Dirty Pictures

Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: Re: Chet's gesammelte Filmeindrücke - 60er, 70er, 80er und mehr
PostPosted: 15.10.2012 04:58 
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Oktober 2012


So ein Windhund (OT: Slalom; Italien/Frankreich/Ägypten; 1965; Luciano Salce)

Lucio (Vittorio Gassman) und Riccardo (Adolfo Celi) verbringen zusammen mit ihren Frauen den Weihnachtsurlaub in einem Ski-Gebiet. Schon im Zug wird Lucio auf eine reizvolle Blonde (Daniela Bianchi) aufmerksam, die schließlich sogar am gleichen Ort ausstiegt. Als es den beiden Herren im besten Alter mit Hilfe eines Vorwands dann noch gelingt, ihre Frauen für drei Tage loszuwerden, scheint dem ein oder anderen netten Flirt nichts mehr im Wege zu stehen. Doch statt einem romantischen Rendevouz, sieht sich Lucio plötzlich in einen Mordfall verwickelt. Damit noch nicht genug: auch er entgeht nur knapp einem Anschlag, alles um ihn herum scheint sich auf einmal gegen ihn verschworen zu haben, er wird für verrückt erklärt und weiß nicht mehr, wie ihm geschieht - und das ist erst der Anfang, denn wenig später sitzt er, mitsamt einer neuen Identität, in einem Flugzeug Richtung Kairo...

Alles fängt an wie eine typische italienische Komödie dieser Zeit: zwei nicht mehr ganz junge Schürzenjäger, die unter der Fuchtel ihrer Frauen stehen, wollen es im Urlaub nochmal ein bisschen krachen lassen und haben dabei natürlich nur mäßigen Erfolg. Soweit netter, mitunter auch recht spaßiger Klamauk, der vor allem durch die exzellente Besetzung sofort zwei Klassen hochwertiger wirkt. Vittorio Gassman als tollpatschiger, gestresster Geschäftsmann (von seiner Frau wird er nur noch "Migränemaus" genannt) auf Erholungstrip muss man einfach gernhaben. Doch mit der Erholung ist es schnell vorbei!
Genau dann hat der Film nämlich seine faszinierendsten Momente, wenn Luciano Salce auf bizarre Weise von beschaulicher Komödienunterhaltung zu undurchschaubarem Krimiplot überleitet. In dem bis dahin heiteren Urlaubparadies ziehen nun auf einmal dunkle Wolken auf. Der unbescholtene Lucio schlittert, im wahrsten Sinne des Wortes, von einer Gefahr in die Nächste. Auf dem Ski-Lift lässt er fast sein Leben, anschließend wird er an einem Abhang beinah von Baumstämmen überrollt und schließlich setzen ihn in einer äußerst sonderbar anmutenden Sequenz ein paar gut gelaunte, in lustige Weihnachtskostüme gehüllte Gestalten mit Chloroform außer Gefecht.
Dann ist erstmal Blackout, und der Schauplatz verlagert sich in arabische Gefilde. Was jedoch noch eine ganze Weile gleich bleibt, ist das große Fragezeichen, das sowohl über dem Protagonisten als auch über dem Zuschauer schwebt. Sicher sind auf diese Art gestrickte Filme an dieser Stelle auch immer in einer Zwickmühle: einerseits kann es auf dieser Schiene der Ungewissheit nicht ewig weitergehen, andererseits wird durch die Offenlegung des Rätsels Lösung ein Stück weit meistens auch die aufgebaute Faszination eingebüßt. So muss man auch in diesem Fall feststellen, dass die Erhellung der Hintergründe die Sache nicht wirklich interessanter macht. Trotzdem schlägt sich der Film bis zum Ende recht wacker, und bietet mit milden Aha-Effekten und seinem Hang zu kuriosen Einfällen brauchbare Unterhaltung. Für das Übrige sorgen die erlesene Besetzung und ein gefälliger, wenn auch nicht besonders erinnerungswürdiger Morricone-Score.

Komödie trifft auf Verschwörungskrimi, garniert mit einem kräftigen Schuss Mystery. Nicht der ganz große Wurf, aber dank der ungewöhnlichen Herangehensweise mit Sicherheit weitaus interessanter als viele artverwandte Eurospy-Produktionen.

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 Post subject: Re: Chet's gesammelte Filmeindrücke - 60er, 70er, 80er und mehr
PostPosted: 15.10.2012 05:25 
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Fertig!!! :D :a75-1: :) :wiegeil1:

Nun kann es hoffentlich bald mit neuen Einträgen weitergehen!!! :) :schilder_hschild:

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 Post subject: Re: Chet's gesammelte Filmeindrücke - 60er, 70er, 80er und mehr
PostPosted: 20.10.2012 21:51 
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Ladies, Ladies (OT: Le dolci signore; Italien/Frankreich; 1967; Luigi Zampa)

Esmerelda's (Claudine Auger) Mann hat sich gerade wieder auf Geschäftsreise verabschiedet, somit beschließt sie, zum Zeitvertreib ein paar Freundinnen in Rom einen Besuch abzustatten. Da ist z.B. Luisa (Virna Lisi), die von einem lästigen Kleinganoven (Lando Buzzanca) geplagt wird, der sie angeblich bei einem Seitensprung ertappt hat und nun versucht, sie mit belastendem Material zu erpressen. Paola (Marisa Mell) handelt sich nach einer recht gewagten Darbietung bei einer Wohltätigkeitsgala Ärger mit ihrem Mann (Frank Wolff) ein. Als dieser jedoch merkt, dass sich mit solchen Auftritten gar nicht so schlecht Geld verdienen lässt, wendet sich das Blatt. Und die Vierte im Bunde, Norma (Ursula Andress), hat Sorgen etwas anderer Art: sie kriegt nachts kaum noch ein Auge zu, da sie in ihrem Träumen immer wieder von einem nackten Verkehrspolizisten (Mario Adorf) verfolgt wird...

Muss ich zu diesem großartigen Staraufgebot noch was sagen? Ja, denn das kann man gar nicht genug loben! Also das Damen-Quartett ist natürlich ein Traum; schließlich bekommt man nicht alle Tage Claudine Auger, Virna Lisi, Marisa Mell und Ursula Andress in einem Film zu sehen. Da gibt es tatsächlich kaum eine Szene, in der nicht irgendwelche bekannten Gesichter auftauchen. Dazu die Musik von Armando Trovajoli, Bilder, Setting, Kostüme, Ausstattung - das alles bringt in jeder Hinsicht äußerst wohlgefällig die erwartete 60s-Atmosphäre rüber. Die Grundvoraussetzungen könnten also kaum besser sein. Als schön skurille Highlights kristallieren sich gleich zu Beginn die Traumsequenzen heraus, in denen in knalligen Dekors Frau Andress mit einem fast splitternackten Mario Adorf konfrontiert wird!
Leider gerät der Film ein wenig ins Straucheln, wenn an das Erzählen einer Geschichte geht. Sicher, überbewerten möchte ich diesen Aspekt nicht - zumal es hier je eh episodenhaft zugeht - trotzdem kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die verschiedenen Plots, so launig sie sich auch anlassen, genau genommen kaum von der Stelle kommen. Ebenso tut sich in Sachen Humor nicht allzu viel. Manch einer, der mit italienischen Komödien nicht so gut kann, wird es vielleicht auch gerade begrüßen, dass die Gags sich eher dezent im Hintergrund halten. Allerdings beschleicht mich auch hier wieder das Gefühl, Regisseur Zampa hat sich zu sehr auf seinen tollen Cast verlassen, und dafür die erzählerischen Inhalte vernachlässigt. Die Charaktere bleiben schöne Schablonen, denen man zwar gerne dabei zuschaut, wie sie sich durch ihre wunderbar ausgeschmückte Welt bewegen, aber von denen, wenn die reichlich 90 Minuten rum sind, auch nichts weiter hängenbleibt. So sind es dann wirklich die Oberflächenreize, die noch am ehesten in Erinnerung bleiben. Szenen, beispielsweise, wie die Striptease-Nummer von Marisa Mell bringen da sehr gelungen diese Kunst der subtilen Erotik zur Geltung, die ja zu dieser Zeit noch fleißig gepflegt wurde, eben weil man damals in der Regel noch nicht ganz in die Vollen gehen konnte.

Somit funktioniert der Film wohl am besten als Berieselung auf hohem Niveau. Das nette Drumherum lässt über viele Schwächen hinwegsehen, kann diese allerdings nicht vollkommen übertünchen. Man könnte auch noch mehr Namen aufzählen: ein Gauner wird verkörpert von Vittorio Caprioli, Luciano Salce gibt den Psychiater und als Boss der Erpresserbande sieht man Nello Pazzafini. Ungeachtet aller Kritikpunkte, ist es dieser Vielzahl von liebgewonnenen, altbekannten Beteiligten zu verdanken, dass das Ganze über weite Strecken dennoch zu einer Wohlfühl-Angelegenheit für Verehrer des italienischen Kinos wird.

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 Post subject: Re: Chet's gesammelte Filmeindrücke - 60er, 70er, 80er und mehr
PostPosted: 21.10.2012 18:58 
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Lunatics and Lovers (OT: Culastrisce nobile veneziano; Italien; 1976; Flavio Mogherini)

Agostino (Lino Toffolo) verdient sich bei diversen Hochzeiten und Trauerfeiern ein paar mickrige Lire als Lebensunterhalt. Einige unglückliche Zufälle später, nachdem er noch an einen Zuhälter gerät, kommt er schließlich bei dem Marchese Luca Maria (Marcello Mastroianni) unter. Auf dessen prächtigen Anwesen wird zu großen Teilen noch die Tradition eines alten Adelsgeschlechts aufrecht erhalten, zudem geht dort der Wahnsinn um. So pflegt der Marchese z.B. noch einen lebendigen Umgang mit seiner imaginären (eigentlich schon verstorbenen?) Frau (Claudia Mori). Die Gefahr, die droht, ist, dass eine Immobiliengesellschaft sich den Palast unter den Nagel reißen will, da der Besitzer ja offensichtlich nicht mehr ganz zurechnungsfähig ist. Somit müssen sich die Bewohner des alten Gemäuers nun etwas einfallen lassen...

Um eines gleich mal klarzustellen: das ist kein "Celentano-Film"! Damit meine ich, dass er hier lediglich geschätze 5 Minuten Screentime hat. Macht das den Film nun besser oder schlechter? Mir ist es im Grunde egal, aber ich kann mir die enttäuschten Rezensionen von irgenwelchen Celentano-Fans schon vorstellen. Das könnte allerdings auch daran liegen, dass das Gebotene insgesamt völlig gestört und ziellos daherkommt. Irgendwie unbefriedigend, aber irgendwie auch doch von Interesse. Eine Komödie (oder vielleicht trifft es "Groteske" auch besser), die etwas zutiefst Italienisches an sich hat, aber dennoch kaum mit anderen Italo-Komödien zu vergleichen ist.
Schon der Beginn mit diesen alten Kostümen und der klassischen Musik sorgt da für eine recht reizvolle Stimmung, die das Geschehen irgendwo zwischen Gegenwart und Vergangenheit verortet. Auf der einen Seite also dieses traditionelle Ambiente mit passender musikalischer Begleitung. Im krassen Kontrast dazu, ertönen jedoch schon bald flippige Pop-Tunes ("all you need is Rock'n'Roll..."); weiterhin wird ein Sub-Plot um einen Zuhälter aufgemacht, mit dem man sich dann wieder voll in den 70ern befindet und der auch Adriano Celentano eine Bühne für seine wenigen Auftritte bietet, welche ausschließlich daraus bestehen, dass er als Zuhälterboss entweder mit seinem Sportwagen durch die Gegend rast oder wirres Zeug redet. Und dann eben immer wieder das Getue des Marchese mit seiner unsichtbaren Frau.
Für die meiste Zeit habe ich mich mit diesem Irrsinn doch einigermaßen arrangiert, von Langeweile so gut wie keine Spur, aber je mehr ich darüber nachdenke, wie man das nun einordnen oder bewerten soll, desto mehr wird der Irrsinn zu Unsinn. Man fragt sich eigentlich beständig: "kommt hier irgendwann noch die Genialität durch, oder ist man eventuell nur nicht imstande, sie zu erkennen?" Da gibt es ohne Zweifel immer wieder nette Einfälle, gerade auch auf der rein visuellen/ästhetischen Ebene spielt sich hier vieles ab, aber dann schwingt da oft auch eine arg manierierte Note mit; so als ging es ein wenig zu vordergründig darum, ein Werk zu schaffen, das hauptsächlich "anders" sein soll.

