Dirty Pictures

Die Eurocult-Liebhaber-Lounge
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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
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The Air I Breathe – Die Macht des Schicksals (Jieho Lee, 2007) 5/10
Happiness (Forest Whittaker) ist unglücklich in seinem Leben und wettet deswegen auf Pferde. Er verliert haushoch, steht beim Gangster Fingers (Andy Garcia) tief in der Kreide und überfällt deswegen eine Bank. Einer von Fingers' Männern fürs Grobe ist Pleasure (Brendan Fraser), der in die Zukunft schauen kann. Als Fingers die aufstrebende Popsängerin Sorrow (Sarah Michelle Gellar) kauft, verlieben sich Sorrow und Pleasure ineinander. Keine gute Idee! Und schlussendlich ist da noch der Arzt Love (Kevin Bacon), der, um seine Liebe zu retten, eine extrem seltene Blutgruppe benötigt. Sorrow hat diese Blutgruppe ...
Mein Gott, wieso falle ich eigentlich immer auf diese Shortcuts-Filme rein? Wo unglaublich edle Menschen unglaublich unedle Dinge tun, und das vier-, fünf-, sechsmal hintereinander, und am Ende treffen sich dann alle Beteiligten und der Zuschauer schnappt nach Luft ob dieser unglaublich zufälligen Edelpathosscheisse. Der tatsächlich überragende und intensive L.A. CRASH kann sowieso niemals erreicht werden, und Einschlafgarantien im Stil von 360 oder AMORES PERROS sollten eigentlich Warnung genug sein, die Finger von so etwas zu lassen. OK, so langweilig wie die beiden genannten ist THE AIR I BREATHE nicht, aber so richtig aufregend eben auch nicht. Eigentlich soll das alles nach wirklichem und realen Leben aussehen, und dabei ist alles so dermaßen auf künstlich und gewollt getrimmt ... Kann man sich antun, muss man aber nicht.

Killer Elite (Gary McKendry, 2011) 7/10
Ebenfalls eine künstliche Welt, aber erheblich lebensechter und packender dargeboten: Der Profikiller Jason Statham steigt aus dem Geschäft aus. Um ihn zu einem letzten Job zu pressen, entführen die Bösen seinen Buddy Robert de Niro und setzen ihn auf 4 Ex-SAS-Männer an. Deren Anführer Clive Owen (mit einem Auge, Narben und Schnäuzer so richtig unangenehm wirkend) ist allerdings einer von den ganz harten und ausgekochten Jungs, und weiß sich sehr ernsthaft zur Wehr zu setzen. In Summe ein guter und harter Action-Kracher mit tollen Schauspielern, spannender Story, interessanten Charakteren, und genügend Wumms um anderthalb Stunden Spaß und Spannung zu garantieren. Passt!

Harlem, N.Y.C. – Der Preis der Macht (Bill Duke, 1997) 6/10
Eine schöne Idee, den erfundenen Charakter Bumpy Johnson im Jahr 1933 auf die echten Gangster Dutch Schultz und Lucky Luciano treffen zu lassen. Als Bumpy aus Sing Sing entlassen wird, beginnt Dutch Schultz gerade, sich das gewinnbringende Lotteriespiel in Harlem unter den Nagel zu reißen. Bumpy steht zu seinen alten Freunden und hilft ihnen gegen die weißen Mobster. Darauhin beginnt in den Straßen von Harlem der Krieg.
Flott erzählt, und vor allem ausgesprochen actionreich. Die ersten 20 Minuten oder so man muss etwas aufpassen, da werden die Handlungsstränge und Namen ein wenig arg schnell durch die Luft gewirbelt, aber danach ist die Handlung klar und die Luft bleigeschwängert. Vor allem Tim Roth als Dutch Schultz ist die Schau! Im Prinzip spielt er genauso wie in seinem Erstling MADE IN BRITAIN: Dreckig, unverschämt, arrogant, laut, knallhart - ein mieses und flegelhaftes Schwein wie es im Buche steht. Wenn er in HARLEM mehr Screentime hätte wäre es eine One-Man-Show geworden, aber so hat der wunderbare Larry Fishburne die Möglichkeit zu zeigen was ihn ihm steckt. 2 harte Männer treffen aufeinander, und keiner ist bereit auch nur ein Stückchen zurückzuweichen. Was eine höhere Wertung verhindert ist neben dem etwas aufdringlichen Pathos vor allem die Video-Optik: Der Film schaut aus wie ein Theaterstück, und vor allem die häufigen Außenaufnahmen sind deutlichst als Studio zu erkennen. Schade, mit einer wenig mehr Mühe hätte hier ein wirklich rasanter und starker Gangsterfilm daraus werden können. Die 2 Stunden Laufzeit merkt man jedenfalls in keiner Sekunde.

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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Das Mädchen aus der Cherry-Bar (Ronald Neame, 1966) 6/10
Ahmad Shabandar ist der reichste Mann der Welt. Oder der zweitreichste. Oder der dritt- oder vier- oder zwanzigstreichste. Das ist völlig egal, denn er hat etwas, was Harry Dean unbedingt haben will: Eine unermesslich wertvolle Büste einer chinesischen Kaiserin aus dem 2. Jahrhundert. Und weil Harry Dean ein Dieb ist, und nach seiner eigenen Meinung auch ein ziemlich gewitzter, hat er sich einen Plan überlegt, wie er mit Hilfe seines Freundes, des Kunsthändlers Emile, und der Nachtclub-Tänzerin Nicole, wie er mit diesen beiden die Maske in seinen Besitz bringen kann. Ein guter Plan, der leider nur zwei Schwachstellen hat: Zum einen ist er relativ komplex. Und zum anderen leider überhaupt nicht an der Wirklichkeit orientiert. Ganz im Gegensatz zu Nicole …

Im letzter Zeit habe ich ein paar Filme von Ronald Neame gesehen, die alle irgendwie das gleiche Problem haben: Sie sind gut, sie sind ordentlich, sie sind nett … Und es hat immer dieses besondere Etwas gefehlt, das aus einem durchschnttlichen Film einen guten, beziehungsweise aus einem guten einen sehr guten Film macht. Bei DAS POSEIDON INFERNO waren die Figuren ausgesprochen stereotyp angelegt, und bei DIE AKTE ODESSA habe ich einfach die Schärfe und den Biss vermisst, der solch einem Thema angemessen wäre.
Bei GAMBIT läuft es in eine ähnliche Richtung. Shirley MacLaine spielt ihre übliche Rolle als gewitztes loses Mädchen mit der üblichen Klasse, Michael Caine bietet ein Mittelding aus seinen bisherigen Hauptrollen, dem Überflieger Alfie und dem coolen Harry Palmer, und Herbert Lom zeigt deutliche Spiellaune mit seinem Shanbandar, den alle Welt unterschätzt, und der doch selber auch den gleichen Fehler macht. Die drei Charaktere und die an Ideen und Twists nicht arme Handlung verbinden sich auch, und der Film macht auf jeden Fall gute Laune und unterhält hervorragend. Aber er glitzert und prickelt nicht, wie das zum Beispiel TOPKAPI tut, dessen Charaktere einfach etwas extrovertierter sind, und bei dem die Handlung dieses Mehr an Irrwitz und Abgedrehtheit bietet, dass TOPKAPI aus der Masse der Heists heraushebt. Wenn TOPKAPI ein leckeres mehrgängiges Menü ist, dann entspricht GAMBIT einem Zürcher Geschnetzeltem: Es sättigt, es schmeckt, es hat ein hohes Niveau – aber es ist und bleibt Hausmannskost. Die erstklassigen Ideen des Drehbuchs (wie zum Beispiel die ersten 20 Minuten, die quasi in einer anderen Realität spielen) sind wirklich gut, aber der Funken der Regie, der Begeisterung auslöst, der bleibt einfach aus.

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
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Große Tricks und kleine Fische (Jonathan Teplitzky, 2003) 5/10
Nach 8 Jahren kommt Barry vorzeitig aus dem Knast, weil er auf seinen kleinen Bruder Joey aufpassen soll. Der Deal lautet: Baut Joey Mist, wandert Barry wieder ein. Dumm nur, dass Joey mit dem Gangster Chicka rumhängt, und Chicka ist maßgeblich dafür verantwortlich, das Barry überhaupt im Knast saß. Barry schafft es, beim schlank werdenden Gangster Dabba eine ehrliche Stelle zu bekommen, und gleichzeitig für seinen Bruder auch noch einen Job zu ergattern. Soweit so gut, aber in dem Moment, als der Steuerberater von Dabba auffliegt, schaltet sich das CIC ein, quasi eine Art Super-Cops, und die suchen das Geld, das vor zig Jahren bei einem Raubüberfall von Dabba erbeutet wurde. Und welches das ganze Konstrukt ins Wanken bringen kann. Der einzige, der die Verbindung zwischen dem Steuerberater und Dabba kennt ist der beste Freund Barrys: Johnny Spit, ein Junkie und hoffnungslos unterbelichteter Mini-Gangster, der jetzt von allen gejagt wird: Von der CIC, vom korrupten Cop DeViers, und von den Gangstern. Allen! Gangstern …

Wenn ich eines aus meiner Liebe zu britischen Gangsterfilmen gelernt habe, dann dies, dass es überall Gangster gibt. Wie ich jetzt weiß sogar an der australischen Sonnenküste von Queensland, dem Surfer’s Paradise. Hier sind sie halt braun gebrannt, tragen Goldkettchen und residieren auch mal auf einer Jacht, aber die Probleme sind immer noch die gleichen wie in Merry Old England: Früher geraubtes und gebunkertes Geld macht heute immer noch Ärger, die Frau von der Bewährungshilfe ist süß und nervt, und der korrupte Bulle ist ein dreckiges Schwein und leider ziemlich unantastbar. Das alte Verbrecherleben hinter sich lassen, also “ Getting square – Sauber werden“ ist da nicht so einfach, wenn einen die “Guten“ nicht lassen.

Und sauber werden möchten eigentlich recht viele. Barry zum Beispiel, der beileibe kein Unsympath ist, aber zum Unglück für den Zuschauer leider recht langweilig. Ein Typ ohne Ecken und Kanten, immer etwas vorhersehbar. Sein Bruder hingegen ist eine kleine Nullnummer, Dabba ist lustig und mit seinem Abnehmfimmel recht Tarantino-esk angelegt, Chicka hat einen Hang zu den richtigen und furchteinflößenden englischen Gangstern, und der korrupte Cop ist bei aller Bosheit aus hunderten ähnlich gelagerter Filme bekannt. In Summe ist die erste Stunde des Films sehr mühsam und umständlich erzählt, und das Schielen zur Vorspultaste beginnt irgendwann, beängstigende Züge anzunehmen. Sehr schicke Bilder im Miami Vice-Stil und mit toller Kameraführung reichen auf die Dauer einfach nicht aus.
Aber da ist noch Johnny Spit, mit hinreißend-fettiger Vokuhila-Frisur gespielt von David Wenham (Faramir aus DER HERR DER RINGE), und nach etwas einer Stunde bekommt Johnny endlich die Aufmerksamkeit die ihm gebührt, und der bis dahin eher unübersichtliche und langweilige Film fängt von einer Sekunde auf die andere an zu funkeln und zu blinken. Allein die Gerichtsverhandlung, in der Johnny Spit als Zeuge geladen ist, und dessen einziges Problem ist, wer denn nun das Busticket zahlt (neben der noch zu klärenden Frage nach seinem Namen), reizt zu heftigen Lachkrämpfen.

Was bleibt? 60 Minuten mühsame und sonnenverwöhnte Langeweile, 40 Minuten grandiose David Wenham-One Man Show, eine Wohlfühlatmosphäre mit guten Schauspielern, sowie die Freude, Nick Caves “Into my arms“ in einer wunderschönen Szene fast komplett hören zu können. Wem das reicht, gut. Mir hat es nicht gereicht …

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Equilibrium – Killer of Emotions (Kurt Wimmer, 2002) 7/10
In der Zukunft, nach dem großen Krieg, leben die Menschen gut organisiert in grauen Städten in einer grauen Welt, beaufsichtigt vom sogenannten “Vater“. Emotionen sind untersagt, alle spritzen sich jeden Tag ein Mittel in den Hals um Gefühle zu unterdrücken, und wer Gefühle hat wird sofort und umgehend exekutiert. Um die Gefühlskälte zu überwachen wurde eine Art Polizei eingerichtet, die Tetha-Grammaton-Kleriker, die mit sehr weitreichenden Befugnissen ausgestattet sind und ein wenig aussehen wie Keanu Reeves am Ende des ersten MATRIX-Teils. Was passiert aber nun, wenn ein Kleriker seine tägliche Dosis nicht nimmt und Gefühle bekommt? Sich quasi selber jagen muss. Und dabei feststellt, dass es einen erstklassig organisierten Untergrund gibt, der für einen mitfühlenden Kleriker sehr viel Verwendung hat. Um zum Beispiel, den Vater zu töten …

Ich weiß, dass EQUILIBRIUM aus zig anderen Filmen zusammengeklaut ist. MATRIX, FAHRENHEIT 451, THX 1138 und so einige mehr. Ich weiß, dass die Handlung Logiklöcher und inhaltliche Fehler ohne Ende beinhaltet. Der User Moonshade hat ja auf der OFDB genügend aufgezählt: Dass Spiegel zwar verboten sind, Preston aber dick und fett einen im Badezimmer hängen hat. Dass alle Sinnesverbrecher sofort zu exekutieren sind, außer sie heißen Emily Watson, dann dürfen sie 5 Tage darauf warten und werden in einer fast pompösen Prozedur geradezu geopfert. Dass Emotionen zwar unterdrückt werden, aber Ehrgeiz und pathologischer Hass gegenüber Andersdenkenden offensichtlich nicht als Emotion gelten. Ich weiß, dass die Symbolik, die uns da um die Ohren gehauen wird, so mit Nazi-Architektur, deutschen Sinnsprüchen auf Steintafeln und Uniformen irgendwo zwischen SS und Robocop, dass das so aufdringlich und billig ist wie ein Vollbad in einem schlechten Rasierwasser (und auch genauso stinkt). Ich weiß, dass es idiotisch ist, dass der Untergrund gut beleuchtet und belüftet zwei Meter unter der Oberflächenwelt ein cooles Leben führt, und dass es noch viel idiotischer ist, dass die Führer des Untergrundes sich dem nächstbesten dahergelaufenen Kleriker anvertrauen, mal eben so, nur auf einen äußerst vagen Plan hin. Von gerissenen Geheimdienstspielchen, die verzwickt über mehrere Ebenen laufen, haben diese Einfaltspinsel offensichtlich noch nie etwas gehört.

Undsoweiter undsoweiter. Aber soll ich euch was sagen: Dieser Film ist spannend. Dieser Film hat verdammt geile Bilder. Dieser Film hat einige Kampfszenen, wie ich sie seit den frühen John Woo-Filmen nicht mehr gesehen habe. Dieser Film ist hochgradig stylisch. Und dieser Film hat mit Christian Bale einen Hauptdarsteller, ohne den das Ganze keine Sekunde funktionieren würde. Aber die allmähliche Metamorphose Bales ist eine schauspielerische Glanzleistung, die EQUILIBIRUM genau so viel Glaubwürdigkeit gibt, dass man sich entspannt zurücklehnen und berieseln lassen kann. Dass der Film keine Message hat, obwohl er so tut als ob? Drauf geschissen! Er ist spannend, er ist cool, er ist gut erzählt. Und das ist was zählt.

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Sando Kid spricht das letzte Halleluja (Sergio Bergonzelli, 1971) 7/10
Im Bürgerkrieg war Sando Kid ein Sanitäter der Südstaatler, und als solcher traf er auf den bösen Captain Grayton, der ihn zwang eine Waffe auf ihn zu richten. Ein gar traumatisches Erlebnis, weswegen Kid vom Sanitäter zum Sanitöter mutiert und nach dem Krieg den Rangers beitritt. Was in diesem Fall eine vornehme Bezeichnung für Kopfgeldjäger ist: Seine Delinquenten werden prinzipiell nach dem Erschießen verhaftet.
Bei einem Urlaub im Heimatdorf Springfield trifft er wieder auf Grayson, der im Auftrag der Eisenbahn die örtlichen Farmer terrorisiert: Entweder die armen Kerle verkaufen ihr Land oder es gibt eine ordentliche Ladung Blei. Kid tarnt sich als Handelsreisender in Sachen Parfüm und versucht, Grayson und seinen Verbündeten Einhalt zu gebieten.

