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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: REISE DER VERDAMMTEN - Stuart Rosenberg
PostPosted: 12.08.2019 11:10 
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REISE DER VERDAMMTEN

● VOYAGE OF THE DAMNED / REISE DER VERDAMMTEN (GB|1976)
mit Faye Dunaway, Oskar Werner, Max von Sydow, Maria Schell, Lee Grant, Katharine Ross, Helmut Griem, Orson Welles,
James Mason, Malcolm McDowell, Fernando Rey, Nehemiah Persoff, Sam Wanamaker, José Ferrer, Michael Constantine,
Wendy Hiller, Julie Harris, Paul Koslo, David de Keyser, Donald Houston, Günter Meisner, Janet Suzman und Ben Gazzara
eine Robert Fryer Produktion | ITC Entertainment | Associated General Films | im Verleih der Progress Film
ein Film von Stuart Rosenberg


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»Wien, Wien, nur du allein, sollst stets die Stadt meiner Träume sein!«

Der Luxusliner "St. Louis" soll 937 jüdische Flüchtlinge von Hamburg nach Havanna bringen. Anfangs können die Passagiere ihr Glück kaum fassen, aus den Klauen der Nazi-Herrschaft zu entkommen und darüber hinaus mit deren Absolution ausreisen zu dürfen. doch für das Propaganda-Ministerium ist es nur ein perfider Plan für das internationale Auge, denn die Passagiere sollen ihren Zielhafen nie erreichen, da das Schiff nicht für eine Landung in Kuba vorgesehen ist. Kapitän Gustav Schröder (Max von Sydow) sind die Hände gebunden und der Druck auf ihn und seine Crew wächst zusehends, da auch die Vereinigten Staaten der "St. Louis" die Einreise verweigern. Der Plan von Reichspropagandaleiter Goebbels scheint schließlich aufzugehen, denn es sollte eindringlich demonstriert werden, dass jüdische Flüchtlinge in jedem Hafen der Welt unerwünscht seien. Am Ende deutet alles darauf hin, dass der Luxusdampfer zurück nach Deutschland muss und die Passagiere gleichzeitig ihrem möglichen Tod entgegen sehen...

Stuart Rosenbergs international für zahlreiche Auszeichnungen vorgeschlagenes Filmdrama behandelt die Irrfahrt der "St. Louis" der Hamburger Reederei HAPAG, die auf ihrer Überfahrt weit über 900 jüdische Flüchtlinge nach Kuba ausschiffen sollte, aber keine Landungsgenehmigung bekam. Filmische Aufarbeitungen mit einem derartigen Background, die wie hier auf wahren Begebenheiten beruhen, befassen sich naturgemäß mit der Schilderung von Einzel- und Kollektivschicksalen, die Brisanz, Leid und Dramatik garantieren. "Reise der Verdammten" kann auf den ersten Blick als fulminanter Ausstattungsfilm für Aufsehen sorgen, und wenn schließlich die Stars des noblen Szenarios nach und nach das Luxusschiff betreten, formt sich in vielerlei Hinsicht der Eindruck einer verkehrten Welt. Menschen, die unmittelbar zuvor noch Qual und Demütigung ausgesetzt waren, betreten das vermeintlich rettende Schiff in ihrer feinsten Ausstattung und werden von den Schiffsstewards hofiert, um in ihre luxuriösen Kabinen geführt zu werden. In ihren Gesichtern ist allerdings eine Art eingemeißelte Angst und Misstrauen zu erkennen, da die Bedenken weiterhin existieren, dass dieser letzte Strohhalm doch noch brechen könnte. Personen, Crew und Umfeld ordnen sich schnell von selbst und die Zielrichtung von Rosenbergs Beitrag wird auch ohne das Wissen um die geschichtlichen Hintergründe klar definiert, denn es schwingt ein Fluch mit, von dem man ahnt, dass er sich auf hoher See entfalten wird, denn immerhin sind ranghohe Spione und ausführende Organe des Nazi-Regimes mit an Bord, die die trügerische Ruhe zunichte machen werden. So sticht ein Schiff in See, das sich schon auf Kollisionskurs befindet, bevor es eigentlich abgelegt hat und eigentlich keine Hindernisse vor sich haben dürfte, wenn die Reise nicht von vorne herein choreografiert wäre.

