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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: JONATHAN - Hans W. Geißendörfer
PostPosted: 23.05.2016 16:28 
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JONATHAN

● JONATHAN / VAMPIRE STERBEN NICHT (D|1970)
mit Jürgen Jung, Hans Dieter Jendreyko, Hertha von Walther, Oskar von Schab, Sofie Strehlow,
Ilona Grübel, Gaby Herbst, Ulrike Luderer, Henry Liposca, Arthur Brauss und Paul Albert Krumm
eine Produktion der Iduna Film | Telepool | im Obelisk Filmverleih
ein Film von Hans W. Geißendörfer


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»Es gibt Küsse für uns alle!«

Mitte des 19. Jahrhunderts wird eine gesamte ländliche Region im Schutze der Abgelegenheit von einem Vampir-Grafen (Paul Albert Krumm) und dessen Gefolgschaft beherrscht. Die Menschen werden nicht nur unterdrückt und gefangen gehalten, sondern dienen auch als Lebensgrundlage für die blutdürstigen Gestalten. Es gibt keinen kollektiven Widerstand, kein Auflehnen gegen die schlimmen Bedingungen, bis einige wenige Bewohner einen Aufstand üben, so zum Beispiel der Student Jonathan (Jürgen Jung), der mit einigen seiner Kollegen und ihrem Professor (Oskar von Schab) aufs Ganze gehen. Jonathan wird entsandt, um das Schloss des Grafen auszukundschaften, doch bereits auf seiner Reise dorthin lauern entsetzliche Eindrücke und tödliche Gefahren. Werden sich die Aufständischen von diesem Terror befreien können...?

Bereits nach wenigen Szenen in Hans W. Geißendörfers Erstlingswerk wird klar, dass man es nicht gerade mit einem Film rund ums klassische Vampir-Thema zu tun bekommen wird, beziehungsweise der Verlauf mutet alles andere als konventionell an. Dem entgegen steht allerdings eine Geschichte, die mit einer sterilen Erzählstruktur zu kämpfen hat und sich daher beinahe hauptsächlich auf die Bildsprache verlässt, die zugegebenermaßen sehr eindringlich ausgefallen ist. Der Verlauf irritiert mit einem vollkommen destruktiven Charakter und offenbart schließlich eine eher politisch gefärbte Parabel, was aber alles andere als uninteressant ist. Man begleitet also einen Verlauf, der von vorne bis hinten mit Tod und Verderben durchzogen ist und sich jeglichen Lichtblick verbietet, worauf auch das beunruhigende Element basiert. Bemerkenswert bleibt die Tatsache, dass es sich um einen deutschen Genre-Beitrag handelt, der sich in jeder Beziehung von der Konkurrenz des Inlandes und anderen Artgenossen abheben wird. Der besondere Vorteil bei "Jonathan" ergibt sich aus der konsequenten Strategie, dass hier eben nicht hauptsächlich ein Märchen-Charakter transportiert wird und sich der Film dem Eindruck nach todernst nimmt, was ja nicht immer ein Hemmschuh sein muss. Irritierend bei diesem stilistisch sehr hochwertigen Film bleibt, dass die Regie die von vorne herein überaus negativen Voraussetzungen immer wieder zu negieren versucht, was sich nicht nur auf die Schreckensherrschaft der Vampir-Armee beschränkt, sondern gleichzeitig auch auf das unterjochte Fußvolk überträgt, sodass nur mit sehr wenigen Protagonisten gerechnet werden darf, die allerdings nicht auf einem Silbertablett serviert werden. Die Szenerie pendelt zwischen Prunk und Armut hin und her, die kalte Bildsprache erlaubt sich nur Farbtupfer in Form von Blut und die herbstliche Atmosphäre sorgt unter anderem für ein Übermaß an depressivem Tenor.

Eine komplette Region wird von einem Tyrannen beherrscht, die Menschen sind nicht nur Arbeitstiere, sondern gleichzeitig Basis für das Fortbestehen dieser Herrschaft, da sie als Nahrung herhalten müssen. Die Bewohner kennen das karge Dasein in gar keiner anderen Form, denn permanent schwebt der Tod über ihren Köpfen, der somit im doppelten Sinn zum Leben gehört. Ein Auflehnen kommt nicht zustande, da die Obrigkeit jeden Aufruhr und eigene Gedanken im Keim erstickt. Lediglich die Hauptfigur "Jonathan", einige andere Studenten und deren Professor üben einen Aufstand, der frei nach dem Motto geht, dass man etwas besseres als den Tod überall finden kann. Der Protagonist wird dargestellt von dem relativ unbekannten Jürgen Jung, der es in seiner kleinen Karriere lediglich auf ein halbes Dutzend Filme brachte, dafür aber in namhaften deutschen Gene-Produktionen wie beispielsweise "Jet Generation", "Mädchen, Mädchen" oder "Zuckerbrot und Peitsche" partizipierte. Er tut sich trotz seiner Hauptrolle und der damit verbundenen, obligatorischen Präsenz nicht zwingend hervor, weil es im Sinne der Geschichte nämlich keiner tut, und man sich quasi auf drei Gruppen als Ganzes konzentriert. Die Darsteller stellen eine bunte Mischung aus bekannten Namen oder solchen, die noch welche werden sollten heraus, doch eines haben sie alle gemeinsam, denn ihr Einsatz bietet von großen Überraschungen bis Präzisionsauftritten alles was man sich vorstellen kann. So zum Beispiel Star des deutschen Kinos der 20er- und 30er-Jahre, Hertha von Walther, die ihre Szenen beunruhigend dominiert, spätere Stammschauspieler deutscher Serien wie Ilona Grübel, Gaby Herbst, Thomas Astan oder Wilfried Klaus, und Paul Albert Krumm in der Rolle des gefährlichen Vampir-Grafen, der sich mit einer erstaunlichen Leitung besondere Erwähnung erspielen kann.

