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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: RO.GO.PA.G. - Rossellini, Godard, Pasolini, Gregoretti
PostPosted: 29.05.2016 19:05 
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Alternativtitel: Laviamoci il cervello
Produktionsland/Jahr: Italien, Frankreich 1962
Darsteller: Rosanna Schiaffino, Bruce Balaban, Jean Marc Bory, Alexandra Stewart, Orson Welles, Mario Cipriani, Laura Betti, Ugo Tognazzi, Lisa Gastoni, Ricky Tognazzi, Antonella Taito
Drehbuch: Roberto Rossellini, Jean-Luc Godard, Pier Paolo Pasolini, Ugo Gregoretti
Produziert von: Angelo Rizzoli, Alfredo Bini, Alberto Barsanti
Musik: Carlo Rustichelli

Ein Film in 4 Episoden:

1. Illibatezza (Jungfräulichkeit) - Roberto Rossellini:
Die Flugbegleiterin Anna Maria (Rosanna Schiaffino) lernt auf einem Flug den Amerikaner Joe (Bruce Balaban) kennen.
Zunächst sind sich die beiden nicht unsympathisch, doch Anna Maria sollte sich in Joe getäuscht haben...

2. Il Nuovo Mondo (Die neue Welt) - Jean-Luc Godard:
Louis (Jean Marc Bory) liest in einer Zeitung, dass irgendwo ein Atomreaktor explodiert ist.
Er zeigt es seiner Freundin Alexandra (Alexandra Stewart), die ihm von da an wie ausgewechselt erscheint.
Irgendetwas muss diese Information in ihr ausgelöst haben, das sie völlig verändert hat...

3. La Ricotta (Der Weichkäse) - Pier Paolo Pasolini:
Am Stadtrand Roms entsteht ein Film über die Passion Christi.
Die Dreharbeiten gehen schleppend voran und so muss der resignierte Regisseur (Orson Welles) versuchen, seine Darsteller irgendwie bei Laune zu halten...

4. Il Pollo Ruspante (Das Freiland-Huhn) - Ugo Gregoretti:
Zwei Szenarien: Eine Mittelstands-Familie (Ugo Tognazzi, Lisa Gastoni, Ricky Tognazzi, Antonella Taito) macht sich auf den Weg zu einer Hausbesichtigung.
Zur gleichen Zeit hält bei einem Seminar ein Marketingleiter einen Vortrag über die Möglichkeiten, den Konsumenten allgemein dazu zu bewegen, unüberlegt mehr zu kaufen.

Kritik:

Wie man an den Inhaltsangaben sehen kann, handelt es sich hierbei um einen völlig zusammenhangslosen Film.
Keine Episode wurde auf eine andere abgestimmt, jeder hat seine eigene Sache gemacht.
Und doch haben alle Episoden eines gemeinsam: Jede ist auf ihre Art (mehr oder weniger offensichtlich) gesellschaftskritisch.
Episode für Episode wird die kritische Haltung offensichtlicher.
Bei der ersten Episode ist es noch kaum zu merken und die Handlung auch nicht wirklich interessant - ganz klar die schwächste Episode.
Ab der zweiten Episode wird dann alles ein bisschen besser, wenn Godard zeigt, wie Leute auf Schreckensnachrichten reagieren und wie diese sie und ihr Verhalten verändern.
Die Dritte ist eindeutig die beste, denn hier sehen wir einen Pasolini, wie man ihn danach wohl nicht mehr gesehen hat.
Er ist der einzige, der in seiner Episode zwischen schwarz/weiß und Farbe hin und her wechselt (alle anderen Episoden sind nur schwarz/weiß).
Außerdem ist bei ihm das Ganze bis ins groteske überzogen, was weder Rossellini, noch Godard oder Gregoretti tun.
In der vierten Episode bei Gregoretti ist die Gesellschaftskritik dahinter am deutlichsten zu erkennen, was sie für mich zur zweitbesten des Films macht.

Insgesamt ist mir der Film auf jeden Fall eine Empfehlung wert.

