen zuerst sehr abgestoßen ist. Sie treffen sich in Annas altem Viertel an einem Abend, an dem dort ein unheimlicher Mord geschieht.
Kurze Zeit später erfährt Nino, dass Anna seit 3 Jahren tot ist. Vollends schockiert ist er aber, als er erneut mit Anna telefoniert. Als sie sich wieder treffen ist sie so jung und schön wie vor 20 Jahren, und sie genießen ihre gemeinsame Liebe. Bei einer Flussfahrt verschwindet Anna unter mysteriösen Umständen, und wieder wird ein Mord verübt.

Ein Mann, eine Frau, Regen, und die Musik von Francis Lai … Nein, dieses Mal nicht, aber ein Mann, eine Frau, Nebel, und die wunderschöne Musik von Riz Ortolani betören mindestens genauso. Tonino delli Colli fängt unbeschreiblich schöne Bilder des herbstlichen Norditaliens ein, Bilder, die vor Nostalgie und Trauer geradezu vergehen, und in denen diese schwermütige und mysteriöse Geschichte so unglaublich gut aufgehoben ist. Es war dies der vorletzte Film von Romy Schneider, und rückblickend kommt es einem fast so vor, als ob sie ihren Tod herannahen sah, so melancholisch und traurig wirkt sie. Und doch kann der Film auch Freude erzeugen, kann in den Momenten der Liebe auch brennen und funkeln, aber das Hauptmoment ist immer die Trauer. Trauer um Vergangenes, um verpasste Chancen, um ein Leben das ganz anders, wohlmöglich weniger leer, hätte ausfallen können. Wahrscheinlich kann jeder, der seine Jugendliebe irgendwann später einmal wiedergetroffen hat, dieses Gefühl nachvollziehen.

Romy Schneider und Marcello Mastroianni spielen sicher wie immer. Nein, sie spielen nicht, sondern sie SIND Anna Brigatti und Nino Monti. Den beiden zuzuschauen, wie sie ihre Rollen leben, erfüllt in einer Zeit des schnellen und oberflächlichen Actionkinos mit unendlicher Freude. Beide gehen in ihren Charakteren auf, als hätten sie noch nie etwas anderes gespielt. Eine stille Selbstverständlichkeit umgibt die Schauspieler: Na klar, spiel ich, BIN ich Nino Monti, wer denn sonst?
Auch die Nebenrollen sind hervorragend besetzt: Eva Maria Meineke als Ehefrau Ninos, die mehr an gesellschaftlichem Trara und Oberflächlichkeit interessiert ist als an dem Befinden ihres Mannes. Der wunderbare Michael Kroecher als Don Gaspare, ein Mystiker mit dem Erscheinungsbild von Sopor Aeternus. Ungewohnt ist Raf Baldassare als Freund Ninos, aber auch diese kleine Rolle meistert er mit Bravour.

Ein Film, der bei aller Schwermut einfach Freude macht, weil er ein Gefühl zurücklässt das zum Nachdenken und Reflektieren anregt. Der Freude macht aufgrund der wundervollen Schauspieler. Und der Freude macht, weil er in sich einfach stimmig ist. Wer noch Sinn hat für Geschichten die Gefühle erzeugen, und die ohne explodierende Autos auskommen, dafür aber mit richtigen Schauspielern, der sollte sich diese Perle nicht entgehen lassen.

8/10

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PostPosted: 10.10.2013 21:44 
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Kommando Cobra
Le saut de l’ange
Frankreich/Italien 1971
Regie: Yves Boisset
Jean Yanne, Senta Berger, Gordon Mitchell, Sterling Hayden, Raymond Pellegrin, Sophie Boudet, Claude Cervall, Daniel Ivernel


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Die Brüder Orsini sind dem Wahlkampfkandidaten Forestier (Giancarlo Sbragia) zu mächtig, darum lässt er sie durch den Berufskiller di Fusco (Gordon Mitchell) umlegen. Nur Louis Orsini (Jean Yanne) überlebt, weil er mit Frau und Kind in Thailand lebt. Di Fusco reist nach Thailand und tötet die Frau. Orsinis Tochter konnte von einem Freund Orsinis, dem Amerikaner Mason (Sterling Hayden) noch rechtzeitig nach Marseille gebracht werden, aber dort wird auch sie ermordet. Orsini reist zurück nach Marseille und macht die Blutwurst.

Feiner kleiner Actionfilm mit tollen Darstellern: Allen voran Jean Yanne als rachedurstiger Korse, der überhaupt nichts mehr zu verlieren hat. Ich kenne ihn aus 2 Chabrol-Filmen in denen er zum Teil mächtig auf die Kacke haut, und wenn ich mir so seine Filmographie anschaue gibt es da noch geschätzte 50 Filme die verdammt interessant klingen. Mit seinem müden Blick und der gedrungenen Gestalt ist er sowohl als Killer wie auch als Bulle eine Traumbesetzung. Hier schlurft er mit verhangenem Blick durch Marseille und bahnt sich gewaltig seinen Weg. Senta Berger als seine Schwägerin mag vielleicht nicht die weltbeste Schauspielerin sein, aber 1971 war sie so lecker anzuschauen wie kaum eine andere. Und Gordon Mitchell mit schwarzem Rollkragen und Goldkettchen ist sowieso eine Wucht. Sterling Hayden habe ich nicht wirklich verstanden, aber dass seine Rolle Alkoholprobleme hat, das habe ich ihm sofort abgenommen …
Skurrile Nebenfiguren gibt es auch, z.B. den Kommissar Pedrinelli (Daniel Ivernel), der mit seinen Assistenten teilweise recht eigen umspringt, oder die beiden Vietnamesen des Kommandos Cobra, die eine schwere Ähnlichkeit mit den Detektiven Schulze und Schultze aus Tim und Struppi haben, nur blutrünstiger.
Die Musik ist ordentlich und sorgt für eine angenehme Stimmung. Es gibt keine wirklichen Durchhänger, ständig ist etwas los, jemand blutet oder wird zum Bluten gebracht, und die lakonische Art Jean Yannes ist einfach herrlich anzuschauen. Schlägereien, Schießereien, ein paar äußerst schöne Frauen, und insgesamt habe ich mich keine Minute gelangweilt sondern bin einfach nur saugut unterhalten worden.

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PostPosted: 12.10.2013 08:45 
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Frühstück mit dem Killer
Les étrangers
Deutschland/Frankreich/Italien 1969
Regie: Jean-Pierre Desagnat
Michel Constantin, Senta Berger, Julián Mateo, Hans Meyer, Álvaro de Luna, Luis Induni, Alberto Fernández, José María Tasso


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In einer kleinen Stadt in der Wüste überfällt Caine (Julián Mateo) mit seinen Kumpels eine Bank und erbeutet Rohdiamanten. Allerdings ist der Sheriff der Stadt (Hans Meyer) ziemlich auf Zack und erschießt die Kumpels, nur Caine kann flüchten. Er versteckt die Diamanten in einer alten Mine, verirrt sich dann aber in der Wüste, wo er von Chamoun (Michel Constantin) gefunden wird. Dieser lebt zusammen mit seiner Frau May (Senta Berger) auf einem kleinen Hof im Nirgendwo. Chamoun weiß wer Caine ist und will die Hälfte der Diamanten. Da aber der Sheriff wie bereits erwähnt ziemlich auf Zack ist, ist ihm klar dass Caine nur bei Chamoun unterkommen kann, weswegen er den Hof überwachen lässt. Und dann tauchen auch noch 2 Mafiakiller auf, die Chamoun ans Leder wollen …

