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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: IN GEFAHR UND GRÖßTER NOT BRINGT DER MITTELWEG DEN TOD - Reitz/Kluge
PostPosted: 03.03.2015 12:40 
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In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod
BRD 1974
Regie: Edgar Reitz, Alexander Kluge
Kamera: Edgar Reitz
Musik: Guiseppe Verdi, Richard Wagner
Darsteller: Dagmar Bödderich als Beischlafdiebin Inge Maier, Jutta Winkelmann als kommunistische Spionin Rita Müller-Eisert, Alfred Edel als Bundestagsabgeordneter Alfred Bieringer, Norbert äh(?) als Max Endrich


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„Du brauchst andere Themen, Rita. Ich zum Beispiel habe gestern den Schlüsselloch-Report (1973) gesehen. Der zeigt das Schicksal von zwölf Frauen, wie sie praktisch so in die Anschaffungsbahn gekommen sind. Das war natürlich ganz interessant. In unserer Republik wird das praktisch abgelehnt. Und wir sind nicht in dieser Bran[s]che tätig. Aber wir wollen uns ja auch mal ein bisschen in diese Richtung informieren. Um dann auch darüber später berichten zu können.” Der DDR-Spion gibt seiner Untergebenen in Frankfurt sachdienliche Hinweise, wo überall Themen für Spionage zu finden sind.

Es ist die Bundesrepublik. Es ist Hessen. Es ist Frankfurt am Main. Es ist das Jahr 1974. Das Leben ist eine Schlacht. Häuserkampf. Kommunistische Spione. Schlüsselloch-Report. Beischlafdiebe. Karneval. Schnurbärte. Hohe Politik und der unvermeidliche Geschlechtsverkehr. Der Film imitiert einen Dokumentarfilm. Es ist die „Sprechweise öffentlicher Ereignisse”, Männer und Frauen sprechen in die Kameras und erzählen von sich und ihren kleinlichen Nöten. Von ihren Erfolgen, von ungerechtfertigten Baustellen und Werkzeugdiebstählen durch Polizisten.

Doch der Film konzentriert sich auf einige wenige Personen. Eine davon ist Inge Maier, von Berufswegen Beischlafdiebin. Das was die Männer versprechen, erweist sich nachträglich immer als zu wenig. Für dieses Defizit nehme ich ihre Brieftaschen an mich. Das macht mich nicht glücklich, aber ich komme auf meine Kosten. Einer der Männer ist der Polizeipräsident einer mittleren Großstadt. Sie halten im Cabrio im Grünen. Sie gleitet mit der Hand in seinen Schlüpfer und zupft die Beamtenwurst. Er genießt und potenziert die Geilheit durch das Trinken des Gurkenwassers aus der Konserve. Er bietet ihr auch einen Schluck an. Mit der rechten Hand, die linke umschlingt ihre Schultern, reicht er das Glas wortlos hinüber. Er ist ja kein Unmensch, er teilt es so sehr wie er seine Leberwurststulle teilen wird. Sie lehnt ab und bestiehlt ihn abschließend. Selten wurde mehr Undank in einem Film eingefangen.
Den Rest des Filmes wird die frivole Banditin und sexuell aktive Obdachlose mit ihren Koffern durch die Stadt ziehen. In diesen Kofferszenen erinnert sie an Anita G. aus Kluges „Abschied von Gestern”. Anita schlitterte unschuldig in ihre Lebenssituation und schlug sich als kleinkriminelle Obdachlose durch eine Großstadt. Auch in Abschied von Gestern gab es einen Auftritt Alfred Edels als Mann der Macht, der ihr Leben zerstört. Auch hier tritt Edel auf als Bundestagsabgeordneter Alfred Bieringer. Ein Gockel und ein Hochgenuss. Doch in diesem Film ohne Verbindung zur Gesetzesbrecherin.

Gibt es ein Leben vor dem Tod?

