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 Betreff des Beitrags: FAHRKARTE INS JENSEITS - Budd Boeticher
BeitragVerfasst: 25.03.2014 09:17 
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Fahrkarte ins Jenseits ist wahrscheinlich Budd Boettichers konservativster Western mit Scott in der Hauptrolle. Scott spielt hierin wieder einmal einen enttäuschten Ehemann, der den Tod seiner Frau rächen will. Allerdings ist sein Gegner kein übermächtiger Schurke, sondern ein hintertriebener Dandy. Die Geschichte erinnert darin etwas an Anthony Manns Nackte Gewalt, spielt aber nicht in der rauen Natur, sondern einer zivilisierten Stadt.

Zusammen mit seinem Freund Sam will Bart Allison den Selbstmord an seiner Frau rächen. Im kleinen Städtchen Sundown findet er den Mann, der sie in den Selbstmord getrieben hat: Tate Kimbrough. Doch Sundown ist fest in der hand dieses Mannes, der am gleichen Tag Lucy Summerton, der Tochter eines reichen Stadtbürgers, heiraten will. Allison platzt in die Zeremonie und droht Kimbrough zu töten, worauf der Sheriff und seine handlanger ihn und Sam in einem Lagerhaus einschließen. Als Sam erfährt, warum Allison eigentlich auf Kimbrough scharf ist, klärt er ihn über die Verhältnisse seiner Frau auf und es kommt zum Bruch zwischen den beiden Freunden. Doch auch Kimbrough kann nicht mehr die ganze Stadt hinter sich vereinen...


Man muss sich wahrscheinlich erst einmal an Fahrkarte ins Jenseits gewönnen. wie gesagt inszeniert ihn Boetticher nicht in rauen, faszinierenden Naturlandschaften, sondern einer Kulissenwesternstadt. Trotzdem ist der Film sehr interessant, weil Scotts Figur hier spürbar härter wird. In den beiden vorhergehenden Filmen wird er am Ende stets "resozialisiert". Hier ist er von Anfang bis Ende ein Einzelgänger. Obwohl der Zuschauer Sympathie mit ihm empfindet, weil er seine Frau verloren hat, ist er eigentlich die düsterte und schurkenhafteste Figur, weil er vollständig nach seinen eigenen Regeln lebt und die Gesetze der Gesellschaft ablehnt. So bedroht er gleich zu Beginn eine Postkutsche, weil er aussteigen will, wirkt aber dabei wie ein Bandit. Er will Tate töten, obwohl er seine Frau nicht direkt umgebracht hat (sie hat Selbstmord begangen) und selbst als Sam ihn darüber aufklärt, dass seine Frau wohl die Hauptschuld daran trägt, hält er an seinem Racheplan fest. Schließlich, als die Bewohner von Sundown ihm für die Befreiung von Tate danken wollen, lehnt Allison harsch ab und reitet als gebrochener Mann davon.
In der psychologischen Entwicklung der Hauptfigur ist Fahrkarte ins Jenseits also ein spannender und hoch innovativer Film, wenn auch diese Stadtoptik Gewöhnungsbedürftig ist.
Trotzdem 8,5/10


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 Betreff des Beitrags: Re: FAHRKARTE INS JENSEITS - Budd Boeticher
BeitragVerfasst: 25.03.2014 13:44 
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Ja, visuell ist Decision at Sundown trotz eines sehr guten Kameramanns etwas langweilig. Sieht aus wie ein B-Picture, also nach dem was er auch ist. Aber inhaltlich ist es der extremste und ungewöhnlichste der 6 Ranown Western, mit einem durchaus pessimistischen Ende. Und zweifellos der bitterste aus Sicht des Helden, der Züge eines Anti_Helden trägt.