Andere machen aus so einem Stoff 5 Filme, hier wird alles in einen Topf geworfen, und was dabei herauskommt ist pure wahnwitzige Unterhaltung. Ständig gibt es Überraschungen, passiert etwas Neues, hat eine der Figuren noch einen Trumpf in der Hinterhand, und wenn man denkt dass man schon alles gesehen hat, dann kommt das biertrinkende Muli. Dabei gibt es aber keinen Overkill, der Zuschauer weiß immer an welchem Punkt der Geschichte er sich befindet, und wie die äußerst coolen Personen einzuordnen sind. Einfach nur zurücklehnen und genießen.
OK, allzu große Ansprüche an die Logik muss man nicht stellen, aber dafür bekommt man herrlich ausgeblichene Bilder der Gegend um Almería, klasse Schauspieler, eine sehr schöne Musik, reichlich Action und ein paar Sprüche die sich gewaschen haben. Vor allem Michel Constantin hat ein paar sehr schöne Oneliner. Caine will keinen Zucker in seinem Kaffee: „Schlanke Line, was?“ Caine will wissen wie weit es nach Socorro ist: „Anderthalb Stunden.“ „Das ist nicht gerade ein Vergnügen.“ „Na ein Trauerspiel ist es auch nicht.“ Muss man einfach sehen, hören und ablachen. Aber FRÜHSTÜCK … ist definitiv kein Brandtscher Blödelfilm, die Masse der Dialoge ist ernsthaft, weswegen die gelegentlichen Witze umso mehr ins Gewicht fallen.
Der Höhepunkt neben dem Muli ist, wenn Caine von May gezwungen wird Chamouns Hemden zu waschen und zu bügeln, und bei der kurzen Szene im Polizeiauto hab ich mich dann endgültig beömmelt vor Lachen. Die beiden Deputies Percy und John-John (sic!) sollen den Hof überwachen, weil „sie sind ja sehr diskret, stimmts Jungs?“ Die Antwort kommt als Chor: „Klar Chef, sind wir. Und wie!“

Nichtsdestotrotz bietet der FRÜHSTÜCK MIT DEM KILLER auch genügend Ruppigkeiten um die Bezeichnung Thriller zu erfüllen. Der Abgang der beiden Mafiatypen ist z.B. recht nachhaltig (Sheriff Blade meint dazu nur lakonisch „Wusste gar nicht dass Du auf’m Schlachthof gearbeitet hast“), und auch Caine muss irgendwann sehr schmerzhaft erkennen, dass May zwar wunderschön ist, deswegen aber noch lange nicht wehrlos. Überhaupt ist die Thrillerhandlung sehr stringent erzählt, und die Balance zwischen dem leicht humorigen Familienleben und den Spannungselementen ist perfekt gelungen. Alle Figuren sind zum Hinknien cool, das leichte Western-Ambiente gibt ein Übriges, und insgesamt ist der Film einfach eine wahre Perle für jeden Fan des europäischen Kinos. Auf die kommende DVD kann man sich mit gutem Gewissen freuen -> Kaufzwang!

8/10

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PostPosted: 28.10.2013 20:14 
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Das süße Leben
La dolce vita
Frankreich/Italien 1960
Regie: Frederico Fellini
Marcello Mastroianni, Anouk Aimée, Yvonne Furneaux, Alain Cuny, Anita Ekberg, Nico, Adriano Celentano, Magali Noel, Ida Galli, Lex Barker


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Der Klatschreporter Marcello (Marcello Mastroianni) treibt durch das Rom des Jahres 1960 und feiert und liebt zusammen mit den oberen Zehntausend der Stadt. Das Dahintreiben wird ein wenig dadurch erschwert, dass er zum einen literarische Ambitionen hat, und zum anderen seine Verlobte Emma (Yvonne Furneaux) sehr eifersüchtig ist.

Einer der wenigen Filme die mich sprachlos zurückgelassen haben. 2 Tage nach dem Anschauen weiß ich immer noch nicht was ich sagen soll. Ein großer bunter Bilderbogen ist an mir vorbeigezogen, mir wurden Geschichten erzählt die ich noch nie gehört habe, und mir wurden Wunder gezeigt, eines strahlender und funkelnder als das andere. Dass der Film dabei in Schwarzweiß gedreht wurde ist völlig an mir vorbeigegangen, so sehr wurde ich von den Bildern und der Geschichte gefangen.

Ein Mann und eine reiche Frau nehmen eine Prostituierte mit und fahren zu dieser nach Hause. Dort lieben die beiden sich als ob es ihr Haus wäre, und die Prostituierte meint zum Abschied, dass sie sich freuen würde wenn die beiden wiederkommen würden.
Ein Mann in der großen Stadt bekommt Besuch von seinem Vater vom Lande. Die beiden amüsieren sich, und der Vater genießt das Leben eines Bohemiens sichtlich. Am Morgen erkennt der alte Mann den Unterschied zwischen dem Leben das er immer vorgespiegelt hat und seinem wahren Ich und fährt nach Hause zu seiner Frau.
Ein Mann, der selber an sich zweifelt, trifft einen alten Freund wieder, und wird von diesem in Künstlerkreise eingeführt. Er fühlt sich sehr wohl, aber wie sein Freund Selbstmord begeht erkennt er wie leer auch dessen Leben war.

Diese Geschichten und noch viele mehr werden hier episodenhaft erzählt. Das Band dazwischen ist der Klatschjournalist Marcello, der in Rom alles und jeden zu kennen scheint. Er zweifelt an sich, an der Zugehörigkeit zu dieser Welt, aber er wüsste auch nicht wo er sonst hingehören sollte. Die Feste und Orgien langweilen ihn, aber seine Distanziertheit, heute würde sie als Coolness bezeichnet werden, macht ihn als Teilnehmer der Feste und als Liebhaber umso begehrenswerter, was ihm natürlich schmeichelt. Was sollte er auch sonst tun in dieser Welt, in der nur der Schein und das Vergnügen zählen? Auch sein alter Vater vom Lande genießt die Ausgelassenheit und Frivolität in einem Nachtclub. Aber im Gegensatz zu Marcello erkennt der Vater durch diesen Abend, was ihn wirklich antreibt, was ihn ausmacht, und er kehrt zu seiner Frau zurück. Marcello hingegen lässt sich noch mehr fallen, wird zunehmend ein Teil der dekadenten römischen Oberschicht, zu der auch Fellini zu dieser Zeit gehörte.
Man kann wahrscheinlich davon ausgehen, dass die eine oder andere Nebenhandlung von Fellini tatsächlich erlebt wurde. Und zumindest mir geht es so, dass ich zum einen etwas abgestoßen bin von dieser Dekadenz, zum anderen aber eine sehr starke nostalgische Sehnsucht verspüre, die gerade durch diesen Touch an Realität noch zusätzlich gespeist wird. Wie mag es sein, mit einem kleinen offenen Sportwagen durch das Rom des Jahres 1960 zu brausen und dabei in einer Zeit und an einem Ort zu sein, wo Dekadenz noch nicht durch hemmungslosen Drogenkonsum, sondern durch sinnlose Geldverschwendung und ein ruheloses Sichtreibenlassen ausgedrückt wurde, ohne dabei aber ein gewisses Grundniveau, bspw. in der Anwendung von Gewalt und Alkohol, zu unterschreiten?

Und so erzählt LA DOLCE VITA nicht nur schöne Geschichten, dargestellt von herausragenden Schauspielern, sondern er vermittelt auch ein gehöriges Maß an Nostalgie. Es wird eine Welt gezeigt die so nicht mehr existiert, und der Zuschauer lässt sich wie Marcello einfach fallen und wird durch die Zeit transportiert. Wunder-Voll!

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 02.11.2013 12:02 
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Die Macht und ihr Preis
Cadaveri eccellenti
Frankreich/Italien 1976
Regie: Francesco Rosi
Lino Ventura, Marcel Bozzuffi, Max von Sydow, Fernando Rey, Tina Aumont, Luigi Pistilli, Tino Carraro, Charles Vanel, Renato Salvatori, Alain Cluny


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Im Laufe kurzer Zeit werden mehrere hochrangige Justizangehörige ermordet. Inspektor Rogas (Lino Ventura) ermittelt, dass die Opfer alle vor vielen Jahren an einem Justizirrtum beteiligt waren. Der damals möglicherweise unschuldig Verurteilte ist jetzt wieder auf freiem Fuß. Könnte er der Täter sein? Der Polizeichef (Tino Carraro) sagt nein, er sieht den Täter ganz klar bei umstürzlerischen Gruppen …

