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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: VOR EINBRUCH DER NACHT - Claude Chabrol
PostPosted: 26.10.2018 19:49 
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VOR EINBRUCH DER NACHT

● JUSTE AVANT LA NUIT / VOR EINBRUCH DER NACHT (F|I|1971)
mit Stéphane Audran, Michel Bouquet, François Périer, Henri Attal, Jean Carmet, Dominique Zardi und Marina Ninchi
eine Produktion der Films de la Boétie | Cinegai S.p.A. | im atlas Filmverleih
ein Film von Claude Chabrol


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»Ich verdiene das Schlimmste!«

Der Werbefachmann Charles Masson (Michel Bouquet) führt eine scheinbar glückliche Ehe und hat großen Erfolg in seinem Beruf. Seine schöne Frau Hélène (Stéphane Audran) ahnt allerdings nichts davon, dass ihr Mann eine Affäre mit der masochistisch veranlagten Laura (Anne Douking) hat, der Frau seines besten Freundes François Tellier (François Périer). Bei einem ihrer bizarren Sex-Spiele erwürgt Charles seine Geliebte aus Versehen, und ab sofort wird das Leben aufgrund seiner schweren Schuldgefühle unerträglich für ihn. Die Polizei kommt mit den Ermittlungen nicht weiter und auch als sich Charles seinem Freund François und seiner Frau anvertraut, kommt es zu unbegreiflichen Absolutionen ihrerseits...

»Ich füge mich allem, was du willst!« Dieser eigenartige Einstieg in Claude Chabrols Drama transportiert von Anfang an eine nahezu unwirkliche Atmosphäre, und die Frau, die diesen unterwürfigen und beinahe lustvoll gestöhnten Satz geprägt hat, wird sich auch in den Tod fügen. Die Szenerie ist bizarr, denn plötzlich existiert eine Leiche, wo man doch zunächst ein leidenschaftliches Tête-à-Tête erwartet hätte. Man hält alles für möglich, vor allem, dass es sich um eine Prostituierte handeln dürfte. Wenig später gibt es jedoch Aufschluss darüber, dass es sich um eine Dame der zum Freundeskreis gehörenden Bourgeoisie handelt, deren masochistischer Appetit ihr zum Verhängnis wurde. Charles Masson wird bei einer Reihe von Whisky schließlich klar, was er soeben getan hat. War es Affekt, Hass oder Lust? Wie gewöhnlich wird Chabrol diese Fragen in seiner einzigartigen Manier klären, oder eben ungeklärt lassen - je nachdem welchen Windungen sich der von Anfang an interessante Verlauf hingeben wird. Das unter die Lupe nehmen menschlicher Abgründe und der passenden, degenerierten Psyche war seit jeher ein ergiebiges Thema, insbesondere im französischen Film, der dem Empfinden nach ein regelrechtes Abonnement darauf hatte. Oberflächliche Dialoge und alltägliche, wenig relevant wirkende Situationen verschärfen den Eindruck, dass gerade etwas Unfassbares passiert ist, und so intensiv man auch nach Lösungen suchen mag - Antworten gibt es eigentlich keine.

Was den Mord angeht, ist bereits wenig später von einem bedauerlichen Unfall die Rede, sodass sich immer mehr abzeichnen darf, dass der Verlauf resolut in eine Richtung geht, die das allgemeine Verständnis auf die Probe stellen möchte. Sehr interessant ist die Tatsache, dass man sich hier beinahe ausschließlich mit den Befindlichkeiten des Täters auseinander setzt und die ebenfalls unmittelbar betroffenen Personen in die zweite Reihe verweist. So werden brisante Fragen aufgeworfen: Wie tötet man? Wie hält man aus? Wie kann man sein Gewissen bekämpfen? Nicht, dass Lösungen angeboten werden; eher wird man Zeuge eines isolierten Falls, der angesichts allgemeingültiger Moralvorstellungen vollkommen umgekehrt wird. Für einen Thriller hat Claude Chabrols Film eine seelenruhige Erzählstruktur, darüber hinaus ausladende Dialogstrecken, worüber sich allerdings eine langsam wachsende Offensive ankündigt. »Für mich ist es unerträglich, nicht verurteilt zu werden!« Erstaunt hört man solchen Aussagen des Mannes zu, der ein Leben beendet hat. Die Gründe sind einem so gut wie egal, denn es ist geschehen, und der Verlauf deutet nicht an, dass dem Gerechtigkeitsempfinden des Zuschauers in irgend einer Weise Genüge getan werden wird. Das vollkommen Unerwartete gipfelt schließlich in einer Beichte des Täters, als er dem Ehemann der Ermordeten reinen Wein einschenkt, doch das Schlimmste wird die temporäre und allgemeine Absolution sein, die der Mann erfährt.