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 Betreff des Beitrags: Re: FAHRKARTE INS JENSEITS - Budd Boeticher
BeitragVerfasst: 04.12.2018 16:17 
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FAHRKARTE INS JENSEITS

Bild

Bereits die Anfangssequenz von „Fahrkarte ins Jenseits“ wird dem damaligen Zuschauer von Randolph-Scott-Western wohl verraten haben, dass diesmal mit dessen Filmcharakter etwas nicht stimmt. Sein Benehmen einem Kutschfahrer gegenüber ist ausgenommen ruppig, geradezu gewalttätig, und Scotts Figur nimmt sich außerdem in ihrem äußeren Erscheinungsbild sonderbar an: denn der ansonsten glattrasierte Westernheld kommt hier recht ungepflegt daher – erst der Gang zum Barbier, der kurze Zeit später folgt, wird dies ändern und wieder die gewohnte Scott-Figur erscheinen lassen. Dennoch scheint diese eher unbedeutende Erwähnung des Anfangs trotzdem inszenatorische Tiefe zu besitzen, spiegelt sich im elenden Aussehen der Scott-Figur am Anfang doch auch die psychische Verfasstheit des Hauptcharakters wider, die im Laufe des Films immer intensivere Züge annimmt. So ist der Beweggrund der Scott-Figur Rache, Rache für die Ehefrau, die Selbstmord begangen hat. Der Grund dafür sei Kimbrough gewesen, der nun in der Stadt Sundown die Führung übernommen hat – sowohl über die Bürger als auch über den Sheriff, der die Drecksarbeit für das Stadtoberhaupt übernimmt. Zusammen mit seinem Freund Sam reitet Bart Allison (Scott) nach Sundown, um die anstehende Hochzeit von Kimbrough zu verhindern, da auch seine Frau auf ihn hereingefallen war. Nachdem die Trauung geplatzt ist, verschanzen sich Bart und Sam im örtlichen Stall und verteidigen sich gegen die Übermacht von Kimbroughs Truppen, geleitet vom Sheriff. Während des Belagerungszustandes unternimmt Sam es, Bart die eigentliche Wahrheit über seine Frau zu erzählen, er erzählt, dass Kimbrough nicht alleine für deren Selbstmord verantwortlich gemacht werden kann. Die beiden Freunde gerade daraufhin in Streit, worauf Sam den Unterschlupf verlässt und schließlich von der Gegenseite ermordet wird. Bart weigert sich, Sams Worten über seine Frau Glauben zu schenken, er will einen finalen Kampf mit Kimbrough, der jedoch nicht so endet, wie Bart sich dies vorgestellt hat…

Bild

Donnerwetter, ich war regelrecht überrascht, wie hier die Hauptfigur und auch ihr Antagonist dargestellt werden. Bart ist geradezu blind, was die Überhöhung seiner toten Frau betrifft, die für ihn – wohl vor allem nach ihrem Tod – zum wahren Idealbild wird, dessen Ehre es mit allen Mitteln zu verteidigen gilt. Alle Entgegnungen, dass die Frau wohl doch nicht so treu gewesen war, werden von Bart ignoriert, da das Ziel der Rache, nämlich Kimbrough, schon längst ausgemacht ist – auch wenn ihm nur eine marginale Schuld zugewiesen werden kann. Und da wäre eben weiterhin Kimbrough, der den Western-typische Schurke zwar repräsentiert, indem dieser sich eine Stadt einverleibt. Dennoch ist dieser Schurke durchaus symphytisch; er macht aus seiner Neigung, Frauen zu erobern, kein Geheimnis und geht letztlich mit der Stadtbevölkerung – für einen Western – manierlich um. Insofern kann man in Bart den neurotischeren Charakter sehen, der seinen hassgetriebenen Frust auf Kimbrough projiziert, damit ihm dies seelische Erleichterung verschafft – weshalb er unbedingt das Duell mit seinem verhassten Gegner anvisiert. Als Bart zum Schluss mit der Leiche seines Freundes Sam aus Sundown – Sonnenuntergang: ein sprechender Name für das düstere Weltbild der Hauptfigur – reitet, hat man das Gefühl, dass der Tote ein Spiegelbild von Bart selbst wäre, ein Symbol für sein Inneres, was sich nicht mehr heilen lässt. Bart wird weiterhin innerlich tot sein, während Kimbrough, der ebenso die Stadt verlässt, ein neues Leben, ein wohl lebenswertes erhält…