Italien ist bekanntlich das Land mit der höchsten Anzahl Regierungen seit dem zweiten Weltkrieg. Im Jahr 2013 sind es 64 Regierungen die dieses Land erlebt hat, in Deutschland waren es derer 8! (Das ausgerechnet Silvio Berlusconi sich extrem lang im Amt halten konnte ist wohl entweder als Treppenwitz der Geschichte zu verstehen, oder nur mit dem Hang der Italiener zu einem männlich-starken Führer zu erklären.) Vor allem in den 70er Jahren waren die politischen Verhältnisse gelinde gesagt katastrophal. Zwar stellte die Christdemokratische Partei DC mit Giulio Andreotti über viele Jahre hinweg den Ministerpräsidenten, trotzdem wurden die Regierungen ausgetauscht wie Unterwäsche. In dieser Zeit, in der in vielen Ländern Europas bewaffnete Untergrundorganisationen Anschläge verübten, wurde auch Italien von Terroristen heimgesucht. Bombenanschläge auf die Piazza Fontana in Mailand oder auf den Hauptbahnhof von Bologna (nur als Beispiele) hielten das ganze Land in Atem und erzeugten eine Atmosphäre der Angst. Die Anschläge wurden damals linken Terroristen zugeschrieben, und eine Hexenjagd auf Linke begann.
Nun waren aber in Italien die Kommunisten seit Kriegsende immer sehr stark. So stark, dass sie Mitte der 70er Jahre sogar eine Regierungsbeteiligung mit den Christdemokraten anstrebten, eine Kombination, die im Volk recht beliebt war, bei der Führungselite (nicht nur in Italien) aber Angst und Schrecken erzeugte. Der Höhepunkt dieser Zeit war dann 1978 die Entführung und Ermordung des DC-Politikers Aldo Moro, der als sehr starker Befürworter dieser Koalition galt (und sich außerdem für einen NATO-Austritt Italiens stark machte). Diese Tat wurde den Roten Brigaden zugeschrieben, was das Ende der Annäherung zwischen DC und der Kommunistischen Partei PCI bedeutete.
Seit den frühen 90er Jahren ist bekannt, dass alle diese Taten nicht von linken Terroristen, sondern von rechtsgerichteten Extremisten unter starker Mithilfe des Militärs und der Geheimdienste verübt wurden. Das Ziel war, eine Stimmung gegen Links zu erzeugen, um die drohende Koalition zwischen DC und PCI zu verhindern, was die erste europäische Regierung unter Beteiligung einer kommunistischen Partei gewesen wäre. Wer mehr Informationen zu diesem Thema haben möchte, das Internet ist voll damit. Interessierte sollten einfach mal mit dem Begriff „Aldo Moro“ bei Wikipedia beginnen und sich dann einen Abend frei nehmen. Das Thema ist sehr spannend, und leider auch extrem beängstigend.

Das Wissen um diese Vorgänge sollte vorhanden sein, wenn man sich DIE MACHT UND IHR PREIS anschaut, andernfalls ist nach etwa 30 Minuten jeglicher Handlungsfaden fort. Rosi skizziert nicht mehr und nicht weniger als die gesellschaftliche und politische Stimmung dieser Zeit, die später Anni Piombi genannt wurde, die bleierne Zeit. Angst ist das vorherrschende Merkmal, gepaart mit Unsicherheit und Misstrauen. Niemandem kann vertraut werden, die politische und wirtschaftliche Führung des Landes tut alles um an der Macht zu bleiben und Profit daraus zu schlagen (siehe die kleine Episode mit dem Zitronenzüchter), und nimmt dafür einen absoluten Stillstand des Landes in jeder Hinsicht in Kauf. Inspektor Rogas, der pragmatisch und zielstrebig die richtige Spur verfolgt, wird da als kleines Rädchen einfach nur untergebuttert. Als er merkt, dass er mit seinen Ermittlungen die falschen aufgeschreckt hat, ist es für ihn bereits zu spät. Der Zuschauer weicht nie von Rogas’ Seite, was Rogas weiß, weiß auch der Zuschauer. Auf diese Art wird das Komplott, der dahinterliegende Plan, nie wirklich durchschaubar. Er bleibt monströs und angsteinflößend, das empfindet der Inspektor genauso wie der Zuschauer. Aus der heutigen Sicht hat der Zuschauer sogar noch einen kleinen Wissensvorsprung, was das Aufdecken des Plans umso schrecklicher macht. Vor allem mit dem Schluss ist Rosi eine böse Prophezeiung gelungen, immerhin wurde der Film VOR der Entführung Aldo Moros gedreht. Und während die Schlusstitel laufen, und im Hintergrund laufende Panzermotoren zu hören sind, stellt sich die finale Gänsehaut ein mit dem heutigen Wissen, wie knapp Italien damals einem rechtsgerichteten Militärputsch entgangen ist.

Aber somit funktioniert der Film tatsächlich nur dann, wenn Wissen um die damalige Zeit vorhanden ist. Wie Rosi die Kriminalgeschichte um den Apotheker und die Verschwörungsgeschichte um die Richter miteinander kombiniert, immer wieder von der einen Seite zur andern wechselt, die Erzählstränge ineinander aufgehen lässt, das erfordert ein wenig Sitzfleisch und Konzentration. Popcorn-Kino ist das definitiv nicht (was von meiner Seite als Kompliment gewertet werden sollte), eher ein Stück Zeitgeschichte für Interessierte. Keine Knalleffekte wie beim BAADER-MEINHOF-KOMPLEX, sondern Geschichtsunterricht mit Gänsehautfaktor. Die Schauspieler machen ihre Sache (wie üblich) hervorragend, Piero Piccionis Score ist unaufdringlich düster, und die Settings zeigen ein Land das im Abstieg begriffen ist. Für politisch Interessierte eine absolute Empfehlung, für alle die Spannungskino bevorzugen eher nicht.

8/10

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PostPosted: 03.11.2013 21:51 
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Balduin, der Trockenschwimmer
Le petit baigneur
Frankreich/Italien 1968
Regie: Robert Dhéry
Louis de Funès, Andréa Parisy, Franco Fabrizi, Robert Dhéry, Michel Galabru, Jaques Legras


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Der Bootsbauer Castagnier (Robert Dhéry) gewinnt mit seinem eigen entworfenen Segelboot ein bedeutendes Rennen und bekommt dafür einen großen Preis. Der geschickte Geschäftsmann Cacciaperotti nutzt das aus, um sich mit einem Auftrag über 300 dieser Segelboote an den Chef Castagniers, den Unternehmer Fourchaume (Louis de Funès) heranzumachen. Dumm nur, dass Fourchaume Castagnier noch vor dem Überbringen der guten Nachricht gekündigt hat. Nun muss Fourchaume versuchen, durch allerlei Schmeicheleien Castagnier wieder in seine Firma zurückzuholen um an den begehrten Auftrag zu kommen.

Normalerweise bin ich kein großer Komödienfreund, eigentlich bin ich eher der Typ der zum Lachen in den Keller geht. Einiges von Monty Python (aber nicht alles!), die frühen ZAZ-Filme, aber sonst? Wenn mich dann ein Film über die Laufzeit von rund 90 Minuten am Kichern hält, ständig zum Lachen reizt, und ich nach der stolzen Laufzeit von 81 Minuten überhaupt das erste Mal auf die Uhr schaue (Durchschnitt sind 20 Minuten, unabhängig vom Genre), dann klingt das nach etwas Besonderem.
Nach dem vorhergehenden, etwas verhalten geratenen BALDUIN, DER FERIENSCHRECK fährt de Funès hier wieder alle Geschütze auf. Er ist in praktisch jeder Szene präsent, grimassiert, haut seine Sprüche im Dutzendpack raus, treibt seine Umwelt in den Wahnsinn, und ist genau der de Funès den wir alle so lieben (oder hassen, je nachdem). Auch schauspielerisch ist er eine Wonne anzuschauen: Nach dem unfreiwilligen Ausflug auf den Leuchtturm hängt er im Fenster der Castagniers und schaut deren Lachen zu. Und wie er schaut - Abgrundtiefe Welten tun sich auf, vom dem Hass und der Bosheit in seinem Blick könnten sich Dutzende Amokläufer und Mörder ernähren …
Die Klasse de Funès`zeigt sich dann spätestens darin, dass er seine Mitspieler auch noch zu Wort kommen lässt, dass zwar Franco Fabrizi und Robert Dhéry eigentlich nur Stichwortgeber sind (von den grandiosen Filmgeschwistern Dhérys, Jaques Legras, Colette Brosset und Pierre Tornade ganz zu schweigen), er ihnen aber genügend Platz lässt befreit aufzuspielen. Klar ist de Funès der Maestro des gesamten Films, und das Tempo das er anschlägt ist wahnwitzig, aber er ist nicht der Alleinherrscher der Leinwand, und das kann ihm gar nicht hoch genug angerechnet werden. Wenn die 3 rothaarigen Brüder am Esstisch sitzen und sich gegenseitig anpflaumen, dann braucht es gar keinen de Funès mehr, weil die Komödie so genauso gut funktioniert.