Schmucker kleiner Western aus einer der hinteren Reihen, der trotz sichtlich nicht vorhandemen Budget vieles richtig macht: Ordentliche Schauspieler, die offensichtlich richtig Lust haben sich ihre Gage zu verdienen. Eine Handlung, die sich von Set Piece zu Set Piece hangelt, und nicht gar zu viel Wert legt auf logische Abläufe sondern mehr auf Stimmung und Action. Eine flotte Musik die zügig ins Ohr geht und gute Laune macht. Ein bleilastiges Finale, das mit leichtem Witz daherkommt und gerade deswegen eine ausgewogene Mischung bietet.
An Peter Lee Lawrence und Aldo Sambrell gibt es wie immer nichts zu kritteln, aber die absolute Überraschung ist der Produzent Espartaco Santoni, der als Kopfgeldjäger Dollar die Coolness mit verdammt großen Löffeln in sich reingeschaufelt hat, und damit den Film sicher über die Ziellinie bringt. Ganz in Schwarz, große Ohrringe, eine Kette aus Zähnen, ein wölfisches Grinsen das nur beim Töten die Augen erreicht – So stelle ich mir die eisigen Bereiche der Hölle vor!
Insgesamt sicher kein ganz großer Wurf, aber auf jeden Fall für anderthalb ausgesprochen unterhaltsame Stunden gut. Passt!

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 29.06.2019 21:08 
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Die Halbstarken (Georg Tressler, 1956) 9/10
Freddy ist in seiner Clique der unangefochtene Boss. Mit Charisma und Härte, und vor allem mit nie versiegender Energie, regiert er die kleine Gruppe von Jugendlichen und fasziniert seine Freundin Sissy. Mit Y, wie in Romy. Schon vor längerer Zeit ist er von Zuhause abgehauen, jetzt trifft er zufällig seinen Bruder Jan wieder. Heute Nacht soll sowieso ein Ding steigen, und Jan braucht dringend Geld. Was liegt also näher, als dass Jan mitmacht bei der Sache. Aber vorher muss noch getanzt werden im Espresso, und die wankelmütigen Mitglieder der Gruppe, also vor allem Günther der Schlappschwanz, müssen noch auf Linie gebracht werden. Und ganz wichtig: Eine Waffe wird auch noch besorgt. Und siehe da, Jan kann perfekt schiessen …

Ein ziemlich perfekter Film. Eine genau ausgewogene Balance zwischen Drama, Krimi und aktuellem Zeitgeschehen. Die Schauspieler gehen vollkommen in ihren Rollen auf und geben die juvenilen Möchtegernkriminellen, als würden sie im Hauptleben nichts anderes tun. Vor allem Horst Bucholz hat mich sehr beeindruckt und mit seiner Lederhose öfters an Jim Morrison erinnert (ja ja, ich weiß, ein Anachronismus, aber vergleicht die beiden mal. Die Coolness, das Gehabe, die Großspurigkeit, die das ständig lauernde Sentiment überdecken soll ...). Karin Baals Metamorphose innerhalb ihrer Rolle hat mich eiskalt erwischt, die Musik ist fetzig, und vor allem die kleinen Szenen am Rande, welche das Zeitkolorit mitbringen. Die Menschen in ihrer Wirtschaftswunderwelt versus die Halbstarken, die mehr wollen von irgendwas, was sich erst noch herauskristalisieren muss ... Wie gesagt, ein ziemlich perfekter Film.

Gewalt über der Stadt (Carlo Ausino, 1977) 7/10
Die Frau eines Arztes wird im Park erstochen aufgefunden. Eine Gruppe Krimineller überfällt ein Kino und erschießt den Geschäftsinhaber. Ein französischer Drogenhändler wird in einer dunklen Seitenstraße erschossen. Ein flüchtiger Gangster wird in einer Scheune tot aufgefunden. Wo da der Zusammenhang ist? Der Zusammenhang ist Kommissar Moretti, der in den ersten drei Fällen ermittelt. Und im letzten Fall der Exekutor ist. Denn Kommissar Moretti geht des Nachts als Rächer durch die Stadt und richtet diejenigen hin, die sich der Justiz entziehen können. Glück für ihn ist, dass sein Chef nicht an die Existenz eines Rächers glaubt, und das Thema in der Questura deswegen gar nicht erwähnt werden darf. Das gibt dem Kommissar Freiräume, und die versucht er zu nutzen, um in der Unterwelt Turins wenigstens ein klein wenig für Ordnung zu sorgen.

Wenn ich den so mit den gängigen Gassenhauern à la DIE VIPER oder STADT IN PANK vergleiche, dann fällt mir sofort die düstere und grimmige Stimmung auf. Es ist Winter in Turin, und die Temperatur passt genau zu der Stimmung in der Stadt. Alle Menschen schauen finster und verbissen, die Kälte in der Stadt ist nicht nur klimatisch bedingt sondern auch und vor allem eine soziale Kälte. Genauso passt es, das sich der Film oft von Set Piece zu Set Piece hangelt, ohne dabei irgendwelche Zusammenhänge zu berücksichtigen. Aber gerade diese Sprunghaftigkeit macht den Film so eigen und besonders. Die dadurch entstehende Stimmung ist einfach ... anders. Schwer zu beschreiben, weswegen ich wahrscheinlich auch beim ursprünglich vorgesehenen Text einfach hängengeblieben bin. Ein Mann, der mit einer Knarre durch den Winter läuft und Menschen erschießt, das ist halt irgendwie ... anders. Ich werde es zu einer anderen Zeit noch mal versuchen, aber nach der ersten Sichtung ist GEWALT ÜBER DER STADT erstmal ein Film, der mich durch seine Stimmung und seine kalte Art sehr gefangen genommen hat. Fast möchte ich den Streifen vergleichen mit einem frühen Black Metal-Album: Räudig ...

Kriminaltango (Géza von Cziffra, 1960) 7/10
Peter Martens sieht keine andere Möglichkeit mehr, um seine Schulden zu zahlen: Er muss das von den Eltern geerbte Haus, inklusive Butler, verkaufen. Der Anwalt soll das übernehmen, er selber fährt zur Großtante. Der Butler überredet einen Freund, bis zum Verkauf mit der Tochter auf das Haus aufzupassen. Das bekommen allerdings drei Einbrecher mit, die sich im Haus einquartieren und ebenfalls so tun, als ob sie aufpassen sollen. Die Situation spitzt sich zu, als Peter Martens zurückkommt, und dabei über den Balkon einsteigt. Die Einbrecher denken Martens sei einer von ihnen, und dieser lässt sie auch in dem Glauben, dass er ein Super-Safeknacker mit dem großen Feingefühl ist. Zusammen tanzt man den Kriminaltango …

Allein die Musik reisst es schon raus: Sowohl der Kriminaltango, als auch das Panoptikum, sind beides Gassenhauer geworden, die bis heute swingen und mitziehen. Die Inszenierung der Lieder folgt im Wesentlichen einer Video-Optik, wie sie heute auch nicht anders gemacht wird. Man singt, man tanzt, man hat Spaß im Film im Film, und den Zuschauer freut es. Genauso wie es ihn freut, dass Peter Alexander einfach ein supersympathischer Tausendsassa war. Dass Vivi Bach ausgesprochen süß war. Dass die Schauspieler (unter anderem Fritz Muliar und Rolf Olsen) unglaublich viel Spaß hatten an ihren Rollen und das auch vermitteln können. Und dass an dem Film rundum einfach alles passt, und keine Sekunde Langeweile auftaucht.

Verräter wie wir (Susanna White, 2016) 7/10
Der Poetik-Professor Perry wird im Marokkourlaub von dem offensichtlich stinkreichen Russen Dima angesprochen. Man redet mit einander, man feiert miteinander, man spielt miteinander Tennis, und am Ende des Urlaubs bittet Dima Perry, einen USB-Stick zurück nach London mitunehmen. Dima entpuppt sich als hochrangiges Mitglied der russischen Mafia, der auf der Abschussliste steht, und mehr oder weniger in den Westen überlaufen möchte (so nannte man das früher zumindest mal). Perry tut Dima den Gefallen, übergibt den Stick dem MI6 - und wird damit in ein Mörderspiel gezogen, dass weder er als Unidozent, noch seine hübsche Frau Gayle als Anwältin, auch nur ansatzweise überblicken können. Auf der einen Seite der Mann vom Geheimdienst, der nicht autorisiert wurde überhaupt tätig zu werden. Und auf der anderen Seite die russischen Killer, die ihrem jeweiligen Chef äußerst loyal ergeben sind und nur ein Ziel kennen: Dima zu töten. Und dessen Familie. Und Perry und seine Frau ...

Spannender Thriller, der an der gleichen Krankheit leidet wie so viele Agentenfilme der letzten Jahre: Er ist nicht so vielschichtig, wie das Spiel der Geheimdienste halt nun mal so oft ist. Zum Vergleich gebe ich immer gerne DER SPION, DER AUS DER KÄLTE KAM an, der auf so vielen Ebenen gleichzeitig spielt, dass es dem Zuschauer genauso geht wie dem Hauptdarsteller: Er kann nie sicher sagen woran er ist, und welche Rolle welche Person denn nun wirklich spielt.
VERRÄTER WIE WIR bietet diese Vielfalt wie gesagt nicht, aber er ist spannend. Und vor allem ist er toll gefilmt! Anthony Dod Mantle (u.a. TRANCE und ANTICHRIST) filmt mit Spiegeln, durch Scheiben, durch Gegenstände. Er verfremdet das Bild, setzt die Schauspieler an den Rand des Bildes oder lässt sie in der Totalen auftreten. Die dunkle Halbwelt der Geheimdienste einerseits und der Mafia andererseits werden dadurch perfekt dargestellt, ebenso wie die aufgezeigte Einsamkeit der Figuren, die hier immens ist. Das Innenleben der Charakere wird wie unter einem Mikroskop präsentiert, einzig durch die Kameraführung. Dass die Motivation der Hauptfiguren, bei dem Spiel überhaupt mitzumachen, dadurch etwas leidet, lässt sich verschmerzen, denn wie gesagt ist der Film eben auch noch spannend erzählt. Bei der Schießerei vor der Alpenhütte zum Beispiel bleibt die Kamera komplett im Keller und zeigt Ewan McGregor, wie er bei jedem Schuss und jedem Geräusch von draußen immer nervöser und hilfloser wird. Dieses Gefühl überträgt sich schnurstracks auf den Zuschauer, man muss jetzt unbedingt raus und nachschauen was da los ist. Aber die Kamera bleibt unerbittlich im Keller und verstärkt diese Hilflosigkeit bis zum Höhepunkt. Bis dahin perfekt erzählt!!

Bei Ewan McGregor fällt mir natürlich der in seiner Anlage übrigens wesentlich vielschichtigere DER GHOSTWRITER ein, wo er eine sehr ähnliche Rolle spielt: der 08/15-Bürger, der in ein unübersichtliches Mordkomplott stolpert. DER GHOSTWRITER ist düsterer und komplexer als VERRÄTER WIE WIR, aber für den Filmfan ist letzterer eben durch die Bilder ein besonderer Leckerbissen. Leider fällt der Schluss von VERRÄTER etwas ab, und gerade im Vergleich mit den GHOSTWRITER merkt man halt doch die Erfahrung eines Roman Polanski, der seine Geschichten bis zum Ende erzählen kann, und nicht kurz vorher aufhört. Trotzdem spannendes Agentenkino, das ausgesprochen gut unterhält.

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Die Legende von Paul und Paula (Heiner Carow, 1973) 6/10
Paula denkt, dass der Hippie vom Karussell ein knorker Typ ist und lässt sich von ihm schwängern. Als sie von der Entbindung nach Hause kommt, ist ihr Traummann gerade mit einer anderen im Bett. Der knorke Typ fliegt raus, und Paula ist mit ihren zwei Kindern allein. Mal wieder.
Paul denkt, dass die süße Maus vom Schießstand eine total süße Maus ist, und heiratet sie. Doch in Wirklichkeit ist sie dumm und vulgär, ihre Eltern sind Proleten, und der gemeinsame Sohn ist unter den Fittichen der Schwiegereltern. Als Paul vom Militär zurückkommt, ist seine Traumfrau gerade mit einem anderen im Bett. Aber man ist ja verheiratet, also lässt man alles beim Alten. In Pauls Stellung wäre eine Scheidung auch nicht gut. Man muss ja an die Karriere denken. Und der Sohn wäre auch fort.
Erst nach 45 Filmminuten treffen sich Paul und Paula, und dann fliegen die Funken. Es kracht, es donnert, es rummst, und die beiden wissen dass sie füreinander geschaffen sind. Zumindest Paula weiß es, und sie versucht es mit allen Mitteln Paul beizubringen. Aber so sehr Paul auch verliebt ist, da ist ja noch sein Sohn. Und die Karriere! Paul hält sich immer mehr zurück, aber so gewinnt man das Herz einer Frau nicht. Paula verlässt Paul und möchte das Heiratsangebot des Reifenhändlers Saft annehmen, der sie schon immer geliebt hat. In dem Augenblick erkennt Paul seinen Fehler. Er schläft vor Paulas Tür, wenn Paula mit Saft in seine Datscha fährt sitzt er bereits in Safts Auto und kümmert sich um Paulas Kind, wenn Paula und Saft baden gehen ist Paul ebenfalls dabei. Wie ein Schatten begleitet er Paula bei allem. Ob das so funktionieren wird?

Während des Films hat mich das Hochgestochene schon sehr gestört. Die Dialoge stolzieren wie eitle Pfauen, und kein Mensch redet oder verhält sich so wie in der Realität. Aber irgendwann hat mich die Poesie dieses Films dann doch gepackt, und hinterher war da diese träumerische Stimmung, die alles wie aus einem rosaroten Blickwinkel gesehen hat. Diese unglaubliche und alles vergessen machende Liebe (hinreißend der Augenblick, wenn Paula in Unterwäsche vor ihrer Kundschaft steht, weil sie vor lauter Liebe vergessen hat ihre Schürze anzuziehen). Dieser Rausch aus Verlangen und unterdrückten oder gar vergessenen Gefühlen. Dieses Leben zwischen Ruinen, Baustellen und den Pfeilern einer schönen neuen Welt. Und mitten zwischen den alten Häusern und den Plattenbauten, mittendrin dann plötzlich der Blick in die Augen des anderen. Das Wissen, das man bisher ziemlich daneben gelangt hat. Und dass jetzt nichts mehr schief gehen kann. Eigentlich …

Ein ganz eigener Film, mit einer Bildsprache, die es so nur in der damaligen Zeit gab. Und die perfekt passt zu einer Geschichte, die mitten in der Realität angesiedelt ist, und diese doch niemals trifft. Und wenn, dann nur ganz zart. Wie eine Blume auf einem Flusskahn …

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Liebe, so schön wie Liebe
Liebe, so schön wie Liebe
Deutschland 1972
Regie: Klaus Lemke
Rolf Zacher, Sylvie Winter, Marquard Bohm, Isolde Nist, Bernd Redecker, Renate Zimmerman, Edda Köchl, Dietrich Kerky, Dennis O. Heinrich, Heinz Klopp, Erich F. Hirsch, Lis Bremer, Irene Klopp, Monique Marschall, Maxi Vedder


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Sylvie war mit Bernd zusammen, aber da kam ein Klavier dazwischen. Jetzt ist Bernd verheiratet, und Sylvie wohnt in einer WG, zusammen mit Isolde und Renate. Sie lernt Rolf kennen. Rolf ist ein Tagedieb. Ein Träumer. Ein Lügner und Betrüger. Aber bei aller Aufschneiderei liebt er Sylvie. Ein Wanderzirkus soll aufgemacht werden, zusammen mit den Freunden. Von Marquard werden Tiere organisiert, und auf einem alten Bauernhof beginnt man dann zu proben.

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Ein Film wie ein Gedicht von Ernst Jandl. Vorn und hinten passt nichts zusammen, die Geschichte beginnt irgendwann und endet irgendwann. Oder auch nicht. Vielleicht geht sie auch einfach immer weiter, so genau weiß man das nicht. Die Charaktere heißen wie die Darsteller, und umgekehrt. Die Dialoge sind improvisiert, und die Szenen oft ebenfalls. Die Bilder sind oft assoziativ, und die Musik untermal die assoziativen Bilder in ebendiesem Stil. Und über allem schwebt, wie ein Hauch in der Dämmerung, das rudimentäre Gerüst einer Geschichte.
Es weht Freiheit durch den Film, und das in jeder Beziehung. Die Freiheit, Filme so zu machen, wie sie die großen Erfolgsproduzenten ganz sicher niemals sehen wollen. Die Freiheit, Beziehungen zu beginnen, auch wenn man eigentlich denkt dass das nichts wird. Die Freiheit, einen Zirkus zu gründen, nur weil man es einfach will. Die Freiheit, dahin aufzubrechen, wohin man will. Die Freiheit anders zu sein.

