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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: DER KÖNIG DER BERNINA - Alfred Lehner
PostPosted: 14.07.2019 13:23 
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"Der König der Bernina" (Österreich / Schweiz 1957)
mit: Helmuth Schneider, Waltraut Haas, Ellen Schwiers, Walter Janssen, Heinrich Gretler, Sepp Rist, Erich Auer, Helmut Schmid, Leopold Esterle, Franz Messner, Inge Konradi, Erich Dörner, Walter Stummvoll, Jenny Rausnitz, Alfred Böhm, Meriam Ben-Abteslam u.a. | Drehbuch: Karl Heinz Busse nach dem Roman von Jakob Christoph Heer | Regie: Alfred Lehner

Markus Paltram kehrt nach vielen Jahren wieder in sein Heimatdorf zurück, wo sein Vater seinerzeit wegen angeblichen Mordes aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wurde. Freunde findet Markus in Pfarrer Tass und dessen Nichte Cilgia, doch auch die Zigeunerin Pia zeigt Interesse an dem unkonventionellen Mann, der die freie Jagd verbieten und das Gebiet unter Naturschutz stellen lassen will. Er zieht damit den Unmut des stolzen Seni auf sich, der es nicht gewohnt ist, dass sich ihm jemand in den Weg stellt. Als Paltram einem Österreicher auf der Flucht vor den Franzosen über die Grenze hilft, fordert Seni, den Rivalen auszuweisen....

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Obwohl sich das Genre des Heimatfilms vor allem in den Fünfziger Jahren großer Popularität erfreute und jenen ein Gefühl der Geborgenheit gab, die während des Zweiten Weltkriegs Verluste erlitten und Trost in der Erinnerung an glücklichere Zeiten suchten, setzte der Trend zur Volksliteratur bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein. Mit dem Aufkommen des Kunstprodukts Film wurden beliebte Romane von Autoren wie Ludwig Ganghofer auf die Leinwand gebracht. Das Buch von Jakob Christoph Heer wurde im Jahr 1900 veröffentlicht und bedient sich einer spannenden Geschichte mit farbenprächtigen Charakteren, wobei sich dem Genre entsprechend Stereotypen ebenso finden wie sich Rebellen herauskristallisieren, die schwer in die Kategorien Gut und Böse einzureihen sind. In "Der König der Bernina" bildet sich der augenfälligste Kontrast in den beiden weiblichen Hauptfiguren, wobei die schwarzhaarige, temperamentvolle Pia impulsiv und berechnend ist, während die blonde, bodenständige Cilgia um das Wohl anderer besorgt ist und sich durch ihr empathisches Wesen die Sympathie ihrer Umgebung sichert. Pia ist unruhig und launisch, während Cilgia den Ausgleich sucht. Markus Paltram, in dessen Brust zwei Seelen wohnen, vereint Eigenschaften beider Frauen in seinem Charakter. Auch er setzt sich beispielsweise für Mensch und Tier ein, reagiert jedoch aufbrausend und unberechenbar, wenn er glaubt, hintergangen zu werden. Diese Zerrissenheit macht ihn zum Opfer von Intrigen und setzt seine Integrität herab. Mühsam Erkämpftes wird durch unbedachtes Handeln zunichte gemacht und Personen, die ihm wohlgesonnen sind, vor den Kopf gestoßen. Im Kontext einer ländlichen Umgebung, in der über jede Aktion mit Argusaugen gewacht und geurteilt wird, erweist sich dieses Verhalten als doppelt nachteilig. Konflikte verschiedener Art erschweren das tägliche Leben in einem Umfeld, das Vorurteile durch Abschottung gegen Außen pflegt und an Traditionen und Werten festhält, die anderswo bereits ins Wanken geraten sind. Die Berge als letzte Bastion einer heilen Welt, in der das ursprünglich Gute noch unverfälscht existiert, bilden den beliebtesten Hintergrund für den Heimatfilm, der seine Strahlkraft zu einem großen Teil aus den Landschaftsaufnahmen zieht. Neben kraftvollen Figuren, die oftmals Klischeevorstellungen bedienen, stellen die Natur, ein bäuerliches Umfeld oder bestimmte Berufszweige die Zutaten für eine Idylle, die nach festen Prinzipien geordnet ist. Imposante Panorama-Aufnahmen von Gebirgsketten, der Heide oder glitzernden Seen sprechen die Gefühlswelt des Publikums an, das mit diesen Bildern Glück und Geborgenheit assoziiert.