Natürlich kann die enorm hohe Gagdichte nicht über die gesamte Laufzeit gehalten werden, im Mittelteil verläuft sich die Geschichte kurz (die etwas lahme Sache mit dem Traktor ist schon arg in die Länge gezogen), aber auf die Art kommt der geneigte Zuschauer wenigstens mal zum Luftholen, bevor das Rad mit der Bootsfahrt wieder angezogen wird. Hinzu kommen (in der Martienzen-Synchronisation) einige herrlich unkorrekte Nebenbemerkungen: „ Der Herr Pfarrer haut ja rein wie ein Arbeitsloser.“, Zu einem Schwarzen am Flughafen: Na wo waren Sie denn in Urlaub, so braun wie Sie sind.“ Heute undenkbar … Franco Fabrizio wird von Rainer Brandt gesprochen, und wenn der sich nicht zurückhalten würde, dann sähen dagegen wahrscheinlich sogar die ZAZ-Filme schwach aus.
Schlussendlich erfreuen mich als Liebhaber alter Autos die wunderschönen Karossen: Allein der Jaguar E-Type (inklusive der langen Version) ist ein Augenschmaus, und der kleine blaue Fiat von Franco Fabrizi erst …

Fazit: der TROCKENSCHWIMMER dürfte nach JO so ziemlich de Funès’ bester (sprich: hektischster, temporeichster, abgedrehtester) Film sein. Wer seine Art mag kommt an diesem Film nicht vorbei, alle anderen sollten einen ganz großen Bogen machen.

9/10

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 12.11.2013 20:45 
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Das verborgene Gesicht
La cara oculta
Kolumbien/Spanien 2011
Regie: Andrés Baiz
Martina García, Quim Gutiérrez, Clara Lago, Alexandra Stewart


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Der Dirigent Adrian wird von seiner Freundin Belén verlassen. Er verliebt sich recht schnell neu in die Kellnerin Fabiana und sie zieht zu ihm in ein abgelegenes Haus. Während die Polizei nach der mittlerweile verschwundenen Belén sucht, und dabei Adrian schwer im Verdacht hat etwas mit dem Verschwinden zu tun zu haben, mehren sich im Haus die Anzeichen, dass es dort spukt.

Und was recht gemütlich wie ein veritabler Spukhausfilm beginnt (völlig klar, Belén spukt in den Mauern, und Massen mehr oder weniger gelungener Spukhausfilme fallen einem schlagartig ein), was also als Spukhausfilm beginnt, nimmt nach nicht ganz der Hälfte der Laufzeit eine völlig andere Richtung, wobei auch die Gangart durchaus ein wenig verschärft wird. Wer den Trailer gesehen hat kennt den Dreh des Films, aber wer ihn nicht gesehen hat dürfte einigermaßen überrascht sein von der Wendung (also: Finger weg vom Trailer!!). Die Klaustrophobie, welche Andrés Baiz in der zweiten Hälfte inszeniert, ist wirklich beklemmend, und vor allem durch den ausschließlichen Einsatz von klassischer Musik und den völligen Verzicht schockierender Momente wird die Atmosphäre ausgesprochen dicht. Die Parallelmontage in Richtung Showdown ist bei aller Vorhersehbarkeit extrem spannend umgesetzt, und selbst der danach abfallende Schluss lässt den Zuschauer noch befriedigt zurück.

Schon der Aufbau des Films ist nicht unbedingt Mainstream zu nennen. Wir folgen aus dem Blickwinkel von Fabiana einer Liebesgeschichte, die zunehmend unheimliche Untertöne bekommt, und im Augenblick des Höhepunktes, in dem der Schrecken Gestalt annimmt, vollkommen den Fuß vom Gas nimmt und die gleiche Geschichte als Rückblende aus einer anderen Sicht erzählt. Durch diesen Kunstgriff werden manche Alltagsereignisse des ersten Teils zu wahren Dramen innerhalb des zweiten Teils, was die Spannung erheblich erhöht, vorausgesetzt man lässt sich auf diese Art des Erzählens ein. Klar, die Geschichte beginnt noch mal von vorne, und sie wird dadurch nicht schneller. Soll sie auch nicht, weil sie nämlich dramatischer und intensiver wird. Die Schauspieler legen auch noch mal ein paar Briketts drauf, und ein Drama um Liebe und Eifersucht nimmt seinen wirklich düsteren Gang.

Zwar hätte ich mir noch eine verschärfte Variante vorstellen können, in der ein anderer Hauptdarsteller am Ende der Gelackmeierte ist, was meines Erachtens den Bosheits-Faktor erheblich erhöht hätte. Aber sei’s drum, Atmosphäre und Stimmung passen hervorragend und die Schauspieler machen ihre Sache ordentlich. Was mir sehr positiv aufgefallen ist, und das kann gar nicht oft genug erwähnt werden, ist, dass der Film völlig ohne Schockeffekte und vor allem ohne Einsatz von Blut funktioniert. Damit läuft DAS VERBORGENE GESICHT dem Trend der letzten Jahrzehnte zu immer mehr Schock und Verstörung erfolgreich entgegen und zeigt, dass es tatsächlich immer noch ein intelligentes Kino jenseits des Mainstream-Geschmacks gibt. Was ja nur unterstützt werden kann …

Fazit: Kolumbien ist in Europa als Filmland nicht wirklich bekannt. Scheint sich aber zu lohnen!

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PostPosted: 16.11.2013 20:16 
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Salomé
Salome
Frankreich/Italien 1986
Regie: Claude d'Anna
Tomas Milian, Jo Champa, Fabrizio Bentivoglio, Pamela Salem, Tim Woodward, Paul Muller, Jean-François Stévenin


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Die junge Salomé ist noch viel zu klein um zu erkennen, dass ihre königliche Mutter Herodias am Tode ihres Vaters schuld war, damit sie den jungen Herodes eiligst heiraten konnte. Der Kaiser allerdings macht sich das junge Paar gefügig, in dem er damit drohte, die künftige Königin zu töten, wenn es sich nicht seinen Befehlen beugte. Jahre später kommt Salomé als unberührtes, betörendes sechzehnjähriges Mädchen an den Hof ihres Stiefvaters. Nach einem erotisierenden Schleiertanz hat Salomé bei Herodes einen Wunsch frei und fordert den Kopf des Propheten Yockanaan.
[Quelle: Cinema]

Es ist eine düstere und beängstigende Welt, in die uns SALOMÉ entführt. Es gibt keine Sonne, keine Vegetation, und selbst das Öllicht ist nicht hell und wärmespendend sondern blau und kalt. Das vorherrschende Gefühl scheint Angst zu sein, zwischenmenschliche Begegnungen beschränken sich auf verordneten, automatisierten Sex oder (Macht-)Kämpfe. Die Lustknaben haben künstliche Penisse, und nicht einmal die Gladiatorenkämpfe enden noch tödlich. Die Wände des Palastes, des einzigen Handlungsortes, sind aus dunkelgrauem Stein, und die allgegenwärtigen Wachen wirken mit ihren schwarzen Umhängen und stählernen Masken wie Vorstudien zu Peter Jacksons Nazgûl. Alles Gefühl ist aus der Welt entschwunden. Der einzige, bei dem noch Gefühle zu existieren scheinen, ist der im Kerker sitzende Prophet Yockanaan.
Auch ist dies keine existierende Welt. Zwar sind die Kostüme größtenteils angelehnt an die aus US-amerikanischen Bibelverfilmungen bekannten Bettlaken, aber die Generäle tragen über ihren Rüstungen moderne Armeemäntel und rauchen Zigarillos. Ein Motorrad knattert durch die Nacht, und ich glaube auch einmal ein verrottendes amerikanisches Taxi im Hintergrund gesehen zu haben. Diese Settings schaffen zusammen mit der beschriebenen Gefühlskälte eine sehr intensive und bedrohliche Atmosphäre. Aus dem Bildschirm kriecht eine alles erdrückende Langsamkeit und Schwere, die lähmt, und die den Zuschauer in sich zieht. Wohlgemerkt keine langweilende Langsamkeit, sondern ein Schleppen, das bedrohlich und erdrückend wirkt. Bleiern, unwirklich …
Die Figuren sind wie erstarrt und leben in Ritualen. Was außerhalb ihres kleinen Horizontes vorgeht, dass beispielsweise der General ganz eigene, gefährliche Pläne verfolgt, dass ist weit weg und nicht interessant. Nur das eigene Leben zählt, und dass der Mond am Himmel steht.
Und in diese kalte und starre Welt bricht Salomé ein. Zuerst nicht als Bedrohung erkannt, birgt sie doch das Leben in ihren funkelnden Augen. Und der Schleiertanz, der eine ganz andere, nicht automatisierte Erotik hat, bringt so einiges in Aufruhr, was lange unterdrückt war. Die Ereignisse überschlagen sich, und so einiges wird sich vermutlich ändern …