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Sylvie sagt zu Rolf: “Einmal habe ich geträumt ich würde schlafen, und als ich aufwachte, habe ich gemerkt, dass ich wach war.“ Welchen Augenblick davon dieser kleine und wunderbare Film einfängt, dass muss jeder Zuschauer für sich entscheiden. Ich persönlich würde ihn als Traum sehen. Als Traum von einem Leben, das niemanden betraft der anders sein möchte. Und als Traum von einem Film, der jeden belohnt der sich traut anders zu sein.

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7/10, aber eigentlich nicht mit Werten auszudrücken. Unschätzbar ...

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 08.07.2019 19:00 
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Für das Protokoll möchte ich mal festhalten, dass sowohl PAUL UND PAULA wie auch Klaus Lemkes LIEBE... mir beide nicht mehr so recht aus dem Kopf gegangen sind. Soll heißen, dass sie mich einfach noch tagelang beschäftigt haben, und mich für einige Zeit in eine bestimmte Stimmung gebracht haben. Weswegen ich beide, selten genug dass so etwas passiert, höher bewerten möchte. DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA soll ein Gut bekommen, LIEBE, SO SCHÖN WIE LIEBE ein Richtig gut. Quasi als Danke schön für die schönen Gedanken ... :)

Die beiden haben mich auch maßgeblich beeinflusst, endlich diesen hier anzuschauen:
Mord und Totschlag (Volker Schlöndorff, 1967) 6/10
Im Streit erschießt Marie ihren Ex Hans. Der liegt jetzt tot in ihrer Wohnung und muss weg. Auf dem Bahnhof, mit Trenchcoat und Sonnenbrille angetan, bietet Marie wildfremden Männern 500 Mark, wenn sie die Leiche wegschaffen. In einem Bums findet sie Günther, der würde schon wollen. Oder auch nicht. Aber dann doch wieder. In den Teppich rollen die beiden den ans noch ein, aber dann fällt Günther ein, dass Hans mitsamt Teppich einfach zu schwer ist. Also wird Fritz organisiert. Mit Fritz und ein wenig Schützenhilfe vom Hausmeister kann Hans endlich in das geliehene Auto gepackt werden, und ab geht es nach Norden. Zur Autobahnbaustelle, wo Abschied genommen wird. Danach noch in ein kleines Dorf, zur Tante von Fritz, frühstücken. Eigentlich könnte man ja gleich dableiben. Oder einfach weiterfahren. Aber Günther ist pflichtbewusst und will das Auto wieder zurückbringen.

Kein reines Road Movie, kein Aussteigermärchen, und schon gar keine flippige Fantasie. Dafür war die Zeit noch nicht reif, und Volker Schlöndorff ist auch kein Regisseur für flippige Fantasien. Ich hatte eher den Eindruck, als würde er sich an Godards AUSSENSEITERBANDE orientieren, nur weniger cineastisch orientiert. Die beiden gelangweilten jungen Männer, die gutaussehende Frau, die schwebende Hin-und-her-Beziehung zwischen den Dreien, die verbotene Tat die zusammenschweißt und gleichzeitig auch Zwietracht nährt ...
Leider stand mir nach Carows DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA und Lemkes LIEBE, SO SCHÖN WIE LIEBE der Sinn eher nach Märchen. Nach Romantik und mehr oder weniger realitätsfernen Idealzuständen von Beziehung. Von daher konnte ich mit MORD UND TOTSCHLAG nicht so viel anfangen wie erwartet. Zu nüchtern erzählt war mir die Geschichte, und vor allem zu schnörkellos. Vielleicht hatte es auch einfach zu viel Realität. Dass Marie und Günther den lieben langen Tag lang durch München driften, auf der Suche nach was zu trinken, der Nacht und der verlorenen Zeit, das hätte wegen mir auch gerne so weitergehen können. Dieser Teil war ein wenig wie eine ernsthafte Version von ZUR SACHE SCHÄTZCHEN und eigentlich viel interessanter als das letzte Drittel. Die kleinen Nebenfiguren waren es, die mich hier ziemlich begeistert haben: Der Hausmeister ("Sie können hier nicht stehenbleiben! Hier ist Halteverbot!" Jeder kennt diese Typen ...), der Mann auf dem Bürgersteig, der von Günther fast umgefahren wird und eine Schimpftirade loslässt, Willy Harlander als Bauer, der stolz ist auf sein Geflügel-KZ. Menschen aus dem alltäglichen Leben, genau beobachtet und fein gezeichnet. DAS ist der eigentliche Film, nicht der eher hölzerne Hans Peter Hallwachs oder der eiskalt wirkende Manfred Fischbeck. Die Figuren zwischen den Hauptcharakteren und die kleinen Nebengeschichten (ganz stark ist ja die Tante, von der hätte ich gerne mehr gesehen), die machen den Film aus. Dies, und die erotische und sehr natürlich wirkende Anita Pallenberg natürlich.

Fazit: Na ja, war doch gar nicht so schlecht, wenn ich drüber nachdenke. Ein Film zum Sackenlassen und zum Reifen. Und zum mehrmals Sehen …

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PostPosted: 10.07.2019 18:34 
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Der unsichtbare Gast (Oriol Paulo, 2016) 7/10
Drei Stunden hat der Selfmade-Millionär Adrián Doria Zeit, der Anwältin Victoria Goodman zu erklären, was in dem Hotelzimmer geschah. Dem Hotelzimmer, dessen Tür von innen verschlossen war. Dessen Fenster verriegelt waren. Und in dem er und seine ermordete Geliebte gefunden wurden. Die Geschichte, die er erzählt, ist erstmal nichts anderes als das, was er der Polizei auch gesagt hat: Von dem großen Unbekannten, der ihn niedergeschlagen hat und dann spurlos verschwunden ist. Aber die Anwältin ist gut, sie ist verdammt gut, und sie holt aus dem smarten Yuppie die Vorgeschichte heraus, die dann schon ein wenig anders klingt. Die Geschichte erzählt von einer Liebschaft neben der Ehe. Von einem Stelldichein am Land. Von der Rückfahrt durch einen Wald. Und von einem Unfall, bei dem ein Toter zurückblieb.

Und diese Geschichte ist eine Geschichte von Bosheit und Liebe, von Rachsucht und von Traurigkeit. Vor allem aber, und das ist die Hauptsache, ist es nicht die einzige erzählte Geschichte. Richtiger: Es ist die einzige, aber ob die Version, die Doria erzählt, die einzig glücklich machende ist, das sei mal dahingestellt. Doria und Goodman sitzen am Küchentisch und reden, und sie versucht seinen Arsch zu retten, in dem sie darauf drängt, dass er mit der Wahrheit rausrückt. Es folgt eine Reihe von Rückblenden, und wer sich ein klein wenig mit Filmen auskennt weiß, dass Rückblenden manchmal auch sehr … subjektiv gefärbt sein können. Und aus einer anderen Sicht vielleicht auch ganz anders ablaufen können.
Die Rückblenden beginnen sich zu verschachteln, sie beginnen sich in verschiedenen Versionen zu überlagern und gegenseitig aufzuheben. Und während auf diese Weise der Druck immer mehr steigt wird irgendwann klar, dass niemand in diesem Spiel, aber auch wirklich absolut niemand, der ist, der er zu sein vorgibt.

Auch wenn man den Film aufgrund der twistreichen Auflösung wahrscheinlich kein zweites Mal sehen kann, so ist er doch auf jeden Fall eines: Sauspannend!! Ausgefeiltes Thrillerkino ohne Baller- oder Blutorgien, sondern mit psychologischer Kriegsführung und teilweise sehr starken Bildern. Große Empfehlung!!

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 19.07.2019 19:09 
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Mein Gott, es ist schon wieder so viel hängengeblieben. Mein Anspruch, dieses Jahr jeden gesehenen Film zu dokumentieren gerät ins Hintertreffen. Ich habe kaum noch Zeit zum Schauen, geschweige denn zum Schreiben … Schade eigentlich. Aber ich versuche es weiter!

Death smiles on a murderer (Aristide Massaccesi, 1973) 6/10
Tote Frau nimmt Rache an denjenigen, die sie im Leben nur ausgenutzt haben. Eigentlich ein Gothic-Giallo, fand ich den oft etwas sehr spröde und schwierig, und der einzige Unterschied zu einem Film wie etwa Jess Francos SINFONIA EROTICA besteht meines Erachtens im schwelgerisch-kranken Soundtrack von Berto Pisani. Und im Fehlen von Erotik … Nicht zu vergleichen mit Highlights wie DER SATAN OHNE GESICHT, aber spannend und im letzten Drittel sehr atmosphärisch.

The Crew (Adrian Vitoria, 2008) 8/10
Die dritte Sichtung eines meiner liebsten UK-Gangsterfilme: Jed führt eine kleine und sehr effektive Gang, die sich auf LKW-Überfälle spezialisiert hat. Irgendwo über ihm hat Franner eine Menge Fäden in der Hand, und darüber wiederum thront Leo und beherrscht die Stadt. Ach ja, und die Serben mischen auch noch mit, und teilen sich mit Leo die Einnahmen. Als Jed ein wenig Pech hat mit den Jobs, und als Leo bestialisch ermordet wird, kommen die Dinge in Schieflage: Jeds kleiner Bruder will sich selbständig machen und die Geschäfte von Leo übernehmen, also die Karriere vom Handlanger zum Boss gleich ganz auf die Schnelle. Dazu benötigt er die Unterstützung der Serben, die Jed hassen. Und Franner, Leos Freund und Geschäftspartner, ist das Zünglein an der Waage und bestimmt über Leben und Tod. Vor allem Tod, denn der wird reichlich verteilt. Reichlich und blutig und hart.
Filmisch überzeugend mit sehr starkem Stilwillen und vielen Litern Kunstblut, kommt THE CREW vor allem im O-Ton sehr überzeugend rüber. Im nordenglischen Dialekt klingt das alles noch mal eine Ecke härter und dreckiger. Aber auch mit der deutschen Synchro gibt es so einige Szenen die sich in die Hirnrinde einbrennen: Das Schicksal der H-Bombs (= Heroinabhängige) die angeblich wissen wer Leo umgelegt hat, oder die Sache mit dem Bi-Pärchen gehen ziemlich unter die Haut. Mächtige Empfehlung für Freunde harter Unterhaltung!

Chicken Run – Hennen rennen (Peter Lord & Nick Park, 2000) 9/10
Die verzweifelten Fluchtversuche von Hennen aus einem Gefangenenlager unter der Leitung der toughen Ginger und dem Zirkushahn Rocky, der so tut als ob er fliegen kann. Geniale Persiflage auf GESPRENGTE KETTEN und so einiges an Lagerfilmen mehr. Nicht ganz so wild und abgefahren wie AUF DER JAGD NACH DM RIESENKANINCHEN, aber dafür mega-atmosphärisch und spannend. Genial!

Non si sevizia un paperino (Lucio Fulci, 1972) 9/10
In einem kleinen Dorf im Süden werden Kinder ermordet. Reporter kommen, Dorfpolizisten ermitteln, Verdächtige werden ermittelt und wieder freigelassen, und während alledem wird weiter gemordet. Und nicht nur Kinder …Was für ein gigantischer Film! Was Lucio Fulci hier alles reingepackt hat, das habe ich selbst bei der Zweitsichtung noch nicht alles zuordnen können. Erotik, Gewalt, Kritik an herrschenden Zuständen, die Kollision der modernen städtischen Welt mit der ländlich-zurückgebliebenen Welt … Mal wieder ein Film zu dem mir nichts einfällt. Der mich einfach nur sprachlos zurücklässt, vor allem ob seiner Härte. Und damit meine ich nicht nur die körperliche Gewalt, die stellenweise sehr schmerzhafte Spuren auf der Netzhaut des Zuschauers zurücklässt, sondern vor allem auch die seelischen Grausamkeiten des ach so lieblichen Landlebens. Grandios!

The Prisoner (Kevin Chu Yen-Ping, 1990) 7/10
Cop Andy geht undercover in den Knast, um herauszubekommen, wer der dort korrupte Beamte ist. Steve besorgt sich am Spieltisch Geld für eine Operation, doch das Spiel endet in einem blutigen Fight. Am Ende liegt der Bruder des Bosses Li tot auf dem Boden und Steve wandert ein. Dort ist bereits John, der ständig ausbricht, nur um seinen Sohn besuchen zu können, und dessen Strafe dadurch scheinbar unaufhörlich anwächst. Und Charlie ist dort, der eine kleine Maus hegt und pflegt und keiner Seele etwas zuleide tun kann. Aber auch Lin ist dort, der die Kämpfe organisiert. Und Lucas, der eine Art graue Eminenz ist, und auf den alle hören. Der aber auch nicht vor Gewalt zurückschreckt um sich durchzusetzen. Letzten Endes ist ein Knast in China genauso wenig wie anderswo einfach kein Ort um Mensch zu sein, und zwischen den miesen Aufsehern, der Zwangsarbeit, der Einzelhaft im Loch und den samstäglichen Brutal-Kämpfen geht vieles verloren was zum Menschsein gehört. Wer versucht sich etwas zu bewahren wird fast zwangsläufig zu Mus verarbeitet. Und wer versucht ganz einfach nicht unterzugehen – ebenfalls …

Was mir an THE PRISONER gefällt ist diese düstere, ausweglose und melancholische Stimmung, die mit einer großen Portion Härte und Gewalt gepaart ist. Klar, wir reden von einem ostasiatischen Film, und entsprechend gibt es auch komische Einlagen wie etwa den Reifenwechsel von Sammo Hung, aber insgesamt ist der Grundton einfach dreckig-traurig, gemischt mit einigen recht harten Momenten. Gesehen wurde die internationale Fassung, und die macht nichts verkehrt. Die chinesische Fassung muss wohl noch ein wenig reicher sein an Handlung und Gewalt. Ich werde beizeiten berichten …

Kidnapping … ein Tag der Gewalt (Luigi Petrini, 1977) 7/10
Zwei vom Leben enttäuschte, die das, was Ihnen ihrer Meinung nach bislang vorenthalten wurde, jetzt mit Waffengewalt einfordern: Nach einer Vergewaltigung mit Todesfolge wird ein Restaurant überfallen und Lösegeld für die Geiseln verlangt. Schmutzig-düsteres Großstadtdrama, das die Lebensumstände im Italien der 70er in einen tiefen Topf Sleaze taucht und mit Gewalt und Sex garniert genüsslich ausbreitet. Ganz ehrlich? Bei aller Bitterkeit, die der Film verströmt, ist er einfach saustarke Unterhaltung im Sinne von Filmen wie FANGO BOLLENTE.

Gangster No. 1 (Paul McGuigan, 2000) 7/10
Der junge Snookerspieler wird zu Freddy Mays gerufen. Der große Freddy Mays, die Legende, der Schlächter von Mayfair, der einen Bullen umlegt, und dafür nicht einmal ins Gefängnis kommt. Und zu IHM darf er. Und wird in die Gang aufgenommen. Der junge Mann ohne Namen ist mit vollem Einsatz dabei, allerdings darf er nicht zeigen wie ehrgeizig er ist. Dass nämlich er die Nummer Eins werden will. Als Freddy Mays sich in die Nachtclubsängerin Karen verliebt, bricht für den Emporkömmling eine Welt zusammen. Und gleichzeitig sieht er seine Chance gekommen. Der ewige Rivale Lenny Taylor will Mays umlegen, und da kann man mitmischen. So, dass es keiner merkt. Und gleichzeitig so, dass ER die neue Nummer Eins wird.

