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Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: Von Schundfilm, Sittenwächtern und der aktuellen Situation
PostPosted: 15.06.2020 15:48 
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Location: Wo die wilden Filme wohnen
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Servus beisammen,

im Verlauf gesellschaftlicher Entwicklung ist klar, dass sich Sitten und Gesellschaftsbilder und politische Wirklichkeiten im steten Wandel befinden. Es ist jetzt auch nicht eine Absicht, dazu ein größeres Urteil zu treffen oder meine Sichtweise zu bestimmten ideologischen und realpolitischen Dynamiken abzugeben, sondern mich rein auf, meines Erachtens, problematische Auswirkungen auf die Film- und Kulturlandschaft zu konzentrieren. Absich dahinter ist ebenfalls, dass wir in diesem Raum über die Auswirkungen sprechen können, ohne, dass wir durch unsere jeweilige Weltsicht in Diskussionsfelder geraten, in denen wir schlichtweg nicht auf einen grünen Zweig kommen können.

Es sind letztendlich zweierlei Dynamiken, welche ich hier auflisten möchte und die mich mit Sorge über die Zukunft erfüllen.
Zunächst ist da die Entfernung von "Vom Winde verweht" und weiterer Beiträge wie "Little Britain" und "Fawlty Towers". Wir können zunächts einmal feststellen, dass die Trendwende zum Streaming und die damit gestiegene Macht der Plattformen vor allem in Zukunft in der Lage sein können, Werke gänzlich zu vernichten. Zukunftsmusik daher, da ja immer noch Datenträger vorhanden sind, es also durchaus ausgeglichen werden kann. Öffentliche Vernichtungen, welche Reaktanz und Abwehrverhalten kulturgesonner Menschen zurfolge haben, sind aber gar nicht mehr möglich, wenn man mit einfachen digitalen Mitteln das kulturelle Gedächtnis von ganzen Nationen nun bearbeiten kann.
Das mag für manche nach Verschwörung klingen, aber ganz ehrlich, als Nischenfilmfreunde wissen wir, dass da draußen böse Menschen sind, die immer darauf aus sind, Schmutz und Schund von den Bildschirmen zu tilgen und dass diese Menschen sich zwar durchaus wandeln in ihrer Gestalt, aber, dass sie immer vorhanden sein werden.
Streamingplattformen und sogenannte Parafiski wie der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk sind daher sehr mit Vorsicht zu genießen, wenn es um den Erhalt dieses Erbes geht.
Aus der Makroperspektive geht daraus hervor, dass ein dezentraler Markt wohl am besten geeignet ist, mit diesen Gütern umzugehen. Hier im Forum erleben wir es ja selbst durch die verschiedenen Initiativen, die entweder Kinorollen für die Ewigkeit erhalten möchten oder engagierte kleine Labels. Im Falle von "Vom Winde verweht" sehen wir ja durchaus ein Reaktanzverhalten und ein gestiegenes Interesse an Datenträgern. Es bleibt daher zu hoffen, dass für die Entwicklung des Films der Datenträgermarkt wieder gestärkt wird und dadurch die Marktmacht nicht bei wenigen nicht-vertrauenswürdigen Plattformen bleibt.


Die zweite Dynamik ist die der "Trigger-Warnungen". Als Rückversicherung zu sich selbst hat vor allem Disney inzwischen eigenen Filme mit Warnhinweisen versehen. Das ist noch die harmlose Variante. Wiederholt wird verlangt, der Kontext eines Kunstwerks müsse mitgeliefert werden, Eindeutigkeit wird verlangt, wo Kunst vielleicht gar nicht eindeutig sein soll. Das Gedicht von Herrn Lindemann über Geschlechtsverkehr mit schlafenden Frauen ist da ein Beispiel, wenn versucht wird, mit Boykottforderungen Druck auf den Verlag aufgebaut zu werden. Wir haben es hier mit der gleichen Dynamik zu tun, wie früher bei Filmen, wenn jede Form der Gewaltdarstellung eine Verherrlichung darstellt, wenn kein Kommentar dazu kommt, Gewalt sei schlecht und böse.
Das Bild, das damit produziert wird, ist die generelle Unmündigkeit der eigenen Mitmenschen und denken wir es weiter, was so ein Bild bedeutet, dann ist es eine Gefahr für uns alle. Denn unmündige Menschen muss man schließlich vor sich selbst und schlechten Entscheidungen schützen - also sollen sie nichts entscheiden.
Und darum halte ich auch weitere Maßnahmen der Kontextualisierung für eine gefährliche Dynamik.
Jetzt werden bestimmt einige sagen, wie ich es auch immer wieder erlebe, dass die Zeit es nunmal hergebe, viele Menschen keine mündigen Erwachsenen sein wollten und ich sehe ebenfalls eine Tendenz zur Infantilisierung von beiden Seiten, also Mensch und Umwelt.
Aber ehrlich, wer meint, diese Dynamik weitertreiben zu müssen, der wird sie nicht beheben, oder ausgleichen, er wird sie verschlimmern. Wer sich mit Verhaltensökonomik, Behaviorismus/Kognitivismus und Nudging beschäftigt, wird wissen, wie erfolgreich diese Maßnahmen sein können und wie man gezielt über Masseneffekte manipulativ auf Individuen einwirken kann.

Ich sehe uns als Zivilisation (noch) nicht in einer dystopischen Situation und nein, ich glaube nicht an schattenhafte Zentralgremien, die das alles planen. Woran ich glaube sind schadvolle Dynamiken, die aus verschiedenen Interessen entstehen und wodurch Dinge entstehen können, die derartige dystopischen Formen annehmen können. Und ich denke, dass es durchaus möglich ist, sich als Individuum, das sich und seine Umwelt mitgestaltet, gegen derartige Dynamiken möglich ist zivilisiert entgegen zu setzen. Dazu gehört aber eben die entsprechenden Güter, Eigenverantwortung (was ich sehe, wie ich es sehe und warum ich mich für einen Film entscheide), Freiheit und Kultur wertzuerschätzen, sie erhalten, zu pflegen und stetig weiterzuentwickeln.

_________________
Reise, Reise
Seemann Reise
Der eine stößt den Speer zum Mann
Der Andere zum Fische dann



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