Die Musik ist düster, stark rhythmisch und manchmal fast(!) dissonant. Von den Endtiteln abgesehen könnte der Score von Das Ich sein, die Stimmung wird dadurch sehr stark betont und intensiviert. OK, die Endtitel sind bösestes 80er-Jahre Synthiegedudel, aber sogar dieses hat an der Stelle einen gewissen Charme. Die Schauspieler, allen voran Tomas Milian als Herodes, Pamela Salem als Herodias und Fabrizio Bentivoglio als Yockanaan, sind hervorragend. Tomas Milian spielt ruhig und lässig, was dem Charakter sehr viel Tiefe verleiht (und außerdem schaut er mit den buschigen Augenbrauen und dem Vollbart aus wie Franco Nero!). Hervorzuheben ist auf jeden Fall Tim Woodward, der als General Nerva eine Spitzenvorstellung als arroganter und machthungriger General gibt wie man sie nur selten sieht.

Die italienische DVD hat ein grauenhaft schlechtes Bild und nur italienische Untertitel, aber ein paar Mal hab ich mir sogar überlegt, dass das schlechte Bild der düsteren Stimmung nur entgegenkommt. Somit fehlen mir für eine schlussendliche Beurteilung dann leider die Italienischkenntnisse, und es bleibt als Resümee nur, dass der Film sich durchaus lohnt, wenngleich der Sinn so mancher Handlung aus sprachlichen Gründen verborgen bleibt.

7/10

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 20.12.2013 19:19 
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Coffy - Die Raubkatze
Coffy
USA 1973
Regie: Jack Hill
Pam Grier, Booker Bradshaw, Robert DoQui, Sid Haig, Allan Arbus, William Elliott, Barry Cahill, Lee de Broux, Ruben Moreno


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Tagsüber (so mehr oder weniger) ist Coffy (Pam Grier) Krankenschwester, in der Nacht zieht sie mit einer Schrotflinte umher und rächt sich an den Dealern die das Leben ihrer kleinen Schwester zerstört haben. Als einer ihrer Freunde, ein aufrechter Cop (William Elliott) übel zusammengeschlagen wird weil er sich nicht bestechen lassen will, schlüpft sie in die Rolle einer Edelnutte um an die Leute im Hintergrund heranzukommen. Ein gefährlicher Plan, der sie mit der Mafia in Konflikt kommen lässt. Und die machen ja normalerweise keine Gefangenen.

2 Jahre vor FOXY BROWN hat Pam Grier hier ihren ersten Auftritt als schwarze Rächerin. Noch nicht so übertrieben, nicht so tough, zwar schon durchsetzungsfähig, aber eben auch noch ein gutes Stück verletzlicher, ist die Reihenfolge in der die beiden Filme gesehen werden wohl entscheidend. In meinem Fall war FOXY BROWN der erste, weswegen mir Pam Grier hier ein kleines bisschen zu soft ist. Sieht man die Filme andersherum dürfte COFFY der bessere sein, weil er eben noch nicht so comichaft ist.

Nichtsdestrotrotz ein gigantisches Stückchen Kino. Eine der aufregendsten Frauen der Filmgeschichte nimmt eine Schrotflinte (woher eigentlich?) und ballert dem üblen Dealer in (ganz kurzer) Großaufnahme die Rübe weg. Danach geht’s ab ins Körbchen und es wird alles gezeigt was es zu zeigen gibt. Heimatland, da werden niedrige Bedürfnisse noch richtig schamlos gestillt, und der geneigte Zuschauer freut sich einfach nur noch. Die Kostüme der schwarzen Zuhälter sind die Oberwucht (Robert DoQui als King George im gelben Strampler mit Umhang – da wird jede richtige Frau schwach …), und der böse Mafiosi (Allan Arbus) wird tatsächlich von Atze Schröder gespielt. Und wo schwache weiße Männer noch altmodisch eine Tür eintreten, da fährt Coffy einfach mit dem Auto direkt bis ins Wohnzimmer. Auch sehr nett finde ich die Szene, in welcher der Polizeiwagen auf dem Dach liegt und aus dem Inneren Hilferufe ertönen. Coffy versucht jetzt nicht etwa zu helfen, sondern langt vorsichtig hinein, holt sich die Schrotflinte, und schaut zu wie das Auto in Brand gerät. Da hat wohl jemand definitiv schlechte Laune …

Ehrlich, so viel Spaß hatte ich seit langem nicht mehr. Die deutsche Synchro scheint noch mal einen draufzulegen, wobei der Originalton eher ernst gehalten ist. Dazu ein paar funkige Rhythmen, ein sehr schöner Catfight inmitten eines Salatbüffets (und ja, die Dekolletés gehen IMMER an den richtigen Stellen kaputt), ein wenig Frauenmisshandlung, und als Sahnehäubchen Sid Haig als mafiöser Killer. Zurücklehnen und genießen!!

7/10

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Last edited by Schmutziger_Maulwurf on 20.12.2013 19:32, edited 1 time in total.

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 20.12.2013 19:29 
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Shortbus
Shortbus
USA 2006
Regie: John Cameron Mitchell
Sook-Yin Lee, Paul Dawson, Lindsay Beamish, PJ DeBoy, Jay Brennan, Raphael Barker


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Ein Haufen junger Leute haben Probleme rund um den Sex: Die Beziehungstherapeutin Sofia (Sook-Yin Lee) hatte noch nie einen Orgasmus. Jamie und James (PJ DeBoy, Paul Dawson) lieben sich sehr innig, aber James hat böse Depressionen. Die Domina Severin (Lindsay Beamish) erwartet vom Leben einen Mann, einen Hund und ein Haus. Und alle treffen sich früher oder später im Club Shortbus, machen Orgien, und lösen damit so mehr oder weniger ihre Probleme.

Man kann dem Film auf jeden Fall mal zugute halten, dass er es als amerikanischer Film wagt Geschlechtsteile und Sex in Großaufnahme zu zeigen. Warum dies aber in Form eines Dramas geschehen muss, das hat sich mir leider nicht erschlossen. Als Komödie hätte SHORTBUS ziemlich gut funktioniert, die Geschichten sind nicht uninteressant, die Schauspieler sind außerordentlich gut und geben wirklich alles, und wenn das mit etwas Witz inszeniert worden wäre, dann wären anderthalb vergnügliche Stunden sicher gewesen.

Aber leider ist das Thema ernst angegangen worden, was zum Beispiel dazu führt, dass sich Jamie und James nach dem missglückten Selbstmordversuch James’ zu irre trauriger Musik durch 2 Fenster und über eine Straße hinweg (Achtung Symbolgehalt!) ganz lange anstarren. Was nun aber leider, trotz der Gefühle die von den Schauspielern dabei tatsächlich transportiert werden können, einfach an den Begriff Langeweile grenzt. Die Monologe des früheren Bürgermeisters (Alan Mandell) sind auch so ein Beispiel für den möglicherweise verzweifelten Versuch europäische Arthaus-Filme nachzuahmen. Hauptsache kopflastig und schwermütig und melancholisch – in den USA schaut sich das wegen der Nacktszenen eh keiner an (ein intellektueller Film mit einem PG18-Rating? Das KANN nicht funktionieren), dann müssen wohl solche Momente her, damit sich wenigstens die Europäer das antun …

Von daher wurde hier leider die Chance verpasst einen frechen und lustigen und erotischen Film zu drehen der Spaß macht, und die Zuschauer hätte animieren können, sie mit einem Kopf voller frivoler Gedanken nach Hause geschickt hätte. Dass es trotzdem noch 6 Punkte werden ist den wie erwähnt spitzenmäßig aufspielenden Schauspielern zu verdanken, und den durchaus gelungenen Szenen im Club, die nämlich genau solche frivolen Gedanken entstehen lassen.