Lennie Taylor ist eine sehr deutliche Hommage an Ronnie Kray, und alles andere ist pure, harte, blutige Fiktion. Wie sie wahrscheinlich zigmal in allen Unterweltszenen und in allen Großstädten der Welt immer wieder vorkommt, wenn jemand wirklich an die Spitze will. Mit netten Worten und guten Taten allein geht das halt nicht, da müssen andere Mittel her. Der namenlose Gangster der Hauptrolle ist eiskalt und extrem hart in der Auswahl seiner Mittel. Niemand ist mit ihm, er ist allein gegen alle, und er hält alle gnadenlos in Schach. Im Endeffekt gute und harte Gangsteraction aus Britannien, mit leichtem Sixties-Flair (der Hauptteil des Films spielt 1968/69) und einem Paul Bettany in absoluter Hochform. Ein Film wie ein Zwei-Minuten-Steak: Blutig und schmackhaft …

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
PostPosted: 21.07.2019 19:25 
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Der Herr der Welt
Der Herr der Welt
Deutschland 1934
Regie: Harry Piel
Walter Janssen, Sybille Schmitz, Siegfried Schürenberg, Aribert Wäscher, Willi Schur, Gustav Püttjer, Klaus Pohl, Oscar Höcker, Max Gülstorff, Otto Wernicke, Hans Hermann Schaufuß


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Roboter am Arbeitsplatz, das ist die Idee des Industriellen Heller, und Bergbauingenieur Baumann hat gleich die passende Vision dazu: Seine Bergleute, die jetzt unter Tage schuften, sollen ersetzt werden durch Maschinen. Schnitt: Kaum ist Baumann aus dem Urlaub zurück im heimischen Stollen, da geschieht schon ein schreckliches Unglück, bei dem viele Kumpels einen schrecklichen Tod sterben. Was Baumann natürlich erst so richtig anspornt.
Gleichzeitig kommt Heller nicht dazu, seine junge Ehe mit der schönen Vilma zu genießen: Vor der Geschäftsreise hatte er Professor Wolf eine Menge Geld gegeben, und der hat sich seit 12 Wochen in seinem Labor verbarrikadiert, Explosionen erzeugt und niemanden an sich herangelassen. Heller präsentiert er jetzt seine Arbeit: Einen Roboter! Eine gigantische Waffe, unbesiegbar, ideal um die Herrschaft über die Welt zu erlangen. Heller ist entsetzt ob dieser Phantasien, und bei der folgenden Auseinandersetzung stirbt er durch die Deltawellen des Roboters.
Als Baumann die frisch gebackene Witwe Vilma kennen und lieben lernt ist er seinem Ziel schon sehr nah: Alle Arbeiter werden durch Roboter ersetzt. Doch der Schock ist groß als Baumann erkennen muss, dass seine Freunde von früher nun arbeitslos geworden sind. Gemeinsam mit Vilma sucht er noch nach einem Ausweg, da grätscht Professor Wolf in das junge Glück: Er will Vilma zwingen, ihm die Heller-Werke zu überschreiben, damit er Roboterwaffen produzieren kann. Was Baumann natürlich nicht akzeptieren kann. Er will Wolf zur Rede stellen. Wolf und seinen tödlichen Roboter …

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In DER HERR DER WELT steckt so unglaublich viel drin, das man gar nicht so recht weiß wo man anfangen soll. Vielleicht am Anfang, bei einem Gespräch zwischen Bergbauingenieur und Unternehmer über den Segen der Technik, was 1934 sehr wohl noch State of the Art war: Technik als Heilsbringer der modernen Welt – heute ein fast undenkbares Sujet. Dann die starken Bilder der einstürzenden Bergbaustollen, die mir wieder einmal klar machen, was für einen tollen Bürojob ich doch habe. Und der kumpelhafte Baumann, der ganz nah bei seinen Arbeitern ist und mit ihnen gemeinsam ins Krankenhaus kommt. Standesdünkel sucht man hier vergebens, alle ziehen am gleichen Strick.
Im Gegensatz zu Heller und seiner Frau Vilma: “Ein halbes Jahr warst Du weg, fast so lange wie wir verheiratet sind.“ Und kaum ist das Frühstück gerichtet, saust er auch schon wieder los, Professor Wolf zur Rede stellen, und Vilma muss ihr einsames Schicksal mit Fassung tragen. Professor Wolf schaut aus wie eine Mischung aus einem unheimlichen Mönch und einem SS-Mann und trägt auch eine entsprechende Diabolik zur Schau. Finster und unheilvoll blickend verkündet er die zukünftige Übernahme der Weltherrschaft durch seine Kampfroboter (die ich in ähnlicher Form in den 70ern tatsächlich in den Spielzeugläden gesehen habe – die Übernahme der Welt durch die japanischen Spielzeugkonzerne war zu der Zeit bereits in vollem Gange …). Nur das Problem der Deltawellen habe er nicht ganz im Griff, ob Heller mit seinem Wissen nicht vielleicht …? Hellers entschiedenes Nein resultiert in einem frühen Tod, und Professor Wolf mutiert zum Dr. No des Vorkriegsfilms.

Derweil lernt Baumann die schöne Vilma kennen und verliebt sich. Bei vorsichtig schmachtenden Blicken und gemeinsamen Schachspielen wäre die Welt in Ordnung, wenn Baumann nicht schon wieder urplötzlich durch die Welt reisen müsste. Wieder ist Vilma traurig, trägt aber Tapferkeit zur Schau, während auf Baumann der bereits erwähnte Schock seines Lebens wartet: Durch den Einsatz der Roboter werden alle seine früheren Freunde arbeitslos! Jetzt müssen sie zwar nicht mehr ihr Leben riskieren, können aber auch nicht mehr ihre Familien ernähren. Das hätte Baumann nicht gedacht, genauso wenig wie den Fakt, dass den Herren aus den oberen Etagen diese Umstände herzlichst schnurz sind. Eine Lösung muss her!
Vilma muss sich derweil den Annäherungen der Anwälte der Heller-Werke erwehren, die das Werk an Professor Wolf übertragen wollen. Nur Vilmas Unterschrift fehlt noch, doch im letzten Moment kommt Baumann durch die Tür und kann diese ruchlose Tat verhindern. Man will Wolf zur Rede stellen, und der zeigt daraufhin sein wahres Gesicht: Der böse und kriegslüsterne Wolf wirft seinen Schafspelz ab, sperrt Baumann ein und bedrängt Vilma.

Das klingt jetzt alles ein wenig leicht lustig, und im Nachhinein wirkt das auch sicher alles so. Ich kann aber versichern, und damit kommen wir zu den starken Seiten des Films, dass dies alles ausgesprochen packend inszeniert ist. Klar, die Spezialeffekte haben nicht das Niveau von heute, sind aber außerordentlich gut gemacht. Und auch wenn der Roboter eher zum Lächeln animiert, wirkt er doch genauso unaufhaltsam wie Professor Wolf es sagt. Seine Amokfahrt in Richtung Tür assoziiert ganz klar die Fahrt durch feindliche Soldaten, die ihn hilflos sterbend nicht aufhalten können. Beeindruckend!
Zu den Spezialeffekten gehören aber zum Beispiel auch die Szenen in der einstürzenden Grube, und die sind wirklich hammerhart. Explodierende Gasleitungen, Feuer, einstürzende Schächte und Gänge – Das geht auch heute noch unter die Haut, allerdings hat Regisseur Harry Piel hier leider den Blick auf die Uhr vergessen, weswegen die Szenen ein klein wenig zu lang geraten sind und an Intensität verlieren. Irgendwann wünscht man sich als Zuschauer leider nur noch, dass das Inferno mal vorbei sein mag. Allerdings werden die Bergleute, die so etwas Schreckliches in der Wirklichkeit erleben müssen, wohl das gleiche denken …

Womit das weite Feld der Interpretation geöffnet werden darf, denn die verschiedenen Aussagen des Films lassen Raum für wildeste Vermutungen über die Intentionen des Regisseurs. Harry Piel, einer der deutschen Superstars der 20er Jahre, war 1933 in die NSDAP eingetreten und wurde auch förderndes Mitglied der SS, unterstütze sie also finanziell. Man kann wohl mit Fug und Recht davon ausgehen, dass Piel entweder ein unglaublicher Opportunist war, oder, wahrscheinlicher, ein überzeugter Nationalsozialist. Und in diesem Zusammenhang sind vor allem die Darstellungen der verschiedenen Gesellschaftsschichten hochinteressant: Die einfachen und sympathischen Arbeiter, der heimatlichen Scholle und der Freundschaft untereinander fest verschworen, auf der einen Seite. Die arroganten Bonzen im Management, die sich nur für Kostenminimierung und Gewinn interessieren, aber nicht für die ehrlichen Jungs unten in den Gruben, auf der anderen Seite. Die Charakterisierung ist einfach und klar, und man hat als Zuschauer keinerlei Probleme eine Identifikationsfigur zu finden, nämlich Bergbauingenieur Baumann, der burschikos und als Hansdampf in allen Gassen, teutonisch und supersympathisch, und mit enormer Street Credibility inszeniert wird. Siegfried Schürenberg wirkt in seiner ersten Hauptrolle (und zweiten Filmrolle überhaupt) trotz eines gelegentlichen Anflugs von Conrad Veidt wie ein verjüngter Hans Albers. Wie Siegfried, der den finsteren Wissenschaftler Alberich im dunklen Kämmerchen besiegt. Wie ein wahrhaft germanischer Recke.

Und überhaupt, der Wissenschaftler. Dieser Professor Wolf, der in seiner schwarzen Kleidung und dem getragen-diabolischen Gestus einem Dr. Mabuse locker das Wasser reichen kann. So ganz verstehe ich diese Rolle nicht: Dass die Nazis den militärisch-industriellen Komplex glorifiziert haben ist nichts Neues (auch wenn der Begriff als solches erst einige Jahre später erfunden wurde), aber Professor Wolf repräsentiert diesen Komplex wie kein anderer. Er hat Allmachtsphantasien, er hat teilweise Möglichkeit diese auch auszuleben – aber er ist definitiv der Böse in diesem Film. Er bietet keinerlei Projektionsfläche, man hat als Zuschauer kein Mitleid, kein Quentchen Sympathie – der Mann ist einfach nur abgrundtief schlecht. Man beachte schon den Namen: Das personifizierte Böse in mystischer Tiergestalt …

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Interessant an DER HERR DER WELT ist somit, wie der Film es schafft, diese Darstellung einer eigentlich nationalsozialistischen Idealwelt, also Weltherrschaft durch militärische Überlegenheit und sonst nichts, wie diese Idealwelt geschickt als Ausgeburt der Hölle dargestellt wird, während das Gegenstück, die heile Welt mit Frau und Kind und Haus und Hof, als erstrebenswertes Ideal romantisiert wird. Der Schluss des Films, wenn Baumann und Vilma durch eine hochgradig kitschige und künstliche Einfamilienhaus-Welt fahren, in der jeder der früheren Kumpel seinen eigenen Hof mit Selbsternährung hat, der schmerzt schon ziemlich. Das hat mit Realität aber auch gleich gar nichts mehr zu tun. Obwohl: Die offiziell dargebotene NS-Ideologie vom glücklichen Bauern und zufriedenen Arbeiter, der auf dem, unter Einsatz perfekt organisierter Kriegsmaschinerie befreiten, Siedlungsraum sein Leben in den Dienst des Volkes und des Staates stellt, diese Ideologie wird perfekt bedient. Womit beide Seiten der Ideologie in einem spannenden Phantastik-Thriller vereint wären

Was spätestens an dieser Stelle fasziniert ist der Umstand, dass 1934 die filmische Propagandamaschinerie der Nazis noch nicht so großartig lief wie in den späteren Jahren. Goebbels als der zuständige Minister wusste zwar bereits um die Wirkung des Mediums Film, hatte aber noch andere Schwerpunkte in seiner Arbeit. Und trotzdem hat Harry Piel diese Maschinerie so perfekt bedient, als ob die Vorgaben des Propagandaministeriums bereits fertig auf dem Tisch gelegen wären.

Bemerkenswert ist an der Stelle, das ich beim Ansehen nie das Gefühl hatte, dass mir diese unsägliche “Wir sind die Größten“-Botschaft KOLBERG-mäßig um die Ohren gehauen wird. Ganz im Gegenteil, ich meinte immer, dass Piel eigentlich etwas ganz anderes sagen möchte, dass er versucht die nationalsozialistische Grundstimmung umzuformen in etwas grundsätzlich Gutes. Und das ist das eigentlich Perfide: Ich bin ein relativ belesener (glaube ich jedenfalls) Bildungsbürger der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit einem starken Interesse an Geschichte, Politik und Film. Ich behaupte von mir, dass ich Propaganda erkenne wenn ich sie lese oder sehe. Nicht immer, aber immer öfter. Aber wie ist DER HERR DER WELT einem einfachen Menschen der frühen 30er-Jahre erschienen? Wie hat ein Arbeiter oder Angestellter diesen Film im Kino, auf der großen Leinwand, empfunden? Was hat er hinterher gedacht? Mit welcher Stimmung ist er am nächsten Tag in die Arbeit (so er eine hatte)? Hier setzt die eigentliche Hinterfotzigkeit an. Nicht bei offensichtlichen Parteifilmen im Stil von SA-MANN BRAND (bei der Bavaria 1933 entstanden) oder HITLERJUNGE QUEX (ebenfalls 1933 bei der Ufa gedreht), sondern bei Filmen wie eben DER HERR DER WELT oder Luis Trenkers DER REBELL (1932). Felix Moeller trifft den Kern, wenn er schreibt: “Die Zahl der politisch akzentuierten Filme dieser Zeit liegt zwar bei genauerer Analyse höher als gemeinhin unterstellt wird, jedoch nicht als Ergebnis einer neuen Filmpolitik, sondern dank des willfährigen Opportunismus und der deutschnationalen Kontinuität bei Teilen der Filmindustrie“. (1)

Ein interessantes Thema, aber ich schweife ab. Fakt ist, dass DER HERR DER WELT ein spannender Abenteuerfilm ist, der flott voranschreitet, tolle Schauspieler hat, einige sehr packende Actionszenen und gleichzeitig noch einiges zum Nachdenken bietet. Und der mir mit allen gebotenen Reibflächen und Kritikpunkten gut gefallen hat. Sowohl als Spannungsvehikel wie auch als Zeitdokument. Und wie DER HERR DER WELT beim Publikum ankam ist auch überliefert: Der Film wurde bei der Premiere in Berlin im August 1934 ausgelacht und ausgepfiffen …

(1): Felix Moeller: Der Filmminister, Berlin 1998, S. 153 f.

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Der Hauptmann
Der Hauptmann
Deutschland / Frankreich / Polen / Portugal 2017
Regie: Robert Schwentke
Max Hubacher, Milan Peschel, Frederick Lau, Bernd Hölscher, Waldemar Kobus, Alexander Fehling, Samuel Finzi, Wolfram Koch, Eugenie Anselin, Hendrik Arnst, Haymon Maria Buttinger, Blerim Destani


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Deutschland, ein paar Wochen vor Ende des 2. Weltkriegs. Ein Mann rennt durch den Wald. Eine zerlumpte Uniform, nur noch einen Stiefel, dreckig, und vor allem eines: Angst. Nackte, tierische Angst. Hinter ihm ein Fahrzeug mit Soldaten die ihn jagen, die auf ihn schießen. Doch der Mann schafft es zu entkommen. Als er weitergeht stößt er auf ein leeres Auto. Darin: Eine Uniform. Die Uniform eines Hauptmanns. Sogar die Stiefel passen. Und auch Essen findet er! Die Uniform zieht er an, sie ist sauber und wärmt! In der Uniform fühlt er sich wohl. Da kann er so tun, als ob er seine Häscher erschießt. Dann kommt ein anderer Mann die Straße entlang. Ob der Herr Hauptmann wohl steckengeblieben ist? Er kann den Wagen wohl auch loskriegen. Soll er? Er macht, und schon hat der frischgebackene Hauptmann einen gläubigen und untertänigen Fahrer. Man fährt in den nächsten Ort, in die Wirtschaft. Dort gibt es Schweinebraten, aber selbstverständlich nur eine Notschlachtung. Ob der Herr Hauptmann vielleicht was möchte …? Nachts muss er sich den Schweinebraten dann verdienen: Mit Fackeln stehen die Eingeborenen vor seinem Fenster. Sie haben einen Plünderer gefangen. Der Herr Hauptmann soll ihn erschießen. Der Herr Hauptmann erschießt den Plünderer …
Man fährt zu einem Hof, wo Deserteure und Plünderer die Bauern terrorisieren. Der Herr Hauptmann nimmt die zerlumpten Gestalten gnädig auf – ab sofort nennt man sich Kommando Herold, und man ist auf der Jagd nach Fahnenflüchtigen, nach Plünderern, nach allen, die die Wehrkraft untergraben.
Man kommt in ein Lager, wo Deserteure gefangen gehalten werden. Die Lagerleitung möchte gerne reinen Tisch machen, kann aber nicht, weil die Gefangenen der zivilen Justiz unterstehen, und nicht der SA. Ob der Hauptmann nicht vielleicht …? Der Herr Hauptmann kann, und wie! Der Herr Hauptmann Herold hat Macht. Der Herr Hauptmann Herold hat einen Sonderbefehl von oben. Von ganz oben. So richtig ganz oben. Der Herr Hauptmann Herold verbreitet den Tod …

Mein Gott, ist das düster und nihilistisch. Menschen werden hier nicht einfach nur getötet, sie werden geschlachtet. Aus der Massenexekution von Fahnenflüchtigen wird im Handumdrehen ein Gemetzel, bei dem zum Schluss sogar noch einer in die Grube muss zum Gnadenschuss geben. Kipinski zum Beispiel, einer von Herolds Männern. Der haut einfach nur drauf. Immer und immer wieder. Der hört nicht mal auf wenn man ihm es befiehlt, der haut einfach weiter drauf. Ein Tier. Ein blutiges und schuldiges Tier. Und alle hängen an den Lippen des Hauptmanns, denn der ist derjenige, der ihnen einen Grund zum Leben gibt. Der ihre Existenz mit Sinn füllt. Und zu dem sie aufschauen können, denn er ist der Herr Hauptmann …
Beängstigend die Vorstellung, dass es damals, kurz vor Kriegsende, wirklich so war. Entsetzlich das Wissen, dass die Geschichte, bei allen Ausschmückungen, wahr ist, und die Geschichte des sogenannten Henkers vom Emsland nacherzählt, der im April 1945 Tod und Schrecken verbreitete. Und schier unerträglich die Szenen im Abspann, wenn die in "Standgericht Herold" umbenannten Männer in Filmklamotten und Filmauto durch das heutige Görlitz fahren und Passanten mit vorgehaltener Waffe kontrollieren und berauben.