Bild

Darüber hinaus scheint jedoch gerade Bart der Katalysator zu sein, der der Bevölkerung dabei hilft, dass sie Mut fasst, um sich von Kimbrough zu befreien. Bart kämpft diesbezüglich zwar ausschließlich für sich, für sein Seelenheil, gleichzeitig aber bewirkt es seine Bereitschaft, sich gegen den Stadtpatron aufzulehnen, dass dem schließlich die gesamte Stadt folgt. Zum Ende wäre dann also der soziale Friede wieder rekonstruiert, denn sowohl der Störenfried (Bart) als auch der Unterdrücker (Kimbrough) haben die Stadt verlassen
(damit verschwindet dann ebenso die Brutalität, die sich in einer Szene besonders steigert, wenn nämlich einer von Kimbroughs Männer einen Haken in den Arm geschlagen bekommt – dies ist ausgesprochen gewalttätig inszeniert und bleibt wirklich im Gedächtnis)
. Das im Sub-Plot eingefügte Hollywood-kompatible Liebespaar – der Arzt der Stadt und die ehemalige Braut Kimbroughs – bleiben sodann als US-amerikanisches Idealpaar zurück…

(Bildquelle: imdb.com)

Trailer:
youtu.be Video From : youtu.be


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 Betreff des Beitrags: Re: FAHRKARTE INS JENSEITS - Budd Boeticher
BeitragVerfasst: 05.12.2018 17:37 
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Besitzt du die UK Blu Ray Box mit den 5 Ranown Filmen?


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 Betreff des Beitrags: Re: FAHRKARTE INS JENSEITS - Budd Boeticher
BeitragVerfasst: 05.12.2018 18:01 
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Stanton hat geschrieben:
Besitzt du die UK Blu Ray Box mit den 5 Ranown Filmen?


Ja, genau die; auch wenn ich noch nicht durch bin, kann ich Dir die Box nur empfehlen - ist doch einiges an Extras dabei:

2K restoration of Ride Lonesome
HD restorations of The Tall T, Decision at Sundown, Buchanan Rides Alone and Comanche Station
Original mono audio
The John Player Lecture with Budd Boetticher (1969): archival audio interview conducted by Horizons West author Jim Kitses at the National Film Theatre, London
The Guardian Interview with Budd Boetticher (1994): an extensive filmed interview conducted by film historian David Meeker at the National Film Theatre, London
Budd Boetticher on the Ranown Cycle (1999): excerpts from Eckhart Schmidt's unpublished documentary Visiting... Budd Boetticher
The Guardian Interview with Elmore Leonard (1997): the celebrated author, and writer of the short story upon which The Tall T is based, in conversation at London's National Film Theatre
The Tall T audio commentary with Jeanine Basinger (2008)
Ride Lonesome audio commentary with Jeremy Arnold (2008)
Comanche Station audio commentary with Taylor Hackford (2008)
Martin Scorsese on 'The Tall T' and 'Ride Lonesome' (2008)
Taylor Hackford on 'Decision at Sundown' and 'Buchanan Rides Alone' (2008)
Clint Eastwood on 'Comanche Station' (2008)
Playing in the Open (2018): an analysis of Ride Lonesome by Cristina Álvarez López
Christopher Frayling on Budd Boetticher (2018): the writer and cultural historian discusses the work of the great director
Kim Newman on the Ranown Cycle (2018): an analysis by the critic and author of Wild West Movies
A Man Alone (2018): a portrait of Randolph Scott by film historian Edward Buscombe
Super 8 version of 'Comanche Station': original cut-down home cinema presentation
Original theatrical trailers
Ride Lonesome trailer commentary (2013): a short critical appreciation by filmmaker John Sayles
Comanche Station trailer commentary (2014): a short critical appreciation by screenwriter Sam Hamm
Image galleries: publicity stills and promotional material
Limited Edition exclusive 80-page book containing newly commissioned essays by Pamela Hutchinson, Glenn Kenny, James Oliver, Neil Sinyard and Farran Smith Nehme, archival interviews with director Budd Boetticher and screenwriter Burt Kennedy, a critical anthology, and full film credits
Limited Edition Box Set of 6,000 numbered copies


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 Betreff des Beitrags: Re: FAHRKARTE INS JENSEITS - Budd Boeticher
BeitragVerfasst: 05.12.2018 18:19 
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Hatte nach Jahren wieder Lust den zu sehen, und muss sagen, dass er mir inzwischen noch einen Tick besser mundet.
Erzählerisch und inszenatorisch ziemlich toll. 8/10

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To please the majority is the requirement of the Planet Cinema. As far as I'm concerned, I don't make a concession to viewers, these victims of life, who think that a film is made only for their enjoyment, and who know nothing about their own existence.