Und jetzt hätte ich gerne ein französisches Remake …

6/10

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 21.12.2013 09:47 
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Magnolia
Magnolia
USA 1999
Regie: Paul Thomas Anderson
Tom Cruise, Julianne Moore, Jason Robards, John C. Reilly, Philip Seymour Hoffman, Philip Baker Hall, William H. Macy, Melora Walters


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Äußerst lose miteinander verwobene Geschichten über Eltern und ihre Kinder, über Schuld und Reue, über verpasste Chancen und einsame Entscheidungen: Ein unterbelichteter Bulle (John C. Reilly) verliebt sich in eine Kokserin (Melora Walters), die von ihrem Vater als Kind missbraucht wurde. Der wiederum (Philip Baker Hall) ist ein beliebter Fernsehmoderator, in dessen seit 33 Jahren laufendem Quiz sich ein hochintelligentes Kind (Jeremy Blackman) gerade zum Deppen macht. Der Produzent der Sendung (Jason Robards) liegt im Sterben und will seinen verstoßenen Sohn (Tom Cruise) ein letztes Mal sehen, weswegen der Pfleger (Philip Seymour Hoffman) etwas am Rad dreht. Und am Schluss fallen Frösche vom Himmel, damit in dem Film überhaupt irgendwas erinnerungswürdiges passiert.

Sehen Sie, ich bin Drehbuchautor und Regisseur, und habe da eine großartige Idee für einen Film. Es geht um Zufälle, bzw. um Nicht-Zufälle, um Vorgänge die auf unheimliche Art und Weise zusammenhängen. Wir nehmen zum Beispiel eine Person, die begegnet auf der Straße einer anderen Person, und beide leben in der gleichen Stadt – Ist das nicht Wahnsinn??? Man kann dann auch noch ein wenig aufdrehen und behaupten, beide hätten Kinder, wenn das nicht zu unglaubwürdig klingt. Muss man mal schauen. Auf jeden Fall habe ich da ein Drehbuch geschrieben, das hat so ungefähr 5 Seiten, und damit wir da einen 3-Stunden-Film mit voll bekommen, stecken wir da jede Menge schwachsinniges Gerede rein, und die Schauspieler dürfen ganz arg lang in die Kamera stieren. Letzte Woche hab ich Jason Robards in der Sauna getroffen, ja genau DEN Jason Robards, und der hat zugesagt dass er mitspielt, damit ich keinem verrate was er für einen kleinen hat. Na ja, und mit dem Namen vorneweg, da bekommen wir doch die ganzen großen Superstars in Hollywood dazu, meinen Sie nicht? Ich sehe schon Tom Cruise und William H. Macy und so …

Was? Damit füllen wir höchstens anderthalb Stunden? OK, also zum einen lassen wir Jason Robards einfach seinen gesamten Text doppelt aufsagen, das schindet schon mal Zeit. Oder dreimal. Und dann hab ich da einen Kumpel, der kann am Computer tolle GEMA-freie Musik erstellen, die lassen wir einfach die ganze Zeit laufen, dann fällt es auch gar nicht auf wenn einfach mal nichts passiert. Und mein Kumpel, der hat eine Schwester, die kann ganz toll Gitarre spielen, die macht das Titellied und singt dazu. Man muss ihr zwar irgendwann die Gitarre wieder mit Gewalt wegnehmen damit sie aufhört, aber dafür ist es billig. Das Geld das wir da sparen, das können wir dann ja wieder in den Ankauf von Zelluloid stecken, dann filmen wir z.B. 5 Minuten lang Philip Seymour Hoffman wie er weint, oder 10 Minuten lang Julianne Moore wie sie einen Nervenzusammenbruch hat, das kommt immer gut. Die Zuschauer denken sie sehen Gefühlskino und die Kritiker sind begeistert weil es endlich mal nicht ständig rummst und kracht. Für sie als Produzent auch ganz fein: Wir lassen kein Auto explodieren, was natürlich enorm Kosten spart. Außerdem werden die Schauspieler dankbar sein, dass sie mal was anderes als diese ewigen Actionfilme machen dürfen, und legen sich erst so richtig ins Zeug.

Und am Schluss, hören sie, am Schluss habe ich eine ganz tolle Idee für einen Special Effect, das hat noch keiner gemacht: Wir lassen Frösche von Himmel regnen, da können sich alle Zuschauer dran erinnern und hinterher sagen sie waren in dem Film wo es Frösche regnet. Was das für einen Sinn hat? Geld verdienen … Ach so, die Frösche? Ääh, da warten wir mal was die Kritiker sagen, die finden schon einen Sinn dahinter. Kommen wir ins Geschäft?

3/10

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PostPosted: 26.12.2013 22:53 
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Chicago Poker
Truck Turner
USA 19754
Regie: Jonathan Kaplan
Isaac Hayes, Yaphet Kotto, Alan Weeks, Annazette Chase, Nichelle Nichols, Sam Laws, Paul Harris, Charles Cyphers, Scatman Crothers


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Mack Truck Turner (Isaac Hayes) und sein Kumpel Jerry (Alan Weeks) sind Kopfgeldjäger die für ein Kautionsbüro arbeiten. Der Auftrag den Zuhälter Gator (Paul Harris) zu fangen geht schief, Gator stirbt bei der Festnahme. Seine Freundin Dorinda (Nichelle Nichols) ist daraufhin stocksauer, engagiert einen Haufen Konkurrenten und Gangster, und eröffnet die Jagd auf Truck Turner. Der wehrt sich zuerst noch ganz manierlich, aber als die Katze seiner Freundin (Annazette Chase) getötet wird greift er zur Waffe und macht alles platt was bei 3 nicht auf den Bäumen ist.

Und wer denkt dass Steve McQueen cool gewesen sei, oder Mickey Rourke, oder am Ende vielleicht sogar Ryan Gosling (muhaha), der hat Isaac Hayes noch nicht gesehen wie er seine Freundin aus dem Knast abholt: Sie:„Hast Du mir wenigstens Blumen mitgebracht?“ Er:„Ich habe Bier mitgebracht“ und hält ein Sixpack hoch. Versucht das mal im wirklichen Leben und lernt was Coolness wirklich bedeutet.
Jonathan Kaplan sieht das wohl genauso, und fängt Isaac Hayes beim Töten in einer gigantisch coolen Pose ein: Immer beim finalen Schuss mit ausgestrecktem Arm zoomt die Kamera die Wumme ganz groß ran, und irgendwo dahinter steht das „schwarze Schokopaket“ (Originaltext aus dem Film) und schaut cool – WUMM … Macht mächtig was her, und in der Szene auf dem Dach ist er auch noch oben ohne und in Cowboystiefeln zu sehen …
Überhaupt, die Kleidung. Ich habe glaube ich noch nie so viel mies gekleidete Männer auf einem Haufen gesehen wie hier. Wer denkt MACHO MAN überschreitet die Grenze des debilen Klamottengeschmacks, der hat noch nicht TRUCK TURNER gesehen. Hier laufen nicht nur die Zuhälter und Dealer in Karnevalskostümen rum, sondern sogar die Killer. Die Mädels wiederum sind durch die Bank sehr ansprechend verpackt, und selbst wenn sie so gar nichts zeigen dürfen, ist das Geschenkpapier doch sehr schnieke. Auch Lt. Uhura Nichelle Nichols darf als ruchlose Rächerin mal so richtig vom Leder ziehen und andeuten, was dem ausschließlichem Enterprise-Fan auf ewig verborgen bleiben wird.

Die Schiessereien sind actionreich und blutig, die Musik groovt außerordentlich (ist sie doch auch vom Großmeister des Souls Isaac Hayes höchstpersönlich), die Autos sind purer Sex (allein beim Anblick des goldenen Plymouth Barracuda können mir die Mädels gestohlen bleiben), und die Handlung lässt keinerlei Langeweile aufkommen und enthält praktisch keinerlei Leerlauf. Insgesamt ein Riesenspaß für alle, die auf coole schwarze Männer mit Riesenwummen stehen.

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 27.12.2013 11:18 
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Octopussy
Octopussy
Großbritannien/USA 1983
Regie: John Glen
Roger Moore, Maud Adams, Louis Jourdan, Kristina Wayborn, Kabir Bedi, Steven Berkoff, David Meyer, Tony Meyer, Desmond Llewelyn


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Ein britischer Agent wird tot mit der Kopie eines Fabergé-Eis gefunden. James Bond (Roger Moore) folgt bei der Versteigerung des Eis dem geheimnisvollen Kamal Khan (Louis Jourdan) nach Indien, wo er auf den Schmugglerring der schönen Octopussy (Maud Adams) stößt. Was er nicht weiß ist, dass Octopussy von dem KGB-General Orlov (Steven Berkoff) nur ausgenutzt wird um einen viel böseren Plan umzusetzen: Es geht darum, in einer amerikanischen Garnison in Deutschland eine Atombombe explodieren zu lassen.