Mastroianni sehe ich immer gern, die Musik von Detto Mariano fügt sich ebenfalls schön ein - was den Rest betrifft, muss jeder selbst wissen, was er daraus macht. Ich könnte mir vorstellen, dass die Meinungen in diesem Fall sehr auseinander gehen, und das muss ja erstmal auch nichts Schlechtes sein.

Vor kurzem von VoulezVouz/Intergroove unter dem, soweit ich weiß, erst jetzt neu erfundenen Titel DER UNZÄHMBARE SUPERTYP erschienen. Eine Scheibe aus dem Billigsegment, bei der aus meiner Sicht alles im grünen Bereich ist: ungeschnitten, Ton deutsch und italienisch, Originalformat, brauchbare Qualität. Vielen Dank und bitte mehr davon!

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 Post subject: Re: Chet's gesammelte Filmeindrücke - 60er, 70er, 80er und mehr
PostPosted: 28.10.2012 22:59 
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Anna von Brooklyn (OT: Anna di Brooklyn; Italien/Frankreich; 1958; Vittorio De Sica/Carlo Lastricati)

Die junge Witwe Annarella (Gina Lollobrigida) kehrt aus Amerika in ihr italienisches Heimatdorf zurück. Als bekannt wird, dass sie eventuell wieder heiraten will, ist bald alles in Aufruhr. Und es ist ausgerechnet der Priester (Vittorio De Sica) der Gemeinde, der als Vermittler zwischen den verschiedenen Interessenten fungiert...

In einer schön anheimelnden Atmosphäre darf man es sich hier als Zuschauer gemütlich machen. Als Setting dient ein idyllisches Fleckchen Erde, das wie weit abgeschieden von der restlichen Welt irgendwo für sich zu existieren scheint. Hier wird die Lebensfreude der Menschen höchstens nur hin und wieder durch kleine Konflikte und Reibereien getrübt, und man weiß natürlich, das alles zu einem versöhnlichen Ende gelangen wird. Im Grunde ja eine sehr beschauliche Angelegenheit, die als vielleicht einziges Novum dieses leichte Aufeinanderprallen der Kulturen zu bieten hat, aber dennoch: diese Liebeskomödie lässt Liebe und Komik doch auf eine sehr herzerwärmende Weise verschmelzen, so dass man gerne Anteil nimmt an den nicht allzu hohen Höhen und den nicht allzu tiefen Tiefen, denen die Charaktere ausgesetzt sind. Den Humor bringt das bestens aufgelegte Darsteller-Ensemble auf sehr natürliche Weise ein, die umwerfende Gina Lollobrigida beherrscht praktisch jede Szene, in der sie zu sehen ist, und wenn sich dazu noch Giganten der italienischen Komödien-Szene, wie Vittorio De Sica und Peppino De Filippo gesellen, dann kann eigentlich kaum noch was schiefgehen. Man muss sich einfach auf diese, im absolut positiven Sinne, naive Herangehensweise einlassen und sich von der in malerischen Technicolor-Bildern festgehaltenen Momentaufnahme italienischer Lebensart verzaubern lassen.

Ich muss allerdings auch zugeben, dass für mich gegen Ende ein bisschen die Luft raus war, den erfreulichen Gesamteindruck soll das aber nicht weiter schmälern. Ein wenig schade ist, dass diese Art des italienischen Kinos womöglich nie ihrem Schattendasein entkommen wird, weil sie einerseits mit den für das sogenannte Genrekino typischen Exzessen nichts am Hut hat, und andererseits in den Augen der seriösen Filmkritik wohl als zu belanglos anmutet, um als "ernstzunehmende Filmkunst" durchzugehen.

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 Post subject: Re: Chet's gesammelte Filmeindrücke - 60er, 70er, 80er und mehr
PostPosted: 28.10.2012 23:26 
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Entführer haben's auch nicht leicht (OT: Top Crack; Italien; 1966; Mario Russo)

Karl (Gastone Moschin) und Charles (Terry-Thomas), ein etwas unbeholfenes Gangster-Duo, treffen sich in Italien, um mal wieder ein großes Ding zu drehen. Diesmal haben sie eine Luxusvilla ins Visier genommen, wo es zu einer Entführung kommen soll. Doch bevor sie überhaupt zur Tat schreiten können, kommt ihnen "Top Crack" (Didier Haudepin) in die Quere, der sich mit seiner perfekt durchorganisierten Bande von Nachwuchsdetektiven über ganz Rom ausgebreitet hat...

Woah, was für eine Entdeckung! Zuerst allem Anschein nach noch ein harmloses, komödiantisch angehauchtes Heist-Movie, das lediglich ein wenig neben der Spur ist. Doch dann wird es von Minute zu Minute immer unfassbarer! Man kann zumindest schonmal soviel sagen, dass der Film größtenteils unvorhersehbar bleibt, was daran liegt, dass man sich sowieso von Anfang an fragt, was zum Teufel hier vor sich geht. Sehr seltsam und auch ein bisschen befremdlich bereits diese Kinderdetektive, die ständig ganz emsig mit irgendwelchen ulkigen Gefährten durch die Stadt kurven. Irrsinnige Gadgets, wie schwimmende Motorräder und explodierende Kinderwagen gesellen sich bald hinzu. Dann diese Familie, die in der besagten Villa haust: eine unglaublich dekadente Sippe, die, als ihr armes Väterchen entführt wurde und nun nach Lösegeld gefragt wird, schnell beschließt, dass sie nicht zahlen werden, da der Alte ohne seine Pillen ja sowieso nicht mehr lange zu leben hat. Zu ihrem Reichtum sind sie übrigens durch künstliche Eier gekommen, und deshalb finden in den Kellergewölben des Hauses auch ständig allerlei merkwürdige Experimente statt, bei denen diverse künstliche Lebensmittel gekreuzt werden.
Umso bizarrer ist das alles, da es gar nicht so sehr als Vorlage für absurde Komik genutzt wird, sondern mit einer völlig entrückten Selbstverständlichkeit präsentiert wird. Deswegen halte ich mich hier auch an der Beschreibung dieser Details auf, weil sie es sind, die den Entführungsplot, der zwar zentral ist, immer wieder in den Hintergrund drängen. Es ist wirklich mal wieder etwas Surreales, das sich durch den gesamten Film zieht, wobei jedoch schwer zu sagen ist, woran genau man das festmachen kann. Ganz großen Anteil daran hat auf jeden Fall Gianni Marchetti, der mit seinem Score endgültig den Vogel abschießt! Ist dieser Mann der Gott der italienischen Soundtrack-Kunst? Ich glaube langsam, ja! Es dürfte kaum jemanden geben, dem es immer wieder gelingt, das filmische Geschehen auf so einnehmende Weise mit Musik zu veredeln. Man erfasst teilweise kaum noch, was auf der Bildebene abläuft, da diese treibenden Klänge einen schon wieder davontragen. Und spätestens, wenn man das überdrehte Finale erreicht hat, wundert man sich eigentlich über gar nichts mehr.

Ein völlig unerwartetes Wunderwerk, das mich ziemlich geplättet zurückgelassen hat. Wer ist nur dieser Mario Russo, mit dessen einziger Regie-Arbeit man es hier zu tun hat? Ein paar Mal musste ich an die Filme von Cesare Canevari denken, aber auch dieser Vergleich wird dem Ganzen nicht wirklich gerecht.

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 Post subject: Re: Chet's gesammelte Filmeindrücke - 60er, 70er, 80er und mehr
PostPosted: 31.10.2012 22:12 
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Geliebte Sena (OT: Eutanasia di un amore; Italien; 1978; Enrico Maria Salerno)

Beziehungskrise bei Paolo (Tony Musante) und Sena (Ornella Muti). Welche Ereignisse in der Vergangenheit haben die beiden so entzweit? Hat ihre Liebe noch eine Chance?

Das ist die erst einmal nicht übermäßig komplexe Grundrichtung, die der Film einschlägt. Langsam werden diese Themen im weiteren Verlauf ausgebreitet und gewinnen etwas an Tiefe. Ich wusste anfangs nicht so recht, was ich daraus machen soll, und habe doch ein wenig auf so etwas wie eine Steigerung oder einen stärkeren Aha-Moment gewartet. Allzu viel kam für meine Begriffe jedoch nicht dabei rum, für die meiste Zeit bleibt es in den vorgezeichneten Bahnen. Fragen werden aufgeworfen, bleiben jedoch tendenziell unbeantwortbar, unterschiedliche Lebenskonzeptionen stehen sich gegenüber, und ganz am Ende hat sich nicht wirklich viel geändert. Eine tiefsinnige Meditation über Leben und Liebe? Oder doch nur eine pseudophilosophische Seifenoper? Die Wahrheit mag, wie so oft, wohl irgendwo dazwischen liegen. Und selbst wenn der Seifenoper-Anteil überwiegt - ich wage mal zu behaupten, dass diese Art von Kitsch (wenn man es so nennen will), die die Italiener zu dieser Zeit hervorgebracht haben, Stoffe dieser Art überhaupt erst genießbar macht. Was wären diese Werke ohne ihre schönen Schauspieler(innen!) und ohne ihre anrührenden Soundtracks und ohne ihre traumhaften Locations? Wenn diese Grund-Ingredienzien wieder stimmig aufeinandertreffen, dann leidet man eben auch wieder bereitwillig mit den Liebenden, oder nicht mehr Liebenden, mit. Es ist im Grunde so eine hübsch verpackte "Wohlfühl-Tragik", die einen angenehm-sanft in ihren Bann zieht - bis die anfänglichen Zweifel schließlich auch irgendwann zwischen lieblichen Klavierthemen untergehen. Gerade gegen Ende werden die Stärken auch nochmal besonders gelungen ausgespielt, so dass für einen runden Abschluss gesorgt ist.

Schwermütig-schwelgerische Liebesgeschichte, die inhaltlich nicht komplett überzeugt, aber mit der Umsetzung vieles wettmachen kann.

Die KNM-Scheibe kann man für kleines Geld ruhig mal mitnehmen. Lediglich einige Tonschwankungen fand ich etwas nervig.

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 Post subject: Re: Chet's gesammelte Filmeindrücke - 60er, 70er, 80er und mehr
PostPosted: 04.11.2012 23:06 
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November 2012


Ich bin wie ich bin (OT: Col cuore in gola; Italien/Frankreich; 1967; Tinto Brass)

Im London der 60er werden Jane (Ewa Aulin) und Bernard (Jean-Louis Trintignant) in einen undurchschaubaren Mordfall verwickelt, auf den bald noch Entführung und Erpressung folgen...

Schon recht früh in seiner Karriere hat Tinto Brass mit diesem Film - ganz zeitgemäß oder vielleicht auch etwas seiner Zeit voraus - eine durchaus reizvoll anmutende Giallo-Variation hingelegt. Wie man es in diesem Genre gewohnt ist, sind es jedoch nicht der Kriminalfall oder Ermittlungsarbeiten, die von Relevanz sind, sondern hier ist man noch einen Schritt weiter gegangen, was dazu führt, dass beinah sämtliche Story-Elemente nur noch wie Anhängsel oder Vorwände wirken, die man einem penibel durchgestylten Pop-Art-Exkurs beigemengt hat. Genau darauf läuft es nämlich hinaus: Trintignant und Aulin, die ja zweifellos ein nettes Pärchen sind, stolpern durch ein filmisches Geschehen, dass ständig zwischen penetranter Extravaganz und artifizieller Faszination schwankt. Da gibt es z.B. mit Kunst verschiedenster Art überladene Wohnungseinrichtungen, Schriftzüge und Symbolik, die die Kamera immer wieder zum Verweilen einladen. Teilweise funktioniert das, teilweise nicht. Festzuhalten bleibt, wer sich hier klassisches Erzählkino erhofft, muss sich eigentlich zwangsläufig veralbert vorkommen. Aber auch ungeachtet dessen, erweckt dieses spielerische Abdriften vom geradlinigen Filmfluss stellenweise leider ein wenig den Anschein einer selbstzweckhaften und selbstverliebten Stilübung. Wenn das Interesse an der Geschichte im weiteren Verlauf eher schwindet als steigt, dann ist das wahrscheinlich doch kein so gutes Zeichen. Zu den Pluspunkten zählt schließlich noch der schmissige Score von Armando Trovajoli, der einen starken Titelsong zu bieten hat und auch sonst das etwas versalzene Süppchen ganz brauchbar am Brodeln hält.

