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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: DIE FARBE AUS DEM ALL - Richard Stanley
PostPosted: 22.03.2020 20:37 
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Regie: Richard Stanley
Buch: Stanley und Scarlett Amaris
Musik: Colin Stetson
Kamera: Steve Annis
Darsteller: Nicolas Cage, Joely Richardson, Q'oronkia Kilcher, Tommy Chong

(Download bei Amazon, DVD/BD ab Ende April bei Koch Media).


Irgendwo in den Verträgen von Nicolas Cage muss er wohl stehen, Schwarz auf Weiß, vielleicht dick unterstrichen: der Passus, laut dem der Darsteller im Film mindestens eine Szene des kompletten Ausrastens spielen darf (oder muss), des Zusammenbruchs, des Durchdrehens, Augenrollen inklusive. Bei Youtube findet man minutenlange Montagen aus verschiedenen Filmen, in denen Cage sozusagen dem Affen des Ausrastens Zucker gibt, kiloweise. So ist über die Jahre der Cage-Kollaps ein wenig zum filmischen Klischee geworden, man erwartet ihn, manchmal wirkt er beinahe pflichtschuldig. Im Film „Die Farbe aus dem All“ dagegen ist er dankenswerterweise ein schlüssiger Teil der Handlung – denn wer würde nicht an seine Nervengrenze kommen, wenn im Vorgarten ein kleiner Meteor einschlägt und alsbald alles aus den Fugen gerät – die Natur, die eigene Wahrnehmung, sogar die Zeit. Doch erst einmal beginnt dieser sehenswerte Film in aller Ruhe mit märchenwaldigen Naturbildern, ominös brummender Musik. Wir sind im tiefsten Grün Neuenglands, wohin sich die Familie Gardner zurückgezogen hat vor der Hektik der Großstadt. Hier ist der Rest der Welt ganz weit weg.

Doch das Familienquintett hadert noch mit der geballten Idylle: Der Vater (Cage) will als Ökobauer und Alpaka-Züchter reüssieren, wirkt aber etwas glücklos; seine Frau leidet an den seelischen Folgen einer Brustkrebs-Operation; die drei Kinder, die sich erst an das Übermaß an Ruhe gewöhnen müssen, trösten sich unter anderem mit dem Hineinarbeiten in die Hexenkunst und ins gepflegte Haschrauchen mit einem Eremiten in der Nachbarschaft, der ein Onkel des „Dude“ aus „The Big Lebowski“ sein könnte. Regisseur Richard Franklin erzählt da, vage nach einer Erzählung des Phantastik-Literaten H.P. Lovecraft (1890-1937), mit einigem schwarzen Humor von einer Familie, die sich zwar liebt, aber durchaus von der Gefahr eines Budenkollers in freier Natur bedroht ist; zugleich baut er mustergültig und fast klassisch Grusel auf, da der dampfende Meteorit vor dem Haus Merkwürdiges mit sich bringt: Das Obst im Garten wächst ungewohnt schnell, außerirdisch-fremdartige Insekten surren umher, der jüngste Spross der Familie hört die Stimme eines imaginären „Freundes“ aus dem Brunnen vorm Haus. Sogar die Tageszeiten scheinen zu verschwimmen. Die Realität ist nicht mehr das, was sie einmal war – ist sie vielleicht längst ein Traum?

Unmerklich steigert der Film das Unbehagen und wird dann nach einer Stunde wirklich grausig - und optisch psychedelisch. Das ganze Grundstück scheint sich langsam aufzulösen in lila Licht, in Visionen eines anderen Planeten (die Heimat des Meteors?), tote Figuren leben wieder (sind sie Erinnerungen ihrer selbst?) – da geht der Film in die Vollen, übertreibt es vielleicht ein wenig, aber erklärt das Grauen erfreulicherweise nicht rational. Handelt es sich um eine außerirdische Invasion? Oder um einen Besuch, der schrecklich schief geht? Wer will das sagen? Zurück bleibt buntes Chaos, schimmernd in der titelgebenden „Farbe aus dem All“ – ein schönes Lila, das an den außerirdischen Schimmer in Alex Garlands meisterlichem Film „Auslöschung“ (zurzeit bei Netflix zu sehen), der ebenfalls von einem Besuch aus dem All erzählt und sich als wunderbarer Partner für ein Doppelprogramm eignete.