Man könnte noch einiges schreiben. Dass der Film chronologisch gedreht wurde, was die Schauspielerleistungen zusätzlich befeuert hat. Dass der Soundtrack aus einer Mischung aus Industrial und alten Schlagern besteht. Dass Florian Ballhaus hiermit in die Fußstapfen seines genialen Vaters tritt und sie mehr als ausfüllt. Dass die Sichtweise des Films, nämlich die Ereignisse aus der Sicht der Täter zu zeigen, überraschende und schockierende Einblicke zeigt. Und dass ich hier einen Film sah, dessen Intensität selten ist. Hauptdarsteller Max Hubacher erzählt, was für ein beklemmendes Gefühl es war, vor einer Gruppe polnischer Statisten zu stehen, mit dem Finger auf einen zu zeigen, und zu wissen dass der jetzt gleich getötet wird. Und dass er sich bewusst wurde, was für ein Machtgefühl die Täter damals in diesem Augenblick hatten. Wie ein Rausch …
Düster und nihilistisch. Eine unbedingte und absolute Empfehlung für alle, die es dreckig und böse mögen …

9/10

Statt eines Trailers ein Ausschnitt aus dem Soundtrack. Die Atmosphäre des Films wird perfekt eingefangen ...

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
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Ein Mann auf Abwegen (Herbert Selpin, 1939) 6/10
Percival Petterson, kurz genannt PP, wird morgens Punkt 8 von seinem Diener geweckt. So wie gestern. Und vorgestern. Und vorvorgestern. Und vorvorvorgestern. Nein, da nicht! Da war Sonntag … PP hat die Schnauze voll von seinem durchorganisiertem Leben als Großindustrieller. Er besorgt sich eine Zahnbürste und einen Rasierapparat, lässt seinen Chauffeur einfach an der Straßenecke stehen, und macht sich auf nach Balago, zum wieder Leben spüren. Als Emile gerät er an den kleinen Gauner Janno, muss weiter in einen Kurort, wo er als Gaston kellnert, und beim Krebse fangen lernt er, splitterfasernackt, die Künstlerin Lisaweta Iwanowna kennen, ebenfalls nackt. Das außerordentliche Gefallen ist gegenseitig, doch es droht Gefahr: PPs Tochter ist mit einem Journalisten hinter ihrem spurlos verschwundenen Vater her, denn erstens kann es ja nicht sein dass Menschen einfach so verschwinden, und zum anderen ist PPs Unternehmen in Gefahr. Zumindest scheint es so. Oder könnte es sein, dass die Weltreise vielleicht sogar mit den neuen Investitionen der Firma zu tun haben könnte …?

EIN MANN AUF ABWEGEN wird für mich wahrscheinlich immer der Film sein, in dem Hilde Weissner der Kamera ihre nackten Brüste präsentiert. Und immerhin reden wir hier von 1939, und auch wenn ein Jahr später die Tanzszene von Margit Symo in DER POSTMEISTER deutlich länger und erotisch aufgeladener sein wird, so ist es trotzdem ausgesprochen bemerkenswert, was zu der Zeit im deutschen Kino bereits alles möglich war.
EIN MANN AUF ABWEGEN wird mir auch ewig in Erinnerung bleiben als der Film, in dem Hans Albers zeigt was er als Schauspieler so alles drauf hatte. Nicht nur der kernige Mann mit harten Fäusten, eisernem Willen und knuddelweichem Herzen, sondern auch Nachdenklichkeit und viel Gefühl. Was ihm ziemlich gut steht. Wenn er der gestolperten Hilde Weissner hinterher hechtet und dabei selbstironisch meint “Hoppla, jetzt komm ich“, dann kommt einfach nur Freude auf das man so schöne Filmmomente erleben darf.
Und so sehr die Geschichte vielleicht auch an PETER VOSS erinnern mag, so lustig und gleichzeitig melancholisch ist sie umgesetzt. Die Charaktere sind punktgenau und ausgesprochen liebevoll skizziert, die Verwandlungen von PP in den kleinen Gauner Emile, in den Kellner Gaston, in den Chauffeur Ivan oder in den Diplomaten mit dem unaussprechlichen Namen (und der noch unaussprechlicheren Sprache) machen einfach großes Vergnügen, und es ist nie langweilig. Nur die Sangeskunst von Albers hätte hier gerne noch ein wenig … getunt werden können.

Fazit: Heiter mit leichten Wölkchen in Form von melancholischen Einschüben.

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PostPosted: 26.07.2019 17:02 
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Dressed to Kill
Dressed to kill
USA 1980
Regie: Brian De Palma
Angie Dickinson, Michael Caine, Nancy Allen, Keith Gordon, Dennis Franz, Ken Baker, David Margulies, Susanna Clemm, Brandon Maggart, Amalie
Collier, Sean O’Rinn, Fred Weber


Kate Miller ist eine gut situierte und sexuell frustrierte weiße Ehefrau in New York, und in dieser Eigenschaft nutzt sie die Chance, als sich zufällig ein Stelldichein mit einem Unbekannten im Museum ergibt. Man landet im Taxi, man landet im Bett, und alles könnte so schön sein. Doch beim Verlassen des Apartments wartet ein Unbekannter auf Kate und metzelt sie im Aufzug mit einem Rasiermesser in kleine Stücke. Die zufällig vorbeikommende Edelhure Liz Blake sieht nicht nur die Leiche, sondern dummerweise auch den Mörder. Und da sie als einzige Zeugin fast automatisch unter schwerem Verdacht steht, tut sie sich mit Kates Sohn zusammen, um den wahren Mörder zu finden. Der natürlich seinerseits davon ausgehen muss erkannt worden zu sein, und wiederum Jagd macht auf Liz.

Früher, in jungen Jahren, konnte ich mit Herrn De Palma nichts anfangen. DER TOD KOMMT ZWEIMAL fand ich eher schwachsinnig, und weil die Kritiken immer so überschwenglich waren, habe ich mir DRESSED TO KILL im Kino angeschaut. Danach war das Thema De Palma für mich erstmal erledigt.
Sehr viele Jahre und unergründlich viele Lobeshymnen später kam dann REDACTED, und das Interesse wuchs wieder. FEMME FATALE und PASSION rissen mich total vom Hocker, woraufhin ich es mit dem ach so gelobten Frühwerk noch einmal versuchte. Also die Filme bis etwa 1980. SCHWARZER ENGEL ist nett, sagen wir besser bemüht, TEUFELSKREIS ALPHA war wirklich gut, und BLOW OUT macht tatsächlich absolut alles absolut richtig. Meine Beziehung zu Brian hat sich etwas normalisiert, warum also nicht mal wieder DRESSED TO KILL?

Jetzt weiß ich warum ich den so lange vor mir hergeschoben habe. Gut unterhalten hat er ja, und ich habe kaum gemerkt wie die Zeit vergeht. Aber so viele Peinlichkeiten, so aufdringliche und alles zukleisternde Musik, und vor allem: So ein grauenhafter Schluss … Wo ist da das Meisterwerk, von dem alle reden?

Also mal von vorne: Der Anfang ist gut, die Musik von Pino Donaggio schmeichelt den Ohren, Angie Dickinson befriedigt sich unter der Dusche, und der, urplötzlich in der Nasszelle sich transformierende, Butzemann ist ziemlich klar als Traum zu erkennen. OK, dann gibt es routinemäßigen Sex mit dem Ehemann, lässt seine in erster Linie sexuellen Frustrationen am Psychiater aus und geht ins Museum. Dort beginnt es dann allerdings wirklich interessant zu werden. Es werden heimliche Zeichen mit einem Unbekannten ausgetauscht, Handschuhe werden liegen gelassen und wieder aufgesammelt, und eine prickelnde Verfolgungsjagd zwischen notgeiler Milf und abenteuerlustigem Phantom macht ordentlich Stimmung und heizt die Spannung an. Hier beginnt die Musik das erste Mal zu nerven. War sie bis dahin noch verspielt und heiter, so beginnt sie hier schwer und massiv über dem gesamten Konstrukt zu liegen und alles zu erdrücken. Rein prinzipiell klingt Donaggio hier wie Bernard Hermann, aber es einfach alles zu viel und zu massig. Es fehlen die Pausen in der drohenden Klangkulisse, die Spannung aufbauen und Dynamik hineinbringen …
Kurz und gut bleibt die Musik im Wesentlichen so, und mal abgesehen von den deutlichen PSYCHO-Verweisen bei den Duschszenen kommt da auch nichts Innovatives mehr. Zu viel Bombast, zu wenig Gefühl für den Film. Haken dran …

Aber bleiben wir beim Film, denn der kommt jetzt zu den ersten echten Höhepunkten: Der Sex im Taxi (war der Unbekannte etwa der geile Taxi-Ficker?), das Stöbern im Schreibtisch, die Entdeckung der medizinischen Unterlagen, die Flucht aus der Wohnung, und die Erkenntnis, ein wesentliches Kleidungsstück vergessen zu haben. Ein unglaublich schöne Sequenz die Brian hier gedreht hat, mit perfekten Timing und einer traumhaften Kameraführung. Man merkt, welchen Einfluss die italienischen Gialli auf ihn gehabt haben müssen, und wie er versucht, deren besondere Stimmung zu fassen und, auf amerikanische Verhältnisse umgemünzt, einzubauen.
Es folgt die Metzgerei mit der sehr eindrücklichen Szene, wenn Liz den Mörder in einem gewölbten Spiegel sieht … und aus die Maus. Das war’s, fertig der spannende Thriller. Der Perspektivwechsel von Kate Miller zu Liz Blake ist erzähltechnisch interessant und sehr spannend, aber Nancy Allen kann den Film halt einfach nicht tragen. Angie Dickinson hat mit ihrer ganzen Ausstrahlung und ihrer ruhigen Art viel dazu beigetragen, ihren Teil des Films in trockene Tücher zu bringen. Aber Nancy Allen, wie soll ich es sagen? Sie bringt es einfach nicht. Beim Polizeiverhör tischt Dennis Franz so ziemlich alle Stereotypen auf die einem über NYC-Cops einfallen, und sticht sie damit mehr als locker aus. Sie bleibt blass und kann zwar ihre Rolle als burschikose Edelnutte gut ausfüllen, aber von einer Identifikationsfigur ist sie weit entfernt. Genauso wie Michael Caine mit seiner Ich-wünsche-mich-gerade-ganz-weit-weg-Performance, die einem gestressten New Yorker Psychiater vielleicht gut stehen mag, aber dem Film nur bedingt gut tut.

Im weiteren Verlauf wechseln sich dann Licht und Schatten konsequent ab. Die Sequenz in der U-Bahn ist Suspense-Kino vom Feinsten! Das kleine Mädchen, verfolgt von einer ganzen Auswahl verschiedener böser Wölfe, und ist der eine Wolf abgehängt springt gleich der nächste aus seinem Versteck. Dazu die feine Kameraführung – das hätte gerne noch ein wenig so weitergehen können um ordentlich an den Nerven zu zerren. Aber irgendwann muss Schluss sein, das sehe ich ein, aber ob da nicht noch mehr hätte drin sein können?
Wesentlich mehr hätte man meines Erachtens aus der Splitscreen-Szene machen können, in der Michael Caine seinen Anrufbeantworter abhört, fernsieht, und parallel dazu Nancy Allen ebenfalls fernsieht. So eine gute Idee der Splitscreen in diesem Augenblick auch sein mag – Ich verstehe den Zusammenhang zwischen den beiden Szenen ganz einfach nicht! Ich hatte große Mühe den gesprochenen Wörtern auf den beiden Seiten zu folgen, nur um herauszubekommen, dass sie über längere Strecken hinweg nichts zu bedeuten haben. Das ganze wirkt auf mich wie Kunst um der Kunst willen: Schaut her, ich kann auch Splitscreen, ist das nicht toll? Viele Jahre später wird der gleiche Regisseur in PASSION eine Splitscreen-Sequenz einbauen, in der tatsächlich eine Beziehung zwischen den Szenen besteht, und die gehörig an der Spannungsschraube dreht. Gerade dadurch? Mag sein, in DRESSED TO KILL empfand ich die Szene jedenfalls einfach nur als nervig.

In Summe wirkt der Film auf mich wie der Versuch, die Eleganz und Effizienz der italienischen Gialli auf US-amerikanische Sehverhältnisse umzubauen, ohne den europäischen Anteil komplett über Bord zu werfen. Ein sehr hoher Anspruch, der nach meinem Dafürhalten nicht erfüllt werden kann. Die Vorbilder Luciano Ercoli und Dario Argento werden deutlich nicht erreicht, der Film bleibt im unteren Mittelmaß stecken. Symptomatisch dafür ist der Schluss: Die Identität des Mörders kann schon einige Zeit vor der Auflösung erraten werden, die Enttarnung erfolgt, tatsächlich wie in so manch einem Italo-Vehikel, durch einen Deus Ex Machina, und danach wird eigentlich nur noch palavert und alles erklärt erklärt erklärt. Ein vorsichtiger Blick auf die Laufzeit lässt schlimmes ahnen, und richtig: Es folgt eine Abschlusssequenz, die weder Sinn oder Verstand hat, und auch keine Spannung mehr erzeugt. Kein Aus-dem-Sessel-Heber wie das Ende in PASSION es sein wird, sondern ein eher sinnbefreites Wiederkäuen des Beginns. Deutlich als Traum zu erkennen, was zwar eine hübsche Referenz auf die ersten Filmminuten ist und einen Kreis schließt, aber eben sinnbefreit. Oder anders ausgedrückt: Ärgerlich! Auch wenn man nun wohlwollend sein könnte und an das merkwürdige Ende von, sagen wir zum Beispiel, DAS GEHEIMNIS DES MAGISCHEN KREISES denkt, so kann ich mir nicht vorstellen, dass Herr De Palma den Anspruch hatte, einen Film wie den von Mario Siciliano zu drehen oder zu kopieren…

6/10

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Psycho Raman
Raman Raghav 2.0
Indien 2016
Regie: Anurag Kashyap
Nawazuddin Siddiqui, Vicky Kaushal, Sobhita Dhulipala, Mukesh Chhabra, Vipin Sharma, Anuschka Sawhney, Deepali Suryakant Badekar, Ashok Lokhande, Harssh Singh, Rajesh Jais, Hitesh Dave


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2 Männer: Raman tötet Menschen. Raghavan sucht Mörder von Berufs wegen. Ramanna sieht sich als Erbe des Massenmörders Raman Raghav, der Ende der 60er-Jahre über 40 Menschen ermordet hat. Aber er fühlt sich nicht komplett, ihm fehlt etwas. Er ist Raman, und ihm fehlt Raghav. Eines Nachts trifft er Raghav: Raman hat gerade einen Menschen getötet, und bevor er flüchten konnte kam die Polizei in Gestalt von Raghavan, und er musste sich verstecken. Er sieht zu, wie Raghavan einen Nachbarn erschlägt. Da weiß er, dass er seine andere Hälfte gefunden hat.