Kann man sich mal ansehen, aber ich glaube, dann reicht's auch.

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PostPosted: 04.11.2012 23:28 
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Ich liebe Dich, Du kleiner Schwede (OT: Senza Buccia; Italien/Spanien; 1979; Marcello Aliprandi)

Daniele (Juan Carlos Naya) verbringt die Ferien mit seinem Freund Giuliano (Maurizio Interlandi) sowie dessen Freundin (Lilli Carati) und Schwester (Taida Urruzola). Wenig später stoßen zu den Urlaubern noch ein schiffbrüchiges Nudisten-Pärchen aus Schweden (Miki Vouk und Illona Staller) und eine Bekannte von Giulianos Mutter (Olga Karlatos) hinzu. Letztere entpuppt sich als überaus attraktive 32-jährige Frau, auf die der bisher zu kurz gekommene Daniele sofort ein Auge wirft...

Ich wollte ja anfangs noch sagen, Marcello Aliprandi hat hier doch glattweg das Genre der FKK-Komödie erfunden (falls es das nicht schon voher gab). Besonders lustig geht es jedoch nicht zu, denn statt einem Gag-Feuerwerk bekommt man hier eher lockeres Urlaubsflair geboten. Aber auch das könnte schon wieder falsche Erwartungen wecken. Nebenbei bleibt vorweg noch festzustellen, dass man hier nicht den Fehler machen sollte, Nacktheit mit Erotik zu verwechseln: ja, nackte Tatsachen gibt es hier pausenlos zu sehen, diese werden jedoch auf natürliche, unsexualisierte Weise dargestellt. Das nimmt ein bisschen den Reiz, ist aber mal was anderes und sorgt für eine recht angenehm unverkrampfte Stimmung. Nun aber zurück zum merkwürdigen Grundton des Films, der aller Unverkrampftheit zum Trotz, eben ganz und gar nicht nur unbeschwert und heiter ist, sondern latent immer wieder von deprimierenden und tragischen Zwischentönen begleitet wird. Dieser Daniele ist beispielsweise ein ziemlich bemitleidenswerter Vogel, der von seinen "Freunden" ständig rumgeschubst wird und mit seinen Annäherungen beim anderen Geschlecht nur ins Fettnäpfchen tritt. Noch dazu sorgt auch der attraktive schwedische Besuch mit der freizügigen Lebenseinstellung für einige Reibereien und Eifersüchteleien im Urlaubsdomizil. Aber egal, was auch passiert und wie flapsig-krude sich der Film teilweise durch das emotionale Auf-und-Ab manövriert, es bleibt alles recht kurzweilig auf Kurs. Zumal das sehr schön mediterrane Setting und der nette Soundtrack von Pino Donaggio, welcher auch ein paar eingängige discoeske Gesangsnummern beinhaltet, eben wieder so manche Durststrecke versüßen und über kleinere Holprigkeiten hinwegsehen lassen.

Zu großen Teilen wirkt es auch wirklich wie ein Produkt aus einer Zeit, als man eben noch unbekümmerter drauflos gefilmt hat, was ich ja immer wieder als eine der großen Stärken des Kinos der 70er-Jahre hervorheben würde. Dennoch bleibt das Endresultat in diesem Fall etwas unausgegoren. Ein Film, der ist, wie er ist, und bei dem ich mir kaum vorstellen kann, dass ihn jemand richtig gut oder richtig schlecht findet.

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 Post subject: Re: Chet's gesammelte Filmeindrücke - 60er, 70er, 80er und mehr
PostPosted: 10.11.2012 21:06 
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Silvia im Reich der Wollust (OT: Freude am Fliegen; Deutschland; 1977; Franz Josef Gottlieb)

Jörg Bronner (Gianni Garko) kann sich vor Verehrerinnen kaum retten. Was er nicht weiß, ist, dass er auch in der Fantasie von Silvia (Corinne Brodbeck), deren Gefühlsleben von dem gewagten literarischen Werk "Freude am Fliegen" ziemlich aufgewühlt ist, schon länger eine Rolle spielt. Das erste Zusammentreffen lässt nicht lange auf sich warten, doch Jörgs andere Liebschaften und seine geschäftlichen Beziehungen, die ihn von Berlin über Salzburg nach Monte Carlo führen, verkomplizieren die Angelegenheit beträchtlich. Denn vor allem die "Caballe" (Ajita Wilson), welche bei der anstehenden Fusionierung der Unternehmen eine gewichtige, aber undurchschaubare Rolle spielt, setzt alles daran, mithilfe ihrer bestechenden Reize das Geschäft zu ihrem Vorteil abzuschließen...

Franz Xaver Lederle an der Kamera, Musik von Gerhard Heinz, wo ist Hubert Frank? - könnte man fragen. Tja, dessen Niveau, soweit ich das bisher einschätzen kann, wird hier zwar nicht ganz erreicht, aber herausgekommen ist auch unter der Regie von Franz Josef Gottlieb ein grundsympathisches Filmchen, das man dank seiner entwaffnenden Naivität einfach gern haben muss. Kein Vergleich zu den unsäglichen Lederhosen-Klamauk-Elaboraten, die für unerschrockene Trash-Fanatiker sicher ebenfalls ihre Qualitäten haben können. Hier läuft es jedenfalls anders! Trockener, dezenter Humor, der nicht weiter stört und gelegentlich sogar richtig Spaß macht. Als da wäre z.B. Olivia Pascal als schüchterne italienische Klosterschülerin und heimliche Nymphomanin (!), die nur in brenzligen Situationen so richtig in Fahrt kommt. Ein Brüller, ungelogen! Dann natürlich Gianni "Sartana" Garko als charmanter Frauenschwarm, der die Coolness für sich gepachtet hat, und wie ihn die Westernfans noch nie gesehen haben: im Bett mit Olivia Pascal, im Bett mit Ajita Wilson (die hier dermaßen gut aussieht, dass es einem nur egal sein kann, ob sie mal ein Mann war) oder in einer ausufernden Massage-Sequenz mit zwei Dienstmädchen (garantiert eine dieser Szenen, wie sie heute einfach nicht mehr gedreht werden). Das war es zwar schon mit echten Highlights in Sachen Sleaze/Erotik, aber als locker-leichte, freizügige Komödie, die zudem noch mit amüsant-offenherzigen Seitenhieben in Richtung Liebesleben und Moral aufwartet, unterhält das Gebotene ansonsten auch mehr als passabel. Es wirkt schlichtweg alles eine Nummer größer, eleganter und internationaler, als man das von ähnlichen Produktionen aus deutschen Landen gewohnt ist.

Ein schönes Beispiel dafür, dass Erotik-Komödien nicht immer nur derb und grobschlächtig sein müssen. Sicher, letzten Endes ist das hier auch eher simpel gestrickt, aber in der allgemeinen Machart ist doch ein großer Unterschied zu erkennen. Außerdem immer wieder unbezahlbar und unersetzbar: diese draufgängerische Ungezwungenheit, die sich durch das gesamte Geschehen zieht und die eben nichts mit verkrampfter "politischer Korrektheit" oder verkrampfter "politischer Unkorrektheit" zu tun hat! Wer immer noch nicht begriffen hat, dass sich sowas nicht in solche Kategorien pressen lässt, der muss einfach noch mehr von den alten Meistern lernen!

Genau wegen solchen VÖs zählt MCP übrigens zu meinen Lieblingslabels: Qualität ok, Preis top, somit eine gute VHS-Alternative. Und mit dem Film kann man wirklich nicht so viel falsch machen.

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PostPosted: 12.11.2012 00:19 
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Extasy (OT: Errore fatale; Italien; 1988; Beppe Cino)

Paolo (John Armstead) durchlebt mit seiner Frau Silvia (Loredana Romito) eine kleine Krise. Zudem vergnügt er sich auch noch mit einer außerehelichen Bekanntschaft (Carmen Marano). Alles ändert sich jedoch als er bei einem Ausflug mit dieser einen Unfall baut und erblindet. Silvia, die recht schnell von der Affäre ihres Mannes erfährt, lacht sich nun den ebenfalls in den Unfall involvierten, aber deutlich glimpflicher davongekommenen Alessio (James Villemaire) als neuen Chauffeur an. Dieser wiederum fängt auch noch was mit einer Angestellen von Silvia (Ann Magareth Hughes) an. Ein Konstellation, die nicht nur einiges an Konfliktpotential bereithält, sondern bald auch mörderische Ausmaße annimmt...

Mal wieder ein Ausflug in die wunderbare Welt der italienischen Erotik-Streifen der späten 80er-Jahre, welcher ich mich ja schon recht ausgiebig gewidmet habe und die mir schon einige tolle Entdeckungen beschert hat. Die ersten Minuten machen auch sofort einen vertrauten Eindruck. Da hat man wieder einen dieser Soundtracks, die ganz ungehemmt der romantischen Schwülstigkeit fröhnen, die später fälschlicherweise als zu "cheesy" abgetan und deshalb durch seelenlos-kalten Minimalismus ersetzt wurde. Hat irgendjemand mal mitgekriegt, wie unglaublich vergessenswert Filmmusik neueren Datums dadurch geworden ist? Äh egal, wo war ich stehengeblieben - richtig, dieser angenehmen musikalischen Untermalung ist es zu verdanken, dass der leider überreichlich vorhandene Leerlauf noch halbwegs erträglich wird. Denn wenn auch in vereinzelten Szenen hin und wieder etwas Inspiration und Gestaltungswille aufzublitzen scheinen, so ist es doch vor allem eine brutale Tristesse, die vorherrschend ist. Der weibliche Cast, insbesondere Frau Romito, sorgt auch durchaus für eine stetige Aura der Erotik, welche allerdings in gerade mal einer Szene wirklich gelungen kulminiert. Stattdessen gibt es einen Thriller-Plot, der zuweilen mit kruder Drastik überrascht, jedoch ebenfalls kaum über ein lahmes und vorhersehbares Abspulen des Intrigen-Einerleis hinauskommt.

Bei vorhandener Sympathie für Schundwerke solchen Kalibers sicher kein Totalausfall, aber selbst das Trash-Amusement (für das z.B. auch die deutsche Synchro sorgt) hält sich arg in Grenzen. Außerdem schaue ich solche Werke vordergründig auch nicht, um mich über sie lustig zu machen, sondern weil sie in manchen Fällen tatsächlich unerwartet viel Sinn für stimmungsvoll-schmierige Erotik beweisen. Genau daran mangelt es hier jedoch, da sich der Film viel zu lange an ermüdend vor sich hin dümpelndem Thriller-Murks und anderen Füllszenen aufhält.

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 Post subject: Re: Chet's gesammelte Filmeindrücke - 60er, 70er, 80er und mehr
PostPosted: 24.11.2012 20:14 
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Einsame Herzen (OT: Cuori solitari; Italien; 1969; Franco Giraldi)

Giovanna (Senta Berger) und Stefano (Ugo Tognazzi) sind zwei wohlhabende, kultivierte Eheleute, die sich allerdings inzwischen in- und auswendig kennen und so langsam von der Langeweile erdrückt werden. Es muss etwas Neues her und vor allem von Stefanos Seite kommt immer wieder das Thema Partnertausch zur Sprache. Seine Frau weiß nicht recht, was sie davon halten soll, und auch er ist sich alles andere als sicher. Nach vielem Bedenken und Zögern, beschließt man jedoch, die Sache anzugehen...

