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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: DER MANN, DER SICH VERKAUFTE - Josef von Báky
PostPosted: 28.02.2019 16:19 
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"Der Mann, der sich verkaufte" (Deutschland 1959)
mit: Hansjörg Felmy, Kurt Ehrhardt, Hildegard Knef, Ernst Schröder, Antje Weisgerber, Katharina Matz, Fritz Schmiedel, Karl-Georg Saebisch, Fritz Tillmann, Hans Paetsch, Ruth Hausmeister, Erwin Linder, Ruth Grossi, Günther Jerschke, Karl-Heinz Kreienbaum, Reinhold Nietschmann, Walter Grüters, Hans Leibelt, Robert Meyn, Manfred Steffen, Gerlach Fiedler u.a. | Drehbuch: Erich Kuby nach einer Idee von Olav Herfeldt und Wolf Neumeister | Regie: Josef von Báky

Als Carl Sending sein Nobelhotel für Geschäftsreisende eröffnet, findet sich dort alles ein, was in der Stadt Rang und Namen hat. Reporter Nico Jost von der Zeitung "FWZ" erhält brisantes Enthüllungsmaterial über den Hotelier, als dieser seine Privatsekretärin fristlos entlässt. Mit den Dokumenten in der Hand will Jost beweisen, dass der Aufstieg Sendings auf krummen Pfaden geschah, der Verleger der Tageszeitung unterstützt ihn dabei und regt eine Reportage-Serie unter dem Titel "Schwarzer Markt und weiße Westen" an. Wegen der schlechten Presse nehmen die Hotelbuchungen rapide ab und alte Geschäftsfreunde fallen Sending in den Rücken. Doch dessen Schwester und seine Frau wollen die Schmutzkampagne, die gegen Sending gefahren wird, nicht stillschweigend hinnehmen. Bald kommt es zu überraschenden Wendungen, die Jost in die Bredouille bringen....

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Macht und deren Missbrauch konterkarieren sich in Josef von Bákys Kolportagefilm, der in Zeiten des Boulevard-Journalismus über eine Tageszeitung berichtet, deren Informationsauftrag weit über den Berufsethos der Branche hinausgeht und seine bundesweite Verbreitung dazu nutzt, um ein Exempel zu statuieren und zu beweisen, dass sich die Presse nicht vom Status eines Bürgers täuschen und vereinnahmen lässt. Der gesellschaftliche Aufstieg des Hoteldirektors Sending vom Schwarzmarkt- und Devisenschieber zum bewunderten Gastgeber eleganter Feste, wird unter der Quarzlampe des Journalismus durchleuchtet und ans Tageslicht gezerrt, wo Millionen Leser gespannt auf jedes Detail warten. Es ist zugleich eine Abrechnung mit alten Feindbildern und neuen Reizfiguren, deren Vergangenheit mit den Trümmern beseitigt wurde und deren Existenz in den Jahren nach dem Krieg gut kaschiert worden ist. Dunkle Familiengeheimnisse, kleine Gaunereien oder gar große Verbrechen verschwanden aus dem Gedächtnis der Öffentlichkeit und waren nur noch - wenn überhaupt - im Privaten weiterhin präsent. Vieles wurde mit den schwierigen Verhältnissen jener Jahre oder einer allgemeinen Gleichgültigkeit, die aus Abstumpfung resultierte, gerechtfertigt. Die Frage nach den Beweggründen der Aufdecker fördert unterschiedliche Motive zutage, die von Rache, Neid, Geltungsdrang oder Missgunst bis zum Idealismus und dem Wunsch nach Sühne reichen. Alte Rechnungen scheinen noch offen zu sein; der Verleger führt zweifellos andere Gründe ins Feld als der aufstrebende Jungreporter, der hier die Story seines Lebens wittert. Bezeichnenderweise geht es nie um das eigentliche Mordopfer, von dem der Zuschauer außer seinem Namen nichts erfährt. Statt den Hauptverdächtigen und die Zielscheibe seiner Reportage selbst zu befragen, drückt sich der Journalist Nico Jost vor einem Treffen, das ihm unangenehm vor Augen führen könnte, dass jede Geschichte aus zwei Perspektiven erzählt werden kann. So eignet er sich möglichst viel belastendes Material an und bedient sich dabei raffinierter, nicht legaler Methoden. Durch den Erfolg wagemutig geworden und von seinem Verleger angefeuert, steigert sich Nico Jost immer mehr in die Enthüllungsserie hinein und nimmt subtile Anzeichen, welche ihn zur Vorsicht rufen, nicht wahr. Wo er einerseits fest von der Schuld des Hoteliers überzeugt ist, glaubt er andererseits bedingungslos belastend auftretenden Zeitzeugen, ohne deren Leumund bzw. deren Wahrheitsliebe zu überprüfen.

Der Film bemüht sich, die Sympathien radikal zu verschieben, indem er seinen Hauptdarsteller moralisch diskreditiert und ihm dadurch den Schutz entzieht, der die Hauptfigur üblicherweise vor einem Sturz ins Bodenlose bewahrt. Dabei spricht die Ausgangslage zunächst durchaus für den Reporter Jost. Carl Sending wird als unangenehme Führungskraft gezeigt, die ihre Mitarbeiter in einem Anflug von Unbeherrschtheit fristlos entlässt und im Streben nach Erfolg rücksichtslos hohe Risiken eingeht. Kurt Ehrhardt meistert diesen Part in unaufdringlicher Weise, entspricht er schon allein aufgrund seiner Physiognomie mehr dem sinisteren Schwarzmarkthändler als dem strahlenden Grandseigneur, der mit der Hautevolee auf du und du steht. Seine verschrobene Art ermöglicht es ihm, sich wie ein Fuchs in seinen Bau zurückzuziehen, als der Boden unter seinen Füßen heiß wird und ihn die Tagespresse mit immer aggressiveren Schlagzeilen zu vernichten droht. Der populäre Hansjörg Felmy ist eine gute Wahl für den Enthüllungsjournalisten, hat er doch sein Image nie nur in eine Richtung kultiviert, sondern stand oftmals für negativ behaftete Charaktere vor der Kamera und bewies damit seine Unberechenbarkeit in Bezug auf die Moral der Figuren. Die Handlung verdichtet sich immer mehr und kreist um eine baldige Klimax, die durch neue Erkenntnisse und das Verschieben personeller Schwerpunkte spannungsfördernd hinausgezögert wird. Josef von Báky achtet auf eine ausgewogene Positionierung seiner Darsteller und gibt jeder Figur die Möglichkeit, sich zu profilieren und den jeweiligen Charakter greifbar zu machen. Das Kesseltreiben mündet in subtile, leise Momente, welche die Geschichte in die unspektakuläre, nüchterne Wahrheit zurückführen und den Sensationsjournalismus mit einem Schlag billig und unseriös dastehen lassen. Freilich bezieht der Film hier eindeutig Stellung und die moralischen Fingerzeige sind mehr als einmal zu sehen. Die Demontage einer Person des öffentlichen Lebens und die Verantwortung, welche die Presse trägt, stellen interessante Anreize dar, welche den Film in seiner Gesamtheit sehenswert machen. Vor allem ist es jedoch das Engagement der Schauspieler, das für die hohe Qualität steht und dem schwierigen Thema, das stets polarisiert, eine glaubhafte Bühne errichtet, obwohl die Inszenierung teilweise zu behäbig voranschreitet. Vermutlich liegen hier die Gründe für den mäßigen Erfolg der Produktion, die auf jeden Fall einen zweiten Blick wert ist.


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