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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: NEKROMANTIK 2 - Jörg Buttgereit
PostPosted: 29.10.2019 09:59 
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Nekromantik 2 (D 1991, Regie: Jörg Buttgereit)

Monika (Monika M.) kann den Tod ihres einstigen Geliebten Robert, der am Ende von Teil 1 Selbstmord beging, nicht verkraften. Sie exhumiert Roberts Leiche und schleppt sie in ihre Wohnung, um ihn zumindest körperlich bei sich zu haben. Sie zerstückelt den toten Körper und behält nur Kopf und Penis. Wenig später lernt Monika den Porno-Synchronsprecher Mark (Mark Reeder) kennen, der sie ihre nekrophile Liebe zu Robert fast vergessen lässt. So scheint es zumindest. (OFDb)

Nach "Nekromantik" war klar, dass Jörg Buttgereit den Boden der Amateuerproduktionen endgültig verlassen hatte. Zwar drehte man immer noch mit selbstgebastelten Effekten, Laiendarstellern und unter Guerillabedingungen, aber die Ambitionen wurden ernsthafter, künstlerischer und die Werke in ihrer Machart ausgefeilter, ästhetischer und vielschichtiger. Man könnte vielleicht auch sagen erwachsener, doch so richtig erwachsen ist Buttgereit bei seinen Werken eigentlich nie geworden und das ist gut so. Auch "Nekromantik 2" hat immer noch diese radikale Anarcho-Haltung (Fuck Mainstream!), geht unbedarft und kompromisslos an sein Thema heran, doch wie schon beim Vorgänger ist auch hier ein ironisches Augenzwinkern zu vernehmen, welches den Film immer wieder auflockert. Buttgereit hat sich den Charme des rauen und dreckigen Underground-Kinos bewahrt. Vielleicht gezwungenermaßen, denn in D-Land findet man mit solchen Werken allenfalls Beachtung bei der Staatsanwaltschaft, nicht unbedingt bei der Kunst- und Kulturförderung, auf die man hierzulande ja so stolz ist. Kunst? Bitte ja, aber nur, wenn sie sich an die Regeln hält und nicht zu sehr aus der Art schlägt. ;-)

Die Hauptdarstellerin Monika M. fand man in einem Kino, wo sie sich "Das Haus an der Friedhofmauer" ansah. "Die musste ich natürlich gleich ansprechen." erinnert sich Jörg Buttgereit in einem Interview. :D Dies war der Beginn einer langjährigen Zusammenarbeit. Der gebürtige Brite (und Wahlberliner) Mark Reeder war Ende der 70er-Jahre deutscher Repräsentant von FACTORY RECORDS, dem legendären Label auf dem damals JOY DIVISION veröffentlichten. Mittlerweile ist Mark Reeder ein echtes Urgestein der Techno-Szene. Er gründete 1990 das Label MFS Records, auf dem u. A. Sachen von COSMIC BABY, Paul van Dyk und Dr. Motte erschienen sind. Bei dieser Gelegenheit empfehle ich die Doku "B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979–1989", wo Mark Reeder über die Westberliner Avantgarde-Szene jener Zeit berichtet. Hochinteressanter Stoff.

Doch noch mal zurück zum Film: Wie schon beim Vorgänger, ging es Jörg Buttgereit hier keineswegs um eine realistische Aufarbeitung des Themas Nekrophilie, sondern um eine, sagen wir mal, delikate Dreiecksbeziehung. Alleine aus hygienischer Sicht, sind die Liebes-Szenen mit Monika und der Leiche schon ziemlich, nun ja, fragwürdig. :? Da wäre vorher eine fachgerechte Kürschner-Behandlung ala "Sado - Stoß das Tor zur Hölle auf" mehr als ratsam gewesen. :mrgreen: Doch gerade auch die überzogene und unbedarfte Behandlung des Themas, sorgt immer wieder für Auflockerung und (durchaus beabsichtigte) Lacher. Es ist nur ein Film und im Film ist bekanntlich alles möglich. Dennoch wirkt das Ganze auf eine gewisse Weise glaubhaft und das Beziehungsdrama, welches sich anbahnt, geht wirklich zu Herzen. Auch hier kommt wieder ein wunderbarer Soundtrack zum Einsatz, der das Geschehen perfekt untermalt. Wenn der arme Mark am Ende buchstäblich seinen Kopf verliert, stellen sich gleichzeitig ein (wenn auch nicht unerwarteter) Schock, als auch ein herzhaftes Schmunzeln ein. Eine recht originelle Neuinterpretation von "Im Reich der Sinne".

Legendär (und in einer Demokratie wie der unseren, geradezu ungeheuerlich) ist auch die Zensurgeschichte des Films. Nicht genug damit, dass "Nekromantik 2" kurz nach der Veröffentlichung beschlagnahmt wurde - es sollte sogar das komplette Material des Film vernichtet werden, um eine weitere Verbreitung zu verhindern. Glücklicherweise gelang es, den Film offiziell als Kunstwerk zu verkaufen, woraufhin die Beschlagnahme aufgehoben wurde.

Sehr gelungene Fortsetzung und ein weiterer Meilenstein des deutschen Films. Gleichzeitig auch ein schönes Zeitdokument, mit seinen Impressionen von Berlin (die einst geteilte Stadt aus Andrzej Zulawskis "Possession"), kurz nach der Wende.

9/10 (Tendenz nach oben)

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PHOBOS (Trailer - deutsch)


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