Claude Chabrol dreht erneut Weltanschauungen um. Hier, indem er den Täter zum vermeintlichen Opfer macht. Alles läuft so, wie man es eigentlich kennt, denn eine Art Opfer-Bonus wird gnadenlos ausgespielt und die Dramaturgie arbeitet in subversiver Art und Weise daran mit, dass sich solche Eindrücke etablieren können, obwohl man sich als Zuschauer dagegen wehrt. Darstellerisch gesehen gibt es erneut besonders stichhaltige Leistungen, insbesondere von der Männerfraktion, bestehend aus Michel Bouquet und François Périer, die sich gegenseitig dazu ermahnen, niemals zu vergessen, dass sie ab sofort ein dunkles Geheimnis verbindet. Die daraus entstehende Allianz wirkt unbegreiflich, hin und wieder sogar abstoßend, doch es bleibt abzuwarten, wer sich welchen Vorteil erhofft. Eine wie immer apart erscheinende Stéphane Audran rundet das Geschehen sozusagen vollmundig ab und die Architektur dieser Geschichte wird so gut wie ausschließlich von dieser Dreieckskonstellation getragen. Eine unsentimentale Bildgestaltung sorgt weiterhin für nüchterne Eindrücke, außerdem vermittelt die familiär wirkende Szenerie einen unbestimmten Wiedererkennungswert, sodass sich das Gefühl einstellt, solche Geschichten könnten sich tatsächlich (in der Nachbarschaft) abspielen. "Vor Einbruch der Nacht" ist nicht nur ein hervorragender Film geworden, sondern darüber hinaus ein exzellenter Chabrol, der sich wie gewöhnlich nicht scheut, ein französisches Roulette par excellence zu veranstalten, und dabei vollkommen Glaubhaft zu wirken.


— ITALO-CINEMA —


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 Post subject: Re: VOR EINBRUCH DER NACHT - Claude Chabrol
PostPosted: 26.10.2018 20:24 
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@ Prisma

bin immer wieder erfreut über deine Fimvorstellungen dieser französischen Klassiker.
Vielen Dank.


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 Post subject: Re: VOR EINBRUCH DER NACHT - Claude Chabrol
PostPosted: 27.10.2018 08:13 
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Vincent cushing wrote:
@ Prisma

bin immer wieder erfreut über deine Fimvorstellungen dieser französischen Klassiker.
Vielen Dank.


Dito. Sehr angenehm! Bitte weiter so, Herr Prisma!

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 Post subject: Re: VOR EINBRUCH DER NACHT - Claude Chabrol
PostPosted: 27.10.2018 23:00 
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Vielen Dank euch beiden! Freut mich, wenn diese Art Filme ihre Freunde haben.
Ich sehe sie auch sehr gerne und habe in der letzten Zeit einige Chabrols geschaut, die dann und wann sicherlich noch zur Sprache kommen werden.


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 Post subject: Re: VOR EINBRUCH DER NACHT - Claude Chabrol
PostPosted: 19.02.2019 23:05 
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Mann erwürgt Frau beim Sex-Spiel, wird von Schuldgefühlen geplagt, aber auch ein Geständnis will niemand hören.
Der Mann jener ermordeten Frau will es nicht wahr haben, seine Frau will es nicht glauben, im Endeffekt hat er selbst noch am meisten darunter zu leiden.
Er bettelt förmlich um seine gerechte Strafe und bekommt sie nicht.
Wo habe ich das (zumindest in ähnlicher Form) schon einmal gesehen?
Genau, in Elio Petris ERMITTLUNGEN GEGEN EINEN ÜBER JEDEN VERDACHT ERHABENEN BÜRGER aus dem Jahr davor.
In der Grundstruktur sehr ähnlich, könnte man VOR EINBRUCH DER NACHT als eine gemäßigtere, ruhigere, von mir aus auch feinsinnigere und tiefergehende Verarbeitung des Sujets sehen.
Das heißt aber nicht gleich, dass daraus auch der bessere, gefälligere Film entsteht.
Denn bei allen Stärken und allen anscheinend minutiös durchdachten Handlungen, komme ich dennoch nicht drumherum, zu sagen, dass es spätestens nach der ersten Stunde zunehmend trockener wird.
Vielleicht ist das auch nur jetzt mein Eindruck nach mehreren Chabrols knapp hintereinander, da er ja meist nur die Position des nüchternen Betrachters einnimmt und es daher auch dem Zuschauer schwieriger macht, den Figuren emotional näherzukommen.
Wenn selbst der Regisseur seine Figuren immer nur vom Außenrand betrachtet, kann es für den Zuschauer auch schwer werden, eine andere Position einzunehmen, eine andere Sicht auf das Ganze zu bekommen und sich ins Geschehen einzufühlen, also praktisch in den Film hineinzufinden - und das ist hier passiert.
Auch wenn das "nur" für die letzten 40 Minuten gilt, es wirkt sich nicht gut aus.
Und "nicht gut" heißt in dem Fall, wie für den SCHLACHTER, 7/10.


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