„Die Farbe aus dem All“ markiert auch die Wiederkehr eines lange Verschollenen: Es ist die erste Spielfilmregie von Richard Stanley seit 1996. Damals wurde der Filmemacher nach drei chaotischen Drehtagen bei seinem jahrelang vorbereiteten Herzensprojekt „Die Insel des Dr. Moreau“ mit Marlon Brando geschasst und ersetzt – eine traumatische Erfahrung, über die ein Kollege von Stanley 2014 eine abendfüllende Dokumentation drehte. Die vergangenen Jahre verbrachte Stanley in einer Hütte in den Pyrenäen und führte Touristen durch die Berge – das zumindest erzählt er in Interviews, was nicht stimmen muss, aber originell klingt.

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 Post subject: Re: DIE FARBE AUS DEM ALL - Richard Stanley
PostPosted: 01.04.2020 23:55 
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Ist aber doch kein italienischer Film, oder?


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 Post subject: Re: DIE FARBE AUS DEM ALL - Richard Stanley
PostPosted: 02.04.2020 00:03 
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Nee, absolut nicht, danke für den Hinweis - da habe ich beim Einstellen nur nach Horror geschaut und "Italien" übersehen. Mea culpa - vielleicht könnte das einer der Administratoren netterweise richten?

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 Post subject: Re: DIE FARBE AUS DEM ALL - Richard Stanley
PostPosted: 02.04.2020 18:17 
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nyby wrote:
Nee, absolut nicht, danke für den Hinweis - da habe ich beim Einstellen nur nach Horror geschaut und "Italien" übersehen. Mea culpa - vielleicht könnte das einer der Administratoren netterweise richten?

Hab's verschoben...

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 Post subject: Re: DIE FARBE AUS DEM ALL - Richard Stanley
PostPosted: 02.04.2020 23:22 
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nyby wrote:
Die vergangenen Jahre verbrachte Stanley in einer Hütte in den Pyrenäen und führte Touristen durch die Berge – das zumindest erzählt er in Interviews, was nicht stimmen muss, aber originell klingt.

Es stimmt absolut! :D


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 Post subject: Re: DIE FARBE AUS DEM ALL - Richard Stanley
PostPosted: 23.06.2020 17:09 
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COLOR OUT OF SPACE


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Seit der Veröffentlichung von RE-ANIMATOR war man es eigentlich gewöhnt, dass der nachfolgende Trend an Lovecraft-Verfilmungen blutig ausgefallen ist. Vielleicht ist es der Zeit – sicherlich aber dem Regisseur – geschuldet, dass dagegen jetzt der 2019 gedrehte COLOR OUT OF SPACE relativ zurückhaltend ausfiel, und somit genau den poetologischen „Geist“ von Lovecrafts Schaffen trifft, welches alleine nur durch Andeutungen und / oder Auslassungen das kosmische Grauen in der Vorstellungswelt des Lesers evozieren möchte. COLOR baut sich – ungewöhnlich traditionsverhaftet – sehr langsam in seinem Ereignischarakter auf (ein paar graphische Spitzen gibt es allerdings dann auch hier, wenn sich der Schrecken [real oder doch eher durch die Figuren, beziehungsweise durch das Trinkwasser herbeihalluziniert?] beim Finale vollends entfaltet). Ehrlich gesagt, hatte ich schon etwas Zeit gebraucht, um den Film, so wie er nun ist, „anzunehmen“, da ich eigentlich die RE-ANIMATOR- oder FROM-BEYOND-Strategie der graphischen Effekte zunächst auch bei der Lovecraft-Version von Stanley erwartet hatte (ich dachte da an die filmische Wirkung seines HARDWARE)…


