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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: STRANDGUT - Wolfgang Petersen
PostPosted: 05.12.2015 13:22 
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● Folge 19: TATORT - STRANDGUT (D|1972)
mit Klaus Schwarzkopf, Wolf Roth und Klaus Höhne
Gäste: Ingeborg Schöner, Wolfgang Kieling, Rolf Zacher, Dieter Kirchlechner und Heidy Bohlen
eine Gemeinschaftsproduktion der ARD | mit dem O.R.F | eine Sendung des NDR
Regie: Wolfgang Petersen



Auf Sylt betreiben die Brüder Helmut und Karli Possky (Dieter Kirchlechner und Rolf Zacher) ein sehr lukratives Geschäft, indem sie solvente Herren in ihrem Urlaub erpressen. Zu diesem Zweck setzen sie die beiden attraktiven Damen Christa (Heidy Bohlen) und Manuela (Ingeborg Schöner) auf lohnende Objekte an, um in eindeutigen Situationen kompromittierende Fotos zu schießen. Als sich Christa mit dem angehenden Staatssekretär Warrlau (Ulrich Matschoss) einlässt, sich aber in ihn verliebt, beschließt sie, aus dem Geschäft auszusteigen, sehr zum Unmut der beiden Brüder, zumal Manuela sich mit dem selben Gedanken trägt, da sie mittlerweile mit dem Arzt Dr. Kühne (Wolfgang Kieling) liiert ist. In der Zwischenzeit reist Kommissar Finke (Klaus Schwarzkopf) mit seinem Assistenten Jessner (Wolf Roth) nach Sylt, um die Erpressungsserie aufzudecken, und als nach einem Discobesuch auch noch die Leiche von Christa am Strand angespült wird, beißen sie bei den ohnehin schon schwierigen Befragungen endgültig auf Granit...

Wolfgang Petersen inszenierte in den Jahren von 1971 bis 1977 sechs "Tatort"-Fälle, die mir seinem Klassiker "Reifezeugnis" ihren Abschluss fanden. Der Kommissar-Finke-Fall "Strandgut" war bereits der zweite Beitrag des Emdener Regisseurs und kann zunächst mit dem herrlichen Schauplatz Sylt auftrumpfen, der in dieser neunzehnten Episode nicht nur für Nötigung und Erpressung, sondern auch für Mord dienen wird. Der Einstieg wird mit der klassisch gefärbten, und der trügerisch-einladenden Musik von Nils Sustrate geebnet, man sieht den Tatort Strand und die Wellen des Meeres, die verheißungsvoll das repräsentieren, was in diesem teilweise kraftvollen Verlauf alles noch zutage gebracht werden wird. Das Thema wird schnell durch zwei vermeintliche Voyeure eingeleitet, die sich in den Dünen verbergen, um eine pikante Situation, die allerdings selbst von ihnen konstruiert wurde, im Bilde festzuhalten. Die Bildgewalt entsteht nicht nur durch das besondere Setting, sondern vor allem durch die atemberaubende Heidy Bohlen, die wie so oft ohne Textilien auszukommen hatte, um ihre Strandgüter präsentieren zu können. Petersen gelingt es trotz der Zurschaustellung dieser Angelegenheit blendend, eine gewisse Intimität und Ruhe zu vermitteln. Hinzu kommt, dass in dieser dennoch überaus exponierten Situation nahezu spürbare Eindrücke zu greifen beginnen, die für Atmosphäre sorgen. Man hört den Wind, glaubt ihn beinahe zu spüren, die charakteristische Geräuschkulisse wird lediglich durch die beiden Fotografen gestört, die hin und wieder fluchen, wenn ihr Lockvogel Christa das Bild verdeckt und die Kamera gewährt insgesamt eine bemerkenswerte Nähe, vor allem im Zusammenhang mit Heidy Bohlen. Der Dialog mit ihrem wesentlich älteren Liebhaber diktiert eine nervöse Marschroute, die von Besorgnis und Angst durchzogen ist und bereits nach kürzester Zeit ahnt der Zuschauer nichts Gutes.