Sehr italienisch inszeniertes Kino der Charaktere und Emotionen, noch dazu sowohl vor als auch hinter der Kamera einigermaßen namhaft besetzt. Soweit schien alles genau nach meinem Geschmack. Skeptisch war ich lediglich hinsichtlich der Tatsache, dass die Kunstbanausen vom deutschen Verleih gleich mal wieder satte 26 Minuten entfernt haben. Was bleibt da noch übrig? Fallen die Kürzungen sehr auf? Sagen lässt sich zumindest soviel, dass der recht geschwätzige Film, bei dem Handlung und Entwicklung der Charaktere sowieso sehr in der Schwebe bleiben, meinem Eindruck nach, trotzdem noch ziemlich gut ansehbar ist. Einbilden kann man sich natürlich, dass manches etwas fragmentarisch bleibt oder sicher kann man sich fragen, ob die zusätzlichen Minuten dem Ganzen noch mehr Sinn verleihen, aber das hilft jetzt alles nicht weiter.
Das, was da ist, ist auf jeden Fall sehr entschleunigt, sehr filigran und in seiner Langsamkeit aber auch durchaus angenehm. Da hat man also dieses Ehepaar, das schon von einer etwas trübsinnigen Aura umgeben ist. Wirklich dramatisch oder deprimierend ist es jedoch auch wiederum nicht, viel mehr muten diese Versuche, aus dem Alltagstrott auszubrechen, zuweilen eher putzig an. Irgendwo zwischen progressiver Abenteuerlust und Verunsicherung ist dieses Gefühlsleben der Figuren, die hier ausgiebig durchleuchtet werden, angesiedelt. Wobei Ugo Tognazzi und Senta Berger halt auch einfach zwei Erscheinungen sind, denen man gerne zuschaut, selbst wenn sie sich nur in Zweifeln wälzen. Da wird sich dann über Inserate amüsiert, in unbehaglicher Atmosphäre werden Treffen mit vermeintlich "gleichgesinnten" Paaren abgehalten und gelegentlich scheint sich doch eine ernsthaftere Wendung anzubahnen. Dann glätten sich die Wogen allerdings wieder und die Konflikte brodeln weiter unter der Oberfläche. Kleine Höhepunkte hat man jedoch immer wieder der Inszenierung zu verdanken. Da ist zum einen die fantastische Musik von Luis Bacalov, die genauso klingt, wie man die italienischen Scores kennt und liebt, und dennoch nie formelhaft wirkt (und wenn, wäre es mir wahrscheinlich auch herzlich egal). Ein tolles Szenario wird auch nochmal gegen Ende entworfen, als das Geschehen in ein mit Ausschmückungen und Gemälden regelrecht überladenes Schloss verlagert wird, das dem immer noch nicht viel weiter vorangekommenen Bäumchen-wechsel-dich-Spiel immerhin zu Abwechslung ein ganz besonderes Flair verleiht.

Ich mag solche Filme, die so überdeutlich in ihrer Zeit verankert sind und trotzdem eine Art zeitlose Qualität haben. Bei weitem nicht perfekt, aber wenn man sich erstmal reingefunden hat, doch etwas zum ein bisschen liebgewinnen.

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 Post subject: Re: Chet's gesammelte Filmeindrücke - 60er, 70er, 80er und mehr
PostPosted: 24.11.2012 20:44 
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Wie herrlich, eine Frau zu sein (OT: La fortuna di essere donna; Italien/Frankreich; 1956; Alessandro Blasetti)

Die aus einfachem Hause stammende Antonietta (Sophia Loren) landet eines Tages durch einen so spontanen wie pikanten Schnappschuss auf dem Titelbild einer großen Zeitung und ist damit augenblicklich Gesprächsthema. Ihr engstirniger Verlobter, dem das gar nicht schmeckt, wird von ihr erstmal abserviert und der Weg zu einer großen Karriere im Model- und Filmgeschäft steht nun offen. So stellt sich das zumindest der für die Aufnahme verantwortliche Photograph Corrado (Marcello Mastroianni) vor, und Antonietta scheint an diesen Plänen auch ein wenig Gefallen zu finden. Bald stellt sich jedoch heraus, dass in diesem Millieu vieles mehr Schein als Sein ist, und schließlich kommen auch noch Gefühle ins Spiel...

Sophia Loren, Sophia Loren und nochmal Sophia Loren - sie ist es, die den Film mit jedem ihrer zahlreichen Auftritte an sich reißt und mit einer charmanten, gewaltigen und bezaubernden Präsenz zum Träumen einlädt. Daneben verblasst sogar der junger Mastroianni, der ebenfalls gewohnt launig aufspielt. Auch wenn man sich hier, wie für die gehobeneren italienischen Komödien der alten Schule üblich, gerne ein wenig geistreich und feinsinnig gibt, ist es letztendlich vor allem auch ein Film für's Auge. Schöne Menschen bewegen sich in vornehmer Gesellschaft in edlem Ambiente. Viel mehr kommt dann doch nicht dabei rum. Die Konflikte sind immer hübsch harmlos-gewitzt, nie wirklich kontrovers oder dramatisch. Aber warum nicht auch mal in angenehm arrangierten Oberflächlichkeiten schwelgen? Fängt die aufgeweckte Anoniettta nun was mit dem unterkühlten Photographen an, oder hat sie es eher auf einen vermögenden Filmboss älteren Semesters abgesehen? Viel interessanter, als die Antwort auf diese Frage, ist - man kann es einfach nicht verschweigen - die Tatsache, dass es der italienischen Traumfrau dabei an Gelegenheiten nicht mangelt, ihre drallen Kurven in figurbetonten Stoffen zu präsentieren. Und doch hat man hier nicht nur eine ausdruckslose Schönheit vor sich, sondern auch viel liebreizendes Augenzwinkern.

So gesehen, eine gelungene One-Woman-Show, eingebettet in eine nett-belanglose Filmhülse. Da gibt's noch einen nett-unaufdringlich jazzigen Score von Alessandro Cicognini, nette Schwarzweiß-Photographie, einen netten Supporting-Cast - alles ist hier nett, nur Sophia Loren ist noch netter.

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 Post subject: Re: Chet's gesammelte Filmeindrücke - 60er, 70er, 80er und mehr
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Dark Secrets (OT: Dark Secrets; USA; 1992; Clark Brandon)

Ein Motel irgendwo in der Wüste von Texas - ein kleiner Familienbetrieb der etwas anderen Art. Der Vater (Jimmy Williams), ein Schmierlappen par Excellence, hat es vor allem auf die weibliche Kundenschaft abgesehen, während mit seiner Frau (Ingrid Vold) schon lange nichts mehr läuft. Diese ist auch sowieso mehr dem Alkohol zugetan, und versucht außerdem auf ihre herrschsüchtige Weise jegliche Annäherungen zwischen ihrem Sohn (Francis von Zerneck) und anderen Frauen zu unterbinden. In diese geladene Atmosphäre dringt das neue Zimmermädchen Sunday (Marcia Swayze) ein und nicht nur Sohn Eddie ist sofort Feuer und Flamme für sie. Als der örtliche Sheriff (William Smith), ein etwas verschlafener aber durchaus hartnäckiger Typ, jedoch die Leiche der schon länger vermissten vorherigen Angestellten des Motels in der Wüste findet, wird die Situation bald sehr brenzlig für alle Beteiligten...

Man kann wohl sagen, dass die verschiedenen Schattierungen und Variationen des Erotik-Thriller-Genres ein Feld sind, das in den frühen 90ern von den Amis recht ausgiebig beackert wurde. Früher oder später musste es ja so weit kommen, dass ich auch in dieser Richtung den ein oder anderen Abstecher unternehme. Dass ich dabei gleich an einen so ausgebufften Geheimtipp gerate, habe ich zwar gehofft, aber nicht unbedingt erwartet.
Von Anfang an geht es hier ziemlich direkt zur Sache: die handelnden Personen kann man an einer Hand abzählen, dazu ein finsteres Motel als Schauplatz des Ganzen und rund herum nichts als Wüste. So klar die Ausgangssituation auch ist, so vage ist wiederum der weitere Verlauf, denn die titelgebenden "Dark Secrets" werden nur langsam erhellt. Es ist im Grunde genau eines dieser Werke, die sich auf dem schmalen Grat zwischen trashigen Absturz und ambitionierten Filmemachen bewegen. Da bekommt man derb-theatralische Dialoge serviert, dass sich die Balken biegen, und ehe man sich's versieht, hängt man auch schon in einem Netz aus Intrigen, das gar nicht mal so ungeschickt gesponnen ist. Vor allem in atmosphärischer Hinsicht tut sich da Einiges, da dieser kleine Kosmos beinah konstant in ein warmes, unwirkliches Licht getaucht ist, in dem man richtig schön versinken kann. Offensichtlich war sich der Regisseur dieser surrealen Schlagseite auch bewusst, denn manchmal übertreibt er es etwas, wenn er diese Stimmung mit Voodoo-Ritualen und bizarren Rückblenden noch zusätzlich mystifizieren möchte - aber auch das lässt man sich noch irgendwie gefallen. Die Erotik ist in diesem Murder-Mystery-Komplott übrigens eher begleitendes als treibendes Element, wie es vielleicht allgemein die Stärke solcher Erotik/Crime-Stoffe ist. Eins steht fest: Wer ernsthaft glaubt, dass solche Filme, wie man manchmal lesen muss, nur zum Vorspulen (zu den einschlägigen Stellen) taugen, der wird nie erfahren, was ihm alles entgeht.

Nach dem abgefuckten Finale sitzt man dann jedenfalls da, und hat, wenn schon keinen großartigen, doch zumindest einen besonderen Film hinter sich. Im Vergleich zu den majestätischen Sexploitation-Reißern aus den 70ern, ist das zwar alles mindestens eine Nummer kleiner, aber genau das macht wohl auch einen Teil des Reizes aus. Es wird nicht mein letzter Ausflug in diese Gefilde bleiben.

Die Scheibe von e-m-s ist die einzige, mir bekannte VÖ des Streifens, also hilft es nichts, über die nicht so berauschende Qualität zu jammern.

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Kreuzfahrt des Grauens (OT: Ore di terrore; Italien/Deutschland; 1969; Guido Leoni)

Ein paar dubiose Geschäftsleute (u.a. Rainer Basedow u. Mario Novelli) stechen mitsamt weiblicher Begleitung (u.a. Karin Schubert) in See. Unterwegs nehmen sie drei Schiffsbrüchige (u.a. Herbert Fux) bei sich auf, die sich als psychopathisch veranlagte Strafgefangene entpuppen...

Der furiose Auftakt hat mir sofort ein breites Grinsen ins Gesicht gezaubert. Unglaublich, was einem da für schräge Figurenkonstellationen und Dialog-Meisterstücke hingeknallt werden! Toll auch bereits die Titelmusik. Leider flacht der Film gerade dann, wenn er eigentlich Spannung aufbauen sollte, immer mehr ab. Als launiger Yacht-Sleazer lässt sich das alles nämlich ganz vorzüglich an. Hätte Guido Leoni auf dieser Schiene weitergemacht, vielleicht Erotik und Komik noch etwas hochgeschraubt - was hätte hier doch für ein Kracher entstehen können! Aber nein, er musste ja einen öden Terrorfilm drehen. Terror wohl vor allem für's Publikum, das mit quälender Langeweile zu kämpfen hat. Na gut, das ist etwas übertrieben, aber viel tut sich wirklich nicht mehr, nachdem die Fronten halbwegs geklärt sind, und sich Reisegesellschaft und Verbrecher-Trio gegenüberstehen. Herbert Fux darf mal wieder den lakonischen Widerling, der irgendwo auch noch einen Funken Charisma für sich gepachtet hat, raushängen lassen. Die Damen (immerhin ein nettes Wiedersehen mit Karin Schubert) geben sich wahlweise vergnügt oder verängstigt. Spannung oder sonstwie geartete Überraschungen lassen sich kaum entdecken - während der Kahn immer weiter und weiter vor sich hin schippert...

Nee, das war nix!

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Heißer Strand U.S.A. (OT: Sizzle Beach, U.S.A./Malibu Hot Summer; USA; 1986/1981; Richard Brander)

Zwei junge Frauen, die irgendwo durch's amerikanische Hinterland reisen, machen auf ihrem Trip Bekanntschaft mit einer Gleichgesinnten. Da kommt es gerade recht, dass eine von den Dreien in Los Angeles einen Cousin mit flotten Ferienhaus am Strand hat. Der wird dann - wie sollte es auch anders sein - erstmal beim Schäferstündchen mit einem Strandhäschen überrascht, gegen weitere Gesellschaft hat er jedoch nichts einzuwenden, und so quartiert man sich also bei ihm ein. Nun bleibt die Frage: womit wollen die drei Neuankömmlinge eigentlich ihre Zeit verbringen? Antwort: neben den obligatorischn Liebeleien, versucht die eine, ihre Gesangskarriere voranzutreiben, die andere ergattert einen Job als Sportlehrerin, und die dritte im Bunde plagt sich in Schauspielgruppen rum und hofft, dass ihr Talent entdeckt wird...