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 Betreff des Beitrags: Re: FAHRKARTE INS JENSEITS - Budd Boeticher
BeitragVerfasst: 05.12.2018 18:30 
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Dr. Zombi hat geschrieben:
Hatte nach Jahren wieder Lust den zu sehen, und muss sagen, dass er mir inzwischen noch einen Tick besser mundet.
Erzählerisch und inszenatorisch ziemlich toll. 8/10


Bei mir war es jetzt die Erstsichtung - und gerade die seelische Gestimmtheit der Hauptfigur hatte mich richtig in dieser Intensität überrascht (ein Vergleichsbeispiel wäre hier vielleicht noch NACKTE GEWALT, wo die Stewart-Figur ähnlich Gewalt-"verblendet" handelt)...


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 Betreff des Beitrags: Re: FAHRKARTE INS JENSEITS - Budd Boeticher
BeitragVerfasst: 05.12.2018 18:35 
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Ja, das ist dann eben doch für mich) das faszinierende an diesen Scott/Boetticher-Western: dass sie immer wieder eine ganz andere Geschichte mit einem gänzlich anderen Charaktertyp in der Hauptrolle erzählen. Obwohl ich beim ersten Anschauen der Streifen vor vielen Jahren kaum einen der Filme vom anderen unterscheiden konnte.

Es ist auch alles sehr ausgefeilt und doch unglaublich ökonomisch und minimalistisch erzählt. Sozusagen eine "kleine" Form in der sich episches abspielt.

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 Betreff des Beitrags: Re: FAHRKARTE INS JENSEITS - Budd Boeticher
BeitragVerfasst: 06.12.2018 13:40 
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Howard Vernon hat geschrieben:
Stanton hat geschrieben:
Besitzt du die UK Blu Ray Box mit den 5 Ranown Filmen?


Ja, genau die; auch wenn ich noch nicht durch bin, kann ich Dir die Box nur empfehlen - ist doch einiges an Extras dabei:



Ich weiß, ich hatte die auch im Visier, aber mir ist letzte Woche die US DVD Box, die als Vorläufer einen Teil des Bonus Materials bereits enthält, für schlappe 12 € auf die Füße gefallen. Nun ja die neue Box reizt mich trotzdem noch, jedoch soll die Bildqualität (die mir ohnehin nicht so wichtig ist) kaum besser sein als auf den älteren DVDs, und für all das Bonusmaterial fehlt mir doch fast immer die Zeit. Mal sehen ...

Decision at Sundown habe ich vor ein paar Tagen als erstes geschaut, gefolgt von The Tall T, und als Nächstes werde ich wohl erst mal den 1. Film des Zyklus 7 Men from Now dazwischen schieben.

Stilistisch und atmosphärisch sehe ich Decision als den Schwächsten der 6 Filme, aber inhaltlich ist er der Radikalste, weil der Protagonist hier auch zum Ende hin nicht zum Helden wird, und in seiner Besessenheit gefangen bleibt, und als sehr traurige Figur aus dem Film reitet, als potentieller Alkoholiker. Das ist für einen 50er Jahre Western ungewöhnlich pessimistisch, und auch für das Genre insgesamt eher selten.
Im Vergleich zu The Tall T fällt noch dazu auf daß die Dialoge weniger selbstverständlich sind, bei weitem nicht so geschliffen, sondern eher etwas schwerfällig theatralisch, und auch zu oft vordergründig dazu benutzt werden Handlung und Charaktere zu erklären.
Insgesamt aber ein schöner Film.

Übrigens auch ein Beispiel für einen Film der von Hembus in seinem exquisiten Western Lexikon zu niedrig bewertet wird.


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 Betreff des Beitrags: Re: FAHRKARTE INS JENSEITS - Budd Boeticher
BeitragVerfasst: 06.12.2018 17:15 
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Na bei so viel Lobhuddelei allerseits muss ich doch mal auch meine konträre Meinung loswerden...
Ehrlich gesagt, war bzw. bin ich überrascht, wie gut "Decision" hier (bisher) wegkommt, denn auch wenn ich das hier:

Stanton hat geschrieben:
Stilistisch und atmosphärisch sehe ich Decision als den Schwächsten der 6 Filme, aber inhaltlich ist er der Radikalste, weil der Protagonist hier auch zum Ende hin nicht zum Helden wird, und in seiner Besessenheit gefangen bleibt, und als sehr traurige Figur aus dem Film reitet, als potentieller Alkoholiker. Das ist für einen 50er Jahre Western ungewöhnlich pessimistisch, und auch für das Genre insgesamt eher selten.


