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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: NIGHT TIDE - Curtis Harrington
PostPosted: 06.09.2014 12:38 
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Night Tide
USA 1961 - Written & Directed by Curtis Harrington
Starring: Dennis Hopper, Linda Lawson, Gavin Muir, Luana Anders, Marjorie Eaton, Tom Dillon...


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Johnny: "Will you just tell me how you know?"
Mora: "Because I feel the sea water in my veins. Because I listen to the roar of the sea and it speaks to me like a mother's voice. The tide pulls at my heart. The face of the moon fills my soul with a strange longing."


Manchmal reicht ein einziges Wort, und schon baumle ich zappelnd am Haken. Im Falle von Night Tide heißt dieses unwiderstehliche Zauberwort "Meerjungfrau". Tatsächlich ließ sich Autor und Regisseur Curtis Harrington für sein Spielfilmdebüt von der griechischen Mythologie inspirieren. Ebendort trieben die sagenumwobenen Sirenen ihr Wesen, die mit ihren wunderbaren Gesängen unzählige Seeleute ins Verderben lockten. Auch Odysseus begegnete diesen seltsamen Kreaturen, deren obere Hälfte eine wohlgeformte Frauengestalt und deren untere Hälfte entweder ein gefiederter Vogel- oder ein geschuppter Fischleib ist, in seiner berühmten Odyssee. Harrington griff lediglich die Grundidee auf und zauberte daraus einen wunderschönen, märchenhaften Film, der sich - obwohl Anfang der Sechziger-Jahre entstanden - anfühlt, als käme er geradewegs aus den stimmungsvollen Vierzigern. Man fühlt sich unweigerlich an große Val Lewton/Jacques Tourneur-Kollaborationen wie I Walked with a Zombie (Ich folgte einem Zombie), The Leopard Man oder Cat People (Katzenmenschen) erinnert, wobei vor allem die beiden letzteren einen starken Einfluß auf Harrington ausübten (siehe auch The Cat Creature aka Die Katzengöttin aus dem Jahre 1973). In einem Interview mit der Website Terror Trap bekennt der unterschätzte Filmemacher ohne falsche Scheu: "Oh yes. I loved them. I loved Cat People and The Leopard Man very much, yes."

Eines schönen Abends sitzt der Matrose Johnny Drake (Dennis Hopper) in einer gemütlichen Hafenkneipe und lauscht den schwungvollen Klängen der dort aufspielenden Live-Band. Als er ihm gegenüber eine alleine sitzende, dunkelhaarige und sehr hübsche Frau erblickt, zögert er nicht lange und leistet ihr Gesellschaft. Die schöne Unbekannte reagiert zwar recht kühl und abweisend, aber Johnny bleibt hartnäckig, und so gestattet sie ihm schließlich, sie nach Hause zu begleiten. Auf sein Drängen vereinbaren sie ein Rendezvous am nächsten Tag. Wie sich herausstellt, ist der Name der jungen Frau Mora (Linda Lawson), aber in der Gegend ist sie besser bekannt als "Mora the Mermaid". Sie ist eine der Attraktionen des örtlichen Vergnügungsparks, wo sie - mit einem künstlichen Fischunterleib ausgestattet - die Zuschauer als Nixe begeistert. Mora wurde vom sich mittlerweile im Ruhestand befindlichen Schiffskapitän Samuel Murdock (Gavin Muir) quasi adoptiert, nachdem dieser sie einsam und verwaist auf einer kleinen griechischen Insel gefunden hatte. Je mehr Zeit Johnny mit der jungen Frau verbringt, desto stärker fühlt er sich zu ihr hingezogen. Selbst als er mit ihrem düsteren Geheimnis konfrontiert wird (zwei ehemalige Liebhaber von Mora wurden ertrunken an Land gespült), tut das seiner Liebe keinen Abbruch. Wird Mora auch ihn ins Unglück stürzen?