Hier dürfte es sich wohl um einen klassischen schlaflose-Nacht-Film handeln. Denn wenn die Ansprüche schonmal ganz tief liegen und eher seichte Berieselung als Komplexität erwünscht ist, dann ist dieses zweifelhafte Vergnügen, das man hier geboten bekommt, wohl noch am besten zu verdauen. Von einer "heißen Sexkomödie" habe ich da im Vorfeld was gelesen, man fragt sich nur, wo der Humor geblieben ist. Und heiß ist das alles auch nur bedingt. Man kann also davon ausgehen, dass die Macher keine besonders klare Vision davon hatten, was hier überhaupt entstehen sollte. Der Film wird jedenfalls mehr schlecht als recht von etwas angetrieben, das so ziemlich das genaue Gegenteil von "Drive" ist. Immerhin sind diese drei All-American Girls, von denen die Hauptrollen bestritten werden, jetzt gar nicht mal so übel, aber viel tut sich da trotzdem nicht. Es gibt also verschiedene, meist eher kurz- als langlebige Liebschaften, außerdem schmierige Plattenbosse, einen Macho-Zwerg, einen charmanten Reitlehrer, und war da noch was Wichtiges? Ich glaube nicht. Dieser Handlungsstrang um das aufstrebende Gesangstalent ist auch der einzige, der überhaupt ein wenig von Relevanz ist. Alles andere wird nur am Rande kurz erwähnt und anschließend nicht weiter beleuchtet. Wenn es nicht doch etwas langweilig wäre, könnte man es auch beinah faszinierend finden, mit welcher Gleichgültigkeit hier stumpfe Charakterisierungen und ungelenke Dramaturgie in einen Topf geworfen werden. Bemerkenswert und zur Abwechslung auch mal etwas handfester ist da lediglich die Tatsache, dass die Sexszenen doch in einer recht unverblümten Regelmäßigkeit und Ausführlichkeit präsentiert werden. Nicht dass diese nun sonderlich explizit, erregend oder erotisch wären, aber sind so ein bisschen die Konstante, der Rettungsanker in diesem Meer der lustlos zelebrierten Nichtigkeiten. Ein Funke Atmosphäre ist da allerdings auch auszumachen, was hauptsächlich einigen coolen Pop/Rock-Nummern, die sich recht angenehm einfügen, zu verdanken ist.
Seltsam ist zu guter Letzt noch die Entstehungsgeschichte des Streifens, den die Troma-Schmiede wohl 1986 wieder ausgegraben hat. Ursprünglich soll er nämlich 1981 als MALIBU HOT SUMMER erschienen sein. Und um die Sache noch komlizierter zu machen, schreibt die IMDB noch was davon, dass er eigentlich schon 1974 gedreht wurde. Vom Look her wäre der bei mir auch als schmucker 70s-Effort durchgegangen, aber letztendlich dürfte '81 wahrscheinlicher sein, da einige der Cast-Mitglieder erst ab den 80ern tätig waren und da werden sie wohl kaum schon 6 Jahre vorher in diesem einen "Meisterwerk" mitgewirkt haben.

Ein Film für spezielle Stunden, der in richtigen Stimmung eventuell wenigstens ein Minimum an Faszination hervorrufen kann. Sagt aber nicht, ich hätte euch nicht gewarnt!

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 Post subject: Re: Chet's gesammelte Filmeindrücke - 60er, 70er, 80er und mehr
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Vanessa (OT: Vanessa; Deutschland; 1977; Hubert Frank)

Vanessa (Olivia Pascal) muss plötzlich die Klosterschule verlassen, da sie noch Hong Kong beordert wird, wo eine ominöse Erbschaft auf sie wartet...

Dieser Prämisse, so simpel sie auch sein mag, haftet bereits etwas Märchenhaftes an: Vanessa, die Unschuld aus der Klosterschule, schlittert unversehens in eine erotische Odyssee durch den Sündenpfuhl Hongkong - ein fremder, geheimnisvoller, "magischer" Ort, wo "das Klima den Frauen die Schenkel auseinandertreibt". Hier gerät Vanessa nun an eine Gruppe von Europäern, die, fernab der Heimat, einen recht gehobenen Lebensstil pflegen und sie mit all diesen aufregenden Sinnesgenüssen bekannt machen wollen. Vanessa jedoch wandelt wie in Trance und mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen durch diese unbekannte Welt, der sie mit scheuer Faszination sowie Abscheu begegnet.
Das dürfte wohl der Film sein, mit dem sich der Übergang zu einem neuen Kapitel in Hubert Franks Schaffen vollzieht. Während nur wenige Jahre vorher noch derber Erotiklamauk regierte, wird sich nun exotischer Hochglanz-Erotik ergangen. Und hier scheint er auch voll in seinem Element angekommen zu sein und lässt seine Kollegen in dem Genre bereits meilenweit hinter sich. Was ist das nun? Zünftiges Exploitation-Kino der 70er? Nein, nein und nochmal nein! Wer sich wirklich diesen Filmen hingibt und sich fragt, warum sie so gut funktionieren und was sie zu so etwas Besonderem macht, der kann nur eine Antwort finden: es ist dieser Charme, der, mehr als alles andere, Unschuld und Naivität ausstrahlt. Von mir aus auch Mut zum Kitsch und zur Überzeichnung. Sexualität wird hier als etwas dargestellt, das neu und spannend ist, und an das man sich langsam rantastet. Genau aus dieser betonten Zurückhaltung erwächst die Faszination. Das geht in diesem Fall so weit, dass die Szenen, in denen es mal mehr zur Sache geht, einerseits, beinah schon als Fremdkörper erscheinen, andererseits, durch den Kontrast enorm an Reiz gewinnen. Diese subtile Herangehensweise schlägt sich ebenso in der Inszenierung nieder, welche sich durch eine unermüdliche Liebe zum Detail und zur Gestaltung auszeichnet. Jede Räumlichkeit, jede Einstellung scheint mit Bedacht gewählt und von einer besonderen Aura beseelt zu sein. Das Auftreten der Darstellerriege, ihre Kleidung, ihre Nacktheit - warum mutet es nur alles so zeitlos schön an? Unglaublich viel von all diesen genannten Qualitäten ist in den folgenden 30 - 40 Jahren verlorengegangen, das muss man doch einfach wahrnehmen, wenn man im Vergleich dazu solche Werke sieht! Vielleicht bin ich zu eingeengt in meiner Sichtweise, aber ich will mich auch nicht für alles öffnen, wenn ich stattdessen doch solche Genüsse, in denen ich mich vollends zuhause fühle, haben kann! Ach, und von der Musik von Gerhard Heinz will ich gar nicht erst anfangen. So viele Einzelszenen, die man noch rauspicken könnte: Zum Beispiel diese Autofahrt durch die nebelüberhangene Berglandschaft. Oder im allgemeinen die Umsetzung der Erotikszenen, die heutigen Softcore-Regisseuren (gibt es da überhaupt ernstzunehmende?) als vortreffliches Lehrmaterial dienen könnte. Zum letzten Mal: hier waren Meister am Werk.

Wieder so ein Fall, wo ich mir denke: 70er und Romantik, irgendwie passt das zusammen! Wie sagte doch Ludwig Tieck:

"Was wir mit dem Wort Aufklärung bezeichnen, im schlimmen oder tadelnden Sinn, war von Berlin aus vorzüglich verbreitet worden, jene Seichtigkeit, die ohne Sinn für Tiefe und Geheimnis alles, was sie nicht fassen konnte und wollte, vor den Richterstuhl des sogenannten gesunden Menschenverstandes zog."

Diesen "Sinn für Tiefe und Geheimnis" (ich stelle mir darunter auch immer eine naive, phantasiereiche Faszination vor) empfinde ich bei ganz vielen Werken aus den 70ern, und dieser ist in der Folgezeit zunehmend abhanden gekommen. Irgendwie hat da auch so eine Art Aufklärung eingesetzt, im Zuge dessen vieles, was eigentlich großartig war, belächelt und durch kalten, vermeintlich überlegenen Realismus ersetzt wurde.

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 Post subject: Re: Chet's gesammelte Filmeindrücke - 60er, 70er, 80er und mehr
PostPosted: 27.12.2012 21:34 
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New York Nights (OT: New York Nights; USA; 1984; Simon Nuchtern)

Das Nachtleben New Yorks und seine Akteure. Da ist ein erfolgreicher Fotograf, der sich zwar voll in seine Arbeit hängt, aber dafür in seiner Gelgenheitsbeziehung seinen Mann nicht mehr stehen kann. Oder eine Porno-Darstellerin, die die Schnauze voll hat und vom Durchbruch ins Mainstream-Kino träumt. Oder auch ein italienischer Gentleman, der den weiten Weg von Mailand auf sich genommen hat, um sich endlich mal in einem dieser New Yorker Swingerclubs, von denen er schon so viel gehört hat, zu verlustieren. Und so weiter und so fort...

Eigentlich ein Film, über den viel zu schreiben, sich kaum lohnt. Aber ganz unkommentiert will ich ihn auch nicht lassen, da ich ihn so schlecht nun auch nicht fand. Die nächtliche Großstadt-Atmosphäre, die man in so einem Fall doch wohl erwarten darf, kommt leider eher selten zum Tragen, und auch sonst werden die einzelnen Episödchen etwas fad abgespult. Es wirkt hin und wieder so, als hätte man es mit einem eher prüden Regisseur zu tun, der mal ganz verwegen und verrucht eine Welt voller Sünde und Laster vor die Linse holen wollte, ohne jedoch wirklich ein Händchen dafür zu haben. Natürlich sind da die Figuren pausenlos dekadent am Partymachen und Koksschnüffeln und Rumvögeln, nur als Zuschauer wird man meistens dann außen vor gelassen, wenn es endlich interessanter werden könnte. OK, Bilder und Soundtrack leben natürlich vom Flair ihrer Entstehungszeit, das man sich noch halbwegs gefallen lassen kann. Und ansonsten herrscht eben mal mehr und mal weniger ansprechend umgesetzte Bedeutungslosigkeit, die von einer Schlussszene, die genauso nichtssagend wie vieles voher Dagewesene ist, adäquat abgerundet wird.

Ein Fünckchen Sympathie hab ich für den Streifen übrig, da er in seinen besten Momenten auch tatsächlich ein Potential entfaltet, das leider für den Großteil der Laufzeit unterdrückt wirkt.

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PostPosted: 27.12.2012 21:58 
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Orientexpress (OT: Orient Express; Italien/Frankreich/Deutschland; 1954; Carlo Ludovico Bragaglia)

Beatrice (Silvana Pampanini) führt als Lehrerin in einer kleinen Dorfgemeinde ein ziemlich klägliches Leben, was auch daran liegt, dass sie als alleinstehende Frau immer wieder den groben Annäherungen des Bürgermeisters (Folco Lulli) ausgesetzt ist. Hoffnung bereitet ihr nur die Durchfahrt des Orientexpress, der sie mit dem befreundeten Giovanni (Michael Lenz) oft beiwohnt. Dieser Zug hat sie einst in das Dorf gebracht und auf diesem Wege, so ihre Sehnsucht, möchte sie der Einöde eines Tages auch wieder entfliehen. Als eine Lawine nun kurz vor dem Weihnachtsfest dafür sorgt, dass der Zug tatsächlich einen längeren Zwischenstopp in der Ortschaft einlegen muss, in Folge dessen sich Passagiere und Dorfbevölkerung näher kennenlernen, scheint die Erfüllung ihres Traums plötzlich näher zu rücken...

Ein Liebesdrama aus den 50ern, das sich hemmungslos dem Melodramatischen verschrieben hat. Ohne große Umschweife landet man da in einer Welt voll ernüchternder Tristesse, in der die allgegenwärtigen Schicksale epische Proportionen annehmen. Selten war ein Film so bis zum Bersten angefüllt mit Melancholie, Tragik, Hoffnung und Herzschmerz! Immer wieder diese sinnbildlich für ihre Figur stehenden langen Einstellungen, in denen Beatrice auf ihrem Bett liegt und mit schmerzlicher Sehnsucht in die Leere starrt. Doch dann auf einmal eine Veränderung: ihr Orientexpress, mit dem sie soviel verbindet, ist ihr nun ganz nah - und auch die Situation im Dorf wird ordentlich aufgewirbelt. Viele der Reisenden, die sonst ständig auf Achse sind, finden plötzlich Gefallen an dem unerwarteten Stopp in diesem abgeschiedenen Ort, und den Einheimischen bietet sich nun ebenfalls etwas Abwechslung. So entstehen diverse Kontakte: Giovanni, der naive Träumer mit guter Seele, scheint tatsächlich bei einer vornehmen Sängerin (Eva Bartok) landen zu können, würde da nur nicht ihr fieser Manager (Curd Jürgens) dazwischenfunken. Währenddessen bahnt sich auch zwischen der immer noch sehr zurückgezogenen Beatrice und einem smarten Journalisten etwas an. Letzten Endes läuft alles auf die Frage aller Fragen hinaus: und zwar, wie geht es für alle Beteiligten weiter, wenn der Zug seinen Weg fortsetzt? Wer wird sein Glück finden, oder wartet am Ende nur eine noch niederschmetterndere Enttäuschung?