so unterschreiben würde, so krankt der Film meines Erachtens an einem lahmen Drehbuch (das hier ja ausnahmsweise im Ranown-Zyklus mal nicht von Burt Kennedy geschrieben wurde) von Charles Lang. Sicher - die Hauptfigur ist hier interessant und absolut anti-heroisch (nichts gegen den Anti-Hero! ;) ) - aber mich stört vor allem das sich mehr als die Hälfte des Films (wenn ich mich recht entsinne der komplette Mittelteil) in dieser Scheune abspielt, in die sich Scott völlig unnötig geflüchtet hat. Da wird da komplette Tempo des Films (der eigentlich recht gut anfängt) rausgenommen, denn in diesen gut 40 Minuten passiert ja kaum was, ausser das alle, inkl. des besten Freundes auf Scott einreden und der nichts begreifen will.
Erstaunlicherweise ist das andere Ranown-Drehbuch von Charles Lang ("Buchanan") dann wieder viel viel besser, da hat der gute Mann sich dann (in meinen Augen) rehabilitiert.

Stanton hat geschrieben:
Übrigens auch ein Beispiel für einen Film der von Hembus in seinem exquisiten Western Lexikon zu niedrig bewertet wird.


Nee, das passt schon so, er hat ja immerhin einen Punkt bekommen, das ist doch angesichts der Langeweile völlig ausreichend. Sicherlich ein interessanter Film und immer noch besser als ein üblicher Schema-F B-Western der 50er Jahre, aber das macht ihn leider nicht automatisch gelungen. Erwähnenswert neben dem unverwüstlichen Noah Beery jr. auch noch John Carroll, der seit seiner netten Hauptrolle in dem John-Wayne-Klassiker "Flying Tigers" von 1942 ja kaum noch in erwähnenswerten Filmen mitgewirkt hat.

PS: Wo hast Du denn das mit der Bildqualität her?? Ich habe beide Boxen und die UK-BD-Box ist da deutlich überlegen. Die Specials übrigens auch, denn das sind ja mehr als doppelt so viele und das einzige was gegenüber der US-DVD-Box fehlt, ist die Boetticher-Doku "A Man Can Do That" (auch der einzige Grund, warum ich die noch behalte). Zudem bietet die UK-Box noch ein fantastisches Booklet, das schon eher ein kleines Ranown-Buch ist und über das übliche Booklet-Tralala hinausgeht.


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 Betreff des Beitrags: Re: FAHRKARTE INS JENSEITS - Budd Boeticher
BeitragVerfasst: 06.12.2018 17:43 
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"Watched the new BD yesterday and was disappointed. The image isn't anywhere as good as I hoped it would be--I'm not sure I should have bothered with the upgrade, the DVD was good enough."

Das hat im SLWB jemand über Ride Lonesome geschrieben, und ... hmm, das ist ja anscheinend der Einzige der neu und in 2K abgetastet wurde. Na ja, die Blus sollten auch bei Benutzung derselben Master sehr viel bessere Bildqualität haben, denn die DVDs nutzen selbst den vorhandenen Speicherplatz nicht mal annähernd aus.

Aber wenn ich mir das hier ansehe ww.dvdbeaver.com/film2/DVDReviews42/five_tall_tales_blu-ray.htm , dann reichen mir die DVDs locker. Wie gesagt, Bildqualität ist mir nicht allzu wichtig, die macht keine Filme für mich wirklich besser.


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 Betreff des Beitrags: Re: FAHRKARTE INS JENSEITS - Budd Boeticher
BeitragVerfasst: 06.12.2018 17:48 
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Loco Burro hat geschrieben:
aber mich stört vor allem das sich mehr als die Hälfte des Films (wenn ich mich recht entsinne der komplette Mittelteil) in dieser Scheune abspielt, in die sich Scott völlig unnötig geflüchtet hat. Da wird da komplette Tempo des Films (der eigentlich recht gut anfängt) rausgenommen, denn in diesen gut 40 Minuten passiert ja kaum was, ausser das alle, inkl. des besten Freundes auf Scott einreden und der nichts begreifen will.