Die Besetzung der Hauptrollen mit Helmuth Schneider, Waltraut Haas und Ellen Schwiers erweist sich als überaus stimmig. Sie stehen für bestimmte Tugenden und Charaktereigenschaften, die sich vorzüglich für die polarisierende Welt des Heimatfilms eignen, in der fesche Jäger, ruchlose Wilderer und tüchtige Sennerinnen das menschliche Lokalkolorit stellen. Die Simplifizierung der Figuren dient einem besseren Verständnis für ein breites Publikum, das nach klaren Abgrenzungen verlangt und eine deutliche Botschaft erwartet. Helmuth Schneider, der sich bereits früh international umsah und in den USA und Südamerika auf der Bühne stand, wurde nach seiner Rückkehr nach Deutschland gern im beliebten Heimatfilm besetzt. Der vielseitig interessierte Mime legte sich jedoch nicht nur auf solche Rollen fest, sondern suchte bald darauf in Italien nach einer neuen schauspielerischen Herausforderung. Sein Markus Paltram vereint diese Aufgeschlossenheit für alternative Möglichkeiten, wobei die Etappen seines Lebens nur kurz umrissen werden. "Der König der Bernina" deutet Vieles nur an und verweilt nicht auf schmerzvollen Erfahrungen, um die Handlung im Sinne einer zuversichtlichen Lebenseinstellung voranzutreiben. Waltraut Haas ist der Ruhepol und "das holde Glück", das sich durch jene Eigenschaften auszeichnet, die für eine ehrenwerte Frau stehen. Im Gegensatz zur weitaus simpler gestrickten Inge Konradi, die eine Leistung zeigt, wie sie in einem drittklassigen Bauerntheater zu finden ist, beweist Haas, dass sie als Sympathieträgerin durchaus auf eigenen Füßen steht und ihre Meinung mit Nachdruck vertritt. Ellen Schwiers obliegt es, dem Paar Prügel in den Weg zu werfen und sie entwickelt dabei gefährliche Züge der Missgunst und der Rache. Auf sich allein gestellt, muss sie ohne soziales Netz auskommen und kämpft verzweifelt um die Aufmerksamkeit jenes Mannes, in dem sie einen Gleichgesinnten erkennt. Die Waffen einer Frau setzt sie geschickt und unnachgiebig ein, was sie von den tugendhaften Dorfbewohnerinnen unterscheidet. Bezeichnenderweise ist es der Pfarrer, der sich trotz der strengen Vorgaben seines Amtes durch Güte und Weitsicht auszeichnet und dem Mob die Stirn bietet. Die Solidarität mit den Ausgestoßenen steht dabei im Kontrast zur Selbstgefälligkeit von Seni und seinen Freunden, wobei Helmut Schmids Physiognomie allein für eine latente Bedrohung sorgt, die mit Imponiergehabe einhergeht. Er steht für das klassische Mannsbild jener Tage, das sich seines Reviers sicher war und jeder Neuerung skeptisch gegenüberstand.

Fazit: Die Schicksalshaftigkeit und das Streben nach Glück finden in "Der König der Bernina" einen dankbaren Boden. Der Film zeichnet sich durch unterhaltsame Spannung aus, die durch seine engagierten Mimen glaubhaft wird und für dunkle Wolken am blauen Himmel der beeindruckenden Schweizer Bergwelt sorgt. Linderte der Film, der übrigens kein kommerzieller Erfolg war, seinerzeit die nostalgischen Sehnsüchte des Publikums, stellt er heute eine interessante Zeitstudie dar, die durch das treffsichere Schauspielensemble ihren Mehrwert erhält.


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