In der Anfangsphase wird man daher Zeuge eines recht straffen Tempos, bis es zu den Nachforschungen durch Kommissar Finke und seinen Assistenten Jessner kommt. Die Inszenierung erlaubt sich den Luxus der breit gefächerten Ermittlungsarbeit, die auch den Löwenanteil dieser Folge mit einer überdurchschnittlichen Länge ausmachen wird. Es ist daher nicht zu leugnen, dass sich gewisse Aussetzer in diesem bewusst detaillierten Verlauf breit machen, der phasenweise etwas zu behäbig im Erzählfluss wirkt, jedoch die Aufmerksamkeit glücklicherweise mit gelungenen Ergebnissen und Kehrtwendungen immer wieder forcieren kann. Hierzu trägt zunächst weniger der Kriminalfall, als der Kreis der Schauspieler bei, der durch die Bank mit dynamischen Leistungen überzeugen kann. Klaus Schwarzkopf als Kommissar vermittelt eine Ruhe und Besonnenheit, die in wichtigen Situationen allerdings auch dominante Formen annehmen kann. Wolf Roth als seine rechte Hand wirkt wie das eigentliche Pendant zu ihm, als welches er sich vermutlich mit viel diplomatischen Verstand an die Bedürfnisse seines Chefs angepasst hat. Da beide diese Episode so gut wie tragen werden, ist es als Glücksfall zu bezeichnen, dass dieses Duo so gut miteinander harmoniert und schließlich auch funktioniert, denn die darstellerischen Leistungen offerieren Finessen und Fingerspitzengefühl. Als weiteres erwähnenswertes Gespann verfolgt man Rolf Zacher und Dieter Kirchlechner mit kritischem Auge, beide geben den schmierigen Kleinkriminellen mit der lukrativen Geschäftsidee die passenden Gesichter. Wolfgang Kieling und Klaus Höhne erfreuen ebenfalls mit Interpretationen des gehobeneren Niveaus und überhaupt stellt "Strandgut" einen der frühen Besetzungsknüller der laufenden Serie dar. Die heimlichen Stars der Episode nehmen schlussendlich durch Ingeborg Schöner und Heidy Bohlen Gestalt an, und man sieht mit ihnen Charaktere, die das Schicksal von Täter und Opfer zugleich teilen.

Die beiden Frauen, und attraktiven Zugpferde für Erpressung, wollen endgültig aussteigen. Allerdings stellt sich in Windeseile heraus, dass es leichtere Vorhaben gibt. Ingeborg Schöner konnte man insbesondere innerhalb dieses Zeitfensters in für sie alternativ angelegten, und tiefgründigeren Rollen sehen, was ihre schauspielerischen Fähigkeiten in einem beeindruckenden Licht erscheinen ließ. Heidy Bohlen hingegen beobachtet man sehr interessiert in einer ihrer obligatorischen Rollen, doch man vernimmt auch bei ihr deutliche Unterschiede. Als sie am Strand angespült wird, entstehen ganz bemerkenswerte, beziehungsweise empfunden authentische Szenen, als die Wellen die Bewegungen ihres leblosen Körpers choreografieren und zweifellos sieht man eine von Bohlens bestechendsten Leistungen in ihrer leider so übersichtlichen Filmografie. Das anfängliche Gaunerspiel weicht somit zugunsten der Frage, ob es sich um Mord gehandelt hat oder nicht, und es entstehen interessante Verstrickungen, bei denen man die unterschiedlichsten Personen kennenlernt. Kommissar Finke und Jessner haben ab sofort alle Hände voll zu tun, daher teilt man sich die Arbeit auf, für ein synchrones Ablaufen der Ermittlungen. Die unterschiedlichen Richtungen transportieren ein breites Spektrum und die vielen Möglichkeiten der verschiedenen Plot-Fragmente werden in ein überzeugendes Finale münden. Diese späte Twist-an-Twist-Strategie kann sicherlich als etwas zu konstruiert bezeichnet werden, allerdings gibt es Überraschungsmomente, die nachhaltig in Erinnerung bleiben, nicht zuletzt aufgrund eines verwirrenden Elements. Insgesamt stellt Wolfgang Petersens "Tatort"-Beitrag einen elegant und sicher inszenierten Kriminalfall mit Weitsicht und Raffinesse dar, der unterhaltend, überraschend und tragisch zugleich wirkt. Die herrliche Kulisse lässt zusätzlich eine bedeutende Atmosphäre entstehen, sodass sich bei diesem Fall abschließend nur sagen lässt, dass er sehr gelungen ist.


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