Aber ebenso in COLOR gibt es schließlich ein Monster – eben die Farbe, und die zeigt sich alleine schon in ihrer grellen Intensität ungemein aggressiv, wobei zunehmend das gesamte Umfeld von diesem Lila aus dem All eingenommen wird. So gesehen wäre COLOR OUT OF SPACE ein klassischer Invasionsfilm. Oder wird hier mehr noch das Genre des Paranoia-Films bedient, der ja ebenfalls in den 50er Jahren einen Höhepunkt erlebt hatte? Letztlich kann man Stanley bescheinigen, dass er sich der filmischen Lovecraft-Vorgänger bewusst war – und dem literarischen Corpus mit Sicherheit auch. Neben vielen anderen Elementen sind es besonders Orts- und Figurennamen, die auf Lovecrafts Werk verweisen. Der Wissenschaftler in COLOR OUT OF SPACE heißt etwa „Ward“, und die Tochter „Lavinia“, was beim geneigten Lovecraft-Anhänger natürlich Assoziationsketten auslöst. Und dass mich COLOR letztlich keinesfalls enttäuscht hat – ganz im Gegenteil (auch die Koch-BD ist mit ihren ganzen Extras wirklich klasse geworden) –, liegt natürlich ebenfalls daran, dass Cage wiederum in einer Hauptrolle in diesem doch eher ungewöhnlichen Film agieren kann. nyby hat oben ja schon einige Andeutungen zum hiesigen Spiel von Cage gemacht, was ich nur unterschreiben kann
ImageImage
. Nach MANDY konnte Cage einfach nicht mehr den Schalter ganz nach rechts drehen – MANDY ist in dieser Beziehung sicherlich final. Cage wird seine Darstellungskunst in MANDY nicht mehr steigern können – zumindest kann ich mir das momentan nicht vorstellen – dazu reicht mein Vorstellungsvermögen nicht aus. Vielleicht könnte man MANDY und COLOR als eine Münze ansehen, wobei MANDY die Vorderseite (nicht bewertend gemein) und COLOR die Zahlenseite bezeichnet: im Cage-Wahnsinns-Parameter stellt MANDY die totale Entfesslung dar, während er in COLOR eher „zuckend“ den figürlichen Wahnsinn verkörpert
in COLORImage
. Ich bin gespannt, was da noch von Cage kommen kann – und von Stanley wird berichtet, dass sein COLOR der Auftakt einer Lovecraft-Trilogie sein soll. Meine Vorfreude auf das Kommende ist dahingehend groß…


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 Post subject: Re: DIE FARBE AUS DEM ALL - Richard Stanley
PostPosted: 24.06.2020 00:06 
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Sehr geiler Film. Mit Doctor Sleep ( nur der Directors Cut ) der beste Horror Film 2020 bisher.

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Blu Ray und DVD Holzkistenverpackungen sind Sondermüll....
und echte Filmfans brauchen sowas nicht !!!


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 Post subject: Re: DIE FARBE AUS DEM ALL - Richard Stanley
PostPosted: 24.06.2020 13:16 
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Wenn man die Kritiken beispielsweise von amazon.de heranzieht, dann scheint der Film ja ordentlich zu polarisieren:

entweder: er wird als genial eingestuft - oder: es regiert die Langeweile (so mein Eindruck hinsichtlich der dortigen Bewertungen);

letztlich sagt so eine Einschätzung wohl aus, dass Stanley hier tatsächlich etwas EINZIGARTIGES geglückt ist; wenn ich nach meinem persönlichen Geschmack gehe, dann wäre mir etwas mehr Retro-Stil sicherlich lieber gewesen, um die kosmische Invasion zu visualisieren... dennoch konnte ich mich schließlich "hineinsehen" und bin vom Endergebnis begeistert...


Trash wrote:
Mit Doctor Sleep ( nur der Directors Cut ) der beste Horror Film 2020 bisher.


Danke für den Tipp!!!


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