Ich finde da passiert schon so einiges, jedoch tatsächlich weniger in der Scheune, als eben außerhalb. Und das finde ich nach wie vor spannend.

Jedoch stimmt es, daß das nicht sonderlich logisch ist, auf den Vorteil den er in der Kirche hat zu verzichten, er überlebt ja schon seine Flucht aus der Kirche nur mit Mühe, aber auch in The Tall T sollte man besser nicht über das ein oder andere länger nachdenken


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 Betreff des Beitrags: Re: FAHRKARTE INS JENSEITS - Budd Boeticher
BeitragVerfasst: 06.12.2018 17:54 
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Stanton hat geschrieben:
Decision at Sundown habe ich vor ein paar Tagen als erstes geschaut, gefolgt von The Tall T

Stilistisch und atmosphärisch sehe ich Decision als den Schwächsten der 6 Filme, aber inhaltlich ist er der Radikalste, weil der Protagonist hier auch zum Ende hin nicht zum Helden wird, und in seiner Besessenheit gefangen bleibt, und als sehr traurige Figur aus dem Film reitet, als potentieller Alkoholiker. Das ist für einen 50er Jahre Western ungewöhnlich pessimistisch, und auch für das Genre insgesamt eher selten.
Im Vergleich zu The Tall T fällt noch dazu auf daß die Dialoge weniger selbstverständlich sind, bei weitem nicht so geschliffen, sondern eher etwas schwerfällig theatralisch, und auch zu oft vordergründig dazu benutzt werden Handlung und Charaktere zu erklären.


Die DVD-Box für 12 Euro zu bekommen, ist natürlich ein Angebot, dem man nur schwer wiederstehen kann; von daher hast Du sicherlich alles richtig gemacht. Jedenfalls sieht sowohl bei den DVDs als auch bei den BDs das Bild „filmisch“ aus, keine „Wachsgesichter“ o. ä. sind zu sehen; allerdings glaube ich schon, dass die Blu-Ray-Box, wegen der Limitierung, relativ zügig ausverkauft sein wird…

Deine Kritik hinsichtlich der visuellen Inszenierung kann ich natürlich nachvollziehen, da FAHRKARTE INS JENSEITS ein (fast) lupenreiner „Stadt-Western“ geworden ist, so dass hier die ikonisch gewordenen Lone-Pine-Einstellungen fehlen, die ja typisch für Boettichers Western mit Scott sind. Dennoch habe ich in FAHRKARTE die eine oder andere sehr schöne Bildkomposition entdeckt, beispielsweise die zahlreichen Frontaleinstellungen auf den Eingangsbereich des Saloons, hinter den sich dann die Treppe zeigt, die zu Kimbroughs Zimmer führt und von der er dann am Schluss zum Duell hinuntersteigen wird – gleichzeitig tritt dann die Scott-Figur über eine Außentreppe zum Duell an. Solche optischen Parallelen, die schließlich als Klimax konvergieren (= Duell), finde ich immer interessant, wenn sie auch sehr unterschwellig nur wirksam sind. TALL T ist insgesamt wirklich „runder“ geworden; der Film „funktioniert“ mit seinen wenigen Schauplätzen beinahe wie eine griechische Tragödie (die Feuerstelle vor dem Höhleneingang wäre dann die Hauptbühne. Wobei es dann auch viele Szenen gibt, die überhaupt nicht gezeigt werden (nämlich jene, in denen der Vater involviert ist) – über die wird nur geredet, wie beim „Botenblick“ auf der Theaterbühne. SEIN COLT WAR SCHNELLER ist dann wohl derjenige Film, den ich aus dem Boetticher-Zyklus etwas zu „leicht“ finde; auch wenn ebenso hier die Scott-Figur eine Vergangenheit hat, so ist der Hauptcharakter indes nicht so „Noir“-isch, sprich: psychisch gebrochen, wie in den anderen Filmen…