Bekannt für schwierige Rollen und zwielichtige Charaktere, scheint der Berliner hier ganz ungewöhnliche Register zu ziehen. Die Glaubwürdigkeit seiner Rolle basiert auf mehreren Komponenten, denn man nimmt die nötige geheimnisvolle Präsenz wahr, die beunruhigend, bestimmend und faszinierend zugleich wirkt. In nahezu aristokratischer Ausstrahlung, schwebt er als Blutsauger durch die Szenen, der ansonsten nicht einmal mit den altbekannten Attributen der gängigen Vampir-Schablone ausgestattet wurde, die hier ohnehin nur sekundär transportiert werden. In Besetzungsfragen sieht man schlussendlich sehr ausgefeilte Leistungen in einer intelligenten Geschichte, deren Aufbau zwar über weite Strecken unscheinbar anmutet, aber zwischen den Zeilen sehr viele Botschaften vermitteln möchte. Im Bereich der Effekte bekommt man etliche Kniffe geboten, die sich Todeszeitpunkte zwar oftmals diskret ersparen, aber sich dafür an vollendeten Tatsachen orientieren. Schrecklich zugerichtete Leichen und ausgesaugte Tiere pflastern den Weg zum Schloss, laut Regie wurden die Tiere in diesen Szenen nur betäubt, allerdings gibt es mindestens eine Szene, in der dies nicht der Fall war, denn Jochen Busse zertrampelt eine lebende Ratte in drei Anläufen. Hier gibt es als Verstärker auch Kostproben barbarischer Foltermethoden, die im Kontext Glaube und Kirche auch gerne in Hexenfilmen Veranschaulichung fanden. Die Musik stammt von Roland Kovać, die unterschiedliche Eindrücke zu vermitteln versucht und sich phasenweise mit dem Tenor des Films beißt. Die ganz großen Stärken entstehen durch die Verbindung mit Klassik und große Momente entstehen in Szenen die mit Edvard Griegs "Ases Tod" oder "Dernier printemps" unterlegt sind. Es ließe sich sicherlich noch viel zu Geißendörfers Debüt sagen, das seinerzeit mit dem Prädikat »wertvoll« ausgezeichnet wurde, doch abschließend sei nur noch angemerkt, dass der Beitrag zumindest als Einheit gesehen äußerst sehenswert ist, aber bei Weitem auch nicht jeden Geschmack treffen dürfte.


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 Post subject: Re: JONATHAN - Hans W. Geißendörfer
PostPosted: 23.05.2016 22:40 
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Der Trailer zu "Jonathan" fasst den Film recht gut zusammen und man bekommt eine Idee von der vorhandenen Ausstattung, der düsteren Grundstimmung und vor allem der eindringlichen Musik, die auch viele Choräle beinhaltet, die der besonderen Atmosphäre sehr zuträglich sind. Der Film ist wirklich hervorragend choreografiert. Anscheinend beinhaltet der Trailer auch Szenen, die in der Fassung der ARTHAUS-Reihe von Kinowelt nicht enthalten sind, zumindest sieht es auf den ersten Blick so aus. Laut "Das Lexikon des internationalen Films" heißt es: »Leider kam dieser interessante Versuch gegen den Willen des Regisseurs nur in einer umgearbeiteten Fassung in den Verleih.«


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 Post subject: Re: JONATHAN - Hans W. Geißendörfer
PostPosted: 24.05.2016 12:22 
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Ich habe mich bisher nicht an den Film rangetraut.

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 Post subject: Re: JONATHAN - Hans W. Geißendörfer
PostPosted: 24.05.2016 17:53 
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Das geht mir hierbei so ähnlich, obwohl es eigentlich keinen konkreten Grund dafür gibt. :?
Hatte irgendwann mal angefangen den Film zu schauen, bin aber an diesem Tag in keinster Weise damit warm geworden (was heute aber nichts mehr zu heißen vermag) und habe die Session dann bereits nach 15 Minuten wieder beendet. Aber werde Geißendörfers Debut bestimmt demnächst mal wieder eine Chance einräumen... :)


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 Post subject: Re: JONATHAN - Hans W. Geißendörfer
PostPosted: 24.05.2016 18:24 
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Bei mir gibt es einen konkreten Grund, nämlich Rolf Giesens Kino wie es keiner mag, das ich als junger Mensch leider mehrmals verschlungen habe. Seitdem habe ich eine ziemliche Hemmschwelle gegenüber anspruchsvollem deutschem Kino der 70er-Jahre, von Herzog/Kinski mal abgesehen. Geißendörfer kommt in dem Schinken zwar nicht vor, aber der Widerwille ist einfach da.