Doch um Edel geht es nicht, kommen wir wieder zum Plebs. Rita Müller ist eine DDR-Spionin. Ihr Mann ist aus dem Ausland und liest „Marx im Original”. Er wird wieder und wieder eingeblendet, vor dem Küchentisch kniend und laut zitierend. Er ist belehrend und wenig attraktiv. Doch nach einem Auftrag wird er nicht zurückkommen. Vielleicht ist er tot. Vielleicht ausgewandert. Rita ist auf sich gestellt. Sie muss ihren Vorgesetzten Rechenschaft ablegen und von Frankfurt berichten. Doch diese sind unzufrieden mit ihr. Einen 25-seitigen Essay gibt sie ab. Doch keine Fakten sind enthalten, es sind Gefühle. Sie forscht keine Staatsgeheimnisse aus, sondern betrachtet den Alltag und fotografiert Abrisshäuser. Die Chefmänner brüllen vor Wut.
„Klassenkampf sind Fakten, Gefühle zählen nicht, Fakten zählen” wird sie bei einem konspirativen Treffen im Auto angeherrscht. Sie, die Marx lesen, wollen es nicht so langatmig. Rita wird mit dem Rad flüchten, sie packt den gesammelten Marx in die Taschen und fährt los. Sie wird auf einer Astrophysikertagung landen und eifrig mitschreiben.

Durch die Mitarbeit von Edgar Reitz wirkt der Kluge-Film ungehemmter, offener und wilder. Hier sammelt sich auch mehr Witz, auch platterer, als bei dem Professor sonst üblich. Das, was sie vor die Kamera zerren, ist schwer verdaulich. Die Wirklichkeit der Siebziger ist eine Hölle. Das Regisseur-Duo schubst den armen Zuschauer in eine Karnevalsveranstaltung in einer Multifunktionshalle, dabei kommt es zu Büttenreden, so emotional gehalten wie die Jahrestagung der Sparkasse. Da zwingen sie den Filmgucker, Jungunternehmern beim sprechen in die Kamera mit grotesken Textenungeheuern zuzuschauen. Texte, die so auch in käuflichen Regionalzeitungen gedruckt werden könnten. Dazwischen Diskussionen aus einer Diskussionsfreudigen Zeit. Polizisten liefern sich Wortgefechte mit Aufständischen. Bauarbeiter mit Anwohnern. Arbeitnehmer mit Arbeitgebern. Es ist ein kaleidoskopisches Inferno. Doch im Gegensatz zu den abstoßenden Worten stehen die Stadtaufnahmen und die Kamera ist wirklich Klasse. Die alten Autos und schönen Häuserzeilen sind eine Wohltat. Werbebanden und sogar die Wolken sahen damals schöner aus. Insgesamt ist das alles so witzig wie tragisch. Bevor Rita zu ihrem schlüpfernen Vorgesetzten muss, geschlechtsverkehrt sie noch flugs einen Fremdmann.

Meinungen: Der Film lohnt sich. Vielleicht nicht für jeden. Aber für mich als zu-spät-geborener, der die Zeit, in der schnurbärtige Polizisten Gummiledermäntel trugen und vor langhaarigen Taugenichtsen den behördlichen Werkzeugdiebstahl rechtfertigten, ist das eine Wonne. Das Manko des Films ist, dass Alfred Edel so wenig Spielzeit bekam.


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„Ich bin seit 1. Januar 1974 junger Unternehmer. Ich bin nach Frankfurt gekommen: Früher habe ich als Schüler in einer Schule lesen und schreiben gelernt und bin nach Frankfurt gekommen um zu lernen, mich auch in der Öffentlichkeit zu artikulieren, denn als junger Unternehmer habe ich einfach auch die Verantwortung, mich gesellschaftspolitisch richtig verständlich zu machen. Ich bin nun erfolgreich. Mein Geheimnis: Fleiß, offen, sauber.”



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"Ich habe eine gewisse Übersicht, die Lage ist hochkompliziert."



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"I can cope with alienation technique as long as the girls get their tits out."


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