Wenn man sich Boettichers Western mit Scott im Gesamtpaket betrachtet, dann fallen wirklich die vielen Übernahmen von Leone auf, der ja einmal auf einem Filmfestival zu Boetticher gesagt haben soll, er hätte für seine Western alles aus denen Boettichers geklaut, was natürlich ziemlich überspitzt formuliert wäre. Trotzdem kann man schon viele Motive, Figurenkonstellationen, Gesten oder auch nur Einstellungen in Boettichers Western erkennen, die von Leone offensichtlich variiert in seine Western übernommen wurden. Auch die weiten Landschaftsaufnahmen könnten dabei ein Faktor gewesen sein – eigentlich hatte ich hier immer an Fords Monument-Valley-Shots gedacht, die von Leone für dessen Panoramakompositionen aufgegriffen gewesen sein könnten, doch man findet derartiges ebenso in Boettichers Western. In AUF EIGENE FAUST beispielsweise gibt es zum Schluss ja die Waldlichtung, die kreisförmig als eine Art von Arena (Bezug zum Stierkampf?) angelegt ist, außerdem dann die schnellen Bildschnitte bis zur Schießerei – dies gemahnt schon an das Schlussduell in Leones THE GOOD, THE BAD… wo ebenfalls Lee van Cleefs Figur der Leittragende ist…


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 Betreff des Beitrags: Re: FAHRKARTE INS JENSEITS - Budd Boeticher
BeitragVerfasst: 06.12.2018 18:12 
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Loco Burro hat geschrieben:

[...], so krankt der Film meines Erachtens an einem lahmen Drehbuch (das hier ja ausnahmsweise im Ranown-Zyklus mal nicht von Burt Kennedy geschrieben wurde) von Charles Lang.



Könnte man den Film nicht auch als eine Art "Motiv-Umformung" von ZWÖLF UHR MITTAGS betrachten? In FAHRKARTE heiratet nicht der Sheriff (so in HIGH NOON), es heiratet der "Böse" - er will es zumindest -, während zugleich die Stadt selbst sich von dem bösen Patron befreien will - wohingegen in HIGH NOON der Sheriff keine Hilfe von den Städtern erhält. Und der Hauptcharakter - die Scott-Figur - wird nicht mehr als klassischer Held (als edler "Ritter", der sich für das Allgemeinwohl uneigennützig einsetzt) gezeichnet, sondern als hasserfülltes, verblendetes und egoistisches Subjekt... wenn man den Film so wahrnimmt, könnten sich einige Handlungsstränge vielleicht besser "erklären"...


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 Betreff des Beitrags: Re: FAHRKARTE INS JENSEITS - Budd Boeticher
BeitragVerfasst: 06.12.2018 20:49 
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Howard Vernon hat geschrieben:
SEIN COLT WAR SCHNELLER ist dann wohl derjenige Film, den ich aus dem Boetticher-Zyklus etwas zu „leicht“ finde; auch wenn ebenso hier die Scott-Figur eine Vergangenheit hat, so ist der Hauptcharakter indes nicht so „Noir“-isch, sprich: psychisch gebrochen, wie in den anderen Filmen… …
Das ist aber auch eine absolut andere und nicht so mehr so schwermütige Gangart, die das Drehbuch hier vorgibt. Im Ranown-Zyklus nur mit den ersten 15min von "The Tall T" vergleichbar, wo Scott zunächst ja noch ähnlich gut gelaunt ist. Zwischen "Fahrkarte" und "Sein Colt war schneller" liegen allerdings schon ganze Welten. Während bei ersterem der Schwerpunkt auf dem verbitterten und verwirrten Anti-Helden liegt, der in seiner Sturköpfigkeit einen Fehler nach dem anderen macht und sein Leiden am Ende nur verschlimmert hat, ist "Buchanan" ja ein beinahe fröhliches Pokerspiel, bei dem die unterschiedlichen Parteien (Scott und die 3 Brüder, die jeder für sich kämpfen) einander betrügen und dabei ständig mit verdeckten Karten spielen. Scotts Figur ist ja darin so eine Art Simplicissimus, der mehrmals im Film nur dank seinem Glück überlebt und nicht aufgrund seines Verstandes. Und am Ende ist er dann doch der strahlende Sieger, da sich die anderen 3 mehr oder weniger selber eliminieren. Ein Drehbuch, das für meinen Geschmack mit vielen kleinen netten Ideen und Twists ausgestattet ist.
Howard Vernon hat geschrieben:
Wenn man sich Boettichers Western mit Scott im Gesamtpaket betrachtet, dann fallen wirklich die vielen Übernahmen von Leone auf, der ja einmal auf einem Filmfestival zu Boetticher gesagt haben soll, er hätte für seine Western alles aus denen Boettichers geklaut, was natürlich ziemlich überspitzt formuliert wäre. Trotzdem kann man schon viele Motive, Figurenkonstellationen, Gesten oder auch nur Einstellungen in Boettichers Western erkennen, die von Leone offensichtlich variiert in seine Western übernommen wurden. Auch die weiten Landschaftsaufnahmen könnten dabei ein Faktor gewesen sein – eigentlich hatte ich hier immer an Fords Monument-Valley-Shots gedacht, die von Leone für dessen Panoramakompositionen aufgegriffen gewesen sein könnten, doch man findet derartiges ebenso in Boettichers Western. In AUF EIGENE FAUST beispielsweise gibt es zum Schluss ja die Waldlichtung, die kreisförmig als eine Art von Arena (Bezug zum Stierkampf?) angelegt ist, außerdem dann die schnellen Bildschnitte bis zur Schießerei – dies gemahnt schon an das Schlussduell in Leones THE GOOD, THE BAD… wo ebenfalls Lee van Cleefs Figur der Leittragende ist…