Phasen der schwelenden Angst dominieren den Verlauf ebenso wie Strecken der mentalen Erschöpfung, die allerdings beinahe ausschließlich auf Seiten der Passagiere zu finden sind, die heimat- und ziellos um die halbe Welt schiffen müssen. Selbst wenn sich die "St. Louis" längst weit entfernt von Hoheitsgebieten des Deutschen Reiches bewegt, wird diese Schreckensherrschaft stets aufrecht erhalten, beispielsweise beim Vorführen eines Unterhaltungsfilms, dem die Wochenschau und eine Rede Adolf Hitlers vorausgeschickt wird. Hinzu kommt, dass die Nazi-Funktionäre umherschleichen wie Bluthunde um ihre Propagandapflichten wahrzunehmen. Hass und Ohnmacht verbreiten sich in Windeseile und das Misstrauen über einen guten Ausgang wächst, doch die Hoffnung stirbt nie. Um dieses fragile Konstrukt überhaupt am Leben erhalten zu können, spielt der liberal wirkende Kapitän des Dampfers eine entscheidende Rolle, der ausgezeichnet von Max von Sydow dargestellt wird. Obwohl er im dienst der Reichsmarine steht, ist es für den Offizier nicht nur wichtig, seine Gäste im Radius aller Annehmlichkeiten von A nach B zu bringen, sondern auch für deren Sicherheit zu sorgen. Inszenatorisch gesehen bekommt das Publikum die volle Erhabenheit der "St. Louis" zu sehen, die nicht nur für Luxus und höchste Qualitätsansprüche steht, sondern auch für reibungslose Überfahrten. Die Reise ist jedoch nicht nur gekennzeichnet von derartigen Eindrücken, sondern vor allem von sehr vielen charakterlichen Zeichnungen, die sich trotz ihrer gravierenden Unterschiede an gleichen Punkten treffen, da die Personen buchstäblich in einem Boot sitzen. Die Palette der zur Schau gestellten charakterlichen Eigenschaften und Verhaltensweisen ist variabel und auffällig konträr gefärbt, sodass es innerhalb aller Solidarität auch zu Konfrontation kommen muss.

Viele Passagiere sind trotz perfekt sitzender Masken und gut choreografierter Verhaltensetiketten physisch und mental am Ende, was sich allerdings erst zeigt, als sie bei jedem erneuten Versuch, einen sicheren Hafen zu finden, abgewiesen werden. Für den Zuschauer sind diese Schilderungen ebenso unbegreiflich wie verstörend, allerdings wirkt der komplette Verlauf der "Reise der Verdammten" wie eine Chronologie des luxuriös ausstaffierten Schreckens. Regimetreue und linienkonforme Dialoge sorgen für schwer zu ertragende Momente, vor allem wenn die Befindlichkeiten der verschifften Menschen mit Füßen getreten werden und man den Eindruck gewinnt, dass über eine unrentable Fracht gesprochen wird, die man am liebsten auf hoher See versenken würde. Im Gegensatz zu diesen Eindrücken kommen allerdings auch immer wieder lichte Momente auf, die leichte Hoffnungsschimmer im Szenario platzieren. Da die in mehreren Kategorien für den Oscar sowie den Golden Globe Award nominierte Produktion ein internationales Staraufgebot zur Verfügung hat, kommt es darstellerisch und in diesem Zusammenhang emotional gesehen zu Momenten der Extraklasse. Im Fokus stehen Top-Interpreten wie Faye Dunaway oder Oscar Werner, die - wenn man nach der Regime-Ansicht geht - die gehobene Gesellschaftsklasse des Bodensatzes darstellen. Dem Arzt und seiner Gattin kommen wichtige Rollen als Sprachrohre und Puffer in der aufgebrachten Menge zu, und interessant ist, dass sich beide in ihren Verhaltensweisen und im Erscheinungsbild nicht von gängigen Bildern der gehobenen deutschen Gesellschaftsklasse unterscheiden, was gewisse Herrschaften in geheime oder offenkundige Rage bringt, da sie nicht nach deren Schablone funktionieren und ihren Stolz sowie die Würde behalten.

Max von Sydow als Kapitän des in Hamburg ausgelaufenen Luxusliners vertritt eindeutige, humanitäre, aber auch pragmatische Ansichten, die wie ein Leitfaden wirken; allerdings wird er genau wie sein Schiff zu einer kaum zu ertragenden Ziellosigkeit gezwungen, die ihn womöglich in eine der schwierigsten Situationen seines Offizierslebens bringt, folglich zu drastischen Entscheidungen tendieren lässt, wodurch eine besondere Spannung aufkommen will. Ein der Anforderung entsprechend großartig aufspielender Helmut Griem fungiert als Steigbügelhalter eines unerbittlichen Regimes, und er steht stellvertretend für die Verantwortlichkeit in Sachen Verfolgung, Qual und Verzweiflung dieser abgeschobenen Menschen. Sein deutscher Kollege Günter Meisner steht ihm in Sachen aggressiver Rhetorik und beängstigenden Drohgebärden in nichts nach. Bemerkenswert agieren außerdem etwa Lee Grant, deren psychischer Zerfall über den Verlauf gesehen beinahe chronologisch sein wird, Orson Welles, der sich nicht in die gezinkten Karten schauen lässt, Malcolm McDowell, dessen jugendliche Unbekümmertheit eine latente Gefahr ins Szenario bringt, Katharine Ross, deren Leben trotz höllischer Zustände vergleichsweise wie im Himmel wirkt, oder Maria Schell, deren Schmerz regelrecht zu spüren ist und deren Tränen erneut brennen werden wie Feuer. Als alle Gespräche und Verhandlungen geführt sind und die ohnehin knapp vorhandene Luft an Bord immer dünner wird, kommt es zu trügerischen Hoffnungsschimmern, die allerdings mit einer Wucht zerschmettert werden, die von Torpedos hätte sein können. Der US-amerikanische Regisseur Stuart Rosenberg inszenierte mit "Reise der Verdammten" einen überaus bewegenden Film, der von inszenatorischer und darstellerischer Brillanz ummantelt ist. Hochklassig!


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