1. Episode: 5/10
2. Episode: 7/10
3. Episode: 9/10
4. Episode: 8/10

Gesamtbewertung: 7,5/10

Trailer:
www.youtube.com Video from : www.youtube.com


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 Post subject: Re: RO.GO.PA.G. - Rossellini, Godard, Pasolini, Gregoretti
PostPosted: 26.07.2018 15:02 
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Die erste Episode würde bei mir jetzt nicht so schlecht wegkommen - ich habe die jetzt eigentlich als die zweitbeste empfunden; um was es hier eigentlich genau geht, ist schwierig zu sagen; vielleicht um die Frage: wie eine Frau zum Idealbild werden kann (der Protagonist im Flugzeug schaut sich ja gerade den PLAYBOY an, als er den Charakter von Rosanna Schiaffino vor sich sieht); oder geht es eher darum: wo hört bei einem Filmstar das filmische Abbild auf und wo fängt der eigentliche Mensch an - dieses Thema führt der Kurzfilm über das Motiv der Amateurfilmaufnahmen ein, schließlich kommt danach dann der Handlungsstrang von der kultisch verehrten Frau, die zur Ikone einer Bierwerbung geworden ist, die als Sexbombe mit blonder Perücke auftritt...

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(der männliche Charakter begehrt das weibliche Abbild, sein Idealbild einer Frau, das für ihn unerreichbar ist = Metapher für die Träume des Kinos?)




natürlich ist auch für mich die Episode von Pier Paolo Pasolini die beste geworden; wunderbar, wie es Pasolini schafft, das Sakrale und das Profane nebeneinander zu rücken: da wäre einmal der Bibelfilm, wo Christi Kreuzabnahme, beziehungsweise: seine Kreuzigung in den buntesten Farben als Film gezeigt wird - und dann gibt es die Ebene, wo die Dreharbeiten selbst dargestellt sind; diese zeigen die Armut und den Hunger der Laiendarsteller in hartem Schwarzweiß (die "Farbe" des Neorealismus)...

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oben: zwei Szenen aus dem "fertigen" Passions-Film (Szenen der Kreuzabnahme und Beweinung), wo das bewegte Bild ein statisches ist, so dass unmittelbar auf Passions-Gemälde referiert wird - die Farbbilder mit der Erlösung durch Christi Kreuzestod kontrastieren mit dem Elend der Menschen in der Gegenwart, welche hungern und auf ihre Erlösung warten - was durch Trinkgelage und Striptease wenigstens temporär gelingt; solche temporären Szenen des "Erlöst-Seins" stellt Pasolini ebenfalls als idealisiertes Farbbild dar (siehe folgendes Bild, in dem außerhalb des Drehens getanzt wird):

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doch der wesentlichste Punkt für mich an Pasolinis Episode wäre dann wiederum sein deutlicher Bezug: sich als Regisseur im Film selbst darzustellen; anders als beispielsweise in "Il Decameron" geschieht dies allerdings nicht dadurch, dass Pasolini selbst auftritt und die Rolle Giottos übernimmt, also die Rolle eines Bild-schaffenden Künstlers; hier ist es Welles, der als Pasolinis "Maske" auftritt, indem er - sicherlich sehr selbstironisch - einen marxistischen Kunstfilm-Regisseur spielt, der das Bürgertum verachtet, da es keinen sozialpolitischen Durchblick besitzt, oder ignorant gegenüber den existierenden Problemen sei...

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(hier im Bild Welles, der den Kunstfilm inszeniert und dabei in "Mamma Roma" liest, den Pasolini 1962 gedreht hat)

wenn ich Pasolinis Episode und die von Roberto Rossellini (also die erste des Films) zusammennehme, dann haben wir einen klaren Bezug zum Film, beziehungsweise zur "Künstlichkeit" des Films, eine "Scheinwelt" wird herausgestellt, die sich dann besonders auch in der Konsumwelt des damaligen wirtschaftlichen Aufstiegs Italiens widerspiegelt; und wie Sbirro schreibt, handeln die beiden anderen Episoden sodann sehr explizit vom Konsumieren und einer damit verbundenen Gesellschaftskritik - dies wäre für mich der rote Faden, der sich durch "Ro.Go.Pa.G." zieht (wobei ich mit der Godard-Episode nicht richtig warm geworden bin, einige typische Stilelemente aus seinen Filmen sind sicherlich da, aber das Endzeitthema, was sich dann auf das persönliche Liebesleben auswirkt, zündet für mich - gegenüber den anderen drei Geschichten - jedoch weniger)...

insgesamt ein sehr toller Autorenfilm...


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