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Raman lebt im Schatten. Er tötet wie er isst und scheisst, alles ganz natürlich. Er ist geradezu diabolisch wortgewandt. Selbst sein Geständnis bei der Polizei wirkt eher wie eine Entschuldigung für eine harmose Ruhestörung als ein Geständnis für 9 Morde. Und er beobachtet. Seine Umwelt, vor allem aber Raghavan. Wie der sein Verhältnis mit Simmy zur ganz privaten Hölle macht. Wie das Verhältnis zum Vater ist. Und was für Unmassen Koks er zu sich nimmt. Raghavan hat seit Jahren nicht mehr geschlafen, und sein Hirn hat allmählich den gleichen Zustand wie das von Raman …
Raghavan lebt ebenfalls im Schatten. Als Polizist taugt er nicht viel, und als Drogenkonsument noch viel weniger. Aber dafür trägt er immer eine Sonnenbrille. Auch nachts. Besonders nachts. Er ist seit Jahren mit der wunderschönen Simmy zusammen, die er in ihrer Gegenwart bei seiner Mutter problemlos als “eine Bekannte“ bezeichnet. Er bedroht Simmy mit seiner Dienstpistole: Wenn sie nach zwei erfolgten Abtreibungen wieder schwanger wird und das Ding nicht wegmachen lässt, dann schiebt er die Knarre da unten rein … Raghavan lebt nicht nur im Schatten, er ist die personifizierte Schwärze.

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Ist er das wirklich? Tatsächlich ist er die andere Seite von Raman, der kein Problem damit hat, die Familie seiner Schwester zu töten. Mit einer Eisenstange alle zu erschlagen. Auch den sechsjährigen Sohn, den er vorher an den Stuhl gefesselt hat. Und dazu erklingt Musik, die ich mangels besserer Idee mal Hindi-Pop nenne: Stilistisch ähnlich wie Canto-Pop – süßlich-säuselnder Kitsch, zu dem eine niedlich-traurige Frauenstimme melancholisch singt:

Schlag noch mal zu, kapp alle Bande
Versetz das Trinkwasser mit einem Rinnsal aus Gift
Das kannst du doch alles, so wie dein Wesen ist

Deine Gedanken sind von Schimmel überzogen
So verroht bist du
Dein Blut ist schwarz wie die Nacht
So verroht bist du

Schlag noch mal zu, kapp alle Bande
Versetz das Trinkwasser mit einem Rinnsal aus Gift
Komm, und erdrossle dein eigenes Spiegelbild
Beschmier den hellen Tag mit der Dunkelheit der Nacht


Die Intensität und physische Brutalität von etwa I SAW THE DEVIL wird hier nicht erreicht. Die Brutalität findet auf einer anderen Ebene statt, im psychischen Bereich, wo sie auch entsprechend schockiert: Raghavan hat kein Problem damit, ein Mädchen zum Ficken mit nach Hause zu nehmen – wo Simmy die Tür aufmacht und beide reinlassen muss. Dass er dann keinen hochkriegt müssen beide bitter büssen. Und Raman beobachtet …

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Hartes und finsteres Kino aus der Schattenwelt mit längerem Nachwirkeffekt. Wie SIEBEN, nur ohne Regen.

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9/10

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PostPosted: 31.07.2019 20:24 
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Im Blutrausch des Satans (Mario Bava, 1971) 6/10
Nach dem Tod der alten Gräfin Donati fallen die Erben übereinander her und metzeln sich gegenseitig. Und wem es nicht nach Reichtum gelüstet, der will die natürliche Schönheit des gräflichen Besitzes bewahren und metzelt munter mit.

Auch wenn mir IM BLUTRAUSCH DES SATANS bei der Zweitsichtung besser gefallen hat als beim ersten Mal, so richtig warm werde ich mit dem nicht. Es geht mir dabei nicht darum, dass ich bei Mario Bava anderes erwarte als das Grundmuster des später so gehypten Slashers. Und auch die Argumente die z.B. Oliver Nöding anführt kann ich nachvollziehen, und ich bin jederzeit bereit, dem Mann rückhaltlos zuzustimmen. Das Problem ist halt: Der Film gibt mir nichts. Vielleicht liegt es an den gesehenen Fassungen (die beide sehr dunkel und schlecht waren), aber für mich ist BLUTRAUSCH DES SATANS einfach … unerheblich. Nicht langweilig, und beileibe nicht schlecht. Aber uninteressant. Sorry …

The demoniacs (Jean Rollin, 1974) 9/10
Ende des 19. Jahrhunderts treibt eine grausame Bande von Wrackräubern unter dem Kapitän ihr Unwesen an der Küste. Eines Nachts finden die zweibeinigen Tiere 2 junge hübsche Mädchen, die hilfesuchend über den Strand laufen. Was macht man logischerweise? Richtig: Vergewaltigen und töten. Allerdings sind die beiden Mädchen nicht tot, jedenfalls nicht so richtig, nur ein bisschen, gewissermaßen, und sie erscheinen dem Kapitän als Geister. Als die beiden ein zweites Mal nur knapp dem Tod von der Schippe hüpfen können, flüchten sie sich in die Ruinen eines alten Klosters. Dort lebt ein mächtiger Mann, der ihnen für eine Nacht seine Kräfte leiht, damit sie sie rächen können.

Wie macht der Rollin das nur immer, dass mir zu seinen Filmen immer so gar nichts einfällt? Dass ich da sitze, mit offenem Mund vor mich hinstarre, unfähig das Gesehene zu begreifen. Geschweige denn etwas dazu zu schreiben. Der Mann war ein Genie! Mit wenigen Strichen skizzierte er eine ganze Welt voller Sex und Gewalt, aber auch voller Mystik, Geheimnisse und Poesie. Eine Welt, in der hinter der nächsten Straßenecke unsagbare Gefahren lauern können, die von maskierten Räubern genauso ausgehen können wie von barbusigen Frauen. Von Vampiren genauso wie von reichen und verderbten Unholden. Märchen für Erwachsene.

LES DÉMONIAQUES ist der gewalttätigste und stellenweise abstoßendste Film, den ich von Rollin bislang gesehen habe. Der gewalttätigste und der sexuell aggressivste, und genau diese Mischung macht es aus. Ein unglaubliches Stückchen Film. Ein kleines Meisterwerk …

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PostPosted: 04.08.2019 18:22 
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Le Mac – Doppelt knallt’s besser (Pascal Bourdiaux, 2010) 6/10
Ace arbeitet für den Gangster Tiago Mendès, und in dieser Eigenschaft zündet er sein Leben mit dem Flammenwerfer von beiden Seiten an: Drogen, Partys, Frauen … Bis er rauskriegt, dass Mendès argwöhnt dass er, Ace, ein Polizeispitzel ist. Was er ja tatsächlich auch ist! Mit Hilfe der Flics verschwindet Ace spurlos, und sein echter und bislang völlig unbekannter Zwillingsbruder Chapelle muss Ace’ Rolle übernehmen. Der allerdings ist eigentlich Beamter im Finanzministerium und ein ganz kleines Licht im Leben. Und als großspuriger Macho-Gangster, der beweisen muss dass er eben kein Spitzel ist, taugt er noch gleich viel weniger …

Kein ganz großer Wurf, aber recht lustige Sache um den knallharten Ace und den luschigen Chapelle, und wie letzterer versucht, sich in der harten Drogenszene Marseilles über Wasser zu halten: Seinen neuen Boss zu beweisen dass er kein Informant ist, jeden Tag mindestens zweimal drei schöne Frauen zu befriedigen, und dabei auch noch den Bullen Informationen über einen geplanten Deal von Mendès zu liefern. Kein Wunder dass Ace sich abgesetzt hat …

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Sennentuntschi (Michael Steiner, 2010) 9/10
Das Sennentuntschi: Aus Stroh fertigen die einsamen Bauern eine Puppe, und der Teufel gibt ihr Leben. Die Bauern missbrauchen die Puppe die ganze Nacht und schänden sie furchtbar, doch am nächsten Tag ist die Rache der Puppe grausam. Sie tötet alle Senner, häutet sie, und macht aus der Haut Puppen …
Der Küster des kleinen Bergdorfs hat sich erhängt, und bei der Beerdigung steht plötzlich SIE da: In Lumpen gehüllt und verdreckt verliert SIE das Bewusstsein, und der Dorfpolizist Reusch kümmert sich. Das knapp 20 Jahre alte Mädchen spürt seine Güte, er spürt die Unschuld, und die Sympathie ist gegenseitig. Aber SIE kommt von oben, von der Hochalm, doch dort ist niemand mehr. Der Reusch findet heraus, dass vor 20 Jahren dort oben bereits einmal eine Almhütte gebrannt hat, und drei Sennen grauenhaft ums Leben kamen. Die einzige Überlebende dieses entsetzlichen Geschehens war eine Frau, die IHR wie aus dem Gesicht geschnitten gleicht. Kann es sein, dass SIE vor 20 Jahren bereits auf der Alm war? Und jetzt wieder da ist? Vielleicht haben die Dörfler ja Recht …

Düster. Mysteriös. Unheimlich. Voller Schatten und Zweifel. Voller Angst und Hass. Aber auch voller Liebe. Doch der Hass ist stärker. Hass, Einsamkeit, Schuldgefühle und Alkohol, das ist keine gute Mischung. Niemals. Und vor allem dann nicht, wenn der Teufel seine Hand im Spiel hat. Mit einem Wort: Gigantisch!

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Skin (Guy Nattiv, 2018) 7/10
Der Schwarze zeigt im Supermarkt dem 10-jährigen weißen Jungen das Spielzeug, das er für seinen eigenen Sohn gekauft hat. Er lächelt, er wackelt ein wenig mit der Spielzeugfigur, und gut. Mehr als genug, um den Vater des 10-jährigen zu provozieren: Der holt seine Nazi-White Trash-Freunde zusammen, und der Schwarze wird noch auf dem Supermarktparkplatz fast zu Tode geschlagen und gestiefelt. Die Reaktion der Freunde des Schwarzen ist … abgründig.

Nein, nicht der Langfilm mit Jamie Bell aus dem gleichen Jahr, sondern der vorhergehende Kurzfilm, der auf 20 Minuten komprimiert eine Welt zeigt, in die man niemals niemals niemals eintauchen möchte: Jeffrey, seine Frau und seine Kumpels fahren mit Sohn Troy zum Schießen. Dazu läuft FUCK THE WORLD von Insane Clown Posse, man grunzt munter mit, und am Baggersee wird dann geschossen. Troy trifft, und Jeffrey ist stolz auf seinen Sohn, aber so richtig. Dazu eine Menge Bier, Scheiß-Sprüche über alles was nicht weiß und superior ist, und die Welt ist in Ordnung.
Die Gewaltszene ist ziemlich ekelhaft. Nicht weil sie blutig ist, sondern weil sie realistisch ist. Und die Typen die man hier sieht sind noch viel ekelhafter. Weil sie genauso realistisch sind. Karikaturen von Menschen, die mit dem, was man allgemein mit Menschsein assoziiert, fast nichts mehr zu tun haben. Gerade das sie noch essen und scheißen …

Was man in 20 Minuten nicht alles reinpacken kann. Einen ganzen Kosmos an Inhalt und Gefühlen. SKIN hat 2019 den Oscar als bester Kurzfilm gewonnen. Was heißt, dass auch bei der Oscar-Verleihung Qualität gelegentlich noch geachtet wird. Empfehlenswert!

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The Double (Richard Ayoade, 2013) 7/10
Simon James ist ein kleines Licht im Leben. Ein ganz Schüchterner, so unauffällig, dass ihn sogar der Fahrstuhl ignoriert. Seine Arbeit in einem molochartigen Büro erledigt er gut, aber das merkt keiner. Heimlich ist er in Hannah verliebt, die am Kopierer arbeitet, aber auch dies merkt keiner. Am allerwenigsten Hannah. Simon ist halt einfach … zurückhaltend. Eines Tages kommt ein neuer Angestellter ins Büro: James Simon. James gleicht Simon bis aufs Haar, er erledigt Simons Arbeit genauso effizient wie dieser, nur auffälliger (richtiger: Er lässt sie erledigen, nämlich von Simon), und er beginnt mit Hannah zu flirten. Die beiden freunden sich zwar miteinander an, aber als James Simons Wohnung okkupiert, um ständig mit Frauen zu schlafen, wird Simon dann doch langsam mal böse. Zumindest, was er dafür hält …

Wenn David Lynch sich entscheiden würde, Terry Gilliams BRAZIL neu zu verfilmen und mit Elementen aus LOST HIGHWAY anzureichern, dann käme THE DOUBLE dabei raus. Der Film ist hochgradig düster und klaustrophobisch, und zieht den Zuschauer praktisch von Beginn in eine ausweglos erscheinende Welt, die nur aus Arbeit besteht, und in der die einzigen zugelassenen Gefühle Aggression und Scham sind. Eine dystopische Vision zwischen DARK CITY und 1984, und der argentinische LA ANTENA fällt mir merkwürdigerweise ebenfalls ein. Merkwürdigerweise deswegen, weil der eigentlich eine ganz eigene und komplett andere Bildsprache hat. Und wenn ich in meinem Text zu LA ANTENA nachschaue, dann finde ich Verweise auf: BRAZIL und DARK CITY … Auf jeden Fall ein faszinierender Film! Eine Reise in den Untergrund der Seele. In Träume, die sich so höchstens ein früher Neil Gaiman ausmalen könnte. Einfach … anders.

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City of the Living Dead (Lucio Fulci, 1980) 7/10
In Dunwich erhängt sich ein Priester. Dadurch werden die Pforten der Hölle geöffnet und die Toten kommen auf die Erde zurück. Während einer Séance in New York sieht die junge Mary den Tod des Priesters und dessen Folgen. Sie kann den Journalisten Peter davon überzeugen gemeinsam nach Dunwich zu fahren. Dort treffen die beiden auf den Psychiater Gerry und seine Patientin Sandra, die wegen der merkwürdigen Vorkommnisse der letzten Tage schon ziemlich durch den Wind sind: Menschen werden ermordet, und deren Leichen erscheinen urplötzlich an Stellen wo sie nicht hingehören. Zum Beispiel auf Sandras Küchenboden. Und Allerseelen, die Nacht in der die Toten wiederkommen, beginnt in wenigen Stunden …

Ein verfallen wirkender Friedhof. Nebelschwaden. Ein sinister wirkender Mann, ein Priester, schlurcht durch die Grabreihen. Eindrückliche Musik untermalt die Szenerie. Und obwohl eigentlich gar nichts passiert, weiß man spätestens wenn der Kirchenmann am Aste baumelt: Jetzt werden schreckliche Dinge passieren …
Für mich war es eine Erstsichtung, und es wird sicher nicht die letzte gewesen sein. Allein die düstere Stimmung, diese dunkle und oft fast verkommene Atmosphäre, hat mich sehr beeindruckt. Dazu viele wunderschöne Kameraeinstellungen, gerne gesehene Schauspieler, und ein Soundtrack der vor allem dieses unglaublich bedrückende Ambiente perfekt untermalt. Na gut, und eine saumäßige deutsche Synchro … Trotzdem: Mir hat’s gefallen!

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The Game (David Fincher, 1997) 7/10
Nicolas van Orten ist Investmentbanker, und wie so viele Menschen, die 600 Millionen Dollar auf dem Konto haben und in einer Luxusvilla allein mit ihrer ältlichen Haushälterin leben, ist er ein ziemliches Arschloch. Sein Bruder Conrad schenkt ihm zum Geburtstag ein Spiel: Einen Gutschein der Firma Customer Recreation Service (CRS), und er soll doch einfach mal ganz unverbindlich bei denen vorbeischauen. Nicolas stellt sich dem Eignungstest, und ab dem Zeitpunkt geschehen seltsame Dinge: Es beginnt mit einem ausgelaufenen Kugelschreiber, geht weiter über eine tollpatschige Kellnerin, bis hin dazu, dass er ohne Geld und ohne Papiere in einem Grab irgendwo in Mexiko aufwacht … Die Polizei? Die kann nur handeln wenn eine Firma CRS überhaupt existiert, was aber nicht der Fall ist. Ein verschwundenes Krankenhaus? Ist gleich grober Unfug. Die Schmierereien in seiner Villa? Schwierig, das sind Spezialfarben. Der Taxifahrer, der ihn in das Taxi gesperrt und den Wagen im Hafenbecken versenkt hat? Ohne Beschreibung lässt sich da leider nichts machen…

Sicher nicht Finchers bester Film, aber ich mag es, wie Michael Douglas und dem Zuschauer nach und nach der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Wie beiden die Realität immer mehr entgleitet, und es niemals, wirklich absolut niemals, sicher ist, ob wir gerade einer Inszenierung beiwohnen oder der Realität. Oder einer Mischform. Auch wenn manches ein wenig arg forciert wirkt (wie etwa der Überfall der Killer auf das Haus der Kellnerin), so ist das ganze doch so schnell und spannend inszeniert, dass die Logik dahinter egal ist. Plus: Fincher schafft das Kunststück, einen unsympathischen Mann zur Identifikationsfigur zu stilisieren und den Zuschauer mitfiebern zu lassen. Sicher nicht Finchers bester Film, aber Top-Unterhaltung auf sehr hohem intellektuellem und inszenatorischem Niveau. Passt!