Nun ja, das mit der Arena hatten ja Kritiker bereits beim Finale von "Seven Men" gemutmaßt, als Scott und Marvin sich in dem Rund umgeben von den Felswänden duellieren. Und bei Boettichers Vita liegt das ja auch nahe mit seiner Leidenschaft zum Stierkampf und seiner Verehrung des Matadors Carlos Arruza. Ich meine zwar, dass er selbst das als Nonsens abgetan hat, also das er diese Gedanken beim Dreh gar nicht hatte, aber unbewusst könnte das natürlich dennoch mit eingeflossen sein.


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 Betreff des Beitrags: Re: FAHRKARTE INS JENSEITS - Budd Boeticher
BeitragVerfasst: 06.12.2018 21:35 
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Loco Burro hat geschrieben:
Das ist aber auch eine absolut andere und nicht so mehr so schwermütige Gangart, die das Drehbuch hier vorgibt. Im Ranown-Zyklus nur mit den ersten 15min von "The Tall T" vergleichbar, wo Scott zunächst ja noch ähnlich gut gelaunt ist. Zwischen "Fahrkarte" und "Sein Colt war schneller" liegen allerdings schon ganze Welten. Während bei ersterem der Schwerpunkt auf dem verbitterten und verwirrten Anti-Helden liegt, der in seiner Sturköpfigkeit einen Fehler nach dem anderen macht und sein Leiden am Ende nur verschlimmert hat, ist "Buchanan" ja ein beinahe fröhliches Pokerspiel, bei dem die unterschiedlichen Parteien


Ja, das siehe ich auch so - der "leichte" Grundton ist natürlich bewusst gewählt, und man merkt daran auch, dass die einzelnen Filme im Zyklus auf sich Bezug nehmen, indem eine durchaus ähnliche Hauptfigur dennoch gänzlich anders gestaltet ist und agiert - in FAHRKARTE: der neurotische Egoist, und in COLT dann der Picaro-Typus, der das Glück auf seiner Seite hat (die Szene mit dem Hängen, das dann doch nicht geschieht, wäre ein Beispiel - ein anders wäre: dass der eine Hilfssheriff den anderen erschießt, während der die Scott-Figur erschießen will)... wie gesagt, meine Vorliebe wäre eher beim FAHRKARTEN-Scott und nicht bei seiner COLT-Figur, da ich eher "Noir"s mit solchen "schwierigen" Protagonisten mag...

was das Arena-Motiv betrifft: das Motiv wird ja in FAUST nur abstrakt angedeutet, zumal dann auch die van-Cleef-Figur auf die Scott-Figur völlig wild losreitet (also Stier und Matador) -; Leone könnte davon nun - so meine Theorie - beeinflusst gewesen sein, und er hatte dann in der Friedhofs-Sequenz in THE GOOD... mit dem Schlussduell (die Kreuze bilden ja die Zuschauer für die "Duell-Arena") das Motiv richtig groß "aufgeblasen" - und damit dann auch Boetticher seine Verehrung gezollt...

PS: wobei mir einfällt, dass es solch eine Arnea-Anspielung auch schon in FÜR EIN PAAR DOLLAR MEHR am Schluss gibt... und wieder mit van Cleef... könnte Leone möglicherweise vor allem durch FAUST auf van Cleef aufmerksam geworden sein?


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