Zum Ende hin schwingt sich diese fast schon lüstern ausgekostete und ausgewälzte Verquickung von Bedrücktheit und Schwermut sogar noch zu einem großen Moment der Spannung auf, und spätestens dann hat der Film immerhin einen Punkt erreicht, an dem man sich nicht mal mehr fragt, warum man sich das alles überhaupt anschaut.

Die deutsche DVD von EuroVideo bietet für das Alter auch eine beachtliche Bildqualität und kann somit Interessierten uneingeschränkt empfohlen werden.

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PostPosted: 27.12.2012 23:59 
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Madame und ihre Nichte (OT: Madame und ihre Nichte; Deutschland; 1969; Eberhard Schröder)

Was geschieht, wenn Mutter (Ruth-Maria Kubitschek) und Tochter (Edwige Fenech) auf einmal auf den selben Typen (Fred Williams) aus der High Society ein Auge geworfen haben?

Hach, Edwige Fenech! Hach, war das damals alles schön! Einer dieser Filme, die geradezu dazu einladen, von der guten alten Zeit zu schwärmen, die ich selber gar nicht mitbekommen habe und die sich deshalb umso leichter verklären und idealisieren lässt. Aber mal ehrlich: Wer will den leugnen, dass sich um 1968/69 rum Film und Musik zu ganz neuen Höhen aufgeschwungen haben? Ich meine, wann war selbst deutsches Kino jemals wieder so hip und cool? Hier nun also einer der frühen Filmauftritte von Edwige Fenech (in diesem Fall allerdings sogar eine stattliche Hauptrolle!) aus ihrer "deutschen Phase", welche ich nun endlich komplett gesehen habe. Während Werke wie DIE NACKTE BOVARY oder ALLE KÄTZCHEN NASCHEN GERN die neugewonnene Offenheit der ausgehenden 60er eher unauffällig in historischen Settings unterbrachten, liefert MADAME UND IHRE NICHTE nun in jederlei Hinsicht die volle Ladung Zeitgeist. Sehr amüsant z.B. die sexuell aufgeladenen Symboliken und Wortspiele, die genau wie die mitunter kuriosen Auswüchse der Kommunen- und Party-Kultur in der filmischen Darstellung herrlich den Spagat zwischen erfrischend-naiv und parodierend-abgeklärt schaffen. Zeremonielle Haschisch-Beräucherungen in der Wohngemeinschaft, bizarre Begegnungs-Events ("Suchst du Kontakt, dann suchst du Kontakt.") sowie berauschende Party-Szenen, die von der Regie voll ausgereizt werden, findet man hier. Umso genießbarer ist das alles, da die Bilder in Verbindung mit den edlen Kulissen ständig etwas mehr Tiefe und Poesie ausstrahlen, als wohl nötig gewesen wäre. Es ist schwer zu beschreiben, aber entweder haben Filme diese gewisse Inszenierungsqualität, die wie eine anziehende Wärme wirkt, oder sie haben sie nicht.

Eberhard Schröder hat hier jedenfalls sowas wie einen "Instant-Favorite" für Fans von Edwige Fenech geschaffen, der sich darüber hinaus in äußerst charmanter und stilsicherer Weise zwar einer bestimmten Zeit zuordnen lässt, jedoch keinesfalls veraltet und abgeschmackt anmutet.

Sowas muss in anständiger Qualität auf DVD verewigt werden. Leider kümmern sich viele Labels heute lieber um unnötige Blu-ray-Neuauflagen, anstatt wirklich seltene Filmperlen wieder einfacher verfügbar zu machen. Vielleicht wissen sie auch schlichtweg nicht, was für Schätze noch existieren?

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PostPosted: 30.12.2012 19:35 
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Schön, nackt und liebestoll (OT: Rivelazioni di un maniaco sessuale al capo della squadra mobile; Italien; 1972; Roberto Bianchi Montero)

Fremdgehende Ehefrauen aus der High Society Roms fallen einem maskierten Mörder zum Opfer...

Da sich recht schnell ein bisschen Enttäuschung und Langeweile breitmachten, musste ich mich unweigerlich fragen: Hat das Giallo-Genre für mich mit der Zeit an Reiz verloren oder liegt es schlichtweg an diesem Vetreter seiner Art? Bis ich mich nicht mal wieder intensiver dem Genre gewidmet habe, möchte ich bei letzterer These bleiben, für die allerdings auch einiges spricht. Im sehr sehenswerten Interview auf der CO-Scheibe bezeichnet Komponist Giorgio Gaslini den Film als das Werk eines "Kunsthandwerkers", in Abgrenzung zum Schaffen von Künstler bzw. Genie. Ohne dass man so einer Unterteilung nun zu viel Bedeutung beimessen sollte, finde ich diese Sichtweise in diesem Fall doch sehr nachvollziehbar. So ist dann Roberto Bianchi Monteros Regie eben wirklich eher handwerklich-versiert als künstlerisch-inspiriert. Selbst der angenehme Look und die gefällige musikalische Untermalung können somit nicht vollständig darüber hinwegtäuschen, dass sich hier inhaltlich arge Schwächen auftun. Als besonders auffällig empfand ich den ewig gleichen, formelhaften Ablauf (erotisch inszeniertes Fremdgehen - Mord - verzweifelter Kommissar), der sich praktisch bis zum Ende stetig wiederholt und nur gering variiert wird. Lediglich die so rabiate wie interessant ambivalent gehaltene finale Auflösung setzt zum Abschluss noch einen kleinen Akzent.

Letztlich wohl ein Giallo, der doch deutlich generischer und mittelmäßiger daherkommt, als man z.B. aufgrund der Sahnebesetzung anfangs noch annehmen möchte. Schade, da wäre deutlich mehr drin gewesen!

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PostPosted: 30.12.2012 20:03 
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Der Partyphotograph (OT: Der Partyphotograph; Deutschland; 1968; Hans D. Bove)

Der als Techniker beim Fernsehen angestellte Anton (Rolf Zacher) träumt, bisher ohne Erfolg, von einer Karriere als Sänger. Wie es der Zufall will, eröffnet sich ihm jedoch nach einer Kette von Missverständnissen ein völliger neuer Weg: er wird in die Rolle des Aktphotographen gedrängt! Damit nimmt das beschauliche Leben des nicht gerade als Womanizer bekannten jungen Mannes eine turbulente Wendung...

Wo ich mich doch neulich erst an MADAME UND IHRE NICHTE erfreut habe, könnte ich nach diesem Film gleich das nächste Loblied auf die filmische Entwicklung der späten 60er Jahre anstimmen. Ein wenig skeptisch war ich zwar, weshalb ich die Sichtung auch lange aufgeschoben habe, da man bei diesen klamottigen Erotik-Komödien aus deutscher Produktion ja nie so sicher sein kann, was einen erwartet. Umso positiver war die Überraschung! Trockener, skuriller und vor allem tatsächlich witziger Humor in dieser Art von Film? Ja, sowas soll's geben! Rolf Zacher als etwas traniger Fernsehtechniker, der wider Willen in einer Welt voll nackter Tatsachen landet, gibt von der ersten Minute an eine wirlich gelungen ausgearbeitete Identifikationsfigur ab. Recht liebevoll gestaltete Kulissen und eine insgesamt leicht gehobene Inszenierung sorgen für einen ansehnlichen Hintergrund, vor dem dann zwischen reizvollen Photo-Shootings und ausufernden Parties an Eyecandy und Zeitgeist-Chic nicht gespart wird.

Doch, der ist mir eindeutig eine Empfehlung wert. Ein selten charmantes und angenehm eigensinniges Beispiel für deutsche Erotik-Komödien, das sich perfekt zwischen Filme wie BEL AMI 2000 (1966) oder ENGELCHEN MACHT WEITER (1969) einreiht.

Die Scheibe des Labels Starmedia erinnert mit ihrer wechselhaften Qualität an eine nicht mehr ganz frische VHS. Davon sollte sich aber kein Filmfan abschrecken lassen.

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 Post subject: Re: Chet's gesammelte Filmeindrücke - 60er, 70er, 80er und mehr
PostPosted: 05.01.2013 01:45 
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Januar 2013



Wenn Frauen Ding Dong spielen (OT: Quando gli uomini armarono la clava e... con le donne fecero din-don; Italien; 1971; Bruno Corbucci)

Zwischen den Höhlenmenschen und Wassermenschen herrscht ein ewiger Wettstreit. Als es die Frauen der beiden Stämme langsam leid sind, dass die ständigen Kämpfe ihren Männern die letzten Kräfte rauben, gehen sie in Sexstreik, um auf diesem Wege wieder Frieden herzustellen...

Was soll man bitte von einem Film halten, in dem gräßlich aufgemachte Steinzeitmenschen sich entweder die Köpfe einhauen oder zwischen diversen nicht näher definierbaren Lautabsonderungen irgendwas von Ding Dong faseln? Wo bin ich hier nur gelandet? In einer italienischen Komödie der frühen 70er, Hooray! Und auch wenn ich aus diesem qualitativ extrem schwankenden Genre schon so einiges über mich ergehen lassen haben, machten mir hier bereits die ersten Minuten schwer zu schaffen: tiefer als tief angesiedelter Humor, hirnrissigste Sprüche am laufenden Band und oft auch schlichtweg unverständliches Gebrabbel. Antonio Sabato gibt den begehrten Schönling und mit Vittorio Caprioli darf auch ein gestandener Mime kräftig mitblödeln. Soviel zu den Herren der Schöpfung. Schließlich gibt es noch überzeugendere Argumente dafür, der nervenstrapazierenden Irrsinns-Offensive weiterhin beizuwohnen und sich unter zunehmend aussichtslos scheinender Hoffnung auf Besserung weichkochen zu lassen. Als einer der Lichtblicke muss ganz klar die weibliche Besetzung angesehen werden, die klangvolle Namen wie Nadia Cassini, Lucretia Love, Pia Giancaro oder Gisela Hahn zu bieten hat. An "Ding Dong"-Partnerinnen mangelt es also nicht, wenn eben die Männer nur nicht ständig in den Krieg ziehen würden! Genauso geschickt wie Bruno Corbucci mit solchen pazifistischen Einschüben kongenial eine Brücke schlägt zwischen historischem filmischen Geschehen und zur Entstehungszeit des Films aktuellen Überzeugungen, wird somit auch Wissenswertes zur Steinzeit rübergebracht: so waren die Männer zwar strunzdumm und grottenhäßlich, die Frauen jedoch einigermaßen pfiffig, wunderschön und leicht bekleidet. So, wo das nun auch geklärt ist, muss letztlich noch festgestellt werden, dass hinsichtlich Kostümen und Setting zumindest ein wenig Mehraufwand erkennbar ist, der im weiteren Verlauf der 70er und in den 80ern für Italo-Komödien (oder auch allgemein) immer seltener betrieben wurde (man denke nur mal an die Flotte-Teens-Streifen, bei denen man - etwas übertrieben gesagt - oft das Gefühl hat, nur noch italienische Hinterhöfe zu sehen).

Jeder normale Mensch würde so einen Film sicher nicht länger als 10 Minuten im Player lassen, aber auch allen anderen, die sich eventuell ranwagen sollten, wünsche ich viel Durchhaltevermögen.

Sehr speziell ist auch die DVD von Savoy, welche unter dem Titel ALS DIE FRAUEN NOCH SCHWÄNZE HATTEN 3 zu haben ist. Drei Fassungen sind dort enthalten. Um es kurz zu machen: am brauchbarsten dürfte noch die "Savoy Fassung" sein, diese läuft zwar etwa 10 Minuten kürzer als die ebenfalls enthaltene "Deutsche Kinofassung", bietet aber immerhin das noch einigermaßen akzeptable Bild der US-Kinofassung (scheinbar sogar Originalformat, allerdings massenhaft Bildstörungen). Mit dem in schrecklicher Qualität vorliegenden dt. Ton muss man sich aber dennoch arrangieren.

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 Post subject: Re: Chet's gesammelte Filmeindrücke - 60er, 70er, 80er und mehr
PostPosted: 08.01.2013 02:03 
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Wild trieben es die alten Hunnen (OT: Attila flagello di Dio; Italien; 1982; Franco Castellano/Giuseppe Moccia)

Nachdem die Römer ihr Dorf vernichtet und ihre Frauen entführt haben, bricht ein Hunnenstamm zu einem chaotischen Rachefeldzug gen Rom auf...