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Schweinskopf al dente (Ed Herzog, 2016) 7/10
Susi ist fort, aber dafür ist Küstner da. Susi ist klar, Susi ist die On/Off-Freundin vom Eberhofer Franz, dem Dorfsheriff von Hinterarsching. Und die hat sich mit einem Italiener an den Gardasee verdünnisiert, um dort eine Pizzeria aufzumachen. Was den Franz zwar schon ein wenig trifft, aber eigentlich hat er gar keine rechte Zeit darüber nachzudenken, denn: Küstner ist da. Küstner ist ein Psychopath, der seine drei Ehefrauen ermordet hat. Ein staatlich anerkannter Massenmörder also, der aus dem Gefängnis getürmt ist, und der vor allem noch eine Rechnung offen hat mit dem Dienststellenleiter Moratschek. Und mit Rudi, denn Rudi hat damals im Gefangenentransport Russisch Roulette mit Küstner gespielt. Mächtig böser Fehler, denn Küstner ist nicht nur psychopatisch, sondern auch eiskalt, und verdammt gerissen.

Gerissener als der Eberhofer Franz? Normalerweise nicht, aber die Sache mit Susi ist natürlich schon etwas schwierig. Und dann ist da noch der Umstand, dass der Moratschek, der ja der Vorgesetzte vom Franz ist, dass also der Moratschek beim Franz auf den Hof zieht, weil er sich dort sicherer fühlt. Und dann mit dem Vater vom Franz zusammen kifft und säuft, nachts um 3 laut Reggae hört, und überhaupt nicht mehr heim will. Derweil der Küstner immer näher um den Hof schleicht. Und dann sogar hineingeht …

Wie kann solch ein abstrus-spannendes Szenario besser dargestellt werden denn als Western? Die Musik zum Constantin-Logo ist bereits ZWEI GLORREICHE HALUNKEN-mäßig aufgebrezelt, der Franz zieht diesmal häufiger seine Waffe (und zerlegt mit der Pistole auch gekonnt Vaters Plattenspieler – Melodie des Todes gewissermaßen, höhö), und ein paar Mal weht wirklich der Hauch des Todes durch den Film. Nicht nur wegen der brachialen Morde, sondern vor allem wegen mancher Kameraeinstellung: Im Hintergrund der Mörder, im Vordergrund in Großaufnahme eine nervös zuckende Hand, und als Soundtrack dazu bajuwarisch angehauchter Morricone-Sound. Spui mia des Liadl vom Dod …

Abgesehen davon hat der Flötzinger Ignaz was mit der Beischl, der Simmerl hat was mit einer Synchronschwimmerin, der Franz hat eine geladene Waffe am Kopf, der Gregor Bloéb hat die stärkste Performance seiner Karriere, und der Zuschauer hat unglaublich viel Spaß. Absolute Empfehlung!

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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Blutige Hochzeit (Claude Chabrol, 1973) 7/10
Sie ist die Gattin des Bürgermeisters und ehrgeizigen Provinzpolitikers, und in dieser Rolle unendlich gelangweilt. Er ist der Stellvertreter des Bürgermeisters, hat eine depressive Frau, und ist in dieser Rolle ebenfalls unendlich gelangweilt. Als die beiden sich das erste Mal alleine treffen erbebt die Welt vor Erregung! Es ist klar, dass die Affäre allerhöchste Diskretion verlangt, und lange Zeit geht das auch gut. Aber irgendwann wird es zuviel, und er tötet seine Frau, um endlich freier sein zu können. Als der Bürgermeister hinter die Liebschaft kommt und seinen Stellvertreter erpressen will, beginnt die Sache ganz furchtbar aus dem Ruder zu laufen …

Als Chabrols “Abrechnung mit der Bourgeoisie“, wie es der Fernsehsender Arte bei der Ausstrahlung betitelt hat, würde ich es jetzt nicht unbedingt sehen, aber ein gut funktionierender Mix aus Drama und Krimi ist der Film allemal. Der Kleinstadtmief, räumlich dicht und immer nah am Nachbarn, erdrückt die ganze Atmosphäre, und die Larmoyanz des Bürgermeisters setzt dem noch die Krone auf. Dazu kommt der Hang, explizite Dinge unter den Teppich zu kehren (“Wenn das ein Verbrechen aus Leidenschaft ist, dann redet keiner mehr über Politik. Gut für uns.“), und generell eine heile Welt vorzugaukeln. Was dann in Summe zu einem „typischen“ Chabrol führt, vor allem aus dieser Zeit. Aber bitte nicht negativ verstehen! Das Niveau, auf dem Chabrol damals inszeniert hat, das haben andere nur mit viel Mühe erreicht, während hier alles federleicht und dabei logisch wie ein Uhrwerk abläuft und dabei Mechanismen offen legt, die so ganz nebenher, wie im Vorübergehen, dem Zuschauer leichte Schockmomente versetzen. Passt!

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Schießen sie auf den Pianisten (François Truffaut, 1960) 6/10
Charly spielt abends in einer heruntergekommenen Tanzkneipe Klavier, zusammen mit einer heruntergekommenen Kapelle. Als sein Bruder Chico, der einiges an krummen Dingern dreht, vor ein paar Gangstern flüchten muss, werden die Verfolger zu Charly geführt. Als die Gangster wissen wollen wo Chico steckt, wenden sie sich also folgerichtig an Charly: Sie entführen ihn und seine neue Liebe Lena, und als das nichts bringt entführen sie Charlys kleinen Bruder Fido. Dabei ist, was aber nur Lena wirklich weiß, Charly eigentlich keiner, der in irgendwelchen halbseidenen Sachen steckt. Charly, das war mal der gefeierte Konzertpianist Edouard Saroyan, der den Freitod seiner Frau nicht verkraftet, und sich aus dem Leben zurückgezogen hat. Aber jetzt, für Fido und für Lena, muss er wieder ins Leben treten …

In den USA wäre SCHIESSEN SIE… ein düsterer Gangsterflick geworden, eine späte Sternstunde des ausgehenden Film Noir. Aber Truffaut macht irgendwie etwas ganz anderes, etwas ganz eigenes daraus. Trotz der bekennenden Liebe der Nouvelle Vague-Regisseure ist SCHIESSEN SIE… eben keine Kopie eines US-Gangsterstreifens geworden. Der Film wirkt eher wie eine Fingerübung, wie ein luftig-melancholisches Schlendern durch das Paris der Hinterhöfe und Winz-Bistros, wie eine Vignette, basierend auf den Themen Liebe und Tod. Nie drängt sich, trotz der Thematik, eine Schicksalsschwere auf, und nie lamentieren die Charaktere über ihr trauriges Los. Die Frau stirbt? Das Leben geht weiter, wenn auch eine Ecke einsamer. Eine Zigarette, einen Pastis, und der nächste Tag kommt bestimmt. Diese Leichtigkeit die sich durch den Film zieht, und die vortrefflich mit Topoi des klassischen Noir korrespondiert (der “Held“ spricht mit sich selbst um den Zuschauer über seine Gedanken zu informieren, Menschen mit einer versteckten Identität, das Leben am unteren Ende der Gesellschaft), die macht viel Atmosphäre aus. Oft spielt Truffaut sogar mit der Handlung, und scheint manchmal fast zu vergessen welche Geschichte er erzählen wollte. Aber er findet immer wieder zurück, und unterhält mit narrativen Schlenkern und Trillern wie ein virtuoser Pianist. Ein erzählerischer Vorgänger von Klaus Lemke, ein Film wie ein kleines Obsttörtchen: Jeder Bissen schmeckt anders, jeder Bissen ist eine Überraschung. Und nach dem Genuss des Ganzen will man mehr …!

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Schmutziger_Maulwurf wrote:
Schießen sie auf den Pianisten (François Truffaut, 1960) 6/10
(...)ein Film wie ein kleines Obsttörtchen: Jeder Bissen schmeckt anders, jeder Bissen ist eine Überraschung. Und nach dem Genuss des Ganzen will man mehr …!

Und trotzdem nur 6/10, trotzdem nur eine Durchschnittswertung (wenn auch besserer Durchschnitt)?
Das schreit nicht unbedingt danach, als würde man mehr wollen...


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Sbirro Di Ferro wrote:
Schmutziger_Maulwurf wrote:
Schießen sie auf den Pianisten (François Truffaut, 1960) 6/10
(...)ein Film wie ein kleines Obsttörtchen: Jeder Bissen schmeckt anders, jeder Bissen ist eine Überraschung. Und nach dem Genuss des Ganzen will man mehr …!

Und trotzdem nur 6/10, trotzdem nur eine Durchschnittswertung (wenn auch besserer Durchschnitt)?
Das schreit nicht unbedingt danach, als würde man mehr wollen...

Dsa ist "relativ" einfach erklärt: Ich schaue mir den Film an. Ich habe eine bestimmte Erwartungshaltung. Die Erwartunghaltung wird enttäuscht (mehr oder weniger), insofern wird der Film direkt nach dem Anschauen nur mit "ganz gut" bewertet.
Während des Schreibens, was dann oft auch erst ein oder zwei Tage später passiert, setzen sich die Bilder oft ganz anders zusammen als während des Sehens. Harry Piels DER HERR DER WELT ist da so ein klassisches Beispiel: Ich habe erst beim Schreiben bemerkt, dass es sich um einen Propagandafilm handelt. Während des Sehens wunderte ich mich zwar oft über die getroffenen Aussagen und die verwendeten Bilder, konnte aber keinen Zusammenhang herstellen. Der Vorgang des Schreibens zeigt mir mittlerweile immer öfter die Qualitäten (oder Nicht-Qualitäten) eines Films auf, immer öfter werte ich einen Film nach dem Sehen anders als nach dem Schreiben. Nicht komplett anders, aus einer 10 wird keine 5 oder umgekehrt. Aber eine gewisse Verschiebung ist da öfters mal drin. Was dann aber an der gegebenen Bewertung meistens nichts mehr ändert. Da kann ich recht stur sein ...

Bei SCHIESSEN SIE... hat mich der Schluss gestört. Er ist gut, er passt zum Film, aber er kam mir zu früh und zu abrupt. Tatsächlich bin ich völlig aus dem Film herausgerissen worden, und das habe ich ihm etwas übelgenommen. :oops:

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A Most Wanted Man (Anton Corbijn, 2014) 3/10
Der alternde Geheimdienstmann Bachmann erfährt, dass in Hamburg der tschetschenische Top-Terrorist Issa Karpov gesichtet wurde. Karpov sucht aus unbekannten Gründen Kontakt zu dem Bankier Thomas Brue. Gleichzeitig verfolgt Bachmann eine Spur, welche die Finanzwege des Versöhnungspredigers Abdullah offen legen und beweisen soll, dass Abdullah nicht nur von Frieden redet, sondern gleichzeitig auch Hass finanziert. Er möchte nun eigentlich die beiden Fälle kombinieren, um Abdullah eine Falle zu stellen, dafür allerdings muss er sowohl mit dem Verfassungsschutz wie auch mit der CIA kooperieren, wenn die denn überhaupt kooperieren wollen. Karpov nimmt derweil Kontakt auf zu der Menschenrechtsanwältin Richter, um sowohl Brue zu finden, aber vor allem auch um Asyl zu beantragen. Was den Verfassungsschutz auf 180 bringt, denn das kann ja nur eine Finte sein. Oder etwa nicht? Oder doch …?

Im Internet habe ich zu A MOST WANTED MAN den netten Satz gelesen, dass der Film weit entfernt ist von allen James Bond-Klischees. Das ist er, das ist wohl wahr, aber warum muss die Entfernung von James Bond proportional steigen mit der Zunahme von Langeweile? Oder anders ausgedrückt: Die Schauspieler sind wirklich erstklassig, und die Geschichte ist gut, aber die Erzählweise ist sowas von öde und bewusst auf kompliziert und anstrengend getrimmt, dass die knapp 2 Stunden schon verdammt lang werden. Corbijn hätte gut getan, so manche deplaziert wirkende Szene einfach zu kippen, und sich dafür auf die Vermittlung von wenigstens ein klein wenig Spannung zu verlegen. Die Figuren, allen voran der geniale Philip Seymour Hoffman, der bestimmt nicht nur durch den Film schwankt weil die Handlung so hin- und herdriftet, die Figuren auf jeden Fall hätten genügend Tiefe, und die Schauplätze und Abläufe könnten mühelos einen spannenden und intensiven Spionage- Schrägstrich Terrorismusthriller ergeben. Aber da war einfach – Nichts! Nein, ich setze Spannung nicht zwingend gleich mit Action, man kann Spannung auch mit Atmosphäre erzeugen, oder mit der Zuspitzung von Situationen durch Dialoge und die Andeutung von Gefahr. Aber da war halt einfach – Nichts! Gar nichts!! Die Personen fahren durch Hamburg, reden, fahren, labern, fahren, und zwischendurch kippt Hoffman einen Whisky nach dem anderen.

Die Punkte gibt es für die tollen Schauspieler im Allgemeinen, für die deutschen Schauspieler im Besonderen, und weil ich den Mussolini von D.A.F. mal wieder hören durfte (was aber auch eine der vollkommen deplazierten Szenen war). Aber insgesamt auf den Punkt gebracht: Schlichtweg langweilig!

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Schoolgirl Hitchhikers (Jean Rollin, 1973) 5/10
Monica und Jackie wandern durch das Land. Für die Nacht brechen sie in eine leerstehende Villa ein, gehen dort zu Bett und machen Liebe miteinander. Aber in der Nacht kommt noch Fred, ein Gangster, der sich im Haus versteckt. Monica entdeckt Fred und verführt ihn erstmal, bis Jackie dann auch dazustößt und man zu Dritt viel Spaß hat. Doch am nächsten Morgen kommen Freunde von Fred, und diese verlangen geraubte Juwelen von ihm. Dummerweise ist der Safe leer, und die Mädels sind fort. Was also zu dem Schluss führt, dass Monica und Jackie die Juwelen geklaut haben. Die Gangster fangen die beiden wieder ein und foltern sie, um herauszubekommen wo die Sore ist. Monica kann aber flüchten und den Privatdetektiv Harry mit seiner Lolita-Sekretärin zu der Villa lotsen. Viele Menschen, ein paar Knarren, nackte Frauen …

Hah, mal wieder die Sache mit der Erwartungshaltung! Mangels Lesekenntnissen ging ich davon aus, dass es sich bei SCHOOLGIRL HITCHHIKERS um einen Hardcore-Streifen handelt, musste aber recht schnell feststellen dass dem nicht so ist. Erst spät im Film habe ich dann gemerkt, dass hier sehr wohl eine Menge Rollin-typische Momente ihr Unwesen treiben, und die kleine und auf den ersten Blick nichtssagende Erotikkomödie mit einigen wirklich tollen Szenen veredeln. Da ist natürlich vor allem die erstklassige Kameraarbeit von Jean-Jacques Renon (u.a. LES DEMONIAQUES) zu erwähnen, sowie die gute und geschickt eingesetzte Musik von Pierre Raph. Aber auch der Film selber bietet so einiges: Wenn Fred Monica im chinesischen Haus verführt anstatt sie zu foltern, und draußen im Dunklen Beatrice steht und den erotischen Moment ganz tief in sich aufnimmt. Wenn Jackie von Beatrice mit Reitgerte und Kneifzange gefoltert wird, und wir später im Handschuhfach von Beatrice’ Auto eine Ausgabe von de Sades Justine entdecken. Wenn Beatrice in knapper Bluse, hautenger Lederhose (mit Reißverschlüssen an Stellen wo sie eigentlich nicht hingehören!) und vorgehaltener Pistole auf die Kamera zugeht, bereit zu jedweder Art der Bestrafung. Plus die göttliche Joëlle Coeur, die mich in ihrer sinnlich-lasterhaften Ausstrahlung oft an Lorraine De Selle erinnert.
Kein großes Kino, aber wunderbare kleine Momente, die sich bei der Zweitsichtung nur noch steigern können.