Ein Grund mehr, Giesen dieses Machwerk mal irgendwann quer in den Mund zu stopfen. Und Deine Besprechung, Prisma, macht Lust den Film mal anzusehen ...!

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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 Post subject: Re: JONATHAN - Hans W. Geißendörfer
PostPosted: 24.05.2016 20:46 
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Ich kann mich da nur anschließen, denn die DVD habe ich schon sehr lange hier, hatte aber auch nie große Lust mir den Film anzuschauen. Komischerweise habe ich die Inszenierung während der Sichtung eher negativ reflektiert, also es fühlte sich nicht so an, als ob er mir letztlich gefallen würde. Bei der Betrachtung von "Jonathan" als Einheit konnte mich der Film dann unterm Strich mehr als überzeugen, unterschwellig sogar faszinieren, wenngleich es sicherlich keiner ist, den man sich dann so schnell wieder anschauen wird. Ich weiß nicht wie er bei euch ankommen wird, das kann ich in diesem Fall überhaupt nicht einschätzen, weil da zwischen Stehen und Fallen nicht allzu viel Spielraum besteht. Bin aber schon sehr gespannt auf eure Meinungen, wie gesagt, ich sehe da eigentlich alle Möglichkeiten offen.


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 Post subject: Re: JONATHAN - Hans W. Geißendörfer
PostPosted: 03.06.2017 11:43 
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Prisma wrote:
Komischerweise habe ich die Inszenierung während der Sichtung eher negativ reflektiert, also es fühlte sich nicht so an, als ob er mir letztlich gefallen würde. Bei der Betrachtung von "Jonathan" als Einheit konnte mich der Film dann unterm Strich mehr als überzeugen, unterschwellig sogar faszinieren, wenngleich es sicherlich keiner ist, den man sich dann so schnell wieder anschauen wird.

Ging mir witzigerweise genauso, und erst das interessante Interview mit dem sympathischen Hans W. Geissendörfer hat mir die Qualitäten des Films ein wenig besser zeigen können.

Geissendörfer sagt im Interview unter anderem, dass es damals eine andere Filmsprache hatte, und dass es ganz natürlich war in langen Einstellungen zu drehen. „Solange der Schauspieler choreografiert werden konnte, gab es keinen Grund zwischenzuscheiden.“ Für heutige Verhältnisse natürlich ein Unding, und wenn man sich so einen Film anschauen möchte, sollte man entsprechend ein wenig Geduld mitbringen, und nicht gleich in der ersten Plansequenz unruhig nach der Uhr schielen. Sich mit älteren Kunstwerken auseinanderzusetzen heißt ja auch immer, sich mit der Sprache einer anderen Zeit zu beschäftigen.

Im Fall von JONATHAN bedeutet dies, dass der Zuschauer sich an schier endlosen Kamerafahrten erfreuen kann, die technisch sicher nicht einfach waren, und immens Stimmung aufbauen. Es bedeutet aber auch, sich an Dialogen zu „erfreuen“, die in ihrer Künstlichkeit nicht immer leicht zu ertragen sind. Geissendörfer gibt ganz klar zu, dass ihm Dialog nicht wichtig ist, sondern dass er über die Bilder arbeitet. Nun gut, ist man heutzutage eben auch nicht mehr gewohnt. Und es bedeutet, eine glasklare Allegorie zu sehen auf das Verhältnis zwischen Kapitalisten (= Blutsaugern) und Studenten (= Revolutionäre). Was heutzutage ebenfalls etwas überholt und manchmal fast ein klein wenig peinlich wirken kann.

Sprich: JONATHAN macht es dem heutigen Zuschauer nicht ganz einfach. Entschleunigung, eine (meist) starke Symbiose zwischen erstklassiger Musik und Bild, oft ein wenig merkwürdig agierende Schauspieler, und eine sinister-bedrohliche Atmosphäre des Verfalls und der Zersetzung einerseits und einer überbordenden Dekadenz andererseits, zaubern großartige und dunkle Momente auf den Bildschirm (im Kino wirkt der Film bestimmt wesentlich eindrucksvoller als auf dem TV!). So man gewillt ist sich darauf einzulassen, wird man mit einem kleinen und feinen Film voller ruhiger und magischer Momente überrascht, der halt, aus heutiger Sicht, etwas Füllmaterial zwischen diesen Momenten hat. Aber lohnenswert ist er allemal!

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 Post subject: Re: JONATHAN - Hans W. Geißendörfer
PostPosted: 03.06.2017 20:33 
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...... ein schönes EDV-Update würde ich mir hier auch gefallen lassen .... auch wenn mir absolute Erst-VÖ`s respektive die bereits anvisierten Knaller, die kommen sollen/können, immer wichtiger wären ;)

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Psychotronikfilmfreak


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