Hier handelt es sich um die Art von Film, bei der man sich ziemlich blöd vorkommt, wenn man versucht, ersnthaft etwas dazu zu schreiben. Also kurz für die Akten. Im Vergleich zum kürzlich gesehenen WENN FRAUEN DING DONG SPIELEN - ich sollte die beiden Filme nicht vergleichen, da sie nur den neu hinzugedichteten dt. Titel gemein haben - lässt sich hier doch ein kleine Steigerung des Gag-Quotienten erkennen, was soviel bedeutet wie, dass sie zumindest ein bisschen einfacher als solche zu identifizieren sind. Diego Abatantuono als Hunnenführer Attila, auch genannt Papa Chef oder Onkel König, ist schon eine Urgewalt. Leider kann auch er nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Material, mit dem man es hier zu tun hat, etwas dürftig bleibt. Fans von extrem (!) klamaukigen Synchros, die für meinen Geschmack in so einem Fall auch passt, dürften jedenfalls voll auf ihre Kosten kommmen, und tatsächlich hat man die meisten Lacher eben dieser komplett über die Stränge schlagenden deutschen Vertonung zu verdanken. Davon abgesehen, halten sich nervig-lahm bekloppte Durststrecken und herrlich bekloppte Einfälle ungefähr die Waage. Wenn das immer noch nicht überzeugend klingt, dann kann ich nun nur noch einige Namen aufzählen, die für den geneigten Italo-Allesglotzer keine Unbekannten sein werden - zu sehen bekommt man: in größeren Rollen Angelo Infanti, Tony Kendall und Vincenzo Crocitti; kleinere Auftritte haben Jimmy il Fenomeno als Burgfrau (!), ein unglaublich dicker Franco Diogene als Händler, Tiberio Murgia (der war viele, viele Jahre davor schon bei Monicellis DIEBE HABEN'S SCHWER dabei) als Schafhirte und Giuseppe Castellano als bärenstarker Kraftprotz, der sich in einer Arena von Ketten losreißen darf. Für die weiblichen Reize sorgen schließlich Anna Kanakis und Rita Rusic (ich glaube, diese Namen muss man nicht kennen).

Wer totalen Nonsens-Humor etwas abgewinnen und bei dieser Besetzung nicht nein sagen kann, der darf mal einen Blick riskieren.

Die Qualität der Savoy-Scheibe geht diesmal einigermaßen in Ordnung.

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PostPosted: 08.01.2013 02:34 
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Il prato macchiato di rosso (OT: Il prato macchiato di rosso; Italien; 1973; Riccardo Ghione)

Das reiche Ehepaar Genovese (Marina Malfatti u. Enzo Tarascio) schart auf seinem vornehmen Anwesen regelmäßig Leute, die nicht gerade aus den angesehensten Gesellschaftsschichten stammen, um sich. Diesmal befinden sich darunter u.a. ein hippieskes Anhalterpärchen, ein Alkoholiker (Lucio Dalla, der auch den Titelsong zum Besten gibt) und eine Prostituierte (Dominique Boschero). Nachdem man es sich eine Weile gut gehen lassen hat, fragen sich die Gäste jedoch bald, was es mit diesem seltsamen Aufenthalt bei diesen zwielichtigen Gastgebern auf sich hat...

Es gibt doch so Filme, in die verliebt man sich vom ersten Moment an. Eine Kamerafahrt über ein Feld voll leuchtend roter Blumen, dazu wohligste Klänge, wie es sie, glaube ich, wirklich nur in den Italo-Streifen dieser Zeit gibt, schließlich noch eine zerschlagene Weinflasche, deren Inhalt auffällig blutrot anmutet. So bereits der höchst merkwürdige Einstieg, der sofort die Hoffnung auf ein so richtig lohnenswertes Kleinod schürt. Eins gleich vorweg: Freunde spannender Krimi-Handlungen oder Ähnlichem kommen hier nicht auf ihre Kosten, stattdessen beschreitet der Film unbeirrt seine abwegigen Pfade. Wenn die Karten dann einigermaßen klar verteilt sind, meint man sich zwar schon fast sicher zu sein, dass es wohl auf eine Art Konfrontation zwischen alternativen "Randexistenzen" und einer elitären Oberschicht hinausläuft (und liegt damit auch nicht gänzlich falsch), allerdings werden im Detail der Umsetzung noch so manche Asse ausgepackt, so dass man angesichts des bizarren Ideenreichtums tatsächlich staunen muss.
Wenn man es genau betrachtet, besteht locker über die Hälfte des Filmes aus einer Entdeckungsreise durch eben dieses als Schauplatz dienende Haus - und zu entdecken gibt es so einiges. Vieles davon mag bekannt und bewährt sein: schräge Charaktere, ein zartes Spiel mit erotischen Reizen (dafür sorgt schon das Kleid, das Frau Malfatti hier auftragen darf!), herrlichste Einrichtungsraffinessen, warme Farben. Wie gesagt, ein sehr vertrautes, wenn auch latent arg derangiertes Wohlfühl-Ambiente. Nun geht's aber noch weiter! Was zum Teufel hat der überdimensionale, den Gästen bald Furcht einflößende Robotor in der gemütlichen Wohnstube zu suchen? Was genau kann man sich darunter vorstellen, wenn der Herr des Hauses in seiner Werkstatt an nachgebildeten Körperteilen bastelt, um so die Imperfektionen der menschlichen Natur zu überlisten? Und warum muss im Hintergrund auch noch Wagner laufen? Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass der Film sich übrigens kaum darum zu scheren scheint, irgendwelche Fragen zu beantworten, sondern voll in seiner eigenen Welt schwelgt. So darf dann auch ganz am Rande noch Nino Castelnuovo als UNESCO-Agent planlos umherirren und von einer seltsam entrückt wirkenden Außenwelt aus versuchen, Licht ins Dunkel der Geschehnisse zu bringen. Während Regisseur Ghione in seinem knallbunten innerfilmischen Kosmos eigentlich vor allem an stilistischer Formvollendung interessiert zu sein scheint, wie sie vielleicht am besten in einer Spiegelkabinett-Sequenz, in der zappelnde Körper, ekstatische Musik und verworenne Kameraspielereien eine anbetungswürdige Symbiose eingehen, zur Geltung kommt.

Sicher ein Film, der nicht verhehlen kann, dass er was Exzentrisches, was Skurilles sein will. Sowas kann manchmal unangenehm forciert wirken, tut es in diesem Fall seltsamer-, erfreulicher-, und beachtlicherweise aber nicht! Und es bleibt wieder einmal die Erkenntnis, dass es vermutlich noch eine Vielzahl von Perlen gibt, die es nie nach Deutschland geschafft haben.

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A.A.A. Massaggiatrice bella presenza offresi... (OT: A.A.A. Massaggiatrice bella presenza offresi...; Italien; 1972; Demofilo Fidani)

Cristina (Paola Senatore) verlässt eines Tages ihr Elternhaus, wovon vor allem ihr strikter Vater (Jack Betts) nicht begeistert ist, um endlich auf eigenen Beinen zu stehen und eigenes Geld zu verdienen. Sie kommt bei ihrer Freundin Paola (Simonetta Vitelli) unter, die mit diversen Gelegenheitsjobs mehr schlecht als recht über die Runden kommt. Im Gegensatz zu dieser will Cristina jedoch gleich ans große Geld und schaltet deshalb einige Anzeigen als Masseuse der offenherzigen Art. Schnell drängt sich ihr auch ein Zuhälter auf und soweit läuft die Sache erstmal, mal mehr und mal weniger gut. Problematischer wird es jedoch, als einige einflussreiche Persönlichkeiten, die ebenfalls zu ihrem Kundenkreis zählen, alle, wie es aussieht, von dem selben Mörder dahingerafft werden...

Ein durch und durch unaufgeregter sowie unaufregender Film, der nun also Meister Fidanis einzigen Beitrag zum Giallo-Genre darstellt. Nach dem Einstieg zwischen Pferderennbahn und schrillem Jazz-Soundtrack könnte man sich allerdings auch eher in einen amerikanischen Crime-Flick der 50er oder 60er versetzt fühlen, und nicht in einen Vertreter der zu dieser Blütezeit eigentlich meist viel mondäner und glitzernder auftrumpfenden italienischen Thriller-Spielart. Was anfangs noch interessant andersartig anmutet, läuft dann aber doch sehr bald auf einen sehr durchschnittlichen Giallo hinaus, der in etwas spröder Optik sein Programm für die meiste Zeit reichlich standardisiert abspult. Für die Sex&Crime-Palette gibt es also: Paola Senatore öfter mal nackt, Simonetta Vitelli zugeknöpft (ist ja schließlich die Tochter des Regisseurs), sowie ein paar kurze Kehlenschnitte, die man fast übersehen könnte, falls man mal einen Moment blinzeln sollte. Das Problem: das gesamte Drumherum und die Atmosphäre, welchen in dem Genre ja nicht selten mehr Bedeutung zukommt, als den harten Taten, die die sowieso arg konstruierten Plots vorantreiben, bleiben dabei schlichtweg ziemlich blass. Die leichten Skurrilitäten, die das Figuren-Ensemble zu Tage fördert, sind jedenfalls kaum erwähnenswert. Beachtlicher sind da noch die durchaus regelmäßig zu beobachtenden Versuche der Regie, die farblose Inszenierung durch kleine, ausgefallene Stil-Kniffe ein wenig aufzupeppen. Wenn auch deren Effekt meist schnell wieder verpufft, so sind es doch diese nebensächlich wirkenden Einfälle, die dem Streifen noch sowas wie einen eigenen Charakter verleihen.

Nicht wirklich gut, nicht wirklich schlecht, sondern irgendwas schwer Einzuordnendes dazwischen. Immerhin hat der Film etwas, das ihn doch hin und wieder aus seiner drögen Belanglosigkeit herausreißt, bis man sich dann am Ende einredet, dass es doch alles gar nicht so schlimm war.

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 Post subject: Re: Chet's gesammelte Filmeindrücke - 60er, 70er, 80er und mehr
PostPosted: 20.01.2013 00:48 
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Vanilleeis und Pettingcoats (OT: Revenge of the Cheerleaders; USA; 1976; Richard Lerner)

An der Aloha High School herrschen desaströse Zustände, deshalb droht nun sogar die Schließung und Fusionierung mit der verhassten Lincoln High. Einem ortansässigen, stinkreichen Großunternehmer würde das ganz recht kommen, denn dieser will auf dem Gelände der Schule ein neues Einkaufszentrum eröffnen. Doch so einfach wollen die Honey Bees (die Aloha-Cheerleader, die im Zuge der Ereignisse besonders in Verruf geraten sind) nicht aufgeben!

Ich weiß gar nicht so recht, was ich von diesen abgedrehten College-Komödien halten soll - zum Teil sind sie irgendwie nervig und im wahrsten Sinne des Wortes "befremdlich" (was daran liegt, dass man in Deutschland mit diesen ganzen Verbindungs-Kram und Rivalitäten zwischen verschiedene Schulen/Unis so gar nicht vertraut ist), andererseits können sie aber auch, ungeachtet solcher Details, oft richtig Spaß machen. Hier hat man es auf jeden Fall mit einem der besseren Exemplare zu tun. Klar: die weitestgehend vorhersehbaren Handlungsfetzen dienen nur als Fundament für auch nicht immer gelungene Klamaukeinlagen, aber die Grundherangehensweise des Films stimmt. Damit ist gemeint, dass die Macher aus der Not eine Tugend gemacht haben, oder so ähnlich. Denn wenn das alles schon keinen Sinn ergibt, dann soll es dafür den Hang zum Absurden auch voll ausschöpfen. Im Konkreten kann man sich das ungefähr so vorstellen: die flotten Teens, äh Cheerleader, reichern das Mittagessen in der Kantine mit einem Drogencocktail an, was zu einer infernalischen Fress-Schlacht führt, die mich ein bisschen an Fellini erinnert hat. Generell wird auch in sämtlichen Fluren und Ecken ständig rumgemacht und überhaupt spielt es irgendwann keine Rolle mehr, ob hier jemand noch Klamotten an hat oder nicht (ja, es gab mal eine Zeit, da wurde noch nicht um jedes bisschen Nudity ein riesen Gewese gemacht!). Dazwischen setzt es dann, zu meiner Überraschung, noch ausführliche Tanz-Nummern, in denen u.a. David Hasselhof (!) wie wild geworden abgeht. Und der Weg bis zum Finale, welches als bizarre Schauplätze eine riesige Dinosaurier-Statue und die unterirdische Zentrale des Ober-Bonzen bietet, wird im Allgemeinen auch recht beschwingt und funky beschritten.