Curtis Harrington läßt den Zuschauer lange Zeit im Unklaren, ob Mora tatsächlich eine Sirene ist oder nicht. Und selbst wenn... muß das dann auch bedeuten, daß sie ihre Liebhaber auf dem Gewissen hat? Night Tide ist kein Thriller, und es ist schon gar kein Horrorfilm. Es ist ein unglaublich gefühlvolles, entschleunigtes Mood Piece, dessen Zauber man sich kaum entziehen kann. Wie seine Vorbilder aus den Vierzigern arbeitet Harrington gerne mit Licht und Schatten, gibt der faszinierenden Geschichte viel Zeit, sich zu entfalten, und stellt seine toll charakterisierten, von talentierten Akteuren und Aktricen verkörperten Figuren in den Mittelpunkt. Als Zuschauer gleitet man langsam mit dem liebenswert-naiven Johnny Drake ins Geschehen, der vom blutjungen Dennis Hopper (Blue Velvet) brillant gespielt wird. Ein durch und durch netter Kerl, mit dem man sofort sympathisiert. Während Johnny nur Augen für die mysteriöse Mora hat, merkt er gar nicht, daß ihn Ellen, die Enkelin vom Inhaber des Merry-Go-Rounds, regelrecht anhimmelt. Sowohl Linda Lawson als Mora als auch Luana Anders (Dementia 13) als Ellen überzeugen in ihren jeweiligen, höchst unterschiedlichen Charakteren. Mit Ausnahme einer kurzen Traumsequenz wird auf Spezialeffekte rigoros verzichtet. Ebenso fließt kein Blut, es gibt on Screen weder Gewalt noch Nuditäten, und spektakuläre Action findet man hier genauso wenig. Und trotzdem langweilt der Streifen, der in etwa schlanke fünfundsiebzigtausend Dollar kostete und on location in Santa Monica, Malibu und Venice gedreht wurde, keine einzige Sekunde.

Was Night Tide so denkwürdig macht, was dafür sorgt, daß man seine Augen nicht vom Geschehen lösen mag, womit der Zuschauer verzaubert wird, ist die wunderbare Stimmung, die sich durch den gesamten Film zieht. Es herrscht eine traurige, schwermütige, quälend romantische Atmosphäre, die so stark ist, daß man selbst von Melancholie übermannt zu werden droht. Es ist extrem beeindruckend, wie es Harrington schafft, diese dichte, intensive, hypnotische Stimmung wie ein riesiges, engmaschiges Netz auszuwerfen, sodaß sich alles und jeder darin verfängt. Nicht bloß der Zuschauer, sondern auch sämtliche Figuren, die das Geschehen bevölkern. Sogar den diversen Schauplätzen, wie dem Vergnügungspark, Moras Dachwohnung oder dem kalifornischen Strand, haftet etwas zutiefst trauriges und unglückliches an. Und dazwischen immer wieder die rauschenden Wellen, die mal mehr, mal weniger zärtlich am Strand lecken. Und die allgegenwärtigen Möwen, die unergründlich kreischen. Einige Szenen ragen leicht aus dem famosen Gesamt(kunst)werk hervor. Die Begegnung mit einer Möwe beim Frühstück. Das Legen von Tarot-Karten bei einer charismatischen Wahrsagerin (Marjorie Eaton). Moras eigenwilliger Tanz zu Trommelmusik am nächtlichen Strand. Johnny, der Moras nassen Fußspuren zum Strand folgt und schließlich nach ihr ruft, woraufhin ihn das Echo zu verspotten scheint. Ganz großartig.

Das Drehbuch zum Film schrieb Harrington selbst, basierend auf der von ihm verfaßten Kurzgeschichte The Secrets of the Sea. Abgesehen von der griechischen Mythologie und den Gruselklassikern von Val Lewton und Jacques Tourneur diente auch der Schriftsteller Edgar Allan Poe - allen voran sein Gedicht Annabel Lee - als Inspiration. Night Tide ist irgendwie wie ein schöner, tiefer, klarer Bergsee, in dessen kräuselnden, funkelnden Wassern man sich zu verlieren droht. So wunderschön, daß es schon wieder schmerzt. Night Tide beweist eindrucksvoll, daß es sie da draußen noch gibt. Die exotischen Perlen, von der Masse gänzlich unbeachtet, irgendwo versteckt und (fast) vergessen. Danke, daß ich diese hier entdecken durfte.

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