Was erwartet man von einem typischen Bond? Schöne Autos – Fehlt. Schöne Frauen, die reihenweise flachgelegt werden – Vorhanden. Wilde Actionszenen – Vorhanden. Eine noch wildere Handlung – Vorhanden. Gadgets ohne Ende – Vorhanden. Also ein typischer Bond, und der klassische Bondfan sieht Roger Moore und sehnt sich nach den alten Connery-Zeiten.
Doch halt, irgendwas ist hier anders. OCTOPUSSY ist tatsächlich relativ rauh in der Gangart, die Bösewichter sterben manchmal recht ruppig, und auch der Verzicht auf Hunderte exotische Schauplätze fällt auf: Die Handlung spielt (vom Teaser abgesehen) in Indien, Karl-Marx-Stadt (sic!) und einem fiktiven amerikanischen Militärstützpunkt in Westdeutschland. Die Handlung ist nicht so straightforward wie in den anderen Bonds dieser Zeit, in denen die Actionszenen nur durch angedeuteten Sex unterbrochen werden. Im Gegenteil, hier findet tatsächlich noch Handlung statt, und die wie üblich hervorragend gemachten Actionszenen werden durch Gespräche verbunden.
Was OCTOPUSSY aber vor allem auszeichnet ist ein gewisser Trash-Charme. Ob die Oberschnecke nun Octopussy oder Sumuru heisst ist vollkommen unerheblich, aber wenn ein Haufen gut aussehender, spannend verpackter und durchtrainierter junger Mädchen mit Akrobatik und Waffen ein Schloss stürmt und die Männer platt macht, dann ist für alle Eurospy-Fans Party angesagt. Vor allem die Schlussszenen im Schloss sind kein Hollywoodsches Nonsens-Geballer sondern wirklich charmant gemacht. Und dass Bond selber am Ende der letzten Verfolgungsjagd bewusstlos wird, auch das passt da in das Bild. Ob das nun daran gelegen haben mag dass 1983 zwei Bonds gedreht wurden (SAG NIEMALS NIE ist ebenfalls 1983 in die Kinos gekommen), und dass der Konkurrenz ein menschlicherer Bond entgegengesetzt werden sollte, das kann man heute nicht mehr sagen. Fakt ist aber, dass dieser menschliche Faktor dem Film extrem gut tut und ihn weit über das Bond-Mittelmaß hinaushebt. Schade nur, dass diese Anwandlungen im nächsten Film wieder vorbei waren.
Und somit ist OCTOPUSSY tatsächlich nach LIEBESGRÜSSE AUS MOSKAU mein zweitliebster Bondfilm. Sehenswert!

Zum Filmplakat sei übrigens noch angemerkt, dass Moore als gelernter Trickfilmzeichner den Entwurf des Plakats um einen neunten Arm erweitert hatte, der etwas tiefer greift und Moore unterhalb der Mitte fest umfängt ;o)

8/10

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Vampires - Verstecken war gestern
Vampires
Belgien 2009
Regie: Vincent Lannoo
Carlo Ferrante, Vera van Dooren, Pierre Lognay, Fleur Lise Heuet, Alexandra Kamp, Julien Doré, Paul Ahmarani


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„Vor 3 Jahren wurde unsere Firma beauftragt einen Dokumentarfilm über die Vampirgemeinde von Belgien zu drehen. Da uns diese Aufgabe faszinierte schickten wir eine Filmcrew los. Es lief nicht gut …“
So beginnt ein faszinierender Einblick in den Alltag (bzw. –nacht) einer ganz gewöhnlichen Vampirfamilie in Belgien. Das Familienleben, die pubertierende Tochter die sich in einen Menschen verliebt, die Untermieter die manchmal einfach zu aufdringlich sind, Nahrungsbeschaffung und –aufbewahrung … Probleme die jeder kennt. Über einen längeren Zeitraum begleitet das Filmteam die Familie zuerst in Belgien und später in ihrem erzwungenem Exil in Kanada: Vater Georges (Carlo Ferrante) der versucht die Familie zusammenzuhalten, die etwas verspielte Mutter Bertha (Vera van Dooren), Sohn Samson (Pierre Lognay) ist ein Twen der nur für Party und Sex lebt, und Tochter Grace (Fleur Lise Heuet) die gerade pubertiert, in pink herumläuft, und gerne ein Mensch wäre.

Und immer ist die Kamera hautnah dabei, teilweise kommentiert von den Vampiren. Und wenn die Untermieter versuchen den Freund der Familie auf ihre Seite zu ziehen und sich anschließend furchtbar schämen, dann wird auch nicht abgeschaltet, sondern die Kamera hält drauf, so wie es aus Hunderten von Reality-Soaps bekannt ist. Und die Authentizität wird gnadenlos durchgehalten: Ein verängstigter illegaler Schwarzer wird vorbeigebracht, als späteres Essen. Er fürchtet sich, aber in dem Augenblick wo er die Kamera sieht fängt er das Grinsen an und radebrecht „Belgien ein schönes Land ist“. Später landet er dann selbstverständlich auf dem Tisch, aber die Tochter mag nicht essen: „Seit 3 Wochen essen wir nur Schwarze, ich kann die nicht mehr riechen“. Im Gegenzug ist ihre Freude, als sie einen nagelneuen pinkfarbenen Sarg bekommt, umso größer.
Bedingt durch ein paar Probleme innerhalb der Vampirgemeinde muss die Familie sehr schnell von Belgien nach Kanada umsiedeln. Georges und Bertha sind äußerst deprimiert, Georges muss sogar arbeiten! Grace wird geradezu depressiv, was ihr eine merkwürdige Metamorphose ermöglicht, nur Samson ist im Land der unbegrenzten Möglichkeiten glücklich. Er verliebt sich in einen Menschen, „arbeitet“ als Straßenmusiker, und ist einfach total begeistert von seinem neuen Leben. Und immer ist die Kamera dabei, immer sind die Dialoge schmerzhaft echt, und das Lachen bleibt einem oft im Halse stecken – die Unterschiede zwischen den Geissens und der Vampirfamilie sind verschwindend gering.

Erwähnenswert ist noch „Fleisch“, eine junge Frau die im Kühlschrank lebt und als regelmäßiges Abendessen fungiert. Man darf ihr aber nicht zu viel Blut auf einmal aussaugen, damit sie nicht stirbt. Im Interview erklärt sie sich mit ihrem Leben recht zufrieden, und wenn sie Samson im Zug nach London ihren Arm anbietet, damit er (Samson, nicht der Arm) keine Angst mehr zu haben braucht, dann zeigt sich dass auch „Fleisch“ ein Teil der Familie ist.

Von daher: Anrührend, schmerzhaft echt, und reichlich eigen. Flämisches Kino at its best!!

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PostPosted: 29.12.2013 18:25 
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Black Max - Der Pate von Harlem
Black Caesar
USA 1973
Regie: Larry Cohen
Fred Williamson, Gloria Hendry, Art Lund, D’Urville Martin, Philip Roye, Julius Harris, William Wellman jr., Minnie Gentry, Val Avery


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Aufstieg und Fall des Schuhputzers Tommy Gibbs (Fred Williamson) zum Paten vom Harlem. Mit Hilfe von Bestechung, Erpressung, Mord, und einiger Bauernschläue schafft Tommy es sogar die Mafia auszubooten, aber zum Schluss hat er sich dann halt einfach zu viele Feinde gemacht.

Ich weiß nicht, ich weiß nicht … Der Anfang legt ja noch richtig schmackig los, wenn der junge Schuhputzer Tommy als Schutzgeldüberbringer eingesetzt wird, dabei an den schurkigen Polizisten McKinney (Art Lund) gerät und wegen dem erstmal für 8 Jahre einwandert. Als er wieder frei ist hat er vieles gelernt (sagt er zumindest) und will ganz groß rauskommen. Er reißt sich ein paar alte Erpressungsunterlagen unter den Nagel, mit denen er unter anderem McKinney in der Hand hat, schart ein paar alte Kumpels um sich, denen er vorgaukelt, dass er was für die Armen in Harlem tun will, und beginnt Karriere zu machen. Und hier, nach etwa 20 bis 30 Minuten, verliert der Film irgendwie an Fahrt. Die zeitlichen Abstände zwischen den Aktionen werden (ohne besondere Hinweise) immer größer, und die Beziehungen zu seinen Freunden und Partnern werden nie wirklich geklärt. Ist Joe (Philip Roye) wirklich so dumm Tommy nicht zu durchschauen, dass dieser nur ein Gangster ist und kein Wohltäter? Ist der Mafiatyp (Val Avery) tatsächlich nur ein weinerlicher Depp, der nicht merkt wenn er Macht verliert? Hat Helen (Gloria Hendry) gar keine Möglichkeit sich von Tommy zu lösen, außer ihn mit seinem besten Freund zu betrügen?