Hat schon etwas ein wenig beliebig Zusammengestückeltes an sich, dennoch regiert hier gleichzeitig auch ein sehr schön unbändiger Charme, so dass die Kurzweil am Ende definitiv überwiegt.

Die deutsche DVD-VÖ von KNM, mit dem Titel HEISSKALTE TEENS IN AMERIKA, ist meist günstig zu haben und eigentlich ganz brauchbar. Sowohl die etwas gekürzte dt. Fassung (die ich gesehen habe) als auch als Bonus die originale US-Fassung (allerdings nur englisch) sind darauf enthalten.

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 Post subject: Re: Chet's gesammelte Filmeindrücke - 60er, 70er, 80er und mehr
PostPosted: 01.02.2013 22:28 
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Across 110th Street - Straße zum Jenseits (OT: Across 110th Street; USA; 1972; Barry Shear)

Bei einem mafiösen Geldgeschäft funken drei Gelegenheitsverbrecher dazwischen, krallen sich den Zaster und lassen ein blutige Spur zurück. In Verstecken untergetaucht, sitzt ihnen nun vor allem der Mob im Nacken; während auf Seite des Gesetzes der alteingesessene, für seine rabiaten Methoden berüchtigte sowie selbst Schmiergeld kassierende Captain Mattelli (Anthony Quinn) und sein neuer idealistischer Kollege Lieutenant Pope (Yaphet Kotto) versuchen, miteinander auszukommen und in dem undurchsichtigen Fall weiter vorzudringen...

Mit einer etwas anderen Art von Blaxploitation-Kino hat man es hier zu tun. Schrill gekleidete Pimps, die es sich in farbenfrohen Dekors gut gehen lassen, sucht man da vergebens. Stattdessen gibt es dunkle Gassen, dreckige Wohngegenden und Menschen, die jede Hoffnung verloren haben und für ein bisschen Kohle beinah alles zu tun bereit sind. Dazu immer noch die alten Ressentiments "schwarz und weiß" oder, da diese starre Unterteilung hier doch schon längst passé ist, viel eher "arm und reich". Denn es ist vor allem der schnöde Mammon, der in diesem Fall seine schrecklichen Opfer fordert.
Den Vorgängen haftet daher in der filmischen Darstellung auch immer etwas sehr Resigniertes und Fatalistisches an. Die comichaft überzogenen Auswüchse, die dem Genre sonst so zu eigen sind, werden dabei ersetzt durch eine schonungslose und realistischer wirkende Härte. Auch der trotzdem sehr gute Soundtrack von J.J. Johnson setzt nicht so sehr auf beschwingten Groove, sondern heizt das Geschehen durch bedrohliche, unheilsschwangere Klänge an oder glättet die Wogen mit melancholischen Tönen. Irgendwas, möcht man meinen, fehlt aber dennoch. Liegt es vielleicht daran, dass die Gegenüberstellung der beiden Ermittler mitunter etwas klischeehaft und hölzern anmutet? Oder daran, dass die Spannung doch manchmal auf der Strecke bleibt? Wenn auch diese Punkte nicht zu arg ins Gewicht fallen, so würde ich sagen, fehlt es dem Film an unvorhergesehenen Elementen. Der Weg bis zum wiederum recht starken und - ohne zuviel zu verraten - erwartungsgemäß wenig optimistischen Finale gestaltet sich dann halt in etwa doch so, wie man es geahnt hat.

Für mich keiner der großen Klassiker oder ein Film, der mich total beeindruckt zurückgelassen hat. Dennoch einen Blick wert und, da ich es noch nicht erwähnt habe, mit einem widerlich fiesen Anthony Franciosa in einer Schurkenrolle.

Die dt. MGM-Scheibe ist schon etwas teurer geworden, wie so oft, lohnt es sich allerdings, nach der deutlich günstigeren UK-Ausgabe Ausschau zu halten.

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 Post subject: Re: Chet's gesammelte Filmeindrücke - 60er, 70er, 80er und mehr
PostPosted: 02.02.2013 22:02 
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Midnight Blue (OT: La domenica del diavolo; Italien; 1979; Raimondo Del Balzo)

Ein Team von Athletinnen macht einen Ausflug irgendwo durch eine sehr sonnige und sehr urlaubsmäßig wirkende Region Italiens. Da man sich im Allgemeinen etwas langweilt, entfernt sich eines der Mädels, deren Eltern ganz in der Nähe ein derzeit leerstehendes, idyllisch am Meer gelegenes Haus haben, zusammen mit zwei Freundinnen von der Gruppe. Als drei unbekannte Typen (Giancarlo Prete, Vincenzo Crocitti und Antonio Cantafora - für Freunde des Italo-Kinos garantiert keine unbekannten Gesichter) plötzlich bei der Villa auftauchen, kippt die unbeschwerte Stimmung jedoch etwas. Nachdem man sich etwas bekannt gemacht hat und teilweise auch schon auf Tuchfühlung gegangen ist, scheinen jegliche Zweifel zwar fürs Erste beseitigt, aber was führen die drei Eindringlinge wirklich im Schilde?

Sicher muss man jetzt kein Geheimnis daraus machen, dass die Situation nicht so harmlos bleibt, wie sie sich anfangs noch anlässt. Aber das ist auch die einzige kleine Vorhersehbarkeit, die sich dieser ungemein verzaubernde und wohlige sowie fiese und hinterhältige Sleaze-Diamant leistet. Verdammt, ich saß echt ziemlich perplex da, und konnte kaum glauben, wie sehr dieser Film wie für mich gemacht ist. Diese sonnendurchfluteten Bilder, das hitzige Klima und dazu permanent diese anziehend-einlullenden Klänge von Stelvio Cipriani. Wirklich Kino zum Eintauchen und zum Spüren! Das ist nämlich der Punkt: es gibt Regisseure, die können, wenn sie kein ordentliches Drehbuch vorliegen haben, tatsächlich nur schrecklich dröge und uninspirierende Ergebnisse abliefern. Und dann gibt's aber, wie hier, solche Fälle, da hat man das Gefühl, gerade der Mangel eines erzählerischen Stranges verleitet den Regisseur dazu, das Kino an sich, Stimmung, Atmosphäre zu zelebrieren. Denn wenn etwas auffällt, dann dass dieser mir völlig unbekannte Raimondo Del Balzo einen Sinn für Details, für Bildkompositionen und für kleine verwegene Kniffe hat. Diese schmierige Heiterkeit beispielsweise, die in der ersten Hälfte das Bild bestimmt, ist schon von einer genussvoll ausgekosteten voyeuristischen Note durchzogen. Ganz besonders schön die Szene, in der eine dieser lieblichen Cipriani-Klaviermelodien in die Tasten geschmettert wird, während sich nebenbei schon das erste Pärchen gefunden hat und unter der Dusche gegenseitig einseift. Für Tändeleien dieser Art ist in der zweiten Hälfte, die schließlich einen deutlich raueren Ton anschlägt, nicht mehr viel Platz. Ein bisschen hatte ich die Befürchtung, dass die Angelegenheit damit an Faszination verliert und letztendlich doch konventionellere Wege einschlägt, doch das überraschende und erfrischende Moment bleibt erhalten. Tatsächlich mündet es gar in einer Drastik, mit der ich so nicht gerechnet hätte. Und dann auch noch dieses Ende, dieses Ende! Bei dem man am liebsten die Fernbedienung in den Fernseher schmeißen will! Man kann doch einen Film nicht an so einem Punkt enden lassen, wie gemein kann man sein!

Also, ein Sleaze-Meisterstück erster Güte: tolles Setting, inspirierte Regie, fantastische Musik und zweckentfremdeter Speer-Weitwurf (ja, richtig gelesen!).

Falls Camera Obscura es mal wieder mit einem OmU-VÖ probieren will...

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 Post subject: Re: Chet's gesammelte Filmeindrücke - 60er, 70er, 80er und mehr
PostPosted: 03.02.2013 20:42 
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Giallo a Venezia (OT: Giallo a Venezia; Italien; 1979; Mario Landi)

Flavia (Leonora Fani) und Fabio (Gianni Dei) werden tot aufgefunden. Ein Mordfall, der den Ermittlern einige Fragen aufwirft, deren Antworten irgendwo zwischen sexuellen Ausschweifungen und der alles andere als harmonischen Vergangenheit des Paares zu liegen scheinen...

Bereits dieser Beginn: wir sehen blutiges Rumgestochere in einem Körper, gefolgt von einem Schnitt zu Vassili Karis, der schweißgebadet aus einem Alptraum erwacht, gefolgt vom Vorspann, der gar liebliche Lounge-Klänge von Berto Pisano serviert, die wie ein unschuldiges Relikt aus den 60ern wirken und damit im weiteren Verlauf das doch ziemlich wüste Geschehen noch auf reichlich kuriose Weise kontrastieren sollen. Irgendwie muss man das italienische Kino doch lieben!
Natürlich war ich sowieso gespannt, was ich von diesem Film, dem doch der Ruf als Schmierlappen-Giallo schlechthin vorauseilt, erwarten kann. Da es sich gleichzeitig jedoch um einen ziemlich zähen und schwer verdaulichen Happen Sleaze handelt, ließen die ersten Anflüge von Ernüchterung nicht lange auf sich warten. Sicher, selten hat man in solcher Konsequenz eine Reihe total runtergekommener Charaktere, ja eigentlich schon ein total verkommenes Weltbild, gesehen: Männer sind hier größtenteils triebgesteuerte Raubtiere, oder im Falle der Ermittler fragwürdige Sprücheklopfer, und für die Frauen bleibt dann wirklich kaum mehr als die Rolle des Sexobjekts. Muss man solche Filminhalte nun verwerflich finden und vor dem Regisseur den moralischen Zeigefinger erheben? Klar suhlt der Film sich in diesen Konstellationen und versucht, daraus seinen Unterhaltungswert zu ziehen (was ihm aber eben nur bedingt gelingt). Andererseits muss man aber auch sehen, dass die Figuren durchweg nicht als Sympathieträger taugen und so innerfilmisch eine moralisierende Komponente beinah komplett wegfällt. Der Dreck wird einfach aufgehäuft und als Zuschauer muss man dann sehen, was man daraus macht! Deshalb - diese Bemerkung mal am Rande - wundere ich mich auch immer wieder ein bisschen, warum manche Leute nach solchen Filmen so sehr den Drang verspüren, sich über diese enthaltene Frauenfeindlichkeit (die ja eben hauptsächlich in der Story, nicht aber zwangsläufig in der filmischen Aussage liegt!!!) zu empören. Hat es vielleicht damit etwas zu tun, dass sie den Film zu sehr (aus den falschen Gründen?) genossen haben, und deswegen hinterher Schuldgefühle haben? Anders kann ich es mir kaum erklären.
Zurück zu den Stärken und Schwächen von GIALLO A VENEZIA. Worunter der Film doch ziemlich leidet, ist schlicht gesagt: ein Mangel an Story, ein Mangel an Spannung und ein Mangel an Style. Diese ganzen Softsex-Rückblenden in die Vergangenheit des Pärchens z.B., sind viel zu ausgewalzt und kaum ersprießlich. Der permanent eierfressende (eine Art Running-Gag) Kommissar und sein glatzköpfiger Kollege (eine Art Kojak für Arme) - nun ja, was soll man zu ihnen noch sagen? Sicher kann man sich an dieser allgegenwärtigen, in diesem Fall allerdings auch recht unattraktiven Schäbigkeit laben, aber irgendwas scheint da immer zu fehlen. Ein bisschen mehr Schwung und Pfiff in der Regie hätten hier sicher noch einiges ins rechte Licht rücken können. So bleiben dann wirklich fast nur die punktuellen Gewaltexzesse, die dem Streifen wohl zum Großteil seinen Ruf beschert haben, in Erinnerung. Speziell mit dem "Abgang" von Mariangela Giordano werden dabei infernalische Abgründe beschritten, wie man sie im Genre sicher nur selten gesehen hat. Nicht zu fassen, was für Filmtode diese schöne Frau immer wieder erleiden musste!

Jede weitere Beurteilung erübrigt sich. Wenn der Film tatsächlich mal (was ich kaum für möglich halte) in guter Qualität erscheinen sollte, gebe ich ihm nochmal eine Chance.

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