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Schmutziger_Maulwurf wrote:
Kein großes Kino, aber wunderbare kleine Momente, die sich bei der Zweitsichtung nur noch steigern können.


Schöne Besprechung, Schmutziger_Maulwurf - sehe ich genauso; war sicherlich eine Auftragsarbeit ("mach mal einen Sexfilm") gewesen, die Rollin dann nach seinem Gusto gestaltet hat... ähnlich, aber viel besser - meiner Meinung nach - wäre "Tout le monde il en a deux", da hier 1.) wieder Joëlle Coeur mitspielt und 2.) das Rollin-Typische noch freier und ungehemmter wirken kann...


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PostPosted: 18.08.2019 17:28 
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Howard Vernon wrote:
Schmutziger_Maulwurf wrote:
Kein großes Kino, aber wunderbare kleine Momente, die sich bei der Zweitsichtung nur noch steigern können.


Schöne Besprechung, Schmutziger_Maulwurf - sehe ich genauso; war sicherlich eine Auftragsarbeit ("mach mal einen Sexfilm") gewesen, die Rollin dann nach seinem Gusto gestaltet hat... ähnlich, aber viel besser - meiner Meinung nach - wäre "Tout le monde il en a deux", da hier 1.) wieder Joëlle Coeur mitspielt und 2.) das Rollin-Typische noch freier und ungehemmter wirken kann...

... und eine US-DVD gibt es auch davon. Dann muss ich mal schauen, dass ich meine Kreditkarte endlich wieder aktiviere! Danke für den Tipp!!

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 Post subject: Re: Was vom Monat übrig blieb ...
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The Football Factory (Nick Love, 2004) 9/10
Tommy Johnson ist ein ganz normaler Junge. Er arbeitet, er trinkt zu viel, er vögelt herum, er nimmt schlechte Drogen. Und ab und zu schlägt er jemanden zusammen … Tommy ist mit seinen Kumpels in einer Factory, und wenn Chelsea spielt ist er unterwegs: Nach Tottenham, nach Liverpool, oder gottweißwohin, um ordentlich Randale zu machen. Um Zähne auszuschlagen und Rippen zu brechen. Und um ordentlich zu saufen und Spaß zu haben. Bei der diesjährigen Cup-Runde wird der Traum wahr: Chelsea gegen Millwall! Das Problem dabei: Vor kurzem hat Tommy einem Typen einen Cricket-Schläger über den Schädel gezogen, und der Bruder dieses Typen ist der Anführer der Millwall-Factory, Fred. Und Fred verfolgt Tommy. Sogar bis seine Träume hinein, in denen Tommy von Fred, den Millwalls und seinem eigenen Tod in einer Unterführung träumt. Je näher das Spiel rückt, desto realistischer werden die Träume. Vom Tod. Und vom Todesengel mit dem bandagierten Gesicht …

Gewalt. Sex. Drogen. Und noch mal Gewalt. Ein Trip durch die Großstadt des 21. Jahrhunderts. Ein Schnitt- und Soundgewitter, das den Zuschauer erst so richtig in die verdreckten Straßen Südlondons zieht. In die düsteren Ziegelsteinunterführungen, in die heimeligen Pubs und in die uniformen Reihenhausvorstädte. Ganz normale Männer, die sich gegenseitig ganz normal die Schädel einschlagen, und die nur für den Kampf am kommenden Samstag leben. Und als Kontrast dazu Opa Bill, der im Krieg war, weswegen er von einigen Hooligans bewundert wird, und der jetzt von Australien träumt. Wo die Sonne scheint, wo keine verblödeten Rassisten im Bus hocken, und wo die Welt vielleicht noch ein klein wenig netter ausschaut.
GREEN STREET HOOLIGANS für Erwachsene. Ein filmischer Alptraum ohne Atempausen und mit genau der Portion Selbstironie, die das Ganze erst so richtig realistisch macht. Meine Lieblingsszene? Wenn die Anführer der verfeindeten Hool-Gruppen sich beim Fußballspiel ihrer Kinder prügeln, woraufhin der Schiedsrichter abbricht und mit den Jungs einfach woanders hingeht. Die Kommentare der Kinder über die Prügelnden sind Gold wert …

Tipp: Unbedingt auf englisch mit Untertiteln anschauen! Durch den Londoner Dialekt gewinnt der Film noch mehr an Authentizität. Und an Druck:
www.youtube.com Video from : www.youtube.com


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Love Story (Nick Love, 1998) 7/10
Dave lebt als Obdachloser irgendwo in London in einer U-Bahnstation. Seine Freundin Sharon bekommt gerade ein Kind, und immerhin schafft Dave es, sie ins Krankenhaus zu bringen. Aber anstatt bei ihr zu bleiben muss er noch was klarmachen. Zwei Ghettoblaster werden geklaut und einem Dealer als Bezahlung für Stoff angeboten. Der will aber lieber den Arsch von Daves schottischem Spezi …

Ich mag die Filme von Nick Love. Die sind meist im unteren Teil Großbritanniens des Hier und Heute angesiedelt, was mir als bekennend anglophilem Menschen viel Freude bereitet. Und noch mehr Freude bereitet es, nicht in die gezeigten Abgründe steigen zu müssen, sondern auf dem Sofa bleiben zu dürfen. Dave und Sharon, Tommy, Seth und Chrissy sind Figuren wie man sie in jeder Großstadt finden kann. Und die man normalerweise tunlichst meidet. Die kleine Geschichte um den erfolglosen Checker Dave ist kein Meisterwerk, aber eine hübsche kleine Story mit einigem Charme. Vor allem das traute Familienidyll am Ende ist herzallerliebst …

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Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehn (Franz Marischka, 1961) 6/10
Ulla ist mit Lord Andrew verlobt, findet den aber eigentlich ziemlich doof. Tommy verknallt sich in Ulla und singt ihr eins. Sein Kumpel Bill wird derweil von Susi umgarnt. Da aber Susi zusammen mit Ulla und Tommy in Urlaub fährt, fahren Bill und Lord Andrew ebenfalls gemeinsam in Urlaub. Horst und Peter sind Freunde. Peter unterrichtet Georgie in Sprachen. Weil er sie mag, hilft er ihr bei der Prüfung, und da sie jetzt nicht mehr Schüler und Lehrer sind, können sie sich ineinander verlieben. Was Georgies Freundin Renate aber ganz schrecklich findet weil sie Peter nicht mag. Renate kündigt also Georgie die Freundschaft auf. Dummerweise sitzt aber nicht Georgie in Peters Auto sondern Evelyn, was deren Vater dazu veranlasst, furchtbar aufgeregt bei Renates Eltern aufzutauchen, und sich in das Hausmädchen Minna zu verlieben. (Scheidungsanwalt) Horst flirtet derweil ganz unverblümt mit der frisch geschiedenen Marianne, der Ex-Frau seines Freundes Paul. Paul wiederum findet Gefallen an Corinna, was der durchaus schmeichelt, hat doch ihr Mann Albert offensichtlich kein Interesse mehr an ihr. Nur wenn Horst und Marianne flirten, dann regt das Paul merkwürdigerweise ganz unverschämt auf. (Und wenn Corinna und Paul flirten, dann regt das Albert ganz unverschämt auf.) Aber Horst hat sowieso eigentlich viel mehr Interesse an der spröden Renate, der einzigen Frau, sie sich ihm jemals verweigert hat. Habe ich jemanden vergessen? Ich glaube nicht …

Doch, die Eltern von Renate müssen noch erwähnt werden, Egon und Alice, weil die für einige Lacher gut sind. Und das Ganze findet dann mit wahnsinnig viel Musik auf einem Campingplatz in Dalmatien statt. Rex Gildo singt und tanzt sehr gekonnt und schwungvoll mit Vivi Bach, Bill Ramsay singt zwei Lieder, Chris Howland eines, und irgendwie kommt man ziemlich in Urlaubsstimmung und hat eigentlich fast unentwegt ein Lächeln im Gesicht.
Sehr gekonnte Schlagerunterhaltung aus den frühen 60ern, von Profis mit leichter Hand inszeniert. Spaßig.

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Elle (Paul Verhoeven, 2016) 4/10
Michelle wird in ihrem Haus von einem maskierten Mann überfallen und brutal vergewaltigt. Zwar lässt sie sich ärztlich untersuchen, und sie kauft auch ein Pfefferspray und eine Axt, aber ansonsten geht das Leben weiter wie gewohnt: In der Videospielfirma die sie leitet muss ein Projekt zu Ende gebracht werden, mit dem Mann ihrer besten Freundin hat sie ein Verhältnis, ihr Ex-Mann hat eine neue, ihr Sohn ebenfalls, die Mama will einen jungen Typen heiraten, und der Nachbar von gegenüber ist verdammt attraktiv. Nichts Neues unter der Sonne. Als sie das zweite Mal vergewaltigt wird … ändert sich immer noch nichts. Keine Abschottung, keine Rachegedanken, … Das Leben geht eben weiter, na und?

Ein paar der überschwänglicheren Kritiken im Internet habe ich gelesen, aber ich konnte keine einzige davon nachvollziehen. Was ich hier gesehen habe war schauspielerisch und inszenatorisch auf allerhöchstem Niveau, allein: Wo war der Inhalt? Ich konnte keine, aber auch wirklich keine Handlung von Michelle logisch nachvollziehen. Michelle suhlt sich in ihrem übersteigerten Selbstwertgefühl und in ihrer Selbstherrlichkeit dermaßen, dass ich nicht einmal verstehen konnte wie sie jemals zu etwas wie einem (Ex-) Ehemann oder einer besten Freundin gekommen ist. Und da mir auch die anderen Personen weitgehend fremd blieben, stellt sich zumindest für mich die Frage: Was soll das Ganze? Was soll der Subplot um den massenmordenden Vater? Wie kommt jemand auf die Idee, wissentlich mit seinem Vergewaltiger in den Keller zu gehen? Warum muss man der besten Freundin einen wahnsinnig schönen Abend vorsätzlich und willentlich total versauen? Und darum gleich noch einmal: Was soll das Ganze? Meines war’s nicht …

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PostPosted: 26.08.2019 07:06 
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Revenge (Coralie Fargeat, 2017) 8/10
Eigentlich möchte Jen nur ein nettes Fick-Wochenende mit dem gutgebauten Richard verbringen, in der Luxusvilla draußen in der Wüste. Aber zuerst kommen mit Stan und Dimitri Richards Geschäftspartner und nerven rum, und dann wird Jen von Stan vergewaltigt. Richard bietet Geld an damit sie den Mund hält, aber das lehnt Jen ab. Sie will, dass Stan sich entschuldigt. Woraufhin sie zur Lösung der Situation ganz einfach eine hohe Klippe hinabgestoßen wird, damit die Geschichte nicht publik wird. Als die drei Männer die Leiche aufräumen wollen erleben sie eine böse Überraschung: Jen ist nicht tot. Jen ist extrem schlecht gelaunt. Sie will Rache! Und in Jen steckt außer einem Stück Baum auch noch eine ganze Menge mehr als nur eine süße und dumme Fickmaus …

Das einzige, was man dem Film ernsthaft vorwerfen könnte ist, das er Babes-with-big-Guns-Phantasien befriedigt. Wenn Matilda Lutz, bekleidet mit Messer, Riesenwumme, Patronengurt und schwarzer Mini-Unterwäsche, durch die Wüste läuft, dann werden alle Waffenfetischisten zwischen El Paso und Daytona geil. Aber zum einen ist REVENGE von einer Frau gedreht, was diese Argumentation zumindest ein Stück weit entkräften kann. Und zum anderen muss man auch sagen, dass das, was Jen dort so treibt, die gleichen Waffenfetischisten ziemlich abtörnen dürfte. Der Film ist eine Symphonie in Blut-Dur, hat einige ausgesprochen herbe Schockeffekten (Glasscherbe!), und der Showdown ist sowohl filmisch wie auch inhaltlich entschieden härterer Stoff der herausragenden Sorte. Eine ausgesprochen gelungene Mischung aus gleichzeitiger Erfüllung und Destruktion männlicher Sexualfantasien, mit Bildern garniert die ich bei Michael Ballhaus oder Tonino delli Colli erwarten würde, und oft mit suggestiver Drone-Musik hinterlegt um die Wirkung noch zu steigern. Ein Feuerwerk an Bild und Splatter, eine Tour de Force der Penetration (ist schon jemandem aufgefallen, dass nicht nur Jen penetriert wird, sondern dass im Gegenzug auch Jen alle drei Männer penetriert?), ein nervenaufreibendes Blutgemälde, das so schnell und raffiniert gefilmt daherkommt, dass die vielen vielen Löcher und Logikfehler einfach ignoriert werden können. Und müssen. Denn der Schlachtzug fährt einfach immer weiter und weiter, und reißt den Zuschauer genauso mit sich wie die exquisiten Darsteller.
Die nämlich sind ganz große Klasse. Wenn Vincent Colombe als Stan wissen möchte, warum Jen ihn gestern angemacht hat und heute nichts mehr von ihm wissen will, dann steht die Gänsehaut förmlich im Raum. Seine Ausstrahlung wechselt ununterbrochen von unschuldiger Heiterkeit zu eiskalter Aggressivität, und der Zuschauer spürt wie sich hinter den lustig schauenden Augen eine Gewalteruption anbahnt die sich gewaschen hat. Jen spürt das ebenfalls und wird immer unruhiger, bekommt aber die Situation offensichtlich nicht mehr unter Kontrolle. Stan gibt eindeutig den Ton an, und die Tonart heißt Du-wirst-gleich-gefickt.
Guillaume Bouchède als Dimitri steht dem in nichts nach. Eindrücklichst die Szene, wie er Kekse kauend in der Tür steht und ungläubig die Vergewaltigung beobachtet. Und kaut. Und kaut. Und kaut. Aber auch seine Stunde wird kommen, wenn er Jen im nächtlichen Fluss foltert. Was seine Augen und sein Gesichtsausdruck aussagen ist nichts anderes als gigantische Schauspielkunst.

Interessanterweise stehen die beiden Hauptdarsteller da ein wenig zurück. Knackarsch Kevin Janssens meistert das blutige Showdown komplett nackt (Wir erinnern uns: Der Film ist von einer Frau gedreht! Diese Umkehrung der üblichen männlich-sexualisierten Sichtweise einer blutbeschmierten Frau in Unterwäsche die um ihr Leben kämpft ist allein schon ziemlich genial.)) und lässt das Alphatier (und in ein paar kurzen Szenen auch das kleine Tierchen) verdammt realistisch raushängen. Eine starke Performance ohne große Entwicklungsmöglichkeiten, aber mitreißend. Und Matilda Lutz gibt das erwähnte Babe-with-Gun mit viel Überzeugung und Schmackes, aber vielleicht hat das Drehbuch da auch einfach nur ein paar Abstrusitäten zu viel bereit gelegt um endgültig zu überzeugen. Oder anders ausgedrückt: Wenn ich nach rund 24 Stunden mit Vergewaltigung, schwerster Verletzung, Flucht, Folterung, wieder Flucht, Peyote-Rausch und Operation am eigenen Leib, 24 Stunden ohne Nahrung oder Flüssigkeit aber mit extrem viel Schmerz und Anstrengung, wenn ich danach aufwache, aufstehe, mich bewaffne und topfit und ohne Anzeichen von Aua oder Weh in die Wüste marschiere, dann weiß ich zumindest, das ich offensichtlich endlich das richtige Frühstücksmüsli gefunden habe …

Aber über solchen Dingen muss man einfach drüber stehen und Spaß haben. Genauso wie an dem Bauchadler oder der 1-2-3-vorbei-vernarbten Rückenpartie. Das Gesamtbild zählt hier einfach mehr als irgendwelche Erbsenzählereien. Dass die arrivierte Kritik mit sowas vielleicht ihre Probleme hat kann ich mir schon denken (seltsamerweise weniger als erwartet). Aber für alle, die Freude daran haben wenn schwanzorientierte Männer ordentlich ihr (Stückchen) Fett weg kriegen, sowie für alle Freunde gepflegter Metzelei, möchte ich hier eine große und unbedingte Empfehlung aussprechen!

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8/10

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Die Umschreibung Neuentdeckung [...] ist natürlich nur eine äußerst persönliche Färbung, denn es handelt sich um ein Spektakel innerhalb der ganz eigenen Filmwelt. Die Suche nach Input, nach Neuem, und die Offenherzigkeit gegenüber Genres und Filmen jeder Art, führen mich immer wieder zu solchen Etappen, und auch wenn sich dieser Kreis niemals schließen wird, er erfährt mitunter durchaus erfreuliche Erweiterungen. (Prisma)


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