Sprich, die Figurenzeichnung ist nicht so richtig überzeugend. Wenn der schwer verletzte Tommy bei seinem ältesten Freund Rufus (D’Urville Martin) sitzt, hat dieser tatsächlich nichts anderes im Sinn als Gott um Heilung anzuflehen. Bei einer abgedrehten Komödie wäre die Situation sehr komisch gewesen, BLACK MAX möchte aber keine Komödie sein sondern ein harter Gangsterfilm. Und dafür werden zum einen die Figuren nicht genügend zueinander in Beziehung gesetzt, zum anderen sind die Schauspieler oft auch recht theatralisch. Vor allem Fred Williamson agiert manchmal wie im Stummfilm. In seiner Mimik und seinem Ausdruck erinnert er mich sehr oft an Jason Statham, dieser ist allerdings erheblich bodenständiger und kann seine Coolness wirklich aus dem Ärmel schütteln. Williamson hingegen versucht durch überzogenes Spiel Coolness zu erzeugen, und das funktioniert auf Dauer nicht. Stattdessen wirkt er eher wie ein Schauspieler, der versucht einen coolen schwarzen Gangster darzustellen …

Mag aber vielleicht auch an Regie und Drehbuch liegen: Andere Helden klappen nach einem Schuss in die Seite um und bleiben liegen, Williamson hingegen rennt noch stundenlang durch New York UND kann noch Rache an McKinney nehmen UND rennt weiter durch New York. Und wenn er dann am Ende des Filmes von ein paar jungen Schwarzen erschlagen wird, dann ist die Botschaft „Hätte er mal lieber das Geld den Bedürftigen gespendet, so wie er es zu Beginn behauptet hatte“ schon mit einem Holzhammer dahergebracht worden. Und der Kontrast zwischen der Upper Class, in der sich Tommy die letzte Stunde bewegt hat, und dem Slum in dem er stirbt, der kommt schon reichlich abrupt daher. Da fragt man sich, über welches Imperium Tommy eigentlich geherrscht hat? Die 5th Avenue?

Bleibt als Ärgernis noch das äußerst ausgewalzte Verhältnis zu seinen Eltern, das man zugunsten der Handlung auch erheblich hätte verknappen können, und auf der Habenseite die funkige Musik von James Brown (Der Titelsong „Down and out in New York City“ hat definitiv Schmackes) und die viel zu wenigen durchaus gelungenen Actionszenen. Aber das Gesamtbild ist halt nicht so ganz stimmig, zu oft fragt man sich nach dem Sinn oder Unsinn eines Handlungsstrangs. Und von daher leider nur 5 von 10 Schuhputzsets.

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 03.01.2014 18:06 
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Vier im roten Kreis
Le cercle rouge
Frankreich/Italien 1970
Regie: Jean-Pierre Melville
Alain Delon, Gian-Maria Volonté, Yves Montand, Bourvil, Francois Perrier, Paul Crauchet, Paul Amiot, Pierre Collet, André Ekyan


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Corey (Alain Delon) wird aus dem Gefängnis entlassen. Während er nach Paris fährt, flüchtet Vogel (Gian-Maria Volonté) im Kofferraum von Coreys Auto. Die beiden freunden sich an und planen das nächste große Ding, den Überfall auf einen Juwelier in Paris. Dafür benötigen sie die Hilfe des früheren Scharfschützen Jansen (Yves Montand). Aber der Kommissar Mattei (Bourvil) ist Vogel hart auf den Fersen.

Zwei Männer auf einem tristen und einsamen Feld. Mann 1 hat eine Pistole. Mann 2 raucht. Sie schauen sich an. Mann 1 fragt, ob er von Mann 2 beim Verstecken im Kofferraum beobachtet wurde. Mann 2 bejaht. Mann 1 fragt leicht erstaunt, ob Mann 2 keine Angst gehabt hätte. Mann 2 fragt nur lakonisch zurück: „Wovor?“
Dergestalt sind die Beziehungen zwischen den Protagonisten – man ist schweigsam und loyal. Es gibt in dieser Welt keine Frauen, nur Männer, Waffen, und Vertrauen. So zeugt das Einverständnis zwischen Corey und Vogel während des Heists von absolutem Vertrauen und von großer Freundschaft. Es scheint als ob die beiden sich blindlings verstehen würden. Und dann kommt Jansen dazu, ebenfalls schweigsam. Er erledigt seinen Job und geht wieder. Einfach so. Er weiß, dass seine Freunde ihren Teil des Jobs problemlos abwickeln, er vertraut ihnen.

Melvilles Filme spielen oft in dieser Welt, gleich ob es sich um Kriegs- oder um Gangsterfilme handelt. Und so ist neben dem Vertrauen auch das Thema Verrat oft sehr wichtig – wenn Lino Ventura in ARMEE IM SCHATTEN nicht weiß ob er seinem Nebenmann vertrauen kann, oder ob ihn dieser an die Deutschen verraten hat, oder wenn in DER CHEF eine eingeschworene Gruppe von Gangstern aufgebrochen wird, weil einer, ein einziger, den Verhörmethoden nicht standgehalten hat. Und auch in VIER IM ROTEN KREIS ist das Thema Verrat wieder da. Durch die Nähe der Hauptdarsteller dieses Mal besonders schmerzhaft, weil Vogel und Corey dem Zuschauer sympathisch sind, und weil Jansen allein dadurch, dass er seine Alkoholsucht überwindet, beim Zuschauer punktet. Und weil der relativ menschliche und nicht unsympathische Verfolger, Kommissar Mattei, seine Anweisungen von einem besonders widerwärtigem Vorgesetzten bekommt, der alle Menschen unter Generalverdacht stellt, auch den Kommissar.

Dieses genaue Beobachten der Menschen und ihrer Beziehungen untereinander, das konnte Melville so gut wie wenige andere. Und während Filme von Eric Rohmer eher mal wirken wie das berühmte Trocknen von Farbe, hat Melville seine Beobachtungen in extrem spannende Krimis gepackt, die er dann mit den besten verfügbaren Schauspielern besetzt hat. Delon, Volonté, Montand, und nicht zu vergessen der Komödiant Bourvil, der hier zeigt wie gut er ernst konnte (auch wenn er mich öfters an die gallisch-lakonische Version von CI5-Chef Gordon Jackson erinnert), alle 4 sind auf der Höhe ihrer Kunst, und es ist wirklich ein Genuss ihnen zuzuschauen. Hinzu kommen geniale Nebendarsteller (Paul Crauchet und Francois Perrier um nur 2 zu nennen), und Filmkunst die ebenfalls auf dem absoluten Höhepunkt ist. Der Einbruch beim Juwelier ist Rififi-mäßig fast in Echtzeit gedreht, ohne Musik, nur durch die wenigen Geräusche des Einbruchs begleitet. Und so was von spannend. Auch die Art, wie Melville Farben und Stimmungen eingesetzt hat, ist sehr beachtenswert – die Bilder der Fahrt von Marseille nach Paris, inmitten einer öden und oft grauen Landschaft, sind so sparsam wie beeindruckend. Vor diesem kaum existenten Hintergrund können die Schauspieler erst so richtig aufspielen, und das wortkarge Verhalten vor der leeren Landschaft hinterlässt tiefen Eindruck. Mir drängt sich öfters das Bild eines Regisseurs auf, der wie ein Chirurg arbeitet, und der mit einem scharfen Skalpell aus einer existierenden Geschichte genau die Bilder und Stimmungen freilegt, die seine Absicht bebildern, und alles andere und überflüssige einfach wegschneidet.

Fazit: Ein sehr spannender und nachdrücklicher Ausflug in eine Welt der Freundschaft und der Loyalität, aber auch der Melancholie. Ein Film, dessen Bilder hängen bleiben, und den man ohne Abnutzungserscheinungen immer wieder sehen und neue Facetten entdecken kann. Genial. Einfach nur genial …

9/10

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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